Rüber nach Oslo!

Um 8 Uhr spaziere ich die etwa 700 m lange Gangway hinunter, die mich von der Touristeninformation in Frederikshavn bis zum Terminal der Stena-Line bringt. Am Ticketschalter ist gar nicht so viel los, wie ich vermutet hatte. Erst etwas später wird mir klar, dass sich hier nur die Fahrgäste aufhalten, die - wie ich - zu Fuß, mit dem Bus oder Zug nach Frederikshaven angereist sind oder ihren Wagen auf einem der Parkplätze der Stadt zurückgelassen haben. Die anderen sitzen alle in ihren Autos und warten darauf, auf die Fähre fahren zu dürfen.


Zwanzig Minuten nach Erhalt des Tickets bin ich auch schon auf der Fähre - was mich ein wenig wundert. Keine Gepäck-, keine Personenkontrolle! Ich erinnere mich noch an die Fährüberfahrt im letzten Jahr von Aberdeen auf die Shetland Inseln zum Beginn meiner langen Schottland-Tour. Da wurde das Gepäck noch einer sehr gewissenhaften Sicherheitskontrolle unterzogen. Was ja auch in Ordnung und in den heutigen Zeiten bestimmt sinnvoll ist. Wo liegt denn der gravierende Sicherheitsunterschied zwischen einem Flugzeug mit zweihundert Passagieren und einer Fähre mit mehr als doppelt so vielen? Nur eine Ausweiskontrolle erscheint mir da etwas wenig, ja sogar leichtsinnig.


Mein erster Weg führt mich an den Schalter des "Passenger-Service". Zunächst hätte ich noch gerne einen Stempel für meinen Pilgerpass. In Frederikshavn, dem Anfangs- bzw. Zielort des Heerweges, war nirgends ein Stempel aufzutreiben, noch nichtmal in der Tourist-Info, denn die hatte zu. Doch hier kriege ich einen. Und was für einen! Den größten der ganzen Tour. Dann möchte ich noch bitte meinen Wheelie irgendwo lagern. Den ganzen Tag mich mit ihm auf der Fähre zu bewegen, wäre ein wenig lästig. "Kein Problem, gleich nebenan ist ein kleiner Gepäckraum. Kostet allerdings 40 Kronen Lagergebühr." Bei umgerechneten ca. 5 € kann ich damit leben und Willi muss zu seinen Halbbrüdern, den Koffern. 


Dann ein erster Rundgang durch die Fähre: Salon, Cocktailbar, Disco, Spa, Sauna - mal sehen, wahrscheinlich eher nicht. Sonnendeck vielleicht auch nicht, jedenfalls vorerst nicht, denn es sind sehr dunkle Wolken aufgezogen und beim Auslaufen beginnt es auch zu regnen. Aber der Kapitän spricht bei seiner Begrüßung über Lautsprecher nur von vereinzelten Schauern und späterem Aufklaren. Selbstbedienungsrestaurant höchstwahrscheinlich, denn ich habe noch - in aller Bescheidenheit natürlich - ein paar Dänische Kronen auszugeben, außerdem das Ende des Heerwegs und den Beginn meiner Zeit in Norwegen zu feiern. Zum Schluss meiner Erkundungstour finde ich noch ein lauschiges und windgeschütztes Plätzchen mit Polstersesseln, also alles bestens. Ich hole mir noch einen Kaffee und die Überfahrt kann beginnen. 


