Dänemark: Check!!!

Der letzte Tag auf meinem Weg durch Dänemark fängt gut an. Zunächst das Wetter: allererste Sahne! Ich kann schon im Hemd vom Nebengebäude, wo ich untergebracht war, ins Haupthaus zum Frühstück gehen, morgens um 7.30 Uhr. Beim Verzehren der frischen Brötchen sitzt der Herbergsvater neben mir, und nachdem wir bereits gestern bei meiner Anmeldung eine Zeit lang über meine Tour gesprochen haben, möchte er jetzt nochmal alles ganz genau wissen. Dabei kommt auch die Spendenaktion für Michelle zur Sprache und er zeigt sich sichtlich betroffen. Als ich unmittelbar vor meinem Abmarsch zum Bezahlen in die Rezeption komme, erlässt er mir das Geld für das Frühstück - und für die ausgeliehene Bettwäsche. "Mein kleiner Beitrag für Michelle!", sagt er mit einem Lächeln. So klein ist dieser Beitrag nicht, er hat immerhin einen Gegenwert von etwa 15 €.


Mein Wheelie ist heute etwas schwerer. Meinen Rucksack habe ich ihm auf den Rücken geschnallt und den restlichen Inhalt des Pakets zusätzlich in seinem Inneren verstaut. Ich glaube, so recht weiß er jetzt nicht, was das soll. Eigentlich müsste ich jetzt nochmal drei Kilometer denselben Weg von gestern zurückgehen, um wieder auf den Heerweg zu kommen, aber das geht mir fürchterlich gegen den Strich. Denn erstens mag ich so Doppelbegehungen überhaupt nicht, zweitens hätte ich von Saeby nicht mehr gesehen als die Jugendherberge und drittens möchte ich gerne - und wenn es nur für ein paar Kilometer sind - ans Ostseewasser. Also Karte ansehen - umdenken - machen! 


Viele dieser nicht allzu großen Städte an Dänemarks Küsten sind ähnlich: gepflegte Wohngebiete mit flatternden Nationalfahnen, überschaubare Einkaufszonen, je näher man dem Wasser kommt die kleineren Gassen und ehemalige Fischerhäuschen, der Sportseglerhafen und dann der Strand. Genau diese Reihenfolge durchlaufe ich und von allem Aufgezählten ist der Strand am schönsten. 

Genauer gesagt: die Strandpromenade. So nennt sich jedenfalls der mit Betonplatten ausgelegte schmale Weg hinter den kleinen Dünen, der sich eine Weile zwischen Wasser und weißem Strand und den Campingplätzen und Ferienhaus-Parks entlangzieht. Wie herrlich bei diesem tiefblauen Himmel, der ruhigen See, bei im Sand spielenden Kindern, Spaziergängern und Radfahrern, die fast alle ein Lächeln im Gesicht haben. Viele Menschen sitzen noch beim Frühstück auf den Terrassen ihrer Ferienhäuser oder vor ihren Wohnwagen, Hunde tollen auf den Wiesen herum und einige Väter spielen auf dem Strand mit ihren Söhnen Fußball. 


Die Stimmung ist entspannt, noch nie haben mich so viele Menschen auf einem sechs Kilometer langen Abschnitt angesprochen. Natürlich immer auf Dänisch, sobald ich sie aber bitte, sich um etwas Englisch zu bemühen, klappt das Frage- und Antwortspiel ganz hervorragend. Eine Frau um Mitte 40 strahlt mich schon von Weitem an: "Ist das herrlich heute? Gerade jetzt, wo es noch so ruhig hier ist?" Und dann platzt es nahezu aus ihr heraus: "Meine Mutter heiratet heute!! Und sie ist 73 Jahre alt! Mein Vater ist vor fünf Jahren gestorben und jetzt will sie einen ganz lieben Mann heiraten. Wir sind alle so glücķlich darüber. Heute gibt es eine ganz tolle Party! Und das bei solch einem Wetter!" Ehe ich mich versehe fällt sie mir um den Hals und tanzt dann weiter die Promenade hinunter. Ich glaube, so etwas nennt man glücklich.


