In verschiedenen Kostümen

Du lieber Himmel, acht Wochen bin ich jetzt schon wieder auf meinem Weg - und es war doch erst kürzlich, als ich mich von meinen Lieben, von Nachbarn und von Michelle mit ihren Eltern und ihrer Schwester verabschiedet habe, alles unter den (Kamera-)Augen von WDR-Lokalzeit Bonn. Selbst wenn ich versuche mich zu konzentrieren, fallen mir nicht spontan in Mengen Erlebnisse von unterwegs ein, Eindrücke von Landschaften und Orten, Begegnungen mit Menschen. Die Festplatte ist wieder so voll, nichts ist in Ordner sortiert, alles ist gequirlt, alles ist nur wieder eine wunderbare Zeit, die ich in vollen Zügen genieße. Ich bin froh, dass ich mir jeden Abend aufschreibe, was passiert ist, was ich sehe, was ich fühle. So kann ich mir einiges retten, was sonst verloren wäre. Nur noch eine Woche werde ich in Dänemark sein, dann fängt wieder ein neuer Abschnitt an, der letzte, Norwegen. Ich freue mich jetzt schon auf dieses Land, habe jetzt schon deshalb Flugzeuge im Bauch.


Der Campingplatz von Vammen fällt wieder in die Kategorie "Hier möchtest du nochmal hinkommen". Eben weil er nicht in den Dünen der Nordsee liegt, kein Event-Center ist, sondern weil hier die Natur noch das Haupt-Event ist, weil hier Menschen zusammenkommen, die sich schon lange kennen und den besonderen "Geist" dieses Ortes pflegen, das gemeinsame Musikmachen. Die aber auch offen sind für jeden, der neu hinzukommt. Wo sich abends alles trifft, die Alten, die Jugend und die Kinder, nicht nur bei der Musik, sondern auch beim gemeinsamen Gespräch, beim Spiel. Ich bin unendlich froh, dass ich mir genau diesen Ort für einen Ruhetag ausgesucht habe. Wahrscheinlich habe ich schon geahnt, dass das hier für mich das Richtige ist, als ich im Internet zufällig darauf traf. Ich habe nur einen kleinen Teil davon erlebt, doch was ich erlebt habe, hat mich sehr beeindruckt. 


"Du musst unbedingt wiederkommen und bring deine Familie mit! Im Juli und August erlebst du den Platz nochmal ganz anders", sagt Harm-Wulf am Morgen zu mir, als ich mich von ihm verabschiede. Den Mann aus der Lüneburger Heide habe ich gestern Abend selbst nochmal ganz anders erlebt. Die anderen Gäste bitten ihn, doch nochmal seine Lieder vom Talentwettbewerb zu singen. Natürlich stehen mir erstmal Fragezeichen auf der Stirn, was Olga, die ältere Holländerin sofort bemerkt. "Harm-Wulf hat 2010 im dänischen Fernsehen am Talentwettbewerb 'Talent 2010' teilgenommen und dort mit Jodelliedern (!) sogar gewonnen. Google mal im Netz unter 'Harm-Wulf 2010', dann wirst du sehen." Natürlich lässt Harm-Wulf es sich nicht nehmen, alle Lieder, die er damals durch die diversen Qualifizierungsrunden gesungen hat, nochmal zum Besten zu geben. Verblüffend für mich, fast alle konnten mitsingen.


Ich verspreche, eine eventuelle Rückkehr in einem Sommer ernsthaft in Erwägung zu ziehen und ebenfalls, den Platz mit seinem "Spirit" weiterzuempfehlen, was ich hiermit an euch, meine lieben Kinder und liebe Freunde, die Ihr euch eventuell für so eine Art von Urlaub interessieren könntet, sehr gerne tue. Dann gehe ich los, etwas traurig.


An meinem gestrigen Ruhetag schien wunderbar die Sonne (auch das hat geklappt!), heute hüllen dichte Wolken den Himmel ein. Es windet wieder recht ordentlich, aber der Wind kommt, wie schon seit einigen Tagen, eher von hinten. Selbst Dieter könnte damit, glaube ich, leben. Dunkle Wolken bringt dieser Wind aber auch heran und ich rechne eigentlich fest damit, dass irgendwann mal die Schleusen aufgehen. Vielleicht liegt es daran, dass ich ein gehöriges Tempo vorlege und die Kilometer zügig an mir vorbeirauschen. Vielleicht war es aber auch der Ruhetag, der mir wieder gut getan hat. Jedenfalls gehe ich 19 km auf der kleinen Landstraße durch, bis ich mich dann doch zwinge, (wieder) auf einer Friedhofsbank im Windschutz einer kleinen Kirche für eine Viertelstunde zu verschnaufen. 


