Bei Schafen und Mäusen

Ich putze mir gerade die Zähne, als Klaus Uwe und Hans ihr Zimmer verlassen und die Treppe hinunterpoltern. Wenn ich nicht schon wach gewesen wäre, jetzt wäre ich es mit Sicherheit. Ich bin gespannt, ob wir uns auf der Strecke nochmal begegnen.


Über den Friedhof und an der Eidsvoll kirke vorbei mache ich mich dann auch auf den Weg. Vor der Kirchhofmauer entdecke ich mal wieder einen der "Offiziere" unter den Wegmarkierungen, einen Meilenstein. "560 km bis Trondheim" sollen es noch sein. Na ja, könnte ungefähr hinkommen. Und noch eine Entdeckung der ganz anderen Art: Auf dem Aushangbrett am Kirchhofseingang hängt ein Zettel, auf dem dringend darum gebeten wird, die Friedhofsruhe zu respektieren und dort keine Pokemon-Jagden mehr zu veranstalten. Was es heute nicht alles gibt...


Das eigentliche Zentrum von Eidsvoll liegt einen viertelstündigen Fußweg von der Kirche entfernt. Bergab geht es bis zum breiten Fluß Vorma, der in den großen Mjosa-See führt. Direkt bei der Straßenbrücke, die mich danach unmittelbar ins Zentrum bringt, liegt die Anlegestelle des Skibladner, dem ältesten Raddampfer der Welt im täglichen Einsatz, sagt die Tourismuswerbung. Im Moment jedenfalls ist von ihm nichts zu sehen. Wahrscheinlich liegt er irgendwo im Dock und wird überholt, denn seine Saison beginnt erst Anfang Juli. Mit und auf ihm kann jeder die Landschaft rund um den See von der Wasserseite erleben. Er ist sogar ein Pilgerschiff, welches heutigen Pilgern die Möglichkeit gibt, sich mit Pilgerrabatt etwa drei Tage des Weges durch die nun folgenden dichten Wälder zu sparen und mit dem denkmalgeschützten Dampfer direkt und äußerst bequem nach Hamar zu gelangen. Die Hälfte der Strecke am Mjosa-See entlang von Eidsvoll bis Lillehammer, wo das Gudbrandstal beginnt, hätte man dann schon kräftesparend hinter sich gebracht. Der Mjosa hat als Transportader schon zu allen Zeiten eine wichtige Rolle gespielt, ob Sommer oder Winter. Auch die Pilger im Mittelalter schlugen ihre Route in Richtung Nidaros den Mjosa überquerend ein. Mit kleinen Schiffen oder Ruderbooten wurden sie über den See gefahren. Aber anders als die sonstigen Reisenden wählten die Pilger meistens den Fußmarsch, obwohl das Reisen per Boot weitaus bequemer war.


In Eidsvoll muss ich dringend einkaufen und mir Geld besorgen. Meinen Proviant habe ich gestern Abend komplett aufgebraucht und muss mich jetzt für die nächsten zwei, drei Tage neu versorgen. Unterwegs gibt es sonst keine Gelegenheit mehr dazu. Mich erwartet in den nächsten Tagen nur Wald, Wald, Wald. Mit dem Versorgen von Bargeld (die Betreiber der Herbergen wollen Cash sehen!) wird es noch problematischer. Finde ich keinen Geldautomaten, könnten meine Finanzen knapp werden. Die nächste Möglichkeit gibt es erst wieder in Hamar, und da bin ich erst in vier Tagen. Es gibt also immer zu überlegen: Für wie viele Tage versorgt man sich, sowohl was Lebensmittel anbetrifft als auch Bargeld. Zu wenig Lebensmittel dabei haben ist schlecht, aber zu viel auch. Muss man ja schleppen. Und wie lange hält sich z.B. Käse bei höheren Temperaturen? Und dann kommt noch ein Sonn- oder Feiertag dazwischen. Zu wenig Bargeld ist ebenfalls schlecht, zu viel am Mann zu haben aber vielleicht auch nicht so günstig. Also immer schön im Voraus planen...! Mit Beidem habe ich aber in Eidsvoll Erfolg und werde die kommenden Tage daher wahrscheinlich "überleben". 


