Der König kommt! Der König kommt!

Im Anker Hostel hatte ich ein Bett in einem 4-Bett-Zimmer gebucht, war auch so schon teuer genug. Im Laufe des Abends, während ich mir meine Zeit mit dem Durchforsten meiner Sachen nach der Devise "Unbedingt nötig - überflüssig" und dann dem Umpacken vom Wheelie in meinen Rucksack vertreibe, beginne ich mit jeder Stunde, die es später wird, darauf zu hoffen, dass ich eventuell sogar alleine bleibe. Als um 22 Uhr immer noch keiner erscheint, bin ich mir sicher, dass ich auch diese Nacht wieder alleine bin. Um kurz nach Mitternacht lösche ich sehr zufrieden das Licht - und ich bin gerade eingeschlafen, da rumpelt es an der Tür. Das Licht geht an und es erscheint ein kleines weibliches Wesen, das nicht viel größer ist als sein Koffer. Unter leisen Selbstgesprächen, die eindeutig japanisch klingen, räumt sie ihren Koffer leer und bezieht ihr Bett. Dann kichert Madame Butterfly noch ein wenig am Handy, bis sie sich endlich bequemt, das Licht auszumachen.


Heute Morgen, als wir ziemlich gleichzeitig aufstehen, stellt sich heraus, dass sie Koreanerin und drei Wochen auf Europareise ist, schon in Belgien (Gent, Brügge, Brüssel) war und nach Oslo noch Prag, Wien und Rom besuchen möchte. Englisch spricht sie kaum, stattdessen lächelt sie viel. Die nächste Nacht werden wir auch noch zusammen verbringen.


Frühstück gibt es im Hostel nicht, und da meine Vorräte aufgebraucht sind und erst heute wieder aufgefrischt werden sollen, werde ich es machen wie auf dem Jakobsweg: Erstmal raus, draußen was suchen, wo es Kaffee und ein Baguette (oder so) gibt, dann sehen, wie es weitergeht. Auf dem Weg zum Pilgerzentrum werde ich schon was Passendes finden. - Ich finde nichts!


Das Pilgerzentrum ist für mich ein ganz wichtiger Anlaufpunkt, weil ich dort meinen Wheelie deponieren werde. Ich bin dort angemeldet und Pilgerpastor Jensen, der das Zentrum leitet, begrüßt mich im Hof, wo etliche neue Olavsweg-Markierungspfosten stehen, freundlich. "1997, also vor genau 20 Jahren", sagt er mir in gutem Deutsch, "hat unser Kronprinz Haakon den Olavsweg offiziell neu eröffnet. Dennoch haben wir, als streng protestantisches Land, vom Staat keine finanzielle Unterstützung zur Installation eines Pilgerweges bekommen. Jetzt, zum Jubiläum, hat er uns eine Millionen Kronen (ca. 120.000 €) zur Verfügung gestellt. Damit können wir u.a. unsere Wegmarkierung optimieren." Ich muss ihm gestehen, dass ich erst seit etwa zwei Jahren weiß, dass Trondheim - bzw. Nidaros, wie der damalige Name lautete - im Mittelalter unter Pilgern genauso bedeutend war wie Santiago de Compostela, Rom und Jerusalem. Das war eine überraschende, unbekannte Tatsache für mich, obwohl schon damals in der Schule Geschichte eins meiner Lieblingsfächer war, ich historische Romane mag und auf Reisen auch gerne durch Museen streife. "Die Reformation und andere Faktoren ließen den Olavsweg etwas in Vergessenheit geraten - bis ein Pilgertrend den Jakobsweg "zu voll" werden ließ und die Olympischen Spiele in Lillehammer den Tourismus in dieser Region mitten in Norwegen ankurbelten.", lacht Pastor Jensen mich an. "Und wir als Evangelische Kirche haben uns diesem Gedanken der Wieder-in-Wert-Setzung des alten Pilgerweges gerne angeschlossen und unterstützen ihn sehr aktiv."


Drinnen in seinem Büro, wo mein Wheelie die nächsten Wochen einen angemessenen Ehrenplatz erhält, fragt er mich, ob ich schon einen Pilgerpass habe (Natürlich!), ob ich einen der Pilgerführer habe (Noch natürlicher!), ob ich Kartenmaterial habe (Jau, jau!). Inzwischen sind zwei deutsche Pilgerinnen ebenfalls im Büro erschienen. Es wird gefragt, geantwortet, erklärt, gefachsimpelt. Als alles klar zu sein scheint, bietet uns Pastor Jensen seinen Pilgersegen an - und keiner von uns Dreien lehnt ihn ab. Mit einem kurzen Gebet, dem Vaterunser und den Irischen Segenswünschen schickt er uns auf den Weg, jeden auf seinen ganz eigenen.


Ich werfe Willi nochmal einen Blick zu, bevor ich das Büro von Pastor Jensen verlasse und bin sicher, dass es ihm die nächsten fünf Wochen hier gutgehen wird. Dann beginnt der zweite Teil des Tages. Nach einem Sandwich und einem großen Kaffee in einem Laden, von denen es dann doch alle fünfzig Meter in Oslo einen gibt, stürze ich mich ins touristische Getümmel. Nach vier Wochen dünnbesiedeltem Agrarland Dänemark, wird es hier für mich regelrecht körperlich eng. Alles drängt und verdrängt und fließt in Oslo und ist geschäftstüchtig und man schwimmt mit, man kann sich dem nicht entziehen, wird ohne es zu wollen zu einem Teil all dessen. Wie wohl in fast allen Metropolen dieser Welt.


