Gamaschen und Poncho im Einsatz!

Nach einer ersten Schlafphase - ich weiß nicht, wieviel Uhr es ist, aber draußen ist es immer noch ein wenig hell - scheppert irgendwas im "Wohnraum". Postwendend sitze ich im "Schlafraum" senkrecht in meinem Bett und lausche. Nochmal ein Rascheln - dann Stille. Sind noch Wanderer gekommen? Laut Gästebuch soll es immer wieder vorkommen, dass hier noch sehr spät abends Leute reingestolpert kommen. Sicherheitshalber frage ich nach: "Halloooo?" Keine Antwort, so dass ich einfach mal davon ausgehe, dass sich kein Mensch im Nachbarraum befindet. Aber wer oder was hat gescheppert? Die Frage wird unbeantwortet bleiben. 


Ich schlafe den Rest der Nacht recht gut. Mit vollen Klamotten, meinem Schlafsack und einer Decke ist es warm genug. Nur als der Wecker klingelt, muss ich mich echt überwinden, dieses warme Nest zu verlassen und wieder in die klamme Kälte einzutauchen, die einen in dieser Waldhütte umgibt. Nur ein dringendes Bedürfnis treibt mich dann doch hoch und nebenan zum Plumpsklo. Kaffee bleibt mir zum Frühstück verwehrt, denn Wasser über einer Kerze zum Kochen zu kriegen, ist mir doch zu mühsam. So spüle ich mir eben das Knäckebrot mit kaltem Wasser hinunter. Jaaa, die Zeiten von Roggen- oder Schwarzbrot sind vorbei, von nun an gibt es Knäckebrot. Ihren fluffigen Toast können die Norweger selbst essen! Da die Wikinger ja auch an Schottlands und Englands Küsten gelandet sind, nehme ich an, dass sie zur Schwächung der Menschen in den eroberten Landesteilen diese Brotsorte dort eingeführt haben. Ein nachhaltiger Exportschlager, würde ich mal sagen.


Lysjohimet verlasse ich mit dem Bewusstsein: Sowas muss auch mal sein, muss sich aber nicht oft wiederholen. Ich werfe mir meinen Rucksack über die Schultern und tappse sofort wieder auf dem Waldweg entlang. Apropos Rucksack! Eines meiner größten Bedenken bei der Vorbereitung dieser Tour lag in der Frage: Wie schaffe ich die Umstellung vom Wheelie (An dieser Stelle einen schönen Gruß an Willi im Osloer Pilgerzentrum!) zum Rucksack. Bis jetzt muss ich sagen - ohne Probleme. Schultern, Hüften und Knie haben die neue Belastung bisher gut angenommen, nur die Füße rufen jetzt noch etwas eher nach einer Pause. Die verschaffe ich ihnen und hoffe, dass sie mich zur Belohnung ohne Quälerei nach Trondheim bringen.


Den ganzenTag über sehe ich wieder vor lauter Bäumen den Wald nicht. Auf breiteren Wegen ziehe ich an den Seen Lysjoen und kurz darauf Granerudsjoen entlang, die so schön sind, dass außer mir auch andere Menschen sie aufsuchen. Kleine Ferienhütten liegen an den Uferhängen, Ruderboote liegen nahe am Wasser und private Badestege führen an einigen Stellen in die Seen hinein. Wer hier Urlaub macht, will nichts anderes als sich erholen - und angeln. Drei Petrijünger sehe ich fast bis zu den Hüften im Wasser stehen. 
Vom See geht es wieder hinein ins Dickicht. Ich komme nicht schnell voran, aber das Naturerlebnis ist sehr intensiv. Der Trampelpfad ist sehr schmal, zum Teil überwachsen von Blaubeersträuchern. Es ist mir ein dringendes Bedürfnis, die durch den Regen der vergangenen Nacht wie Schwämme vollgesogenen Flechten und Moose, die mancherorts flächendeckend den Waldboden und die Steine bedecken, wie in einem Zauberwald, mit meinen Händen zu ertasten. Da ich mittlerweile ganz schön aufgestiegen bin und die Wolken tief hängen, ziehen vereinzelt Nebelschwaden durch die Bäume und geben dem Ganzen noch eine besondere Stimmung. Trotzdem singen die Vögel aus Leibeskräften, nur die Ameisen haben sich tief in ihre großen Haufen zurückgezogen. Manchmal riecht es für Momente nach Wild, aber ich sehe natürlich keines. Was ich aber sehe, sind Dunghaufen auf dem Pfad, die mich in ihrem Aussehen schwer an die Elch-Losungen in Schwedisch-Lappland erinnern. Sollte es hier eventuell...? Einsam genug ist es dafür.