Zwei Stunden lang sehe ich durch die Panoramascheibe dem Regen beim Regnen zu, dann klart es - wie angekündigt - wieder auf und der Himmel wird blau. Wie lange bzw. wie oft werde ich blauen Himmel über Norwegen erleben? Werde ich weiterhin mit ihm solches Glück haben wie in Deutschland und erst recht in Dänemark? Es kann auch anders kommen. In Berichten anderer Pilger habe ich schon von wochenlangem Dauerregen gelesen, sogar von Schneefall. Besonders in den Höhenlagen des Dovrefjells muss man selbst im Juni noch damit rechnen. Wie sind die Pilgerunterkünfte auf dem Olavsweg? Muss ich wieder mit kalten Abenden und Nächten rechnen oder doch mit uriger Behaglichkeit? Werde ich andere Pilger in diesen Herbergen antreffen oder muss ich mich wieder hauptsächlich mit mir selbst unterhalten? Wie anstrengend wird der Weg? Bin ich durch die lange "Anreise" ausreichend auf ihn vorbereitet? Sind Kleidung und Ausrüstung für die anstehenden Bedingungen richtig gewählt? Fragen über Fragen, aber die Antworten kann nur der Weg selbst bringen.


Die Pilgerroute des Olavsweges verläuft in der Nähe zur heutigen E6, der Verbindungsstrecke von Oslo zu den Lofoten und zum Nordkap. Er war schon früher der Weg des Volkes, der Post, der Könige, der Händler und der Pilger. In dieser Hinsicht unterscheidet er sich kaum vom Ochsen- oder Heerweg, nur dass hier keine Ochsen im großen Umfang getrieben wurden. Nidaros, das heutige Trondheim, war im Mittelalter ein bedeutsames Pilgerziel. Pilger aus ganz Europa pilgerten zum Wallfahrtsort, dem Dom zu Nidaros, um Buße zu tun, um Heilung zu erfahren, denn der Dom wurde auf dem Grab des heiligen Olav errichtet.

Wer war eigentlich dieser Olav, nach dem man einen Pilgerweg in Norwegen benannt hat. Nicht nur einen, sondern genau genommen DEN Pilgerweg in ganz Skandinavien. Wer war der Mann, dessen Name noch heute der am häufigsten vergebene Vorname in Skandinavien ist.


Olav II. Haraldson wurde im Jahr 995 geboren und entstammte dem wikingischen Königshaus des Harald Silberhaar (Ich finde, die hatten früher wirklich schöne Namen: Blauzahn, Silberhaar...). Nördlich von Kristiania, dem heutigen Oslo, wuchs er auf und ging schon in jungen Jahren auf die durchaus bekannten wikingischen Eroberungsfahrten. Warum, wie und wann Olav zum Christentum konvertierte, ist heute nur schwer nachvollziehbar, und so bemüht man die Sagen und Legenden um ihn, die allesamt von seiner Taufe im Rahmen einer Eroberungsfahrt im französischen Rouen ausgehen. Schon kurz danach kehrte er zur Thronbesteigung nach Norwegen zurück und brachte erstmals in der Geschichte des Landes katholische Bischöfe mit, ein sicheres Zeichen seiner Absichten. Mit seiner Inthronisierung hatte er sich die Christianisierung Norwegens zur Aufgabe gemacht. 

Aber nicht nur das macht Olavs Popularität im heutigen Norwegen aus, denn neben seinen vielen Missionsreisen durch das ganze Land gelang es ihm auch, das Land zu einen und zu vereinheitlichen, eine nationale Identität zu schaffen, den Weg von der Stammesgesellschaft zur Nation zu beschreiten. Ein steiniger Weg und nur der Anfang, wie sich später erst zeigte, denn der Widerstand gegen seine Herrschaft wuchs unter den Stammesfürsten schneller als seine Reformen griffen. Am Ende musste Olav fliehen und ging ins Exil nach Kiew. 1030 kehrte er zurück, um seinen Machtanspruch erneut geltend zu machen, fiel aber in der sagenumwobenen Schlacht von Stikklestad am 29. Juli desselben Jahres, dem Tag, an dem heute noch in Trondheim das Olavs- oder Nidarosfest gefeiert wird.