Wanderzeichen weisen aus, dass ich hier immer weiter bis Frederikshavn am Strand entlang gehen könnte, aber das geht nicht. Für die letzten Kilometer gehöre ich zurück auf den Heerweg, das ist Ehrensache. Durch ganz Dänemark hat er mich geführt. Okay, ich gebe zu, unterwegs habe ich ihn auch mal verlassen, um kurzfristig - ich sag es mal, wie ich es sehe - sinnvollere Streckenverläufe zu nehmen, auch um Unterkünfte überhaupt erreichen zu können oder zwischen Wander- und Radvariante zu wechseln. Aber so war das auch früher: Es gab nicht den einen Heerweg, sondern mehrere nebeneinander, damit Ochsenherden sich überholen konnten, Pilger oder Händler diesen mal ausweichen konnten. Ich mache nichts, was früher nicht auch gemacht wurde.


Ich löse mich also vom Weg am Wasser entlang, überquere einen Campingplatz und steige einen Hügel hinauf, nochmal von Meereshöhe auf etwa 80 m üNN. Immer wieder drehe ich mich um und freue mich über den immer besser werdenden Ausblick auf den Kattegat. Nach einem Schwenk auf einen Höhenweg komme ich gar nicht mehr richtig voran. Immer wieder muss ich anhalten und zum Wasser hinuntersehen. Gerade hier erinnert mich Vieles an schöne Tage auf meinem Nordseeküstenweg in Schottland im vorigen Jahr. Blicke hinaus aufs Meer haben etwas Magisches.


Der Höhenweg geht immer noch leicht bergauf, aber dann stehe ich auf dem Oksnebjerg. "Oksne" ist eine alte Pluralform des dänischen Wortes für Ochse. Der Name "Oksnebjerg" legt also die Vermutung sehr nahe, dass die Anhöhe eine der Stellen war, an denen die Ochsen vor ihrer langen Reise auf dem Ochsen-/Heerweg zusammengetrieben wurden. Viele Gutshöfe und Herrensitze in dieser Gegend - wie auch in anderen Gebieten entlang dieser alten Route - entstanden einst aufgrund des Reichtums, den der Ochsenexport mit sich führte. Fantastisch ist die Aussicht, die sich hier in nahezu alle Richtungen bietet. Im Südosten sehe ich noch Saeby, im Osten die Insel Laeso, im Westen eine herrliche Hügellandschaft im Landesinneren und im Norden die Albaek Bucht und ganz hinten Skagen, da wo Dänemark wirklich zu Ende ist.


Am Beginn des schönen Tals der Bangsbo A steht ein Straßenschild: Frederikshavn 5 km. Eine Stunde noch, dann ist mein Weg durch Dänemark und auch der Heerweg für mich zu Ende. Doch die Stunde wird lang. Es ist sehr warm, nur drei Kilometer sind es durchs schattenlose Tal, die restlichen zwei durch ebenso schattenlose Wohngebiete. Doch dann sehe ich am Ende der Straße Schiffsrümpfe aufsteigen, dort muss der Hafen sein. Und ganz in der Nähe des Hafens und in unmittelbarer Nähe zum Fährableger der Stena-Line, keine drei Steinwürfe entfernt, steht mein kleines Hotel, das ich mir aus Ermangelung preisgünstigerer Möglichkeiten leisten musste. Am Fährableger ist auch die Touristen-Info, und genau dort an der Hauswand steht die erste Markierung für den Heerweg, für mich ist es die letzte. 


Mein kleines weißes Männlein..., treuer Gesell..., auf dich konnte ich mich jederzeit verlassen, du hast mich durch Jütland geführt, einen Weg entlang, von dem ich viel lernen konnte und der mir viel gezeigt hat. Die Landschaften waren bestimmt nicht spektakulär, aber genau richtig, um mich auf die zukünftigen Anforderungen auf dem Olavsweg vorzubereiten. Meine "Anreise" habe ich nach 1.276 km geschafft, jetzt beginnt der Hauptteil. Olav, ich komme!


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Kommentare: 1
  • #1

    Der Kronprinz (Dienstag, 20 Juni 2017 17:31)

    Stenaline - da werden Erinnerungen an Schweden wach. Gut 30 Jahre her...