Heftig durchgeschüttelt

Mich schüttelt es! Warum? Später!


In der Nacht werde ich drei Mal wach und bin jedesmal der Überzeugung: Jetzt wird es Zeit aufzustehen! Der Blick auf den Handywecker lässt mich aber immer wieder ins Kissen sinken. Es ist draußen einfach immer noch oder schon wieder so hell, dass ich meine, die Nacht sei rum. Daran werde ich mich gewöhnen müssen - und es wird sogar noch krasser. Mittsommernacht ist erst in drei Wochen und ich bin dann noch weiter im Norden.


Das Hotel-Restaurant, wo das Frühstücksbuffet steht, ist mit etwa 50 Menschen fast voll besetzt. Vier davon sind Touristen, das sind zwei ältere Ehepaare, ein älterer Pilger, das bin ich. Der Rest ist durchweg männlichen Geschlechts und der ist garantiert der Kategorie "Handelsreisende" zuzurechnen. Alle mit weißem oder hellblauem Hemd und Krawatte, alleine oder in Grüppchen. Als sie mich in meinem Hemd, Marke Wander-Ķariert, sehen, schauen sie mich etwas irritiert über ihre Kaffeetassen hinweg an. Nach ihrem Frühstück starten sie durch. Ihre Wagen (der gehobenen Klasse) stehen draußen auf dem Hotelparkplatz und von diesem sind es nur wenige Meter zu einer der Osloer Stadtautobahnen oder zur Autobahn E6. Ich glaube zwar nicht, dass sie auf der Letzteren bis zum Nordkap wollten (das ginge nämlich!), aber Hamar, Lillehammer oder Trondheim ginge ja auch. Eigentlich könnte ich mich ja mit dem erhobenen Daumen an die Parkplatzausfahrt stellen. Ich sympathischer älterer Herr würde von einem der Jungs bestimmt mitgenommen, dann wäre ich viel früher am Ziel... Nein, nicht für Geld und Blumen!


Zunächst geht es für mich wieder etwas auf Straßen entlang. Alle haben nicht viel Verkehr, nur das Rauschen der Autobahnen höre ich noch lange. Erst bei der Kirche von Skedsmo ist es endlich deutlich ruhiger. Nicht weit vom Kirchenportal entfernt steht der nächste Pilgerweg-Meilenstein. 608 Kilometer sollen es von hier bis Trondheim noch sein. Ich war zwar in der Schule in Mathematik nie eine Leuchte (ganz im Gegenteil, ich war immer eine Niete!), aber 35 km bin ich seit Oslo noch nicht gewandert. Damit weiß ich aber jetzt schon mal, was ich von den Kilometerangaben auf diesen Meilensteinen zu halten habe. 


Die Kirchentür steht offen. Putzt die Frau Pastorin wieder die Kirchenbänke? Vielleicht ist ja von höherer Stelle großes Reinemachen verordnet worden... Ich gehe gerade Richtung Tür, da ertönen die Glocken und die Tür wird mir vor der Nase zugemacht. Aus dem Augenwinkel sehe ich den Grund: Etwas abseits des Portals steht ein Sargwagen und wartet auf seinen Einsatz. Oh, jetzt wäre ich hier bald in eine Beerdigung geplatzt. Zeit für eine Rast auf dem Friedhof ist sowieso noch nicht, also weiter! 


Boah, mich schüttelt's immer noch...!!!


Am Farseggen-Hof stoße ich das erste Mal auf eine aufgehübschte ehemalige Milchkannen... , wie heißt das eigentlich?... auf ein Milchkannengestell? Milchkannenablage? Milchkannen...tisch? Jedenfalls auf so ein Ding, wo der Bauer früher immer seine gefüllten großen Milchkannen draufgestellt hat, damit ein Molkereifahrzeug sie dort abhole. Die Pilgerwegsorganisatoren haben wohl durchgesetzt (und bezahlt), dass diese ??? neu instandgesetzt wurden und für Pilger als windgeschützte Raststätten oder sogar als Übernachtungskojen genutzt werden können. Ideen muss man haben!


Im Dorf Farseggen die ersten alten typisch norwegischen Holzhäuser im Postkartenstil und in Ochsenblutrot, das ein oder andere mit einem alten Stabbur, jenen hoch auf Steinen gesetzten Vorratshäusern, bei denen selbst die Treppenstufen einen Abstand zur Tür bewahren, um Mäusen und anderen Kleinräubern keine Chance zu geben. Es norwegelt immer mehr! Das wird auch nicht anders, als ich wieder eine Zeit lang an einer breiteren Straße entlang muss. Die Autorin meines Pilgerführers spricht an dieser Stelle eine Warnung aus: "... es steht Ihnen ein langes, zermürbendes Wegstück entlang einer Landstraße durch offene Landschaft bevor. " (Outdoor, Norwegen - Olavsweg, S.54) Pffff..., über knapp zwei Kilometer mal an einer wenig befahrenen Landstraße entlangzugehen, kann doch wohl kein Problem sein! Da bin ich aus Deutschland und Dänemark anderes gewohnt.


