Camping mit Musik

Als ich mich heute Morgen beim Zähneputzen so im Spiegel betrachte (das tut man ja dann immer zwangsläufig mit Hingabe) muss ich feststellen, dass ich ganz schön vom Fleisch gefallen bin. Ich habe überhaupt nichts dagegen, dass sich bei solch einer Tour höchst überflüssiges Fett verabschiedet, aber ein paar Muskeln können manchmal schon sehr hilfreich sein. Diese waren sonst eigentlich ganz gut auf meinem Körper verteilt, aber im Moment habe ich das Gefühl, dass sie sich jetzt auf die Oberschenkel und Waden reduzieren. Ich bin wirklich neugierig, was eine Waage dazu sagen würde. Wird Zeit, dass ich nochmal in irgendeinem Badezimmer so ein Ding finde. 


Wenn die Kilos jetzt schon so auf Talfahrt sind, wie soll das in Norwegen erst werden, wenn die körperliche Beanspruchung noch größer wird. In Deutschland ging das Gewicht noch recht piano bergab. Mit Dieter unterwegs immer in die Backstuben-Cafés, abends meist lecker Essen gegangen, das ein oder andere Bier getrunken - da wird manche Kalorie wieder eingefahren, die man zuvor auf der Strecke gelassen hat. Aber hier in Dänemark...? Backstuben-Cafés gibt es gar nicht, jedenfalls nicht am Heerweg. Kneipen oder Restaurants (Kros) kann ich bisher an zwei Händen abzählen. Nur Viborg war da eine kleine Ausnahme. Kneipenkultur gibt es wohl in Dänemark nicht. Die Nachfahren der Wikinger essen und trinken (das vor allem) zu Hause. Also lebe ich aus dem Rucksack. Und da ich nicht viel mit mir rumschleppen will, besteht meine Nahrung aus..., na..., wer weiß es noch...?: Roggenbrot und Käse, Instant-Kaffee und - zum Verwöhnen - aus Prinzenrolle, Studentenfutter und Nuss-Schokolade. Da setzt nicht viel an. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass es in Norwegen verpflegungsmäßig viel anders aussehen wird. Wahrscheinlich kann man mich nach meiner Rückkehr zu Hause unter der Tür durchschieben. Wichtig aber ist, denke ich mir, dass ich mich wohlfühle, und das tue ich wahrhaftig. Ich fühle mich fitter als zu Beginn der Tour, nur mein Fuss macht mir erwartungsgemäß etwas zu schaffen, aber damit kann ich gut leben. Wenn also alles weiterhin so rund läuft, habe ich gute Aussichten, mein Ziel auch zu erreichen. 


Heute will ich erstmal den Campingplatz von Vammen erreichen. Die erste Stunde lang gehe ich am langgestreckten See entlang, der zu Füßen Viborgs liegt, nur unterteilt durch den langen Damm, der in die Stadt hinüberführt. Die etwas Begüterten scheinen sich hier mit ihren Häusern niedergelassen zu haben, denn in mehreren Reihen erheben sich wahre kleine Paläste den Seeuferhang hoch. Die riesigen Fenster, durch die man hier über den See zum Dom hinübersieht, möchte ich nicht putzen müssen. Aber ich glaube kaum, dass hier auch nur eine(r) seine Fenster selbst putzt. Dann schon eher die Nobelschlitten, die vor den Garagen stehen oder die Motorboote, die direkt gegenüber der kleinen Uferstraße am Seeufer vor sich hindümpeln. 


Sobald der See endet und die noble Besiedlung aufhört, müsste ich auf die Heerweg-Radroute einschwenken. Mach ich aber nicht! Erstens zweifle ich daran, ob damals die Reisenden diese Streckenführung durch ein früher wahrscheinlich recht feuchtes bis sumpfiges Flusstal genommen haben, zweitens ist es ein recht erheblicher Umweg und drittens werde ich auf der direkt verlaufenden kleinen Straße, die sich zu einem ausgesprochenen Höhenweg entwickeln wird, keine weniger reizvolle Landschaft sehen. 
Der Roddingvej führt direkt in den kleinen Ort Rodding und ich brauche noch nichtmal den Straßenrand zu nehmen. Ein vorbildlicher Radweg (mit Mittelstreifen!) führt mich etwa zehn Meter parallel neben der Straße entlang, erst ganz langsam bergauf bis auf die Höhe, mit weiten Blicken nach rechts und links über die Felder, dann wieder langsam nach Rodding hinunter. Die Sonne erwischt mich unterwegs voll, allerdings macht auf der Höhe ein leichter Wind die erneut feuchte Wärme einigermaßen erträglich.


Dennoch bin ich froh, in Rodding wiedermal einen meiner Lieblingsrastplätze ansteuern zu können: den Friedhof bei der kleinen, alten Kirche. Immer gibt es an diesen Örtlichkeiten mindestens eine schöne Bank, einen Wasserkran für frisches Wasser und in der Regel sogar eine Toilette. Ja, fast jede Kirche in Dänemark kann mit einer Toilette aufwarten, entweder in einem kleinen, benachbarten Gebäude oder im Eingangsbereich der Kirche selbst. Das macht doch solch einen Kirchenbesuch direkt etwas entspannter...! 