Dann kommt der Moment, den eigentlich alle Pilger auf dem Olavsweg herbeisehnen. Nach Eidsvoll beginnt Norwegen erst richtig, jedenfalls, wenn man es von der landschaftlichen Seite betrachtet. Eine halbe Stunde geht es von der Seehöhe nun bergauf, die Straßen reduzieren sich auf ein Minimum, die Hügel werden zu Bergen und die Wiesen und Äcker machen immer mehr ausgedehnten Wäldern Platz. 


Bei den letzten Häusern im äußersten Randbereich von Eidsvoll komme ich nochmal an einer kleinen Pilgerherberge vorbei. Ein kleines Holzhaus ist es, die Tür leider nur mit einem Zahlencode zu öffnen, den man sich telefonisch einholen kann. Der Clou ist aber von außen zu sehen. Wenn das Haupthaus belegt ist, kann man auch in einem Gewächshaus schlafen. Unmittelbar neben dem Haus aus Glas stehen Plumpsklo und Außen-Dusche für die sanitären Bedürfnisse bereit. Sind noch genug Betten frei, stehen Polstermöbel im Gewächshaus und man kann es sich dort unter (fast) freiem Himmel bequem machen.


Auf einer letzten kleinen Straße komme ich noch an einigen kleineren Höfen vorbei - wo ich bei einem auf einmal Kleinkinderstimmen vernehme - auf Deutsch. Ein Junge, vielleicht gerade acht Jahre alt, spricht mit seinem Vater, während beide zusammen gerade über eine Wiese zu einer Scheune gehen. Ich grüße laut und gebe mich ebenfalls als Deutscher zu erkennen. Wie ich im folgenden etwa viertelstündigen Gespräch erfahre, ist der Mann, der als Kind im Windeck nahen Much aufgewachsen ist, vor 15 Jahren mit seiner Frau hierhin ausgewandert, teils aus beruflichen Gründen, aber auch, weil er einfach nach vielen Reisen durch Norwegen in dieses Land verliebt war. Doch während der Mann seinen Traum lebte, kam die Ehefrau mit dieser Lebensumstellung nicht zurecht. Beide trennten sich, auch wenn mittlerweile zwei Kinder da waren. Jetzt kommen Johannes und Tim nur noch in den Ferien zu ihrem Vater, wie z.B. im Moment, auch wenn die Pfingstferien nicht lang sind. Sehr nachdenklich gehe ich weiter.


Unmittelbar darauf bin ich von Wald umgeben, und das wird sich in den nächsten zwei Tagen auch nicht mehr ändern. Manchmal auf breiteren Wegen, aber meist auf schmalsten Trampelpfaden bewege ich mich voran. Breite Bäche begleiten mich, die Pfade führen über Felsen und Baumwurzeln, Baumstämme liegen manchmal quer, über matschige oder moorige Stellen helfen mir kleine Bohlenstege hinweg. Es ist wunderbar und kurzweilig, hier zu gehen, auch wenn ich vorsichtig sein muss. Kleine Brücken bringen mich hier und da über den Bach und an anderer Stelle wieder zurück. 


