Endlich Pilger in der Herberge

Die Schwalben wecken mich. Ungefähr 500 von ihnen nisten wohl keine zwei Meter von meinen Ohren entfernt hinter der Dachrinne. Nun werden Vögel ja munter, wenn der Morgen graut. Aber der graut zu dieser Zeit hier oben in Norwegen schon gegen 3 Uhr. Für den Menschen, der noch schlafen will, ein Grauen. Daher wohl die Bezeichnung "Morgengrauen"...


Nach dem Regen und dem Gewitter gestern Nachmittag hatte es schon am Abend aufgeklart. Im Laufe der Nacht hatte dann mein dünner Schlafsack immer mehr Mühe, meinen Körper warmzuhalten, aber als ich die Schwalben höre, bin ich sicher, nicht erfroren zu sein. Die Bäuerin hat mir ins Erdgeschoss bereits das Frühstück bereitgestellt, ich muss es nur noch raufholen und mir den Kaffee selbst kochen. Die Sonne scheint wie eine riesige Taschenlampe durch eins der kleinen Fenster genau auf einen Teil des Esstisches und so liegt es nahe, dass ich mir genau dort den Tisch decke. Ein paar wärmende Strahlen fallen sogar noch für mich ab und mit ihrer Hilfe, verbunden mit meinem Anorak und einer Tasse heißem Kaffee, hört das Frösteln bald auf.


Bei tiefblauem Himmel, aber einstelligen Temperaturen, ziehe ich bereits um 8 Uhr los. Fast 30 Kilometer sollen es heute werden und die werden auch nicht sehr attraktiv sein. Ich bin eben immer noch im Großraum Oslo und da sind immer noch größere Siedlungsbereiche, stark befahrene Landstraßen und Autobahnen an der Tagesordnung. Hinzu kommt, dass ich mich Gardermoen nähere, Oslos Großflughafen. Dann mischt sich Autolärm von der E6 mit dem Fluglärm. Aber so ist das nun mal. Ich bin darauf vorbereitet und es wird während meiner Tour auch wahrlich reizvollere Strecken geben. Deswegen stürme ich voran, je schneller ich es hinter mir habe, desto besser.


In der Tat sind es heute mehr als 80 % Landstraßen, zum Glück der größte Teil davon mit begleitenden Radwegen. Nur Radfahrer sind gar nicht so viele unterwegs, eher schon eine Spezies, mit der ich es bisher überhaupt noch nicht zu tun hatte: die Rollerskifahrer. Im Land der Skilangläufer nicht verwunderlich, aber dass die mit solch einem Tempo hier herflitzen, damit hätte ich nicht gerechnet. Nicht unbedingt gerechnet habe ich mit der Spezies, vor der auf Schildern gewarnt wird: den Elchen! Hier Elche? Aber warum nicht? Ich war schon wochenlang in Norwegen oder Schweden in den einsamsten Gegenden unterwegs, ohne jemals Elche gesehen zu haben. Als ich mit dem Überlandbus aus Lappland nach Stockholm zurückgefahren bin, standen am Rand der Autobahn kurz vor Stockholm gleich zwei im Straßengraben. Trotzdem rechne ich heute nicht unbedingt damit, dass mir hier das Gleiche passiert.


Auch in Norwegen gibt es die Gegenden mit Äckern und Wiesen und nur wenigen Wäldern. Diese hier in der Gegend um Jessheim ist wohl eine davon. Auf vielen Äckern steht noch kein Halm, andere sind nur spärlich grün überzogen. Wogende Getreidefelder, wie ich sie in Dänemark schon gesehen habe, gibt es hier noch nicht. Wald ist heute spärlich vertreten. Einmal für eine halbe Stunde ein Pfad durch ein dichtes Birkenwäldchen, dann mal niedrige Fichten und mit Flechten überzogene Felsblöcke - immer nur kurze Zeit, immer nur ein wenig. So, als will mir die Natur sagen: "Hier, heute mal nur ein paar Häppchen, bald gibt es mehr!"


