Kleine Wäsche

Die Jugendherberge in Rebild hat im Moment keine Gäste, jedenfalls keine wandernden oder Rad fahrenden, und Schulklassen erst recht nicht. Doch bereits gestern Abend fiel mir auf, dass in einem Seitenflügel der Herberge sehr wohl Betrieb war. In der Selbstversorgerküche, die nur einen Außenzugang hat, roch es nach Essen, als ich mir zum Abendbrot einen Tee kochte, und überall sah es etwas unaufgeräumt und schmuddelig aus. Als ich dann heute Morgen meine gebrauchte Tasse abspülen wollte, war in der Küche Gedränge. Ungefähr sechs Polen, die in der Nähe arbeiten, bereiteten sich das Frühstück vor. Bis jetzt war mir unbekannt, dass Bereiche einer Jugendherberge auch als eine Art Monteurunterkunft genutzt werden, aber irgendwie muss das Geld wohl reinkommen. 


In dem kurzen Moment meines Tassespülens versammeln sich alle im kleinen benachbarten Speiseraum, um unter großem Palaver ihr üppiges Frühstück zu verdrücken - und der Kühlschrank bleibt sperrangelweit offenstehen. Mehr zufällig werfe ich einen Blick rein. Es ist momentan gar nicht viel drin - das meiste steht oder liegt jetzt wohl gerade auf dem Frühstückstisch -, und da wo jetzt Platz ist, sieht es gar nicht so sauber aus. Wahrscheinlich hat das einfach was mit Männern zu tun und weniger mit Nationalitäten. Jedenfalls wird der Kühlschrank wohl grundsätzlich nicht saubergemacht. Die Herbergsleitung packt ihn vielleicht nur alle zwei, drei Jahre in einen Karton und schickt ihn zum Institut für Seuchenbekämpfung nach Kopenhagen mit einem Begleitschreiben, man möge sich mit allem bedienen, was wissenschaftlich verheißungsvoll aussieht. Ich jedenfalls bin froh, dass ich meinen Käse die Nacht über nicht dort gelagert habe.


Der Tag heute beginnt, wie schon der gestrige angefangen hat: Wolken hängen tief und es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein bis es regnet. Dann reißen sie auseinander, verflüchtigen sich immer mehr, bis nur noch ein strahlend blauer Himmel übrig bleibt. Im Laufe des Tages kommen Schäfchenwolken dazu, aber die tun ja bekanntlich nichts. Heute nehme ich mir mehr Zeit als gestern, trödle direkt bis zu meinem Abmarsch. Vielleicht sind es gerade mal 20 Kilometer, die mir bevorstehen, das schaffe ich spielend bis zum frühen Nachmittag. 


Von der weiten Moränenhochfläche bei Rebild geht es durch schönen Wald hinunter ins Tal. Jede Menge Vögel haben zum Konzert geladen und ich kann manchmal nicht anders als stehenzubleiben und zu lauschen. Wenn ich doch nur einmal die Sommer-Fünf-Uhr-morgens-Volkshochschul-Vogelstimmenexkursion mitgemacht hätte... Aber wer weiß, ob ich die Stimmen im Moment auseinanderhalten könnte, ich bezweifle das. Trotzdem ist es schön. Ein Hase hoppelt mir mal wieder über den Weg und etwas links von mir knacken zwei Rehe durchs Gehölz.


Heute wechsle ich von einer Heerweg-Variante auf die andere. War seit Viborg in den letzten Tagen die Rad-Variante meine Leitschnur, so gehe ich heute die etwa 20 km hinüber zur Wander-Variante, auf die ich aber erst am heutigen Etappenziel Oster Hornum treffen werde. Der Grund ist eigentlich nur, dass ich hier eine Unterkunft bekomme, die meinen Preisvorstellungen entspricht und ich nicht das Gefühl habe, dass man mir die Hosen auszieht. Außerdem ist sie eine der neuen Herbergen, die vor noch nicht langer Zeit für den nördlichen Teil des Heerweges zwischen Viborg und Frederikshavn eingerichtet wurden. 


So tippel ich wieder durch die dänische Landschaft, die sich in den letzten Tagen kaum wesentlich geändert hat. Die Frage ist nur jeden Tag: Geht es heute meist geradeaus oder sind auch Kurven dabei? Wird es heute flach sein oder hügelig? Gibt es heute außer den unvermeidlichen Äckern, Äckern, Äckern und Wiesen, Wiesen, Wiesen auch noch Wälder, die keine zu hoch gewachsenen Weihnachtsbaumplantagen sind? Gibt es schöne Plätze, wo ich rasten kann oder gehe ich in Ermangelung derer einfach durch? Heute kommt noch eine andere wichtige Frage hinzu: Werde ich einen Laden zum Einkaufen finden? Doch die Antworten gibt schon meine Karte, daher weiß ich, dass von allem was dabei ist.


Meinen "Brugsen" finde ich ganz schnell auf der Durchgangsstraße von Stovring. Dort weiß ich inzwischen ganz genau, welche Regale ich anlaufen muss, so dass mein Minieinkauf in der Regel in einer Viertelstunde erledigt ist. Mit meinem Wheelie schlängle ich mich nicht durch die Regalgänge, der bleibt vertrauensvoll im Eingangsbereich stehen, und auf meinen Rucksack passe ich auch schön auf, denn so eine Nummer, dass ich damit wieder ein Ananasdosen-Regal umwerfe, passiert mir auch nicht nochmal. Hundert Meter nach dem Supermarkt steht am Straßenrand eine Bank, ich sehe die Menschen und Autos an mir vorüberhasten, während ich vom Prinzen ein paar Rollen verdrücke.