Dennoch freue ich mich, dass bald nach meiner Rast auf dem Friedhof der Frogner kirke heute nochmal ein schöner Waldabschnitt kommt. Und der ist - das merke ich - erneut ganz schön "norwegisch": engste Pfade durch dichten Wald, Blaubeerbüsche, Felsplatten, Stock-und-Stein-Wege, Moose und Flechten. Ich muss sehen, wohin ich meine Füße setze, wo die Markierungen sind. Inzwischen kann ich das sagen: Es gibt mehrere Arten von Markierungen, und der Pilger lernt schnell, sie auszumachen. Sie zu entdecken, wird ihm zur zweiten Natur. In einer detailreichen Landschaft voller Vorder- und Hintergründe erspäht sein Auge sofort den klotzigen Meilenstein, den Holzpfahl mit der Tontafel, das Stück Dachlattenholz, das mit seinem aufgeschraubten kleinen Blechschild in den Bäumen hängt, den Aufkleber an den Laternenmasten, den gelben aufgemalten Pfeil. Die Zeichen befinden sich hier und da, ohne dass man - mit Ausnahme der Meilensteine - einen konstanten Abstand zwischen ihnen definieren könnte. Dank der jahrhundertelangen Erfahrung auf den Jakobswegen nach Santiago de Compostela sind sie nun auch hier auf dem Olavsweg nach und nach an die entscheidenden Stellen gerückt. Hier ein schnurgerader Abschnitt, der ein wenig zu lang ist, sodass Zweifel aufkommen und der Pilger am liebsten umkehren möchte: Ein Holzpfahl mit der Tontafel beruhigt ihn und fordert zum Weitergehen auf. Dort eine Straßengabelung, an der der Vorbeikommende zögernd stehen bleibt: Ein gelber Pfeil gibt unmissverständlich an, wo es langgeht. Die großen gelben Pfeile, die sich leicht aufmalen lassen und nicht viel kosten, sind die einfachen Soldaten der Wegmarkierungen, während die Meilensteine eher wie Offiziere wirken.


Kurz bevor der Wald endet komme ich an einem der großen Unterstände vorbei, die es wohl auch immer mal wieder geben soll. Die Hütte Rulla ist einer von ihnen. Nur an drei Seiten geschlossen und mit einer Plane ausgelegt, bietet sie mindestens für zehn Personen Platz für eine Schlafsackübernachtung. Davor zwei Holzbankgarnituren und eine offene Feuerstelle - es könnte alles schön und romantisch sein. Ich bezweifle nur, dass speziell diese Hütte Anlaufpunkt von Pilgern ist. Einweg-Grillschalen fliegen herum, leere Bierdosen und Schnapsflaschen, eine noch halbvolle Literflasche Cola, der Boden vor der Hütte übersät mit Zigarettenkippen. Über sowas könnte ich mich fürchterlich aufregen!


Als ich ganz aus dem Wald heraustrete, muss ich einmal tief durchatmen. Völlig unerwartet kommt mir - nach einem schönen sonnigen, aber nicht zu warmen Tag - eine schwarze Regenfront entgegen. Wenn die mich trifft... na danke! Glücklicherweise habe ich es nicht mehr weit bis zu meiner nächsten Unterkunft, der Pilgerherberge Arteid Vestre gard. "Gard" steht für Bauernhof und Bauernhöfe haben entlang des Olavsweges oft Herbergen für vorbeiziehende Pilger eingerichtet. Gerade die Stabburs boten sich dafür an, wurden sie doch als Lagerräume für Lebensmittel im Zeitalter der Kühlschränke nicht mehr gebraucht und in den Scheunen, Ställen und Schuppen des Hofes gibt es Lagermöglichkeiten genug. Also wurden sie nochmal ein wenig auf Vordermann gebracht, mit alten Möbeln und Einrichtungsgegenständen von früher gemütlich gestaltet und fertig war die Pilgerherberge. 


Im rotbraunen Stabbur von Arteid Vestre gard ist das nicht anders. Ich bin hin und weg, als mich die Bäuerin hinbringt und alles zeigt, während draußen der Regen beginnt: In der oberen Etage eine voll ausgestattete Wohnküche mit Schlafsofa sowie zwei Räume mit jeweils zwei Betten und nochmals zwei Schlafplätze im Dachstuhl, zu dem eine breite Sprossenleiter hochführt. An der Wand hängt ein riesiges Wildschweinfell und ein alter Rucksack, von der Decke hängt ein kleiner, alter Pflug, am Treppenaufgang lehnt ein altes Wagenrad, auf den beiden Tischen stehen dicke Kerzen, neben dem Herd unter der Anrichte ist neckisch ein ausgestopfter Fuchs aufgestellt und vom Dachstuhl schaut ein Bussard auf mich herab. Strom gibt es auch, nur für Wasser muss ich mit einem Kanister über den Hof. Dort ist ein Anschluss direkt neben Dusche und Toilette. 


Und dann noch das Beste: Unter dem Wildschweinfell steht... Achtung!: ein Fußmassage-Sessel! Seitdem ich angefangen habe mit Schreiben, lasse ich mir die Füße massieren. Jetzt reicht es aber auch!




Kommentar schreiben

Kommentare: 3
  • #1

    Guido (Donnerstag, 01 Juni 2017 06:39)

    Fußmassage, das klingt ja fast schon nach "Wellness- Gard", müsste man nicht für das Wasser über den Hof ;-).
    Das haben sich die Füße aber auch mal verdient. Viel Spaß weiterhin!

  • #2

    Inge Geisler (Donnerstag, 01 Juni 2017 08:34)

    "Milchbock"! So hieß der bei uns und stand direkt vor meinem Elternhaus. Er war Treffpunkt von uns Kindern. Aber für die erwachsenen Dorfbewohner. Heute würde man bestimmt ein Schild mit einem eindeutigen weißen "I" auf blauem Hintergrund anbringen.

  • #3

    Sebastian (Donnerstag, 01 Juni 2017 12:46)

    Und wieder dem Regen entkommen ;-)