Rucksack angekommen!

Meine beiden Pilgerherbergen-Beauftragten kommen tatsächlich einigermaßen pünktlich, um sich den Herbergsschlüssel wieder abzuholen. Er spricht mit mir, sie hält sich stark im Hintergrund, weil sie offensichtlich nach dem Zähneputzen wieder mit Wodka gegurgelt hat. Was sie sich nicht verkneifen kann, ist die deutliche Ermahnung, dass ich für den weiteren Weg doch lieber die Radroute nehmen sollte, denn mit meinem... (Fingerzeig auf meinen Wheelie) käme ich wohl auf der Wanderroute nicht weit. Er ergänzt brav, auf der Wanderroute ginge es wirklich schwer rauf und runter und der Weg sei manchmal vielleicht nicht breit genug und alles wäre wohl zu anstrengend für mich ... und überhaupt. Ich antworte zwar, dass ich noch drüber nachdenke, weiß aber schon, dass ich die Radroute gar nicht nehmen kann, da sie auf Frederikshavn zuhält und nicht auf Saeby. Ich muss aber nach Saeby, weil da ein Bett und vor allem mein Paket in der Jugendherberge auf mich warten. Der Strom wird wieder abgestellt, lüften ist auch nicht nötig, der nächste Pilger wird seine Freude haben.


In gewisser Hinsicht hatten die beiden Recht. Der Weg für die nächsten zwei Stunden ist so anstrengend wie keiner vorher in Dänemark: Schluchten hinauf und hinunter, Hangwege mit Baumwurzeln durchsetzt, die kaum für zwei Wheelieräder Platz bieten, Matsch und sumpfige Feuchtwiesen, Holzgatter auf und zu, Treppen rauf und runter. Es waren aber auch die schönsten zwei Wegstunden in Dänemark: eine fast verwunschene Atmosphäre in einem schattigen Wald, wo nur manchmal die Sonne bis auf den Waldboden durchkommt, Baumwurzeln, die an Trolle erinnern, vermooste Baumstümpfe, große Farne, Schlingpflanzen an den Baumstämmen, ein gurgelnder Bach, über den manchmal schmalste Brücken ohne Geländer hinwegführen, Bohlenstege, die vor dem Versinken im Matsch helfen, schräg einfallende Sonnenstrahlen und Vogelgesang über Vogelgesang. Ich keuche und schwitze, habe aber meine Freude an diesem Stück Natur. Mein Wheelie rumpelt und ächzt hinter mir und was er denkt, kann ich nur vermuten: "Jetzt macht der auf den letzten Metern in Dänemark noch so'n Mist mit mir!"


Erst beim Gut Ormholt Hovedgard, das im Mittelalter dem Bischof von Borglum gehörte und als Gutshof mit besonderen Privilegien an der Ochsenzucht verdiente, lege ich am Hang des Gutsteiches relativ platt eine Rast ein. Sie fällt länger aus als sonst. Nicht weil ich etwas mehr Erholung als sonst brauche, sondern weil mich ein kleines Schauspiel auf dem Teich erfreut. 


Ein Schwanenpaar ist mit seinen acht Jungen mitten auf dem See unterwegs. Während sich die Mutter rührend um sieben Junge kümmert, die sich kaum von ihr wegbewegen und der Vater sich mehr um das Globale kümmert, wie viele Väter dieser Welt, reißt ein Junges permanent aus und erkundet die Welt. Dann paddelt Papa doch mal hinterher, fängt es wieder ein und spricht wohl ein paar warme Worte ("Wir sind doch eine Gemeinschaft, Kind!"). In einem unbeobachteten Moment ist der Lausebengel aber wieder weg, mal sehen, was im hohen Schilf so los ist. Es dauert keine Minute, da kommt er so laut piepsend, wie er es eben erst kann, aus dem Schilf wieder rausgeschossen, verfolgt von einem Entenpaar, das ihm laut quakend auf den Fersen bleibt. Kurz darauf kommt eine "Perlenkette" von sieben Entenküken ebenfalls aus dem Schilf umd schimpft wahrscheinlich (für mich nicht hörbar) hinter dem Zankapfel her: "Jetzt haben es dir unsere Eltern aber mal gegeben, Kevin!" Natürlich kann sich das der Schwanenvater nicht bieten lassen und jagt die ganze Entenfamilie zurück ins Schilf. Ja und was ist mit Kevin? Der kommt wieder ungeschoren davon...!


Ich hätte noch länger sitzenbleiben können, aber ich habe noch 15 km vor mir, und das bei Temperaturen, die jetzt immer weiter ansteigen. Ich will bzw. ich sollte bei solch einer Hitze nicht zu schnell gehen, auch wenn mir das nicht leichtfällt. Es geht wieder an Straßen entlang, die ganze Zeit über. Liegt eine Straßenhälfte im Schatten, kann man es aushalten, nur leider gibt es ausgerechnet heute in der zweiten Tageshälfte kaum Bäume, die Schatten werfen könnten. So trabe ich denn dahin, lasse den Schweiß fließen, trinke mehr als sonst, was für meinen Wasservorrat nicht schlimm ist, weiß ich doch, dass ich noch zwei Mal an einer Kirche mit Friedhof vorbeikomme und da gibt es ja immer frisches Wasser.