Was mir außerdem bei diesen kleinen Friedhöfen auffällt, die mit Feldsteinmauern umgeben sind und auf denen sich die Gräber rings um die Kirche scharen: Immer arbeitet beruflich jemand an der Pflege. Entweder werden die Grabsteine geputzt, die Blumen gewässert, die kleinen Hecken geschnitten, die jede Gruft umfassen oder die Kieswege gerecht. Und dieser "Jemand" ist meistens eine Frau. Und immer kommen sie auf mich zu, begrüßen mich freundlich und fragen nach dem Woher und Wohin. Mit allen kann ich mich auf Englisch unterhalten, viele bemühen sich sogar um ein sehr akzeptables Deutsch. Alle versprechen mir auch, auf meinen Wheelie aufzupassen, wenn ich mal kurz einen Blick in die Kirchen werfen möchte. So auch jetzt bei der Rodding Kirke.


Als ich durch das offene Holztor eintrete, empfängt mich sofort wieder Klaviermusik. Keine ehrwürdige, geistliche Musik, sondern eine recht... wie soll ich sagen..., poppige Weise, die die Klavierspielerin, eine kleine Frau mittleren Alters, gerade komponiert. Immer wieder wiederholt sie, unterbricht, trägt mit ihrem Bleistift etwas in das Notenblatt ein, blättert zurück, wiederholt einen längeren Abschnitt, lächelt mich zwischendurch an, singt immer wieder dazu. Ich setze mich ein Weilchen in eine der Holzbankreihen und lausche. 
Sie haben was, diese alten, kleinen Kirchen hier in Dänemark. Die großen hölzernen Altaraufsätze, die Kanzeln mit den mittelalterlichen Schnitzarbeiten, die Kronleuchter an den Decken, die mächtigen Taufbecken aus Granitstein, die Bankreihen mit ihren kleinen, aufschwingbaren Törchen, an deren Rahmen am Mittelgang wechselweise Kerzen oder kleine Blumenvasen mit einer frischen Blume befestigt sind. Manche dieser Kirchen haben eine kleine Empore, worauf sich eine bescheidene Orgel befindet, oder sie haben eben keine, dann steht irgendwo ein Klavier.


Mitten in ihrem Komponieren unterbricht die Frau, um mich auf die Besonderheit dieser Kirche hinzuweisen. Über den Kirchenbänken nahe dem Ausgang hängt in einem Rahmen eine zunächst unscheinbare Stickerei. Mir ist sie zuvor gar nicht recht aufgefallen. Es handelt sich aber um so etwas Seltenes wie ein mit Seidenfaden auf eine Flachsleinwand gesticktes Werk, das einen mittelalterlichen Altartischvorhang darstellt, der Ende des 15. Jahrhunderts produziert wurde und die Dreieinigkeit sowie 32 Heilige zeigt. Nur schemenhaft sind die Personen auf dem Stück Textil klar auszumachen, bei einigen ist die Seidenstickerei kaum noch zu erkennen. Wer weiß, wo man dieses Tuch gefunden und wann unter diesem Glasrahmen geschützt hat.


Die nette Friedhofsangestellte ist gerade dabei, mit einer elektrischen Heckenschere an den Gruften entlangzugehen, als ich ihr zuwinke und mich verabschiede. Vorhin hat sie mir noch gesagt, dass sie selbst in Vammen wohnt und der Campingplatz unten am See sehr schön sei. Dann schauen wir mal - ich mache mich wieder auf den Weg. 


Die Strecke wiederholt sich fast 1 : 1. Weiter geht es - jetzt wieder als Rad-Variante des Heerwegs markiert - an derselben Straße entlang. Wieder führt der zweispurige Radweg erst langsam auf die Höhe, dann sanft abfallend nach Vammen hinein. Weite Blicke wieder über die Felder, große Höfe links und rechts. Am Wegrand blüht noch ein wenig der Löwenzahn, aber langsam geht seine Zeit zu Ende und er wird zur Pusteblume. Einige Hügelgräber stehen eng bei der Straße und haben wohl schon im Mittelalter als Wegmarkierung gedient.


Am Ortseingang von Vammen ein Kaufmann, nicht viel mehr als ein Tante-Emma-Laden, aber immerhin. Dann ein Hinweis auf einen Kro links die schmale Straße rein, der beste Hinweis darauf, dass Vammen an einer alten Handelsstraße liegt. Hundert Meter weiter dann ein Wegweiser zum Campingplatz. Einen Kilometer liegt er etwa von Vammen entfernt, hoch am Hang über dem langgezogenen Tjele Langso. Bald taucht er vor mir auf. Terassenförmig fällt der Platz etwas zum See ab, aber die Wiesen der Terrassen sind noch so gut wie leer. Wie in den Pilgerherbergen hat auch hier die Saison noch nicht richtig begonnen, nur vereinzelt steht mal ein Wohnwagen mit einem Vorzelt auf dem Grün.