Die zweite Hälfte der Strecke ist nicht viel anders als die erste und kurz nach 13 Uhr bin ich in Oster Hornum und damit am Ziel. Meine ich. Meine Karte umfasst den Ort nicht mehr so ganz, aber die Straße "Nihojevej" habe ich auf meinem Handy bereits gefunden. Bis zur Nummer 30 kann es nicht mehr weit sein. Denke ich. Die Straße finde ich auch in der Realität sehr schnell, dann muss ich ja gleich da sein. Glaube ich. Am Anfang der Straße auf der rechten Seite die Nr. 2, das ist normal, 20 m weiter die Nr. 4. Dann kommt erstmal gar nichts. Nach 200 m die Nr. 6. Danach Wiese, Acker, Wiese. Nach weiteren 300 m Nr. 8. Es geht bergauf, um zwei langgezogene Kurven... machen wir es kurz: Nach geschlagenen 2 km geht rechts ein Schotterweg ab, ein Briefkasten steht an der Ecke, auf dem Briefkasten eine fette "30"! Na also, da bin ich ja! Hoffe ich. Nochmal sind es etwa 500 m, bis hinter einer Hügelkuppe das Dach eines kleinen Hauses erscheint - und dann öffnet sich vor mir ein grandioser Blick über Wiesen, Wälder und blühende Obstbäume. Ich bleibe einen Moment stehen und genieße diesen Ausblick. Dann gehe ich zum Haus, klopfe an der Vordertür, an der Hintertür, versuche, mich mit einem "Hallooo!?" bemerkbar zu machen, doch nichts außer den Bäumen bewegt sich, alles bleibt ruhig. Dann fällt mein Blick auf die Tür der ehemaligen Scheune und unten, auf einem kleinen Baumstumpf, steht ein Schild an der Wand gelehnt: "Haervejs Herberg". Ich bin angekommen.


Auf eins kann man sich in Dänemark verlassen: Auch wenn die Türen der dazugehörigen Privathäuser oder Bauernhöfe vielleicht verschlossen sind, die Herbergstüren sind immer auf oder werden nach einem kurzen Telefonat innerhalb von Minuten geöffnet. Anders als manchmal die Türen von Jugendherbergen. Auch hier bei der Herberge Hojedalen kann ich problemlos eintreten. Drinnen ist es urgemütlich. Kleine Zimmer, kein Schlafsaal, kleiner, feiner Gemeinschaftsraum, eine Küche mit allem, was man braucht, Dusche und Toilette sauber und - ganz wichtig - die Heizung springt sofort an und schafft in kürzester Zeit eine behagliche Wärme. Der Pilger ist zufrieden!


In der Küche steht ein Wäschetrockner... ich meine jetzt so ein Ding, wo man gewaschene Wäsche dran aufhängen kann. Draußen scheint immer noch die Sonne, der Wind weht, damit wird die gewaschene Wäsche rubbeldiekatz trocken. Also los! Der Waschvorgang läuft, indem ich während des Duschens kräftig mit den Füßen auf den verschwitzten Klamotten herumtrample und es mit dem von meinem Körper abfließenden Shampoo durchwalke. Dann nur noch Auswringen bis zur Sehnenscheidenentzündung - und fertig! und ab damit an den Wäschetrockner. 


Erinnerungen kommen wieder hoch an meinen Jakobsweg nach Santiago de Compostella und meinen Weg nach Rom, alles wärmere Gegenden als Dänemark, ich gebe es zu. Wenn Pilger dort nach einem langen Tag sich ungeduscht begegnen, halten sie unbewusst Distanz. Der Mief des anderen macht ihnen bewusst, dass sie Gefahr laufen, indiskret zu werden. Zwei Schritte mehr, und sie treten bei jemandem ein. Doch nahezu jeder Pilger ist ein gewissenhafter Besucher der Duschen in den Herbergen. Die wenigen Kleidungsstücke, die er im Allgemeinen mit sich trägt, zwingen ihn zu nahezu täglichen Waschgängen. Dieser Pflicht kommt er nach, sobald er das Etappenziel erreicht hat. Doch beim Betrachten der Sachen, die in unmittelbarer Nähe der Unterkünfte zum Trocknen aufgehängt sind, begreift man, dass sich jeder seine eigenen Vorstellungen von Hygiene macht und dass diese selten alles einschließen. Dem T-Shirt wird gemeinhin fast tägliche Pflege zuteil. Es ist das Banner, das am häufigsten an den Leinen flattert. An zweiter Stelle folgen die Strümpfe. Andere Kleidungsstücke finden sich seltener, woraus man vielleicht schließen kann, was mehrere Tage hintereinander ungewaschen getragen wird. Oder beginnt bei der aufgehängten Unterhose schon die unüberwindbare Schamgrenze?


Bei mir flattert jedenfalls alles nebeneinander am Wäschetrockner, aber ich bin ja auch wieder alleine hier.




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Kommentare: 2
  • #1

    Helmut (Dienstag, 23 Mai 2017 17:55)

    Den zweiten Tag -bis jetzt- 0 Kommentare!? Das ist für mich Grund genug, irgend etwas zu schreiben.

  • #2

    Die Pilgertochter (Mittwoch, 24 Mai 2017 19:09)

    Deinen Käse hättest du ja mit in den Kühlschrank packen können. Der ist doch kampferprobt...