Dabei geht mir die Frage durch den Kopf, die mir der ein oder andere Blogleser seit ein paar Tagen stellt: Wie sieht es eigentlich unterwegs mit meinem Bemühen um die Spendenaktion für Michelle aus? Bis vorgestern prangte mein Spendenplakat auf meinem Wheelie. Es war das zweite, seit der deutsch-dänischen Grenze in dänischer (und englischer) Sprache. Sowohl das erste Plakat, das ich durch Deutschland spazierengefahren habe, als auch dieses zweite haben mich mit vielen Menschen ins Gespräch gebracht, in Deutschland natürlich etwas einfacher als hier in Dänemark. Einige haben spontan ihr Portemonnaie gezückt und gespendet, andere haben es zwar auch gezückt, aber dann wieder geschlossen. Vielleicht war der Geldschein darin doch etwas groß und ausreichend Münzen nicht vorhanden. Ein bedauerndes Schulterzucken war meist die Folge. Andere haben nach dem Spendenkonto gefragt und wollen direkt überweisen. In Dänemark ist alles etwas schwieriger, aber damit habe ich gerechnet, in Norwegen wird es nicht viel anders sein. Wo es sich anbietet, bringe ich das Thema an. Je nach Situation gibt es meine Kurzfassung oder meine ausführliche Version. Manche sind sehr betroffen, manche schieben das Thema schnell beiseite ("Schlimm, schlimm, schlimm!"). Ab und zu klingelt oder raschelt es bei mir im Bauchgurt, wo alle kleinen Spendenbeiträge in einem Seitenfach landen. Die Bemühungen werden also auch in den nächsten Wochen nicht erlahmen. Allerdings klebt das Plakat seit heute nicht mehr auf meinem Wheelie. Es haftet einfach nicht mehr. Im Laufe der Zeit löste es sich immer wieder vom Regenschutz, weil Wind und Regenfeuchtigkeit an ihm "nagten" und schon zwei Mal konnte ich es von einem Acker wieder einsammeln. Aber ich weiß, dass die gesamte Aktion in den letzten Wochen sehr, sehr erfolgreich war und das macht mich stolz und glücklich. Vorausgesetzt ich schaffe die Strecke und alle, die mir Spendengeld versprochen haben, auch zu ihrem Wort stehen, können Michelle und ihre Familie so langsam ans Kofferpacken denken.


Auch heute ist die Strecke wieder so, wie sie schon oft in Dänemark war. Die Straßen schlängeln sich durch die Felder, Hügelgräber stehen immer wieder am Rand. Heerweg, Ochsenweg und Hügelgräber sind sich in der Landschaft immer wieder begegnet. Sie folgen den Höhenrücken und dienten daher schon im Mittelalter als Anhaltspunkte für die Reisenden. Der Raps steht in voller Blüte und taucht ganze Streckenabschnitte zumindest auf einer Seite der Straße in ein Meer aus Gelb. Wo vor drei Wochen noch erste zarte Pflanzen in den Ackerfurchen sprossen, steht hier mittlerweile manche Ähre schon auf dem Halm. Lange Baumalleen führen zu imposanten Bauern- oder Pferdehöfen, von deren Leben ich so gut wie nichts mitbekomme, weil sie meist weit ab von der Straße liegen. Kurz vor Hobro kreuze ich über eine Brücke die Autobahn E45 (Europaweg). Hier trifft Altes auf Neues. Via Autobahn reisen die Händler und Waren von heute, Heiden und Gläubige, Kampflustige und Friedenswächter von Nord nach Süd - und umgekehrt. Der Geist des Heer- oder Ochsenweges lebt weiter - nur die Geschwindigkeit hat sich verändert.


