Nur ein Stück "richtiges" Norwegen

Frau Samsung verabschiedet sich von mir mit einem breiten Lächeln, als ich gerade aus dem Bett steige. Ich nehme an, ihr Zug fährt früh, wo immer es auch hingeht. Umso besser, so kann ich mit voller Konzentration nochmal meinen Rucksack kontrollieren und dann die Tür meines Hostelzimmers hinter mir schließen. An der Rezeption frage ich sicherheitshalber nochmal nach, ob mit meiner Buchung für den 3. Juli, dem Tag meiner Rückkehr nach Oslo, alles klar ist, und als mir dies bestätigt wird, gehe ich beruhigt in mein nächstes "Abenteuer". 


Ich hatte es befürchtet: Der Start zu meiner Olavsweg-Wanderung beginnt im Nieselregen. Der Wetterbericht hatte ihn schon angekündigt. Aber eigentlich hat er sich dafür einen günstigen Tag ausgesucht. Der Tag wird davon bestimmt sein, den Weg aus Oslo herauszufinden und die landschaftlichen Highlights finden heute noch nicht statt. Also Anorak zugezogen und Hut auf! Das Thermometer bei einer Apotheke zeigt 13 °C, also exakt 10° weniger als gestern. Für mich die angenehmeren Temperaturen. Nach 500 m nochmal wie gestern: Schnellfrühstück in einer - was man in Italien oder Spanien Bar nennen würde. Ich nehme an, fast alle, die reinkommen, haben zu Hause nicht gefrühstückt und gönnen sich jetzt hier eine Kleinigkeit zu essen und vor allem einen Kaffee, um anschließend zu ihrer Dienst- oder Arbeitsstelle zu eilen. 


Ich mache mich auf den Weg durch das Zentrum, entlang der modernen Gebäude, der neuen Oper, entlang der großen Baustellen, Norwegen boomt. Ich quere stark befahrene Straßen über Fußgängerbrücken, Autolärm und Abgase, Lärm von Presslufthämmern belästigen mich. Ist das auch schon wieder pilgern? 


Irgendwann bin ich dann tatsächlich dort, wo der Olavsweg offiziell beginnt: bei den Ruinen der im frühen 12. Jh. gebauten St. Hallvard Kathedrale, die nach einem der wichtigsten Heiligen in Norwegen benannt ist. Hallvard Vebjornsson ist heute noch der Patron Oslos. Da die alte St. Hallvard Kathedrale eine sehr wichtige Rolle in der Wallfahrtsgeschichte des Landes einnimmt, wurde beschlossen, den Olavsweg hier beginnen zu lassen.

Der erste Meilenstein aus Granit steht vor mir mit der Inschrift "643 km til Nidaros". Sechshundertdreiundvierzig Kilometer - ab jetzt wieder zu Fuß. Ich bin wieder auf dem Weg! Eigentlich sollte jetzt das schnelle Abschieds- oder Startfoto gemacht werden. Betont lässig müsste ich mich jetzt auf die Steintreppe neben den Meilenstein setzen, die Ruine im Rücken, nicht ohne vorher den Selbstauslöser betätigt zu haben und dann zur Treppe gewieselt zu sein. Noch einmal im Bild festhalten. Statischer Moment. Ich finde aber nichts, wo ich - in Ermangelung eines Stativs - günstig meine Kamera drauflegen könnte und noch dazu dieser Nieselregen... Also, zack!, ein schnelles Foto von meinem Rucksack, lässig angelehnt an den Meilenstein - fertig!


Von jetzt an auf Bürgersteigen weiter, Verkehrskreisel, Autobahnauf- und -abfahrten, Unterführungen, Zebrastreifen, Ampeln, Tankstellen, Bürogebäude, Werkhallen, Recycling-Anlagen, Autobahnbrücken. Entspannend für mich ist, dass die Strecke aus Oslo heraus exakt markiert ist, nie kommen Zweifel auf. Sehr angenehm auch und neu für mich, dass ich den Pilgerführer in Laufrichtung lesen kann, das war bei den vorherigen Wegen bisher ja immer anders. 


Durch ein kleines Wohngebiet bergauf stehe ich auf einmal vor einem großen Friedhof, mitten drin an der höchsten Stelle die Ostre Aker Kirke. Die Tür steht weit offen. Keine schlechte Vorstellung, dem Nieselregen für einen Moment zu entkommen, und die Zeit für eine Rast ist sowieso. Da offene Kirchen - im Gegensatz zu Dänemark - in Norwegen eher die Ausnahmen sind, gerade auch entlang des Pilgerweges, schaue ich vorsichtig hinein. Eine Frau wischt mit einem Tuch gerade die Kirchenbänke ab und ich frage sie auf Englisch, ob ich eintreten dürfe. Die Frau durchschaut mich und fragt mich - auf Deutsch -, ob ich Deutscher sei und bittet mich lachend hinein. Wie sich bei unserem Gespräch herausstellt, ist sie auch Deutsche aus dem schleswig-holsteinischen Elmshorn und hier die Pastorin. Während des Theologiestudiums in Tübingen war ein Norweger aus Oslo einer ihrer Kommilitonen, jetzt sind sie beide verheiratet und als evangelische Seelsorger tätig. "So kommt man nach Norwegen und wird dort Pastorin", lacht sie und beginnt dann mit einer kleinen Führung durch die Kirche, die 1860 erbaut worden ist. "Das Besondere an unserer Kirche ist nicht das Alter oder eine spezielle Ausstattung, sondern... aber schauen sie selbst...", dabei führt sie mich vor die Kirchentür. "Dort das Haus innerhalb unserer Kirchenmauer war das Haus der Totengräber, und dort, das langezogene Holzgebäude ist bzw. war der Kirchenstall. Immer wenn die wohlhabenden Bauern zu Pferd oder mit Kutschen zum Gottesdienst kamen, stellten sie dort ihre Pferde unter. So etwas gibt es in ganz Norwegen nur noch vier Mal!" Wieder in der Kirche stempelt sie mir noch meinen Pilgerpass und füllt meine Wasserflasche auf ("Nicht von der Toilette, ich hole besseres Wasser aus der Sakristei!").


