Kreuzfahrt-Touristen

Da kann sich die Sonne tagsüber die größte Mühe geben, um erste frühsommerliche Temperaturen zu zaubern, am Wasser wird es gegen Abend und erst recht in der Nacht ordentlich frisch. In so einer nur halb gut isolierten Campinghütte schlägt das natürlich sofort durch. Da war ich gestern am späten Abend doch froh, dass ich unter dem Tisch eine kleine Heizung fand, die ich ein wenig aufdrehen konnte. So habe ich beim Aufstehen wenigstens etwas Wärme, denn der heiße Frühstückskaffee fällt in Ermangelung eines Wasserkochers leider aus und daher gibt es zum Käse-Roggenbrot mal wieder erfrischendes kaltes Wasser. Das würde meiner Tochter nicht passieren, denn die würde jetzt schnell zu ihrem Kocher greifen. Vater schleppt aber so wenig wie eben möglich mit und das hat er nun davon!


Als ich die Hüttentür zum Abmarsch aufmache, wird sie mir direkt aus der Hand geschlagen. Es ist ordentlich windig. Der Limfjord, der gestern Abend noch spiegelglatt vor mir lag, schlägt ordentliche Wellen. Im Yachthafen hüpfen die Boote und zerren an den Tauen. Ihre Leinen schlagen an die Masten und machen eine nervende Musik. Die Wolken sind wieder dicht und grau und ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass es in ein, zwei Stunden besser aussieht.


Doch trotz des Windes ist es nicht kalt, meine Fleecejacke ist, wie bereits in den letzten Tagen, im Wheelie verpackt. Den Weg ins Zentrum von Aalborg kann ich immer in Schlagdistanz zum Fjord nehmen und brauche mich nicht durch öde Vororte zu quälen. Doch besonders attraktiv ist es erstmal auch nicht. So viele Bootsfriedhöfe habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Aufgebockt stehen sie da in den eingezäunten Arealen: die kleinen Motorboote, Fischerboote, auch größere sind dabei, dazu die abgetakelten Yachten. Alle haben sie mal bessere Tage gesehen, waren der Stolz von Freizeitkapitänen oder Fischern. Geschichten könnten sie erzählen, heute liegen sie "beim alten Eisen ". Ich habe wirklich das Gefühl, hier wird nicht mit Schrott gehandelt, sondern das hier ist ein riesiger Friedhof, man respektiert diese Bootsleichen. 


Im Anschluss kommen die kleinen Häfen, wo kleine und größere Schiffe liegen, die diesen Status noch nicht erreicht haben. Zwar alles keine Vorzeigeobjekte mehr, aber noch im Einsatz. Je näher ich aber der Limfjordbrücke komme, die direkt von der Altstadt aus den Fjord zur anderen Seite hin überspannt, desto mehr verändern auch die Boote und Yachten ihr "Gesicht". Jetzt liegt alles da, was gesehen werden will und soll, Restaurantschiffe dümpeln vor sich hin und warten auf die Mittagsgäste, Boote werben für eine Rundfahrt und zur Krönung vom Ganzen hat das Kreuzfahrtschiff "Viking 2" am Kai festgemacht, unmittelbar am Zugang zur Altstadt.


So ein Kreuzfahrtschiff gibt ja schon ein imposantes Bild ab, das Problem ist nur, dass da auch jede Menge Menschen drauf sind. Und diese Menschen fallen jetzt auf ihrem morgendlichen Landgang wie ein Bienenschwarm über die kleine Altstadt her. Besser gesagt: Am Anfang laufen Gruppen von jeweils etwa 30 Menschen der Ü-70er-Generation hinter jungen Damen her, von denen jede mit einem roten Schild mit den Nummern 1, 2, 3 usw. bestückt der Gruppe vorwegläuft, anhält, Vorträge hält, weiterläuft etc. Bei den Mitgliedern der Gruppe gibt es die Interessierten, Erduldenden, Gelangweilten und Ignorierenden, wie bei einer Schulklasse (und keinen Deut besser!). Auch das sollte mich im Moment nicht stören, aber dass ich mich überall mit einem (immer piefiger werdenden) "Excuse me!" durch die Meute schlängeln muss, nervt schon. 


Das Wetter hat sich mittlerweile - welch ein abermaliges Wunder! - zum Besten gekehrt. Die Sonne scheint und für den zweiten Teil des Kreuzfahrt-Rundgangs werden überall Vorbereitungen getroffen. Nach der geführten Sightseeingtour ist wahrscheinlich Freigang angesagt, denn alle Restaurant-, Eisdielen-, Boutiquen- und Souvenirlädenmitarbeiter wuseln hastig vor und in ihren Geschäften, um sich auf den erhofften Einfall der Schiffsreisenden vorzubereiten.
Bis es so weit ist, trete ich bald überall auf diese Reise-Spezies, auf dem Gammeltorv (Alter Marktplatz) mit dem alten Rathaus der Stadt von 1762, dem Heiliggeistkloster (als mittelalterliches Pflegeheim und Krankenhaus 1431 errichtet und eine der wenigen noch erhaltenen Klosteranlagen Dänemarks) und in den kleinen Gassen. Nur in der 800 Jahre alten Budolfi Kirke, dem Dom von Aalborg, habe ich noch für einen Moment meine Ruhe, bevor sich auch hier das Portal öffnet und die Menschenmenge hineinströmt. Ich wollte Aalborg in der morgendlichen Frühe genießen, aber irgendwie klappt das nicht. Ich mach mich mal weg.