Ich marschiere fast wieder durch, will es heute hinter mich bringen. Doch beim Hof Elstad, vier Kilometer vor meinem heutigen Ziel, stehen direkt am Wegrand zwei weiße Bänke und ein runder Tisch, darauf ein Topf mit Blumen. Am Stamm der großen Tanne hängt ein kleines Schild: "Pilgrimsrast". Es dauert nur Sekunden, da liegt mein Rucksack auf der einen Bank und ich sitze auf der anderen. Einfach eine schöne Geste: ein Stück seines Grundstücks für Pilger herzurichten, weil man weiß, dass es dankbar angenommen wird. Eine halbe Stunde sitze ich dort, schaue über ein Feld in ein kleines Tal hinab, wo Kühe auf einer Wiese stehen. Meinetwegen könnte die Strecke für heute auch erledigt sein, aber ein Stück ist es noch.


Weiter auf Asphalt, ohne Radweg, eng am Straßenrand, in Kurven geht es bergauf, Autos kommen mir entgegen oder überholen mich, manchmal beides gleichzeitig, dann wird es eng. Dann endlich sehe ich die Häuser von Risebru vor mir. Das erste davon könnte meine Herberge sein, ich hätte nichts dagegen. Und sie ist es tatsächlich, direkt bei der kleinen, steinernen Risebru (Rise-Brücke). Das große Haus daneben war ganz früher mal ein Bauernhof, dann das Haus eines Gerichtsvollziehers. Später wurde es ein Heim für "verwahrloste" Kinder und Jugendliche. In dem Gebäude, wo jetzt die Herberge untergebracht ist, mussten sie in einer Schuhmacherwerkstatt arbeiten.


Jan, der Besitzer von Haus und Herberge, bringt mich in diese alte Werkstatt. Unten ist es wie ein nettes kleines Appartement eingerichtet, sogar mit Waschmaschine und Wäschetrockner, aber eine Etage höher sieht es noch fast so aus wie früher, nur dass heute fünf Betten dort stehen. Die Deckenschräge hat noch ihren Originalzustand: Die Holzverkleidung ist teilweise mit Farbe verschmiert, aufgetragen mit groben Pinseln. Jahreszahlen sind zu lesen, aus der Zeit, als die Kinder hier arbeiten mussten: 1887, 1893... Jetzt stehen diese Farbkleckse und Jahreszahlen unter Denkmalschutz, Jan darf nichts dran ändern.


Für mich ändert sich heute was. Am frühen Abend kommen Helmut und Jürgen mit schweren Rucksäcken hereinspaziert, beide, wie die Namen vermuten lassen, Deutsche, beide vielleicht noch ein, zwei Jahre älter als ich, beide wollen sie auch den Olavsweg gehen. Der Anfang einer längeren Bekanntschaft? Wer weiß!


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Kommentare: 2
  • #1

    Die Pilgertochter (Freitag, 02 Juni 2017 13:29)

    Na, da wollten die Schwalben dir doch nur was Gutes tun, indem sie dir zeigen, dass du noch lebst. Aber Respekt, dass sie es durch die undurchdringlichen Oropax geschafft haben.
    Tröste dich, wie ich dich kenne, ist dir das Frösteln lieber als die 28 Grad, bei denen wir hier dahinschmilzen.
    By the way: wie verträgt dein Rücken sich mit dem Rucksack?

  • #2

    Renate (Freitag, 02 Juni 2017 18:28)

    Hallo Reinhard,
    na, da wünsche ich dir, dass ihr Kerle ein Stück des Wegs gemeinsam geht. Letztlich hat ja eh jeder sein eigenes Tempo. Und die Gefahr, dass es Labertaschen sind, sehe ich nicht so.... sind ja Männer
    Ich hoffe auch, dass dein Rücken mit dem Rucksack gut klar kommt.
    Liebe Grüße aus dem warmen Much
    Renate