Plötzlch vernehme ich ein immenses Rauschen und Wassermassen stürzen über eine Staustufe hinweg. Ich erreiche den aufgestauten See Floyta, der auf einmal erhaben und ruhig vor mir liegt und an dem nun wieder ein breiterer Weg entlangführt. Immer wieder geben Baumlücken am Rand des Weges den Blick auf den See frei, Enten, Haubentaucher und Kanada-Gänse ziehen über das Wasser und die Stimmung wäre fast perfekt, würden nicht doch auch immer wieder die Flugzeuge zu hören sein, die vom immer noch nicht weit entfernten Flughafen Gardermoen starten. Bei einer schönen Badestelle, die sich auf einer Landzunge in den See hinein befindet, mache ich meine erste und für heute auch wieder einzige Rast. Wenn mal kein Flugzeug im Anflug ist, ist es hier so ruhig, dass mir selbst mein Kauen auf dem Schokokeks ungeheuer lärmend vorkommt. Ich lasse es für eine Weile einfach und höre nur noch in die Natur hinein. 


Weiter geht es an dem Bach entlang, der in den See hineinfließt. Wieder sehe ich nichts anderes als Bäume. Dann auf einmal helles Glöckchengebimmel! Nein, ich bin nicht im Allgäu, und das können auch keine Kühe sein, hier gibt es keine Wiesen. Ich habe darüber gelesen: Hier laufen Schafe im Wald frei herum. Die letzten drei Kilometer begleitet mich dieses Gebimmel die ganze Zeit. Ab und zu sehe ich die Mutterschafe auch mal, wie sie mit ihren Lämmern durch den Wald streifen oder ganz in der Nähe des Weges unter den Bäumen liegen. Angst vor mir scheinen sie nicht zu haben. Sie heben nur den Kopf, schauen mich einen Moment prüfend an, blöken und fressen weiter.


Dann erscheint meine Herberge für diese Nacht vor mir, die Hütte Lysjohimet. Am Weg zwar, aber mitten im Wald. Handyempfang habe ich schon lange nicht mehr, Internet auch nicht. Ich bin gespannt, wann sich das wieder ändert. Die Nutzung der Herberge ist kostenlos. Oh ooooh, wie heißt es doch: Was nichts kostet, ...! Sagen wir so: Mein Pilgerführer beschreibt sie als "... simple und gerade deshalb geruhsame Hütte... ". Zunächst mal ist es drinnen klamm und kalt. Auf den Sitzmöbeln haben wahrscheinlich schon mittelalterliche Pilger gesessen und von der "Kücheneinrichtung und -ausstattung" ist nichts mehr zu gebrauchen, wenn man beabsichtigt, die Pilgerreise noch gesund zu beenden. Im Pilgerbuch steht, dass man den offenen Kamin um Himmelswillen nicht anmachen solle, da er die ganze Hütte verräuchert, höchstens bei dem kleinen Gussofen daneben könnte es klappen. Aber außer ein paar dünnen Zweigen vor der Haustür ist überall kein Brennholz aufzutreiben, auch nicht in dem Schuppen, wo laut Pilgerführer etwas zur Verfügung stehen müsste. Außer zwei Sägen und einer Axt sehe ich da nix. Doch, in der Ecke sehe ich noch das Plumpsklo. Strom und Wasser gibt es natürlich auch nicht, aber eine Kerze und einen Eimer, mit dem ich mir gleich Wasser aus dem Bach hole. An der Wand neben dem Kamin hängt ein Zettel, dem ich entnehmen kann, dass Mäusegift ausliegt. Also alles in allem - richtig kuschelig hier! Und dann noch draußen die bimmelnden Schafe und heute Nacht wohl die trippelnden und fiependen Mäuse - es ist doch schön zu wissen, dass man nicht ganz alleine im tiefen Wald ist.







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Kommentare: 1
  • #1

    Lore (Sonntag, 04 Juni 2017 18:21)

    Da sind wir ja nun doch beruhigt, nachdem wir so lange auf Deinen Tagesbericht warten mussten. Beruhigt, dass alles o.k. ist und Du nicht so ganz alleine in dieser "mittelalterlichen" Herberge übernachten musstest. Wen Du alles nachts gehört oder/und gesehen hast, erfahren wir dann vielleicht heute? morgen?
    Lieben Gruß von der Lore