Ohne nach Hobro hineinlaufen zu müssen, zweige ich kurz vorher von der Heerweg-Rad-Variante ab und steuere auf die Jugendherberge zu. In der unmittelbar benachbarten Veranstaltungshalle findet, wie mir bald der Herbergsvater erzählt, ein großes überregionales Showtanz-Turnier statt. Über hundert Gruppen nehmen daran teil: von der Kindertanzgruppe über die Jazz-Dance-Halbprofis und Cheerleader-Truppe bis hin zur Folklore-Tanzgruppe der Ü-Siebziger-Generation in Trachtenkleidung. Und Letztere übernachten, da sie aus Viborg kommen und morgen noch Auftritte hier haben, allesamt mit mir in der Jugendherberge.


Nun wäre das alleine vielleicht noch nichtmal so erwähnenswert, wenn mir nicht folgendes widerfahren wäre: Ich habe mein Zimmer Nr. 1 im Erdgeschoss und blicke aus meinem Zimmerfenster, welches keine Gardinen, sondern nur nicht zugezogene Vorhänge hat, auf eine große Wiese hinaus, die zum Jugendherbergsgelände gehört. Spielwiese könnte man auch dazu sagen. Nach jedem Ankommen ist - wie auch jetzt - Duschen angesagt. Da sich keiner auf der Wiese aufhält - die Folkloregruppe sitzt in ihrem Tagesraum beim Käffchen - entledige ich mich meiner Kleidung und hänge sie über die Stühle, die bei dem Tisch unmittelbar beim Fenster stehen. Ich dusche ergiebig, öffne danach wieder die Badezimmertür - und erblicke draußen vor meinem Fenster die Tanzgruppe nach flotten Melodien aus dem Ghettobluster ihre Tanzschritte in die Wiese ziehend. Und angelehnt an die äußere Fensterbank meines Fensters: drei Frauen! Äääh..., wat denn nu? Die haben zwar alle Kostüme an, aber ob die für mein Kostüm, mein "Adamskostüm", Verständnis hätten, sobald sie sich zufällig umdrehen, wenn ich zum Fenster eile, um die Vorhänge zu schließen, kann ich nicht abschätzen. Was soll ich machen? Mich auf die Knie begeben und so zum Fenster krabbeln? Und wenn sie mich dabei dann sehen, kommen zehn Minuten später garantiert die Männer im weißen Kittel... 


Ich atme also tief durch - und gehe hastig und auf Zehenspitzen (So ein Quatsch! Die würden mich draußen auch so nicht hören.) zum Fenster, bin keine zwei Meter mehr von den rettenden Vorhängen entfernt - als sich eine der Frauen just in diesem Moment nach ihrer Wasserflasche umdreht, die auf der Fensterbank steht. Ich reiße die Vorhänge zu. Ganz sicher bin ich mir nicht, ob und - wenn ja - was sie gesehen hat. Ich höre nur ein "Halloooo!!!" (Betonung auf der zweiten Silbe!), einige dänische Worte und Gekicher, aber das reicht mir schon. Für den Rest des Tages werde ich genau lauschen, ob sich auf dem Flur oder im Tagesraum was tut, bevor ich mich in die Selbstversorgerküche wage. Ist das peinlich!!!




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Kommentare: 5
  • #1

    Die Pilgertochter (Samstag, 20 Mai 2017 23:03)

    Sei selbstbewusst, Papa! Das ist dein Zimmer, da kannst du anhaben (oder eben auch nicht anhaben), was du willst. Wem das nicht passt, der muss halt weggucken. Und zu guter Letzt bleibt dir immer noch der Trost: die Leute siehst du nie wieder.

  • #2

    Lore (Samstag, 20 Mai 2017 23:21)

    Genau, alles flüchtige Bekannte!

    Und zu dem Campingplatz: Wir können ja mal ne Wanderwoche in Dänemark machen und bei Harm-Wulf übernachten.
    https://www.youtube.com/watch?v=rrAZXgzRDZQ
    Ich könnt mich beömmeln!!!!!!!!!!!!!!!

    Lore :-))))

  • #3

    Guido (Sonntag, 21 Mai 2017 07:55)

    Ich sehe das auch so, wie die "Pilgertochter". Ansonsten beim nächsten Mal einfach das Duschhandtuch um die Hüfte schwingen:-)

  • #4

    Renate (Sonntag, 21 Mai 2017 10:49)

    Hey- ein gut erhaltener, gestählter Körper....
    Keep cool!
    LG
    Renate

  • #5

    Der kronprinz (Montag, 12 Juni 2017 18:33)

    Ein Wagner Körper erfreut jeden Betrachter ☝