Kirchen-Konzert

Als ich gestern Abend in unser gemeinsames Schlafgemach kam, drang schon sonores Schnarchen an mein Ohr. Helmut und Jürgen ließen ihre Gaumensegel flattern und das sogar in gewisser Weise rhythmisch aufeinander abgestimmt. Es klang irgendwie richtig gut. Trotzdem steckte ich mir meine Ohropax, sobald ich beide Beine nebeneinander liegen hatte, in die Ohren - und hörte nichts mehr.


Beim Frühstück sitzen wir in der Küche zusammen, ich decke den Tisch, Jürgen kocht uns Eier und Helmut den Kaffee. Dann bekomme ich mit, dass beide mit Sicherheit auch aus tief religiösen Gründen den Olavsweg gehen. Als ich gerade mein Messer in die Margarine versenken will, hantiert Jürgen an seinem Handy und beginnt unmittelbar darauf, eine Losung daraus vorzulesen, die uns den Tag über begleiten möge, spricht ein Gebet und erst dann "Guten Appetit!". Eine fromme Losung aus dem Handy - na ja, warum nicht? Da gibt es ja auch Kochrezepte... und überhaupt alles. Ich bin nur ein wenig überrascht, das so zu erleben. 


Die Beiden packen noch, als ich mich mit einem "Wir sehen uns ja bestimmt unterwegs!" verabschiede und auf den Weg mache. Heute wird es eine Erholungswanderung werden. Fast die Hälfte an Kilometern von gestern, die Hälfte an Zeit und die Hälfte an Asphalt und Autolärm. Ich versuche also, Geschwindigkeit herauszunehmen, was mir aber nicht durchgehend gelingt. Immer wieder ertappe ich mich dabei, wie ich wieder in meinen Galopp verfalle. Und je mehr oder je länger ich mich entlang von Landstraßen bewege, desto mehr galoppiere ich. 


Nach einer Stunde etwa wird aber mein Galopp etwas gezügelt. Ich sehe in weiterer Distanz vor mir eine größere Menschengruppe, die gerade aus einem Bus ausgestiegen ist, auf dem Radweg entlanggehen. Nur die Altersgruppe kann ich nicht ausmachen. Können das alles Pilger sein? Eine Pilger-Gruppenwanderung? Das Pfingstwochenende steht vor der Tür. Wieso soll da nicht eine norwegische Kirchengemeinde eine Senioren-Pilger-Gruppenwanderung organisiert und heute damit begonnen haben. Für einen Moment mache ich mir Sorgen um meine Unterkünfte in den nächsten beiden Herbergen. Je näher ich der Gruppe komme, desto deutlicher erkenne ich, dass keiner einen Rucksack trägt..., dass einige durcheinanderspringen..., dass die alle noch ganz jung sind. Das ist eine Schulklasse! Jetzt wird mir auch klar, wohin die will. Der Besuch von Eidsvollsbygningen steht auf dem Programm, der Geburtsstätte der norwegischen Verfassung. Der Besuch der nationalen Wallfahrtsstätte der Norweger als eine Pflichtveranstaltung einer jeden Schulklasse - zumindest - der Region! 


Eidsvollsbygningen erhielt seine enorme nationale Bedeutung am 17. Mai 1814. An diesem heutigen Nationalfeiertag wurde hier auf der Reichsversammlung die erste norwegische Verfassung verabschiedet. Norwegen war nun erstmals ein eigenständiger Staat mit einer konstitutionellen Monarchie, abgekoppelt vom absolutistisch regierten dänisch-norwegischen Reich. Neben dem dänischen Prinzen Christian Frederik, der zur Zeit des Umbruchs das norwegische Land regierte und 1814 zum König von Norwegen gewählt wurde, ist der historische Augenblick dem Politiker und Besitzer des hiesigen Eisenwerks zu verdanken. Carsten Anker, der lange in Kopenhagen lebte und ein Freund und enger Berater des dänischen Prinzen war, stellte sein hölzernes Gutshaus, das Eidsvollsbygningen, für die Reichsversammlung zur Verfügung. Im größten Raum, dem heutigen "Reichssaal", saßen damals 112 Delegierte zusammen, die aus allen Bezirken und Landesteilen zum Teil wochenlange und beschwerliche Anreisen in Kauf genommen hatten. Noch heute stehen an den Längswänden des Saales die jeweils drei Stuhlreihen der Delegierten, sogar noch mit dem jeweiligen Namensschild.