Doch im Internet habe ich viel Schönes von diesem Campingplatz gelesen und ihn nicht umsonst für einen Ruhetag ausgesucht. Erstens beschrieb die Homepage die Lage des Platzes sehr positiv. Erster Eindruck: stimmt absolut! Zweitens wäre er sowas wie ein Musik-Campingplatz. Als ich das große Blockhaus betrete, in dem die Rezeption, die sanitären Anlagen und ein Gemeinschaftsraum untergebracht sind, bin ich sofort begeistert. Vom Gemeinschaftsraum aus blickt man weit über den See hinaus, mitten im Raum bildet eine offene Feuerstelle einen tollen Blickfang, von schweren Holzmöbeln umgeben, an den Wänden alles, was einem Heimatmuseum zur Ehre gereichen würde und - an einer Wand bereitgestellt, als solle man sich nur bedienen - jede Menge Musikinstrumente: Klavier, Gitarre, Geige, Trompete, Horn, Akkordeon. Sogar zwei Mikrofone stehen daneben. 


Ich stehe ganz in mich gekehrt und andächtig in diesem Raum, da kommt der offensichtliche Campingplatz-Besitzer durch die Tür, schaut mich lachend an und spricht mich direkt auf Deutsch an. "Du bist Reinhard aus Deutschland, oder?" Ich nicke nur verblüfft und er lacht lauter. "Dann können wir uns ja auch auf Deutsch unterhalten!" Bei unserem Gespräch, das wir in Folge über etwa eine Viertelstunde führen, stellt sich heraus, dass Harm-Wulf aus der Lüneburger Heide kommt, vor Jahren habe ihn seine Anine hierher "abgeschleppt". Musiklehrer war er, jetzt ist er Besitzer eines Musik-Campingplatzes. "Das hat sich herumgesprochen. Viele Leute kommen alleine oder mit ihrer Familie im Sommer hierher, um abends gemeinsam Musik zu machen. Von Volksliedern bis zur Folk-Musik. Dann musst du mal kommen, da ist hier eine besondere Atmosphäre. Kein Remmidemmi, eher so ein wenig irische Pub-Stimmung. Viele Leute spielen ein Instrument, viele singen dazu. Spielst du auch ein Instrument? " Da ist die Frage, die ich fast ein wenig befürchtet habe. Ich winde mich, murmele etwas von Ein-wenig-Gitarre, aber nichts auswendig, nur mit Textvorlage und dazu vermerkten Gitarrengriffen, also nicht so richtig, ein bisschen vielleicht... "Kannst du singen?", kommt seine nächste Frage wie aus der Pistole geschossen. Kaum hat er sie gestellt, hat er auch schon die Gitarre in der Hand und stimmt "Horch, was kommt von draußen rein" an. Ich falle in Text und Melodie ein, er wechselt bald in die zweite Stimme, lächelt mich an, ist scheinbar zufrieden. Es hört sich sogar sehr gut an, wie die Windecker Herzbuben. Nach der zweiten Strophe hängt er die Gitarre wieder auf und sagt energisch: "Heute Abend um neun Uhr musst du hierher kommen. Da treffen wir uns alle, die schon auf dem Platz sind und machen etwas Musik. Du bist herzlich eingeladen. Und jetzt zeige ich dir deine Hütte!" So schnell ist man engagiert...!


Harm-Wulf bringt mich zu "Onkel Alfreds Hütte". "Alfred war mein Onkel und Schreiner und hat diese Hütte während eines Besuchs hier selbst gebaut. Jetzt ist er schon lang nicht mehr, aber seine Hütte wird gerne gemietet. Jetzt richte dich mal schön hier ein - und wir sehen uns heute Abend!" Widerrede zwecklos! Ich verstaue meine Sachen, sortiere alle meine Habseligkeiten überall schön hin, wie man das so macht, wenn man am nächsten Tag einen Ruhetag hat und sich unheimlich darauf freut, genau wie bereits auf den heutigen Abend.


Als alles seinen Platz gefunden hat, ich mir gerade mein Kaffeewasser aus dem Wasseranschluss holen möchte und dazu meine Hütte verlasse, kommt im selben Moment ein stolzer Fasan aus dem Gebüsch und schreitet - keine zwanzig Meter von mir entfernt - majestätisch über die Wiese. Er gibt mir sogar die Zeit, in die Hütte zurückzugehen, um meine Kamera zu holen, stellt sich dann in Positur und lässt sich ablichten. Irgendwie lässt sich hier alles gut an. ..!




Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    Guido (Donnerstag, 18 Mai 2017 21:03)

    Freue mich richtig mit auf das Konzert und bin sehr auf den entsprechenden Bericht dazu gespannt. Viel Spaß, müsste ja gerade jetzt losgehen... !

  • #2

    Lore (Donnerstag, 18 Mai 2017 21:20)

    Ja, richtig, der Musikabend müsste gerade angefangen haben. Da wär ich auch gern dabei.
    Und weil der Reinhard nicht weiß, wie lange der Abend dauert und wie gut er danach noch schreiben kann, hat er sein Tagebuch schon vorher fertig gemacht. Und wir können dadurch denkenderweise beim Musikabend dabei sein. Das hat doch was.
    Grüße von der Lore