In Horby fährt ein vollbepacktes Motorrad an mir vorbei, dreht, kommt wieder zurück umd hält vor mir an. Der Biker möchte sich einfach nur mit mir unterhalten. Der Impuls ging mal wieder von meinem Wheelie aus. Was er alles von mir wissen will, ist klar. Das habe ich schon oft genug gehabt. Mindestens genauso interessant aber ist, was der ungefähr 40-jährige Franzose vorhat. Er kommt aus der Nähe von Lyon, will gleich von Frederikshavn aus nach Göteborg übersetzen und dann weiter bis zu den Lofoten fahren. Anschließend möchte er über Finnland, die baltischen Länder, Polen und Berlin wieder zurück in die Heimat. Bis September hat er sich eine Auszeit genommen und knattert jetzt durch Europa. Herrlich!


Je näher ich Saeby komme, desto mehr muss ich an mein Paket mit meinem Rucksack u.a. denken. Wird es da sein oder nicht? Ich brauche den Rucksack einfach in Norwegen! Aber wie komme ich an ihn dran, wenn er noch nicht angekommen ist? Meine Fähre fährt übermorgen! Ich weigere mich aber auch, über einen Plan B überhaupt nachzudenken. 


Als ich in der Jugendherberge an der Rezeption stehe, strahlt mich hinter der Theke Björn (so steht es auf seinem Namensschild am Hemd) an und ruft mir zu: "Für dich habe ich glaub ich was!" Ich bin wahrscheinlich heute - oder auch nach langer Zeit - der erste Wanderer, und für den heute angemeldeten Wanderer ist das Paket bestimmt, das er nun... naaa... naaa... jaaa... aus dem Zimmer nebenan herausholt und mir auf die Theke knallt. Bingo! Er trägt es mir sogar, zusammen mit meiner Bettwäsche, die Treppe zu meinem Zimmer rauf. Na, das lässt sich doch ganz anders an als gestern.


Sogar das Wasser funktioniert hier. Ich habe eine Glückssträhne! Ich dusche besonders ausgiebig. Zum heutigen Schweiß kommt ja noch die Kruste vom gestrigen hinzu. Jetzt, wo alle Voraussetzungen für eine gute Fortsetzung meiner Wanderung gegeben sind, gehen mir die Pilger-Erkenntnisse vom Jakobsweg und von meinem Weg nach Rom auf der Via Francigena so durch den Kopf, die ich mir jetzt wieder, wo ich bald wahrscheinlich auf mehr Pilger treffen werde, zu eigen machen muss. 

1. Nie zu viele Kilometer gehen, nie übertreiben.

2. Ein gut sortierter Rucksack verhindert langes Suchen.

3. Immer schön die Stempel für den Pilgerpass abholen. 

4. Genügend Pausen am Tag machen - der Körper dankt es einem.

5. Da die Sonne in Norwegen lange scheint - nicht hetzen, es bleibt hell, auch wenn man schlafen will.

6. Grüße jeden freundlich, der dir begegnet - es ist so schön, wenn dir ein Lächeln geschenkt wird.

7. Supermärkte sind extrem wichtig - immer frühzeitig für ausreichend Proviant sorgen.

8. Pilger reden manchmal viel. Einige zu viel, andere zu wenig, wieder andere nur von sich selbst.

9. Die Füße sind immer Thema. Geht's ihnen gut oder schlecht? Wer hat wie viele Blasen und was war am besten, sie wieder loszuwerden.

10. Die Hauptthemen des Pilgers sind: das Wetter, Essen, wo gibt's den nächsten Supermarkt? Dann weiter Füße und sonstige Beschwerden und Auas. Und ganz wichtig: Wer sind die anderen Pilger? Wer hat wen schon getroffen und wo könnte er oder sie nun sein? Vor uns? Hinter uns? Will man ihn treffen oder lieber einen Zahn zulegen?

11. Hat man eine Herberge erreicht, ist der erste Gang zum Bett. Ist die Matratze ok? Zweiter Gang in die Küche. Was gibt's Leckeres in den Schränken - leider sind sie oft leer. Dritter Gang ist ins Bad und zum Klo. Ok? Oder bähh? Licht anlassen beim Duschen oder lieber "Ich will's nicht so genau sehen". Vierter Gang, richtiges Begrüßen der anderen Pilger - vorher muss ein Hej reichen.


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Kommentare: 1
  • #1

    Helmut (Samstag, 27 Mai 2017 00:29)

    11 wichtige Themen - aber wo bleibt ein gutes Wort für Michelle? Ich werde auch nicht mehr versuchen, zusätzliche Spender zu finden -es reicht wohl!