Heute ist das ehemalige Gutshaus ein Museum. Offensichtlich aber viel interessanter und wichtiger als das Museum ist für die etwa 13-14jährigen Jugendlichen das Café nebenan, wo es Eis und Cola gibt. Hier sehe ich ihre Gesichter strahlen, im Museum sah das deutlich anders aus. Auch für mich wird das Café interessant. Nicht nur, weil ich dort als Pilger zu meiner Waffel einen kostenlosen Kaffee bekomme, sondern weil ich dort auch weitere Pilger treffe. Alles Männer! Wo bleiben die Pilgerinnen? Einmal sind es Vater und Sohn aus Bayreuth, die anderen beiden sind zwei ältere Herren aus - Köln! Alle sind sie gerade erst ein paar Kilometer unterwegs.


Genau wie Jürgen und Helmut sind sie "Seiteneinsteiger". Es muss ja nicht jeder, wie ich, zu Fuß von zu Hause bis zum Startpunkt des Olavswegs gelaufen sein. Aber wenn dieser Weg doch in Oslo beginnt, dann möge man ihn doch auch dort anfangen, denke ich. Ich bin aber überzeugt, dass nur die Wenigsten das auch wirklich tun. Dafür gibt es wahrscheinlich unterschiedliche Gründe: Die mit der Fähre aus Dänemark kommen, wollen sich vielleicht gar nicht erst ins Großstadtgetümmel von Oslo werfen und fahren gleich mit dem Bus weiter, "wo es schon mal etwas grüner ist". Andere scheuen den Weg aus Oslo hinaus, der im Prinzip drei Tage dauert. Wieder andere haben keine Lust, wenn sie schon in Gardermoen (und damit auf Höhe von Jessheim) sind, nochmal bis Oslo (praktisch in die falsche Richtung) zurückzufahren. Und die meisten meinen, dass die Natur wohl erst ab Eidsvoll richtig in Fahrt kommt und fahren vom Flughafen aus direkt dorthin. Jeder für sich hat ein wenig Recht, aber auch der, der sagt: "Wenn, dann alles!"


Nach Eidsvoll setzt sich tatsächlich die Natur immer ein wenig mehr durch. Am Flusslauf des Andelva geht es eine Weile entlang, auf dem folgenden Stück Straße sieht man wenigstens in der Entfernung bewaldete Bergrücken und einmal ist die umgebende "Natur" sogar so unmittelbar, dass ich mitten über einen geeggten Acker gehe. Nein, nein, ich habe mich nicht verlaufen und stehe hier nun zwischen den Ackerkrumen, nein, die Markierungen führen den Pilger ganz offiziell darüber. Der Grund erschließt sich mir nicht, denn zu der Ecke des Ackers, wo der Pfad in einem Gebüsch verschwindet, hätte ich auch anders gelangen können.