Über die lange Limfjordbrücke gehe ich hinüber zum nördlichen Teil Aalborgs, auf die "schäl Sick", wie man bei uns zu sagen pflegt. Der Gang über die Brücke ist dann aber auch das Beste, was Aalborg noch zu bieten hat. Segelboote kreuzen unter mir (Wer hat eigentlich um diese frühe Uhrzeit schon die Zeit und Möglichkeit dazu? Ach so, es gibt ja Rentner...), die Viking 2 liegt wie ein dicker Mops am Kai und verdeckt mit ihrer Größe die gesamte Skyline der Altstadt inkl. Dom. 


Doch dann wird es öde. Kilometerlang geht es an Industrieanlagen, langweiligen Vorortssiedlungen, Bürohäusern und Gewerbegebieten vorbei und ich frage mich manchmal: "Warum steigst du nicht einfach in einen Bus ein?" Und ich glaube, würden Bus und ich bei einer Haltestelle zufällig aufeinanderstoßen, würde ich einsteigen. So spiele ich dieses Spiel: Entweder der Zufall will es oder du gehst! - Der Zufall will es nicht. 


So habe ich bereits 15 km hinter mir, als es um mich herum wieder grün wird. Gerastet habe ich bisher noch nicht. Dazu brauche ich angenehme Umgebung und die könnte jetzt kommen. Wie ein riesiger Maulwurfshügel liegt mitten in einem absolut flachen Umfeld der Hammer Bakken, eine mit Wald und Heide bewachsene ehemalige Eiszeitmoräne, wo Wege und Pfade über Hügel und durch Täler ihre Bahnen ziehen und ich schon sehr genau auf die Markierungen achten muss, damit ich mich nicht verlaufe. Es ist so schön, hier herzugehen, nach jeder Kurve etwas anderes zu sehen, Harz und Blumen zu riechen, die Vögel zu hören, im Schatten des Waldes die Kühle zu spüren und dann in der Wärme eine Wiese zu überqueren, dass ich meine angedachte Rast einfach vergesse.


Erst bei der Hammer Kirke, die mit ihrem wunderschön gepflegten Friedhof mitten im Wald liegt und wo mein geschultes Auge sofort die Bank erblickt, die in der Sonne an der Kirchenwand steht, wird mir mein Pausenbedürfnis wieder deutlich und ich lasse mich - mit einem wonnigen Stöhnen - auf ihr nieder. Nur zwei Dinge stören: Die Kirche ist verschlossen und zwei Friedhofsarbeiter sitzen auf ihrem Minibagger und blicken so teilnahmslos, wie man nur teilnahmslos blicken kann. Da bin ich von Friedhofsarbeiterinnen anderes gewohnt, meine Herren! 


Ich genieße die Zeit auf der Bank, aber nach etwa zehn Minuten muss ich weiter. Es wird mir vor der wärmereflektierenden Kirchenwand eindeutig zu warm, ich brauche meinen "Fahrtwind". Ich nutze noch die angenehme Randerscheinung aller Friedhöfe, nämlich dass es auch hier an mindestens einer "Zapfstelle" herrlich kaltes Wasser gibt, fülle mir meine Flasche damit ab und ziehe weiter. 


Eine Viertelstunde später gehe ich wieder durch absolut flaches Land, der Hammer Bakken liegt hinter mir. "Flaches Land" gleich lange Straßen, Raps, (inzwischen) wogende Getreidefelder, Bauern mit ihren Traktoren, Raps, Getreidefelder, Hofzufahrten, Windräder, gemähte Wiesen, große Höfe, Raps, Kühe, Getreidefelder, Pferde, Wiesen etc.
Einer dieser Höfe - nach einer langen Hofzufahrt, inmitten großer gemähter Wiesen und einer Kuhherde auf der Weide hinter dem Hof - ist meine Unterkunft heute: B&B Kraghede. 


Niemand ist zu Hause, aber die Tür ist nicht abgeschlossen. Ich kenne das inzwischen. Man darf eintreten, wenn man angemeldet ist. Ein Zettel klebt im Türrahmen: "Hej, Reinhard! My very welcome! Feel at home! I'm back at 5 pm. Your room is No. 1. Feel free to make a coffee or tea in the kitchen! See you soon!" Genau so mach ich es - und dann ein Nickerchen... Der Tag war lang!




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Kommentare: 4
  • #1

    Lore (Donnerstag, 25 Mai 2017 00:12)

    Hi Reinhard,
    irgendwie kann ich Deine Eindrücke dieses Tages besonders mitfühlen.
    LG
    Lore

  • #2

    Peter (Donnerstag, 25 Mai 2017 00:52)

    LlD = Lore liebt Dich

  • #3

    Guido (Donnerstag, 25 Mai 2017 07:46)

    "Feel free to make a coffee or tea in the kitchen! See you soon!" Genau so mach ich es - und dann ein Nickerchen..."
    ...aber vorher sicher noch was aus der Prinzenrolle zum Kaffee/Tee...? ;-)

  • #4

    Lore (Donnerstag, 25 Mai 2017 11:16)

    MEIN Peter machte mich gerade auf den 2. Kommentar aufmerksam.
    Es ist nicht SEIN Kommentar, er ist von einem anderen Peter oder von jemandem, der sich jetzt mal gerade Peter nennt.

    Lore