Seine Anhänger bargen den Leichnam vom Schlachtfeld und bestatteten ihn am Fluss Nidelven, der Stelle, an der später der Nidarosdom errichtet wurde. Es dauerte nicht lange bis von wundersamen Dingen berichtet wurde. Eine Sonnenfinsternis, die als göttlicher Zorn gedeutet wurde, spontanes Genesen schwer Erkrankter und die Heilung eines alten Leidens einer derer, die Olav getötet hatten und mit seinem Blut in Berührung gekommen waren. Der Weg zur Heiligsprechung war geebnet. Die Folge war eine ungeahnte Popularität Olavs. Ein wahrer Pilgerstrom setzte seinerzeit ein, ließ erst spät nach und verebbte schließlich, als im Zuge der Reformation das Pilgern zwischen 1537 und 1953 (!) unter Androhung von Strafe im protestantischen Norwegen verboten wurde.


Nicht alle Teile des Olavsweges entsprechen heute mehr genau den Routen, die die Pilger in all den Jahrhunderten zuvor zurückgelegt haben. Genau lässt sich heute über weite Strecken einfach nicht mehr nachvollziehen, wie der damalige Pilgerweg verlief. Einiges ist im Lauf der Jahrhunderte in Vergessenheit geraten, anderes hingegen genau dokumentiert und dort, wo der Wegverlauf eindeutig bestimmbar ist und heute auch noch benutzbar, geht man auf den Pfaden wie einst die Pioniere vor nunmehr fast tausend Jahren. Überall dort, wo es ging, benutzten sie die sogenannten "Tjodveien", die öffentlichen Wege, die heute nicht mehr in dieser Form bestehen, weil sie - entweder vergessen und nicht mehr benutzt - wieder zu Feldern oder Wiesen wurden oder aber weiter ausgebaut wurden und heute Bestandteil des modernen Straßennetzes sind.


Zuverlässig überliefert ist, dass es schon zu damaliger Zeit eine gewisse Dichte von Unterkünften am Weg gab: normale Herbergen, Gasthäuser und vor allem die Saelehuseter, die Glückshäuser, Herbergen der einfachsten Art und ohne jede Versorgung der Reisenden. Häuser dieser Art werden auch zum Teil meine Quartiere sein.


Wird vom Olavsweg gesprochen, ist in aller Regel der Hauptweg, der sogenannte Gudbrandstalweg gemeint. Dieser ist der längste der Olavswege in Süd-Nord-Richtung oder, wenn man so möchte, als Fortsetzung der Pilgerwege aus Dänemark und aus Schweden. Er beginnt in Oslo, führt später durch das romantische Gudbrandstal und folgt dem Lauf des Flusses Lagen über Ringebu, Vinstra und Otta. Dann durchquert er die weiten Hochebenen des Dovre Fjells und führt über Oppdal entlang der Orkla, um dann durch ausgedehnte Moore und Wälder in Trondheim zu enden.


So viel zur Einstimmung auf das, was in den nächsten Wochen vor mir liegt. Doch erstmal kommt jetzt Oslo. Sobald die Fähre in unmittelbarer Zentrumsnähe angelegt hat, werde ich in aller Ruhe zu meiner Unterkunft im Norden der Stadt schlendern. Vier-Bett-Zimmer in einem Hostel. Treffe ich hier schon auf andere Pilger? Man sagt aber, dass kaum ein Pilger vor Anfang Juni in den Olavsweg einsteigt. Werde ich also den meisten anderen Pilgern "vorauseilen"? 


Heute ist eigentlich mein dritter Ruhetag. Zur Ruhe gezwungen sozusagen. Morgen noch ein Tag in Oslo - und ich kenne mich, auch da werde ich einige Kilometer "machen". 


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Kommentare: 2
  • #1

    Guido (Sonntag, 28 Mai 2017 21:06)

    Dann wünsche ich einen schönen und vor allen Dingen sonnigen Tag in Oslo!

  • #2

    Sebastian (Montag, 29 Mai 2017 11:59)

    Dann viel Erfolg beim Start des letzten Abschnitts. Wenn es dann schwierig wird, bin ich ja dabei ;-)