Wieder auf Meereshöhe

Alice ist eine Seele von Frau. Bereits gestern Nachmittag, als sie vom Besuch einer Freundin in Aalborg wieder nach Hause kam, begrüßte sie mich überaus herzlich und fragte immer wieder, ob es mir auch an nichts mangele. Anschließend erzählte sie mir die Geschichte, wie sie und ihr Mann Mitte der 60er-Jahre diesen ehemaligen alten Bauernhof gefunden, ihr Herz dran verloren, gekauft und dann von Grund auf umgebaut haben. Alle Innenwände hatten sie niedergerissen und mit aufgekauften alten Ziegelsteinen wieder hochgezogen. Wo ehemals die Kühe standen, ist jetzt das Wohnzimmer, wo die Schafe waren, ist der Speiseraum usw. Alte Möbel gepaart mit moderner Kunst geben diesem Haus eine ganz besondere Note. Als ihr Mann starb, haben viele ihr angeraten, das Haus zu verkaufen. "Aber hier liegt mein Herz, hier gehe ich nicht weg. Hier ist Frieden. Wenn ich aus meinem Fenster schaue, sehe ich diese Wiesen, wo unsere Kinder gespielt haben, unsere Obstbäume. Ich bleibe hier, bis zum Ende."


Beim Frühstück sitzt sie bei mir und fragt viel zu meinen Wanderungen und Pilgerwegen. Dann kommt sie nochmal auf ihr Haus zu sprechen. Sie erzählt von den Fasanen, die oft bei ihr vorbeischauen, von den Rehen, aber auch von den Spinnen und Mäusen, von den Wespen und Hornissen und auch von dem Marder, der es sich im Moment auf ihrem Dachboden bequem gemacht hat. Gäste hätten ihr schon mal gesagt, dagegen müsste sie doch was unternehmen. "Was soll ich ihnen antworten? ", sagt sie zu mir. "Diese Tiere gehören genauso hierher wie ich. Ich respektiere sie. Mich haben auch schon viele gefragt, ob ich nicht Angst habe, hier so ganz alleine zu leben. Ich sage denen nur, dass ich meine Türen, wenn ich zu Hause bin, nie abschließe. In der Stadt hätte ich vielleicht Angst, alleine zu leben, hier nicht."


Als ich mich vor ihrem Haus von Alice verabschiede, nimmt sie meine beiden Hände in ihre und meint lächelnd: "Komm gut in Trondheim an. Es ist eine schöne Stadt. Und wenn du vor dem Dom stehst, schicke mir eine SMS. Ich würde mich freuen." Auch Hojdalen gehört zu diesen Orten, wo man länger bleiben möchte.


Ab Oster Hornum ist es wieder für mich da, das kleine weiße Männchen, mein ständiger Begleiter auf dem Heerweg (Wandervariante). Ich habe es ja länger nicht gesehen. Und dennoch zeigt es mir nichts wesentlich Anderes als das weiße Fahrrad auf blauem Grund, welches - verbunden mit einer roten "3" (steht für "Nationale Fahrrad-Route Nr. 3") - mir immer auf der Rad-Variante den Weg wies. Wenn man nicht vom Badeland an der Nordseeküste spricht, ist Dänemark eben Dänemark: Landwirtschaft, große Bauernhöfe, flaches oder hügeliges Land, manchmal Heide, manchmal Wald, kleine Dörfer, viele Bäche, breite, gerade Straßen und schmale, kurvige Straßen. Auch heute ist von jedem wieder etwas dabei. 


In Godthab treffe ich bei einer Bushaltestelle auf einen etwas dickleibigen Jugendlichen, vielleicht ist er 13, der gerade dabei ist, mit einer gewissen Inbrunst seine Chipstüte zu leeren. Weil ich kurz in meiner Karte vertieft bin, bietet er mir kauend seine Hilfe an. Da er das natürlich auf Dänisch tut, versuche ich, ihm etwas Englisch zu entlocken. Und zu meiner Verblüffung gelingt das sogar sehr gut. Er fragt mich, was ich da hinter mir her zöge und woher ich käme und wo ich noch hinwolle. Nach meinen Antworten schaut der Wohlgenährte in Jogginghose und Gummistiefeln ungläubig - Bewegung scheint nicht sein größtes Hobby zu sein - von seiner Chipstüte auf und fragt mich: "Warum?" - "Hä?", ist alles, was mir darauf einfällt. - "Ja, warum machst du das?" - "Weil es mir Spaß macht und ich Dänemark sehr schön finde und bald Norwegen auch." - "Zieh doch hierher, dann must du zum Wandern nicht immer nach hier oben reisen und brauchst dir jetzt keinen Stress zu machen!" - "Das wäre aber nicht dasselbe, ich will ja gerade diese lange Tour wandern, mich anstrengen, etwas erleben. Darin besteht doch der Reiz!" Der Junge ist sichtlich irritiert, nimmt die Finger aus der Chipstüte und wischt sie sich langsam an der Jogginghose ab. "Ach so..." Ich weiß nicht, warum ich das tue, aber ich klopfe ihm kurz auf die Schultern - und gehe dann weiter.


