Schaum in den Mundwinkeln

Beim Wachwerden um 6.15 Uhr scheint mir die Sonne schon direkt ins Gesicht. Eigentlich könnte ich aufstehen, aber Frühstück gibt es erst um 8 Uhr. Also nochmal rumdrehen, Schäfchen zählen..., Schäfchen zä..., Schäfch... - der Wecker klingelt, es ist 7.30 Uhr, jetzt darf ich! Kurz nach dem Frühstück schon der erste Vatertagsgruß aus der Heimat. Sohn Florian macht in aller Frühe mit seiner Tochter eine Radtour. Von der ersten Raststation auf einer Bank in unserem nahegelegenen Naturschutzgebiet schickt er ein Foto. Hach, ich liebe sie, alle meine Kinder und Enkelkinder, welch ein Reichtum! 


Erinnerungen an dieses Naturschutzgebiet in der alten Siegschleife kommen in mir hoch. Vier Hektar Feuchtwiesen hatte ich zu pflegen, dazu eine alte Streuobstwiese mit über 30 Bäumen. Mit einem Balkenmäher bin ich Reihen rauf und runter marschiert, um alles zu mähen. Ein Trecker durfte auf die Fläche nicht drauf, wäre auch stellenweise eingesunken. Nach dem Mähen dann alles mit der Hand zusammenrechen, Kilometer kamen da zusammen. Je nach Alter und körperlichem Vermögen haben die Kinder auch mal die Rechen geschwungen, natürlich mit "größter Begeisterung". Eine Zeit lang war dieses Naturschutzgebiet mein Garten, immer noch ist es Anlaufstation bei Spaziergängen, wenn die Familie mal zusammen ist, und oft heißt es dann "Weißt du noch... ?" Bestimmt hat Florian seiner Amelie heute Morgen bei der Rast auch davon erzählt. Das Naturschutzgebiet war und ist ein Stück Familienleben.


Die langen Reihen geschnittenen Grases, die ich auf den ersten Kilometern bis Orum vor mir ausgebreitet sehe, möchte ich allerdings nicht mit der Hand zusammenrechen müssen. Hier haben schon die landwirtschaftlichen Maschinen genug zu tun. Aber erst muss die Sonne ihren Teil der Arbeit leisten und alles trocknen. Auch etwas Wind ist gefordert. Auch hier wieder die Erinnerung: Beim Heumachen für unsere Pferde musste alles klappen. Das Wetter musste passen, mindestens drei Tage, besser vier Tage mussten vom Mähen bis zum Einbringen verlässlich trocken und am besten sonnig sein. Zum selben Zeitpunkt mussten aber auch all diejenigen, die uns mit ihren Maschinen, Hängern und Treckern dabei halfen, zur Verfügung stehen. Wurden die Ballen gepresst und anschließend eingebracht, musste alles ran, was Arme und Beine hatte. Freibad war gestrichen. Und wehe ein Gewitter zog auf... , dann aber Knallgas! Was einem so unterwegs nicht alles wieder einfällt.


Bezüglich des Wetters brauchen sich die Bauern im Moment hier keine Sorgen zu machen, aber für mich meint es die Sonne fast zu gut. Aber nein, ich sollte mich nicht beklagen. Ich weiß ja fast nicht mehr, wie das Wort für dieses vom Himmel fallende Wasser heißt, geschweige denn geschrieben wird. Wie lange mag das noch gutgehen? Selbst für die ersten Tage in Norwegen sagt der Wetterbericht meines Vertrauens keine Veränderungen an der gegenwärtigen Wetterlage voraus. Ja, immer mehr denke ich jetzt schon an Norwegen. Drei Tage nur noch werde ich in Dänemark unterwegs sein, dann ist eine wunderbare Zeit auf dem Heerweg zu Ende. Vor allem beschäftigt mich die Sorge, ob ich morgen das Paket mit meinem Rucksack und noch einigen anderen wichtigen Ausrüstungsgegenständen, das Anni vor ein paar Tagen Richtung Saeby aufgegeben hat, in der Jugendherberge von Saeby auch ja in Empfang nehmen kann. Wenn nicht, sehe ich lecker alt aus. Ich will gar nicht darüber nachdenken...