Bis nach Eidsvoll, meinem Tagesziel, ist es jetzt nicht mehr weit. D.h., bevor ich den eigentlichen Ort erreiche, stoße ich auf die Eidsvoll kirke mit ihrem großen Friedhof, und nur wenig weiter steht Eidsvoll Gamle prestegard, das ehemalige weiße Pfarrhaus aus Holz, jetzt meine Pilgerherberge. Die beiden Kölner Pilger sind schon da, gerade auch erst angekommen. Sie haben schon alles ausgekundschaftet und zeigen es mir. Die Räume im Erdgeschoss sind dem örtlichen Theaterverein als Proberäume vorbehalten. Nur die große Essküche müssen sie sich mit den Pilgern teilen. Im Obergeschoss dann die drei Schlafzimmer, jedes mit drei Betten ausgestattet. Das größte Zimmer ist der Gemeinschaftsraum: Plüschsessel, alte Tische und Schränke, Stehlampen, Fenster mit Blick in den Garten. Ich muss schon sagen, Herr Pastor hat fürstlich gewohnt, sogar noch bis vor vier Jahren, als er sich ein Privathaus baute und aus seiner alten Behausung eine Pilgerunterkunft wurde. 


Während die beiden Kölner Klaus Uwe und Hans nach dem Duschen noch ins Örtchen zum Provianteinkaufen wollen, möchte ich nochmal kurz in die Kirche - und ich soll es nicht bereuen. Von der ursprünglich um 1200 erbauten Kreuzkirche blieben nach mehreren Bränden nur noch die Wände des Altarraumes und des Querschiffes erhalten, alles andere wurde neu gebaut. Trotzdem gilt sie als älteste Steinkirche Norwegens in Kreuzform. 


Als ich sie betrete, nimmt mich sofort wunderschöne Musik gefangen. Drei Männer, um die 40 Jahre alt und modern gestylt, sowohl was Kleidung als auch Körperschmuck anbetrifft, sitzen in der Nähe des Altars. Einer spielt am Klavier, einer Gitarre, ein weiterer hat eine Trommel zwischen die Knie geklemmt. Der Klavier- und der Gitarrenspieler singen zweistimmig, moderne Lieder, die mich schlicht weghauen. Ich setze mich vorne in die erste Reihe und höre ihnen zu. Sie proben eigentlich nur, aber sie spielen fantastisch, ausdrucksstark, gefühlvoll. Als ich mich mal umdrehe, weil ich ein Hüsteln hinter mir höre, sehe ich Helmut und Jürgen sowie einen weiteren Pilger in den nächsten Bänken sitzen, wie sie andächtig lauschen. Seitlich des Altars, verdeckt von der Orgel, stehen auf der Orgelsitzbank Kannen mit heißem Wasser, ein Glas Nescafé, daneben liegen auch noch Teebeutel und eine Tüte mit etwas Gebäck. Irgendwann stellt sich der Klavierspieler als der örtliche Diakon vor und bittet uns, sich zu bedienen. Eine Stunde lang können wir Zuhörer uns nicht von hier fortbewegen. Bis wir es dann doch tun - um ein besonderes Erlebnis unserer Pilgerwanderung reicher.


Helmut und Jürgen teilen mir mit, dass sie sich entschlossen haben, nicht im Gamle prestegard zu übernachten, sondern noch weiterzugehen. "Wir haben gerade Flügel bekommen", sagen sie strahlend.


"Aber die Pilgerherberge möchten wir uns doch noch ansehen, zeigst du sie uns?" Als ich sie durch die Räume führe, sind sie ganz begeistert, fotografieren jeden Raum, möchten von mir auch im Plüschsofa fotografiert werden. "Da war meine Pastoren-Dienstwohnung in Leipzig aber etwas kleiner!", sagt Helmut und schüttelt sich vor Lachen. Dann sind sie weg.


Abends sitze ich noch mit Klaus Uwe und Hans zusammen. Wir erzählen uns Geschichten vom Jakobsweg, den wir alle Drei kennen umd mutmaßen über den weiteren Verlauf des Olavsweges. Morgen jedoch wollen sie weiter gehen als ich, viel weiter, weil sie die Übernachtung in der nächsten Herberge (ohne Strom und Wasser, dafür mit Plumpsklo) fürchten. Wir werden sehen, ob sie damit gut beraten sind.




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