Im Moment habe ich eine wirklich gute Phase. Selbst bei einer Strecke von mehr als 20 km nehme ich mir nicht mehr als eine Rast. Ich brauche sie einfach nicht. Die Strecke fordert keine großen Anstrengungen und die Füße schmerzen kaum. Als ich aber bei einem besonders stillen Abschnitt auf einem schmalen Pfad einen Hügel hoch an einer Pferdeweide vorbeikomme, wo mich alle sechs Pferde nahezu dazu auffordern, ein klein wenig bei ihnen zu verweilen, tue ich ihnen den Gefallen. Ich lege mich ins Gras, ziehe mir meine Schuhe aus, hole die Prinzenrolle aus dem Rucksack und mache mich lang. Die Pferde kommen zögernd, aber doch getrieben von Neugierde bis zu mir an den Zaun und gucken... gucken... schnauben... gucken... Es ist so ruhig hier. Ich schließe die Augen und vernehme nichts anderes als das Singen der Vögel, das Summen von Insekten, manchmal das Stampfen von Pferdehufen und vereinzeltes leises Schnauben. Es ist warm, der Keks schmeckt - alles passt.


Kaum 200 m nach meiner Rast habe ich den Hügel erklommen und sehe - fast etwas unerwartet - die Häuser von Aalborg und den Limfjord unter mir liegen. Während der Heerweg den direkten Weg ins Zentrum von Aalborg nimmt, muss ich bald wieder von ihm abzweigen. Meine Unterkunft, eine Hütte bei der Jugendherberge der Stadt, liegt weit außerhalb am westlichen Stadtrand direkt am Fjord. Wenn ich dem Heerweg ins Zentrum folgen würde, müsste ich gute fünf Kilometer praktisch wieder zurück, um zur Jugendherberge zu kommen, nur um morgen denselben Weg wieder in die Stadt hineinzugehen. Mache ich natürlich nicht. Ich suche (und finde) jetzt selbst eine Route am westlichen Stadtrand entlang und stehe am frühen Nachmittag an der Rezeption der Jugendherberge. Die Herberge ist voll belegt, deshalb atmet der junge Mann hinter der Theke auf, als ich ihm sage, ich hätte schon vor langer Zeit eine Hütte gebucht. Hütten gehören hier mit zum Angebot, nur etwas weiter draußen, direkt am Limfjord und am Yachthafen. Na, das ist doch mal eine Lage! 


Abgesehen von meinem einstündigen Erholungsnickerchen sitze ich den ganzen Nachmittag auf einer Bank vor meiner Hütte, schaue einigen Seglern zu, wie sie sich bereitmachen zum Auslaufen, sehe einige Kinder mit ihren kleinen Olympiajollen aus dem Hafen hinausfahren in den Fjord und Frachtschiffe mittlerer Größe dort entlangtuckern, die sich den Weg um Skagen, der Nordspitze Dänemarks, herum sparen und stattdessen durch den Limfjord abkürzen. Das erste Mal stehe ich jetzt seit der Weser und der Elbe auf Meereshöhe. Im Limfjord fließt schon Ostseewasser. In wenigen Tagen werde ich dort, wo Ost- und Nordseewasser sich begegnen, mit der Fähre unterwegs sein nach Norwegen. 




Kommentar schreiben

Kommentare: 3
  • #1

    Lore (Dienstag, 23 Mai 2017 22:43)

    Weißt Du, Reinhard, dass immer, wenn Du von so besonderen Menschen schreibst, ich in Deiner Haut stecken möchte, damit ich diesen Menschen auch begegnen kann?
    Es grüßt die Lore.

  • #2

    Michael Volkmar (Mittwoch, 24 Mai 2017 10:16)

    Es macht soviel Spass diese Einträge zu lesen in Gedanken gehe ich jeden Meter mit.

  • #3

    Guido (Mittwoch, 24 Mai 2017 17:25)

    Ich lese die Einträge täglich mit sehr viel Freude. Heute habe ich mir -nach sehr langer Zeit- noch einmal eine Prinzenrolle gekauft. Irgendwas scheint mich dabei unterbewusst beeinfusst zu haben. Ich komm noch drauf... ;-)