Durch Dornendschungel

Der Wecker verrichtet heute Morgen sein Werk früher als an normalen Tagen. Ganz normal ist der Tag heute nicht, weil er von mir mal wieder etwas mehr Einsatz fordert als an den vergangenen. An die 30 km können es heute werden, und wenn ich dann trotzdem nicht so spät ankommen möchte, muss ich eben eher losgehen. 


Das junge Mädchen aus der Jugendherbergsküche schaut etwas irritiert, als ich tatsächlich schon um kurz nach 7 Uhr am Frühstücksbuffet stehe. Zwar soll ab 7 Uhr alles bereit sein, aber so ernst sollte man das wohl nicht nehmen. Schnell entfernt sie noch die Frischhaltefolie von den Wurst- und Käsetellern und schüttet die Brötchen aus der Tüte in den Korb. Glücklicherweise ist der Kaffeeautomat schon im Gang, denn während das Mädchen sich sputet, habe ich schon die erste Tasse Kaffee getrunken. 


Ich sitze noch keine Viertelstunde am Tisch, da kommt die Folklore-Tanzgruppe durch die Tür, allesamt in ihren Trachten und offenbar etwas aufgeregt. Ich meine aus ihren Worten und Gesten heraushören zu können, dass sie bereits um 9 Uhr nebenan in der Veranstaltungshalle beim Dance-Contest ihren ersten Tanz aufs Parkett legen müssen, dementsprechend hoch ist wohl ihre Nervosität. Die Dame, die mir gestern nach meiner unfreiwilligen Nacktszene ein erschrockenes (erschüttertes, erfreutes, begeistertes o.ä.) "Halloooo!" (Betonung auf der zweiten Silbe!) schenkte, kann ich beim besten Willen nicht ausmachen. Ich will nicht hoffen, dass es sie hingestreckt hat. Ausfälle kurz vor einem Auftritt sind immer schwer zu ersetzen.


Um exakt 8 Uhr klicke ich vor der Hosteltür meinen Wheelie an. Ich weiß gar nicht, ob ihm eigentlich bewusst ist, dass er mir bei dieser Tour nur noch eine Woche lang zu Diensten sein darf. Eine Woche noch rollt er mit mir durch den Norden Dänemarks, dann ist erstmal Schluss. Für Norwegen erscheint er mir für einige Passagen nicht geeignet zu sein und deshalb steige ich auf meinen großen Rucksack um. Der ist schon per Post auf der Reise nach Saeby, wo er auch hoffentlich früh genug ankommt, damit ich ihn dort in der Jugendherberge in Empfang nehmen kann. Willi, mein Wheelie, darf dann wegen seiner ehrenvollen Verdienste zur Belohnung noch die Schiffsreise nach Oslo mitmachen, bevor ich ihn dort im Pilgerzentrum lagere. Am Tag vor meinem Rückflug nehme ich ihn wieder in Empfang. Doch gute 160 Kilometer wird er noch mit mir - schweigend und ohne Wehklagen, wie ich es so an ihm liebe - über die Straßen und Wege des Heerweges ziehen und mir zu Diensten sein.


Die Frische des Morgens und der Sonnenschein schicken mir sofort eine gehörige Menge Energie in die Blutbahnen und trotz der bei 30 Kilometern zu erwartenden brennenden Füße stampfe ich mit bester Laune von der höhergelegenen Jugendherberge ins Zentrum von Hobro hinunter. Im Hafen (Hobro liegt an einem Ostseefjord) ist zu dieser Zeit nichts los und auf der Einkaufsstraße ist noch weniger als nichts los. Aber auf welcher Einkaufsstraße ist das an einem Sonntagmorgen um kurz nach 8 Uhr anders. An einer Tankstelle versorge ich mich noch mit einer Prinzenrolle (Ich habe noch nie so viel Prinzenrolle gegessen!) und auch meine geschätzte quadratische Vollnuss-Schokolade darf nicht fehlen, denn sie soll heute für eine vermehrte Ausschüttung von Glückshormonen sorgen.


Seit Viborg ist die reine Wandervariante des Heerweges aus dem Blickfeld geraten. Sie verläuft wesentlich weiter im Westen. Bis Aalborg gehe ich im Prinzip nur auf der Radvariante, wo diese auch wieder mit der Wandervariante zusammentrifft. Der Begriff "im Prinzip" lässt aber schon vermuten, dass es außer Wander- und Radvariante noch eine dritte gibt, nämlich Reinhards Variante. Die kommt immer dann zum Tragen, wenn ich das Schild mit meinem Motto "Umwege? Besser nicht! Pausen? Gerne!" hochhalte. Der Radweg macht zwischen Hobro und Rebild zwei dermaßen große Schleifen, dass ich die Sinnhaftigkeit darin nur schwer erkennen kann. Müssen es denn unbedingt 38 statt 30 Kilometer werden, nur damit man ein Stück (vielleicht) häufiger befahrener Straße vermeidet? Mit mir ist das nicht zu machen, deshalb habe ich mir meine eigene Strecke auf der Karte markiert und laufe die nun ab. Außerdem ist heute Sonntag und damit die größere Straße sowieso vom Berufsverkehr entlastet.


