Zweiter Ruhetag

Kleiner Rückblick auf gestern Abend: Harm-Wulf hatte mir ja die Anwesenheit aller Menschen angekündigt, die schon auf dem Platz sind. Dazu muss man wissen, dass weder in Holland und Deutschland noch in Dänemark schon Ferien sind, noch kann man bei einem Donnerstagabend bereits von einem Wochenende sprechen. Deshalb hielt sich der Teilnehmerkreis etwas in Grenzen, aber die Mischung war ganz nett. Zunächst mal gab es da zwei ältere deutsche und ein holländisches Ehepaar sowie eine Mutter aus Osnabrück mit ihrer erwachsenen Tochter (Lehrerin) nebst Freundin. All diese kommen seit über 20 Jahren immer hierher, sind sozusagen hier gemeinsam groß bzw. alt geworden. Die Alten sind schon mal locker 10-12 Wochen hier, die Jungen nicht nur in den Ferien, sondern auch zu verlängerten Wochenenden. Mit um das offene Feuer in der Mitte des Raumes saßen auch ein junges Ehepaar mit ihren drei nicht schulpflichtigen Kindern, ein langhaariger blonder Däne mit Motörhead-T-Shirt und Sonnenbrille sowie zwei junge Damen, die ich am Nachmittag mit ihren Rädern habe ankommen sehen.

 
Die Stimmung war bereits ganz schön aufgekratzt, Harm-Wulf unterhielt die ganze Gesellschaft mit deutschem Volksliedergut und traf dabei offensichtlich exakt den Nerv der älteren Ehepaare. Das holländische Paar scheint auch nicht weit weg von der deutsch-holländischen Grenze zu wohnen, jedenfalls war es absolut textfest. Vom jungen Ehepaar konnte man das nicht sagen, dafür marschierten aber die Kinder im Gleichschritt bei "Hoch auf dem gelben Wagen" ums Feuer herum. Der blonde Dänenhüne schaute interessiert, die beiden jungen Damen etwas gelangweilt. Solveig und Kristin (ihre Namen habe ich immerhin aus ihnen herausgekriegt), die direkt neben mir saßen, waren überhaupt mehr als schweigsam - oder besser gesagt: sie redeten, als hätten sie gehört, dass man ihnen eines Tages eine Rechnung für die Anzahl ihrer Sätze präsentieren werde.


Nach "Wir lagen vor Madagaskar", "Wenn die bunten Fahnen wehen" und "Jenseits des Tales" sah sich Harm-Wulf genötigt, mich der Runde genauer vorzustellen und meine Pilgerwanderung zu preisen. Ergebnis: Kjeld, der Hüne, stimmte - weiß der Teufel, warum das zu seinem Liedgut gehört - begeistert "Das Wandern ist des Müllers Lust" an und ging zum Kühlschrank. Dort holte er zwei große Dosen Bier heraus, eine für sich, eine für mich. Er übergab mir die Dose in einer so feierlich lässigen Art, wie das eben nur tätowierte blonde Dänen mit Sonnenbrille und ärmellosem Motörhead-T-Shirt hinbekommen. Ab sofort waren wir Freunde.


Dies war auch der Moment, in dem die junge deutsche Mutter für ihre drei Kleinen - wenn eben möglich - Kinderlieder einforderte. Da Harm-Wulf an dieser Stelle passen musste, drückte er mir wie selbstverständlich die Gitarre mit den Worten "Du warst Grundschullehrer!" in die Hand und schulterte sein Akkordeon. Unter Aufbringung all meiner Konzentration und mit Hilfe von Mama, Papa und den Kleinen selbst bekam ich "Wie schön, dass wir beisammen sind", "Nackidei" und "In meiner Badewanne bin ich Kapitän" hin und hatte von da an im Wechsel die Kinder auf dem Schoß. Die Kinder störte dabei überhaupt nicht, dass ich von Kjeld die nächste Dose ungefragt überreicht bekam. Dänen? Find ich gut.


Nach einer längeren Phase angeregter Unterhaltung (nur die beiden Mädels schwiegen weiterhin still vor sich hin) und meinem Retour-Bier an Kjeld, wurde der Abschluss des Abends eingeläutet. Die ältere Holländerin setzte sich ans Klavier, Harm-Wulf und ich standen mit Akkordeon bzw. Gitarre daneben und bei "Der Mond ist aufgegangen" und "Auld lang syne" rückten nochmal alle enger zusammen, während Paulchen, der Jüngste von den Kleinen, bereits auf Papas Arm eingeschlafen war. Und nachdem Dose leer - Reinhard auch müde. Während wir alle vom Gemeinschaftsraum aus auf verschiedenen Wegen den Hang zu unseren Hütten bzw. Wohnwagen hinaufgingen, stimmte irgendjemand nochmal "Auld lang syne" an. Einer der schönsten Momente meiner Wanderung!


Ab 9 Uhr gibt es unten an der Rezeption frische Brötchen. Einige, so wie ich, holen sich welche ab, andere, wie Kjeld und meine beiden Stillen, checken gerade aus. Die älteren Ehemänner sind bereits unten am See und angeln, ihre Frauen decken gerade vor einem der Wohnwagen draußen in der Sonne den Tisch für das gemeinsame Frühstück, und der junge Vater tollt mit seinen Rangen auf der Wiese herum. 


Ich lasse es gaaaanz ruhig angehen, trinke drei Tassen Kaffee zu meinen zwei Brötchen (mit Käse), führe Telefonate mit der Heimat, flicke meinen Wheelie-Regenschutz, der sich mal nicht gegen einen Stacheldraht wehren konnte, habe große Wäsche, spaziere hinunter an den See und lasse mich dort für einige ruhige Minuten auf einer Bank auf dem Badesteg nieder - und greife zum Rasierapparat. Ich muss mich nämlich um alle Bereiche meines Körpers kümmern. Um die Füße, um schmerzfrei lange Strecken meistern zu können, und um eine ästhetische Gesichtspflege, damit auch junge Damen keine Angst vor einem Gespräch haben. Es gibt halt keine zweite Chance für einen ersten Eindruck.


Harm-Wulf dreht gerade seine Platzrunde und kommt bei mir vorbei. "Heute Abend 9 Uhr!", ruft er nur und geht weiter. Ich werde wieder runtergehen, obwohl ich fest davon überzeugt bin, dass manche schönen Sachen nicht zu wiederholen sind. Aber probieren kann man es...




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Kommentare: 3
  • #1

    Guido (Freitag, 19 Mai 2017 19:28)

    Gegebenenfalls -falls Liedideen fehlen sollten- heute Abend auch ruhig mal die FC Hymne intonieren, gerade jetzt, wo sie nach 25 Jahren vor dem Einzug in einen europäischen Wettbewerb stehen. Das bringt heimisches Kulturgut näher und läuft schon fast unter Bildungsauftrag ;-). Zudem wird der neue dänische Freund bestimmt in den Refrain mit einfallen. Der FC ist -trotz der -zugegebenermaßen langen Europa Abstinenz- eine bekannte Hausnummer und es waren zudem einige dänische Spieler, die nachhaltig Eindruck beim Geißbockklub hinterlassen haben...
    Auf alle Fälle VIEL SPAß!

  • #2

    Der Kronprinz (Freitag, 19 Mai 2017 21:16)

    Cool! Da wäre ich echt gerne dabei gewesen.

  • #3

    Helmut (Samstag, 20 Mai 2017)

    Alles schöne Berichte und Kommentare - aber wo bleibt das Bemühen um die Hilfe für Michelle? Hierzu habe ich lange nichts gehört/gelesen!