Im kleinen Ort Orum zieht es mich direkt wieder in die kleine Kirche. Ich mag diese kleinen Kirchen eher als die Kathedralen. Mit den großen Kirchen sollte geistliche Macht gezeigt werden, das Volk sollte sich vor diesem Prunk ducken und klein gehalten werden. In den kleinen Kirchen war das Volk seinem Gott näher. Ich betrete die Kirche durch das "Waffenhaus", diesem seitlichen Anbau, durch den die Männer früher die Kirche betraten und ihre Waffen ablegen mussten. Das einzige, was ich hier "ablege", ist mein Wheelie. Zu meiner Freude liegt auf einem Tisch ein Pilgerstempel griffbereit. Na also, es gibt sie also doch noch in der ein oder anderen Kirche. Neben dem Stempel liegt ein Zettel, auf dem die Gemeinde zur Teilnahme an einer Himmelfahrts-Pilgerwanderung eingeladen wird. Ich glaube, das kann ich so dem Dänischen entnehmen. Um 9 Uhr wollte man sich vor der Kirche treffen und ich gehe davon aus, dass das geklappt hat. Jedenfalls scheint jemand seinen kleinen Rucksack mit Verpflegung, der hier neben dem Tisch steht, vergessen zu haben. Dann wird eben christlich (oder brüderlich?) geteilt, keiner soll darben. Weiter drinnen eine kleine Besonderheit: Die spätromanische Orum Kirke hat ein großes romanisches Granittaufbecken. Neben zierlich gehauenen Arkaden und Friesen hat ihr Erschaffer seine Signatur mit einer Runeninschrift hinterlassen: "Nikolaus hat mich gemacht". Ich nehme an, die geraden und schrägen Striche, die ich ganz unten sehe, sind die Runen. Lesen kann ich natürlich nix!


Im nächsten Ort Klokkerholm die nächste ähnlich kleine Kirche, Hallevard Kirke. Neben der Bank am Waffenhaus, die selbstverständlich wieder meine Sonnen-Rastbank ist, liegt ein romanischer Grabstein mit dem Text: "Tyge starb am 5. April". Ein Kreuz und ein Schwert könnten andeuten, dass Tyge ein Kreuzritter gewesen ist. Also das Schwert kann ich so gerade noch ausmachen, bei der Todesanzeige hört es aber schon wieder auf. Woher ich von ihr überhaupt weiß? Steht in dem kleinen Faltblatt auf dem Tisch im Waffenhaus, sogar auf Englisch. Und neben dem Faltblatt liegt sogar der nächste Pilgerstempel. Donnerwetter! 


An weiten, hügeligen Feldern entlang ziehe ich weiter, genieße diesen (mal wieder) sonnigen Tag, lasse mich einfach treiben, merke meine Füße kaum, nur den leichten Wind und die Wärme der Sonne in meinem Gesicht. Mehrere Lerchen scheinen einen internen Gesangswettkampf zu veranstalten und ein Kuckuck gibt wohl aus der riesigen Kastanie, die sich etwa hundert Meter von der Straße entfernt aus der Wiese erhebt, die Bewertung dazu ab.


Auf einem erhöhten Standort direkt neben der Straße wiedermal Hügelgräber, Kvindberg Hoje. Gleich eine Anzahl von acht dieser Grabhügel liegen wie an einer Perlenkette aufgeschnürt hintereinander. Bei einer von ihnen kann man mit einiger Fantasie eine ehemals tiefe Schneise erkennen, die von einer Schatzsuche 1873/74 stammen soll, wo zwei Personen beim Einsturz des gegrabenen Schachtes ums Leben kamen. Von einem der Hügel geht mein Blick hinüber zur Jyske As, was "jütländischer Landrücken" bedeutet, obwohl man auch bei dem zweiten Teil des Wortpaares eine andere Erklärung vermuten könnte.