Ich lasse also die typischen Industrie-und Gewerbegebiete von Hobro hinter mir und begebe mich mit einer gehörigen Portion Phlegmatismus auf den Randstreifen der Landstraße 180, die für knapp 10 km schnurstracks nach Norden führt. Ich setze mir Zwischenziele: übernächste Kreuzung, nächste Stromleitung, der kleine See rechts, die Windradreihe links. Immer wieder beliebt auch die Frage: Wo bist du, wenn du das Bonbon weggelutscht hast, das du dir jetzt in den Mund steckst? oder: Wo bist du, wenn du 500 Schritte gezählt hast? Und vor allen Dingen: Immer sich umschauen, es nie zum "Tunnelblick" kommen lassen! So tipple ich dahin und lächle viel. Meine Beine sind auf Autopilot geschaltet und streben vorwärts. Wo ich eigentlich Pause machen wollte, gehe ich einfach weiter. Ich trotte dahin und bin glücklich. Endorphinausstoß - Hiker's High? Oder bin ich einfach nur übergeschnappt? Keine Ahnung, aber es ist ein schöner Zustand.


Nach 15 Kilometern taucht wie aus einem inneren Nebel in meiner Vorstellung auf einmal eine eiskalte Coladose vor mir auf. Normalerweise trinke ich kaum Cola, aber jetzt will ich eine, umd zwar möglichst sofort. Es gibt sogar eine Chance! Auch wenn Kneipen oder Ähnliches in Dänemark auf dem Lande kaum vorkommen, gibt es vielleicht im vor mir liegenden Vebbestrup die Möglichkeit, im Supermarkt eine eiskalte, wunderbar erfrischende, zuckersüße Cola zu kaufen. Brugsen macht's möglich! Der Supermarkt, der auch sonntags geöffnet ist. Und richtig! Kaum habe ich das Zentrum von Vebbestrup erreicht, prangt mir das Werbeschild entgegen. Ich rein, Cola gekauft! Jetzt aber ein wenig Anstand! Die Cola wird sich nicht auf dem Brugsen-Kundenparkplatz oder an der nächsten Ecke in den Hals gekippt, sondern dort, wo man sich in Ruhe und vielleicht auch in netter Umgebung für ein Viertelstündchen hinsetzen kann. Nur... diese Stelle kommt nicht! Ich laufe weiter, weiter, fünf Kilometer wieder weiter... dann kommt die schöne Bank bei der kleinen Kirche von Arden - und meine ehemals eiskalte Cola ist lauwarm. Dazu die halb geschmolzene quadratische Nuss-Schokolade - ein aufschäumendes Erlebnis im Mund. 


Aber egal ob eiskalt und hart oder lauwarm und weich, der Zucker tut seine Wirkung und treibt mich regelrecht voran. Das riesige Waldgelände von Rebild, meinem heutigen Zielort, liegt jetzt vor mir. Mittendrin ein malerischer See, mit Badestelle, Kinder und Väter mit Neoprenanzügen toben im Wasser, Hunde holen die reingeworfen Stöckchen raus, Liebespaare liegen auf der Wiese und interessieren sich überhaupt nicht für Hunde und Neoprenanzüge, sondern nur für sich. Ein Stück gehe ich auf dem Uferweg entlang, der herrlich gesäumt ist von Buchen mit ihren frisch getriebenen hellgrünen Blättern, dann biege ich wieder in den Wald ein.


Der Wald wird dichter, der Weg schmaler, viel schmaler. Bin ich hier noch richtig? Mir fällt auf, dass ich länger die Radweg-Markierung nicht mehr gesehen habe. Kann man, sollte man hier überhaupt noch mit einem Rad fahren? Ich komme zu einer etwas größeren Lichtung. Das ist kein Weg mehr, auch kein Pfad, nur noch eine längliche Mulde im kniehohen Gras, die andeutet, dass hier vor Jahrtausenden schon einmal Menschen gegangen sind. Mein genetisch bedingter Widerwille gegen jede Form des Umkehrens treibt mich weiter. 


Um mich herum wuchert mittlerweile der undurchdringliche Dschungel, Brombeerranken greifen nach mir, kratzen mir Wunden in die Arme und lautstark am Regenschutz meines Wheelies, werfen sich in seine Radspeichen. Immer wieder konsultiere ich Karte und GPS. Das gibt es doch gar nicht! Beide Quellen sind sich sicher: Ja, wir sind richtig, weiter so! Also reiße ich meinen Wheelie von den Schlingpflanzen los, die mein kurzes Anhalten genutzt haben, um sich vielarmig um Räder und Deichsel zu wickeln, und kämpfe mich weiter voran. Der Schweiß läuft mir in die Augen, überall kleben Pflanzenreste an mir, die Mücken, die auf einmal da sind, haben einen Festtag. Ich schiebe meinen Wheelie als eine Art Bulldozer vor mir her, um mir einen Weg zu bahnen umd hoffe, dass keine Kinder in der Nähe sind, die meine Flüche hören.


Nach einer gefühlten Stunde stehe ich urplötzlich wieder auf einer kleinen Straße, die mir im ersten Moment wie eine Autobahn vorkommt, und ich widerstehe dem Impuls, niederzuknien und den Asphalt zu küssen. Ich pflücke Blätter, Ranken und Dornen von mir und meiner Ausrüstung, und mit einem Blick auf die zerrupfte Botanik in meiner Hand weiß ich jetzt, woher der Ausdruck "sich verfransen" kommt.


Das Schönste an der Straße kurz darauf: "Rebild 2 km"! Zwanzig Minuten später stehe ich vor der Tür der Jugendherberge. Vor der verschlossenen Tür! Leute, das ist jetzt Zankerei! "Wir sind heute nicht im Haus, aber zögern Sie nicht uns anzurufen unter...! "Natürlich zögere ich nicht. Die weibliche Stimme am anderen Ende der Leitung, die glücklicherweise gut Englisch spricht, sagt mir, ich möge doch bitte hinten in den Hof gehen und dort den Eingang für Zimmer Nr. 1 suchen. Dort sei alles für mich vorbereitet. Ist es auch! Ein intensiver Wandertag ist zu Ende. Jetzt wird relaxt!




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