Schwärme von Japanern (oder Koreanern?) stehen mit ihren Selfiestangen vor dem Schloss, staunen über die Wachablösung und hoffen wohl insgeheim, einen Blick auf den König werfen zu können. - Und jetzt kommt's! Sie können es tatsächlich! Und ich auch! Auf einmal greifen sich die Wachhabenden ans Ohr (da stecken wohl Kopfhörer!), Sicherheitsgorillas erscheinen aus dem mittlerenTorbogen des Schlosses, bitten die anwesenden Touristen energisch, eine Gasse freizumachen, ein dicker Mercedes bleibt kurz im Torbogen stehen, dann rollt er an, die Japaner fechten mit ihren Selfiestangen - und König Harald und Kronprinz Haakon rollen, huldvoll lächelnd und winkend, langsam an uns vorbei Richtung Stadt - ohne Polizeieskorte, nur noch mit einem Wagen (wahrscheinlich mit Sicherheitsleuten) im Gefolge. Ja, dass ich das nochmal erleben darf! Wahrscheinlich holen Opa und Papa jetzt die Kinder vom Kindergarten ab und Mama Mette Marit (wird die so geschrieben?) muss kochen.


Schön ist es, im immer wärmer werdenden Oslo die Prachtstraße vom Schloss hinunter in die Stadt zu laufen, teilweise eine schattenspendende Allee entlang, vorbei am Nationaltheater und der Universität. Am Weg zu den Hafenanlagen der Ausflugsschiffe bei Akerbrygge liegt das monumentale Rathaus, jedes Jahr im Dezember Schauplatz der Überreichung des Friedensnobelpreises. Natürlich lasse ich mir die Große Halle, wo das immer geschieht, auch nicht entgehen. 


Am norwegischen Parlament und am Hauptbahnhof vorbei komme ich letztlich zu einer erst in den letzten Jahren entstandenen baulichen Attraktion, die mich fast noch am meisten beeindruckt. Eine Meisterleistung der modernen Architektur: das neue Opernhaus. Umgeben von riesigen Baustellen (u.a. sollen in der Umgebung eine große Bibliothek und das neue Munch-Museum entstehen) liegt dieses Prachtstück in strahlendem Weiß vor mir. Dieser Oper kann man im wahrsten Sinne des Wortes "aufs Dach steigen". Und die Menschen tun das auch. Über eine Art riesiger Rampe, die gleichzeitig auch Teil der Dachkonstruktion ist, steigen Menschen hoch - oder legen sich auf dieser schiefen Ebene hin, um sich zu sonnen oder um von ganz oben einen fantastischen Blick auf den Fjord, die Hafenanlagen, die Stadt, die futuristischen Neubauten in Oslos Osten oder die gigantischen Baustellen in unmittelbarer Umgebung zu genießen. Ich bin schwer beeindruckt.


Nichts ist ja ermüdender, als so durch eine Stadt zu schlurfen. Und dann noch einkaufen müssen, ist auch nicht prickelnd. Muss aber sein...! Geht auch vorbei! Um 17 Uhr bin ich froh, wieder auf dem Hostelzimmer zu sein. Außer meinem ist nur das Bett der Koreanerin bezogen, heißt also, NOCH ist keiner (oder keine) dazugekommen. Vielleicht ist es aber hier auch gute Sitte, dass Neuankömmlinge erst ab 24 Uhr aufschlagen. Trotzdem lege ich erleichtert meine Bauchtasche ab - und stelle zu meinem Entsetzen fest, dass sich darunter noch mein Wheelie-Bauchgurt befindet. Himmelsacra...! Da habe ich Ochse doch im Pilgerzentrum vergessen, dieses Ding abzunehmen und es dem Willi anzuklicken...! Und jetzt? Das Pilgerzentrum ist geschlossen. Morgen früh wird erst wieder um 10 Uhr geöffnet und es wäre zudem ein Riesenumweg und damit ein weiterer Zeitverlust. Bleibt nur das Hostel. Ich gehe nochmal runter zur Rezeption und bitte um eine Lagerungsmöglichkeit. "Kein Problem! Da vorne hinter der orangen Tür ist unser Lagerraum. Da stehen zwar im Prinzip nur Koffer drin, die nur kurzfristig hier gelagert werden, aber dieses kleine Teil nimmt ja keinen Platz weg."


Also, das muss ich ja sagen: Der Willi hat es eindeutig besser bei Pastor Jensen im Büro angetroffen als sein Gurt hier im dunklen Lagerraum..., aber da kann ich jetzt auch mal nix dran ändern!


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Kommentare: 2
  • #1

    Lore (Montag, 29 Mai 2017 22:55)

    Na, da bin ich mal gespannt, wie gut oder schlecht der Weg gekennzeichnet ist, wenn die neuen Pfähle auf ihren Einsatz warten.
    Und auf die Fotos von Norwegen bin ich gespannt. Ich kenne Norwegen nur aus 10 km Höhe.
    Lieben Gruß - und viele Pilgerbekanntschaften wünsch ich Dir!

  • #2

    Die Pilgertochter (Dienstag, 30 Mai 2017 21:18)

    Oooohje.... da bin ich ja mal gespannt, ob in den nächsten fünf Wochen nicht mal der Kofferlagerraum ausgemistet wird... und dann kann keiner diesen komischen Gurt identifizieren.... und dann wird er in die Tonne gekloppt... oooooooohjeeee......