Jyske As ist die letzte Eiszeitmoräne, die ich noch überwinden muss, bevor es morgen an die dänische Ostküste geht. Mit tiefen Schluchten, hohen Hügeln und Wäldern schlängelt sie sich als 28 km langer Höhenzug durch die Landschaft und erhebt sich an manchen Stellen mehr als 100 Meter über dem Meeresspiegel. Für Dänemark eine ganze Menge.
Ohne große Anstrengungen gehe ich aufwärts, spüre wieder die Kühle des Waldes, Baumwurzeln lassen meinen Wheelie schaukeln und die Vögel scheinen mich anzufeuern. Ab und zu geben Lücken im Wald weite Blicke frei, dorthin, wo ich herkomme und wo ich morgen noch hin will - und plötzlich stehe ich bei einer Waldlichtung vor meiner Pilgerherberge Lunken. Wie mir bei meiner telefonischen Anfrage vor ein paar Tagen bereits mitgeteilt wurde, ist die Tür verschlossen, doch die Telefonnummer einer Ansprechperson steht mal wieder auf einem Zettel, der an der Glasscheibe der Tür klebt. Also alles kein Problem, denke ich.


Oh doch! Eine geschlagene Dreiviertelstunde renne ich draußen rum, um einen ausreichenden Empfang zu erhaschen. Es gelingt mir schließlich auf dem Angelsteg am gegenüberliegenden Ufer des benachbarten Teiches. Nur dort toben sich gerade Myriaden von Mücken aus. Mir gelingt zwar endlich eine Verbindung zu einer Dame, die mir verspricht, in wenigen Minuten vorbeizukommen, dafür habe ich aber auch mindestens zehn Mückenstiche an den Händen und im Gesicht. Vielleicht sendet mir der Hl. St. Olaf aber auch nur schon mal einen kleinen Vorgeschmack auf Norwegen. 


Nach zehn Minuten kommt die Dame mit dem Schlüssel, begleitet von ihrem Mann. Ich hoffe, dieser hat den Wagen gefahren, denn sie ist - sternhagelvoll. Ich versuche ihr nicht zu nahe zu treten, denn sonst droht mir allein von ihrer Fahne noch das gleiche Schicksal. Sie schafft es aber immerhin - nachdem ihr Mann die Tür aufgeschlossen hat - mir mitzuteilen, dass ich in diesem Jahr der erste Pilgergast sei und bisher also noch niemand hier gewesen sei. Das rieche ich auch, als mir die muffig, klamm-feuchte Luft von drinnen entgegenschlägt. Und das in meiner letzten Pilgerherberge auf dänischem Boden! 


Was aber noch nicht alles ist. Es gäbe noch kein Wasser, das müsste ich mir nebenan im Gebäude der Naturschule holen, die Toilette sei da immer auf. - Ah ha, also gibt es hier in der Toilette auch kein Wasser!? - Nein! - Das heißt, Duschen geht auch nicht!? - Nein! - Ruhig, Reinhard, ganz ruhig! - Wir haben hier aber einen Ofen, da können Sie Holz verbrennen! - Und wo ist das Holz? - Unten am See ist etwas gestapelt! - Ich soll nochmal zu den Mücken? Never, lieber friere ich! Aber so richtig, Decken sehe ich nämlich keine. 