Die Vorstädte dünnen sich nach einigen Kilometern langsam aus, machen hier und da Platz für allein stehende bunte Holzhäuser. Parkanlagen, Kindergärten, Schulen, McDonalds, IKEA und ein Harley Davidson-Shop sagen mir, dass ich den wahrscheinlich belebtesten Teil meines Weges in Norwegen hinter mir gelassen habe. Dennoch sollte ich daran erinnern, dass der Pilger kein Tourist ist. Er kann nicht verlangen, überall das Erhabene und Wunderbare zu finden, und wenn ihn später die Pfade an den Hängen des Gudbrandstals oder über das Dovrefjell mit ihren Schönheiten vielleicht verwöhnen werden, ist das noch lange kein Grund, dasselbe von allen norwegischen Regionen zu erwarten.


Wenig später komme ich bei einer viel befahrenen Straße an einem deutschen Soldatenfriedhof vorbei. Allesamt Gefallene der Jahre 1942 - 45. Es stimmt nachdenklich, hier zu stehen und es stimmt traurig. Inmitten von Toten. Von toten Jugendlichen, ja fast toten Kindern. Liest man die Geburts- und Todesdaten auf den Grabsteinen oder Kreuzen, wird der Gedanke Soldat obskur und pervers. Soldatenfriedhof. Da sind 17-jährige und 20-jährige begraben, Kinder, ohne jemals die Chance auf ein Leben gehabt zu haben. Ohne Träume, ohne Perspektiven und ohne Zukunft. Getrieben in einen Krieg im Wahn. Vielleicht haben sie sich treiben lassen, über die Gründe ihres Hierseins verbiete ich mir das Denken. 


Hinter Furuset dann das erste Mal ein Stückchen "richtiges" Norwegen! Ich muss durch das Gebiet Gjellerasen. Ein Pfad durch ein lichtes Birkenwäldchen, ein recht ordentlicher Anstieg, Holzpfosten mit dem Olavskreuz stehen am Rand. Stock-und-Stein-Wege, die bei anhaltendem Regen wohl auch schon mal kleine Bachläufe sind, überzeugen mich jetzt bereits davon, dass die Entscheidung, von Wheelie auf Rucksack zu wechseln, richtig war. Zwischendurch verläuft der Weg immer wieder über große Granitsteinplatten, die wegen der Feuchtigkeit recht glatt sind. Dann geht es von der Kuppe wieder hinunter, weiterhin über die Platten, über Felsblöcke, lockere Kieselsteine. Ich muss vorsichtig und konzentriert sein, sonst ist meine Norwegen-Tour beendet, bevor sie richtig angefangen hat. Weiter! Ich umlaufe Matschpfützen, balanciere langsam über schlüpfrige Bohlenstege, muss dabei genau auf die kleinen Markierungen achten, die - auf kleine Hölzer aufgeschraubt - wie Weihnachtsbaumschmuck in den Bäumen hängen. 


Das Stück "richtiges" Norwegen bleibt ein einstündiges Intermezzo. Nach Überschreiten des kleinen Gebirgszuges hat mich im Tal die Straße wieder. Auf dem Radweg an ihrem Rand marschiere ich den letzten Kilometer nach Skjetten zu meiner Unterkunft, dem Hotel Olavsgard. Dieses ist nun weit von der Urigkeit einer norwegischen Pilgerherberge entfernt, gibt aber Zimmer an Pilger zu verbilligten Konditionen ab. Eine andere Unterkunftsmöglichkeit gibt es nach einem Tagesmarsch-Abstand ab Oslo eben nicht, da muss man mal in den sauren Apfel beißen. Und nahezu alle Pilger tun das.


Ein flüchtiger Blick auf die Speisekarte des hauseigenen Restaurants am Abend lässt meinen Hunger zusammensinken wie einen misslungenen Hefeteig. Nein, das ist leider nicht meine Preiskategorie. Außerdem schleppe ich ja meinen Proviantbeutel nicht umsonst mit mir herum...!


Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Guido (Dienstag, 30 Mai 2017 23:10)

    Ich vermisse bei den Fotos das schnelle Abschieds-/ Startfoto ("Also, zack!, ein schnelles Foto von meinem Rucksack, lässig angelehnt an den Meilenstein - fertig"). Dachte, der Rucksack habe als Stativ fungiert, aber scheinbar war er nicht Mittel zum Zweck, sondern tatsächlich das Objekt. Schade ;-)