Madame Alkoholika überreicht mir den Schlüssel und bittet mich, ihn morgen nach dem Abschließen bei ihr zu Hause vorbeizubringen. - Und wo ist das bitte? (Bei mir bildet sich Schaum in den Mundwinkeln!) - Einen Kilometer da vorne die Straße runter! (Verzögerter Augenaufschlag) - Ggrrrrmmmpppff (Höchste Beherrschung!) - Das bedeutet für mich einen Kilometer hin und einen zurück, denn Ihr Haus liegt für mich am Weg. - Ja! - Der Ehemann merkt anscheinend, wie mir ganz langsam der kalte Wutschweiß ausbricht, und erklärt sich schnell bereit, den Schlüssel morgen früh hier abzuholen. - Macht hundert Kronen!, nuschelt Frau Spirituosa. (In allen Pilgerherbergen kostet es 100 Kronen, ABER HIER???) - Ihr Mann formuliert mit den Lippen ein "Fifty" und ich gebe sie ihm. Ich habe immerhin eine Matratze in einem kleinen Raum.


Ich stehe nun in der Herberge und will das irgendwie nicht fassen. Locker atmen, Junge, bringt nix! Ich beziehe das Zimmer, packe meine Sachen aus und überlege, wie ich am besten überlebe. Zunächst mal mit einem guten Kaffee! Verdammt, dazu muss ich ja das Wasser aus dem Toilettenraum von nebenan holen. Ich hole gleich die große und die kleine Flasche voll, ich werde viel Warmes zu trinken brauchen. Einen Wasserkocher gibt es in der Küche auch nicht, also nehme ich den kleinen Kochtopf, schütte Wasser rein, stelle den Kochtopf auf die Herdplatte, drehe den Schalter. Ich gehe zurück ins Zimmer und breite schon mal alle Schlafsäcke, die ich dabei habe, auf der Matratze aus. Jetzt müsste das Wasser kochen... Häää??? Es ist genauso kalt wie vorher. Ganz hinten in meinem Kopf kommt eine leise Ahnung auf... Ich fasse auf die Herdplatte... eiskalt. Ich drehe den Lichtschalter. Nix! Gleicher Versuch im sog. Aufenthaltsraum (der mit dem Ofen). Nothing! Ich rase in mein Zimmer. Niente! Die Lampe bleibt dunkel. Ich habe hier nicht nur kein Wasser, sondern auch keinen Strom!!! 
So, ich gehe jetzt erstmal an meinen Rucksack und schnappe mir die Prinzenrolle. Süßes beruhigt! Dann gehe ich wieder runter an den Teich zu den Mücken und bitte am Telefon, DOCH BITTE mal nach dem Strom zu sehen. Eine Viertelstunde später ist der Ehemann da und ich bin um weitere fünf Mückenstiche reicher. In einem abgeschlossenen Raum dreht er die Sicherung rein und gibt mir wortlos auch die 50 Kronen zurück. "Bis morgen früh um 8.30 Uhr", sagt er nur mit einem Achselzucken, "ich hole dann den Schlüssel ab." Der nachfolgende Kaffee schmeckt, aber ich hätte jetzt auch einen Schnaps getrunken! 




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Kommentare: 3
  • #1

    Die Pilgertochter (Donnerstag, 25 Mai 2017 23:10)

    Puh! Da sag ich mal "Happy Vatertag!"
    ... aber welches Paket??

  • #2

    Renate (Freitag, 26 Mai 2017 10:06)

    Hallo Reinhard, wir sitzen hier in unserer FeWo beim Frühstück und bin voll des Mitleids. Wir sind bestens ausgestattet und es tut mir echt leid, dass sich Dänemark so unfreundlich von dir verabschiedet.
    Mal ganz ehrlich:
    Die zweiten, dritten und vierten Pilger werden es aber bestimmt auch nicht viel geordneter vorfinden.....
    Wo das Geld vermutlich hochprozentig angelegt wird....
    Herzliche Grüße aus dem Münsterland
    Renate und Christoph

  • #3

    Der Kronprinz (Dienstag, 20 Juni 2017 10:26)

    Also zunächst mal möchte ich korrigieren: wir haben nicht "hin und wieder" im Naturschutz Gebiet verbracht, sondern dort tagelang verfolgt von Bremsen geschmachtet! ☝�
    Was die Unterkunft angeht, sieh es einfach so: wieder 100 Kronen gespart...!