Nach zwei Stunden Wald, Wald, Wald kommt - noch mehr Wald. Nur, dass ich mich jetzt mal nicht auf engen Pfaden zwischen Bäumen durchquetschen, über Steine balancieren und auf Steinen kleine Bäche überqueren muss. Auf einmal werden die Wege breiter, so breit wie kleine Landstraßen, nur nicht asphaltiert, sondern mit Schotter ausgelegt. Auf ihnen kann ich wieder raumgreifend gehen und komme an Abzweigungen vorbei, wo Hinweisschilder in Richtung Nordre und Sondre Spitalen zeigen. Die Namen deuten darauf hin, dass Spitalen ein interessanter Ort in Hinsicht auf das Pilgern ist. Der Name könnte entstanden sein, weil es hier oben ein "Hospital" gab, also eine Herberge und Pflegestelle für Pilger. 
Eines der wenigen Häuser von Spitalen ist die alte Schule. Manfred, ein Deutscher, hat sie gekauft und eine Pilgerherberge in ihr eingerichtet. Als ich an dem Haus vorbeikomme, sitzen zwei junge Leute davor auf einer Holzbank und strahlen mich an. "Hallo, Pilger!", ruft die junge Frau mir zu. "Möchtest du dich nicht einen Moment ausruhen? Setz dich doch zu uns!" Der junge Mann lockt mit ganz anderen "Waffen": "Brauchst du frisches Wasser oder möchtest du einen Kaffee?" Tja, was soll ich denn da sagen? "Natürlich!" natürlich. Die Beiden sind französische Studenten an der Uni Oslo, forschen im Rahmen eines Projekts hier in der Nähe und wohnen für drei Monate bei Manfred. Umsonst, nur für ihre Verpflegung müssen sie selbst sorgen. Der Deal ist aber: Immer, wenn Manfred außer Haus ist - und das ist häufiger der Fall - müssen Andre und Julie ankommende Pilgergäste empfangen und einweisen. Und ich glaube, alle bekommen sogar einen Begrüßungskaffee von ihnen. Toll, dass ich auch einen bekomme, obwohl ich gar nicht hier übernachten werde. Als mir Andre schließlich noch eine Dusche anbietet - "Ich weiß, du kommst von Lysjohimet...", grinst er - schnappe ich mir dann doch ganz schnell meinen Rucksack, sonst bleibe ich noch hier hängen.


Wieder auf der Strecke höre ich auf einmal wieder die vertrauten Glöckchen von gestern. Also auch hier: Ich sehe die Schafe schon an den Hängen grasend, durch die Bäume kurvend, doch einige haben sich als bevorzugten Lebensraum den Pilgerweg ausgesucht. Ich sehe es an ihren Hinterlassenschaften, die mich teilweise zu einem kleinen Slalom zwingen. Ab und zu aber stehen sie - Mutterschafe mit ihrer zahlreichen Kinderschar - mitten auf dem Pilgerweg und schauen mich (relativ blöd) an. Ich erfreue mich so an den Pullovertieren, dass ich fast den Abzweig nach Romsaetra übersehe. D.h., ich übersehe ihn und nur Jakobus oder Olav flüstern mir ins Ohr: "He, Pilger, willst du dir das nicht nochmal überlegen? Könnte doch falsch sein, oder?" und ersparen mir damit möglicherweise überflüssige Kilometer. Ich gehe die zwanzig Meter zurück und sehe das Zeichen genau dort, wo es hingehört. Es ist einfach so: Die Markierung des Olavswegs ist von Oslo an und zumindest bis hierher einwandfrei. Ob in der Stadt, durch Dörfer, an Straßen entlang oder im dichtesten Wald, wenn man die Augen aufmacht und konzentriert schaut, sieht man zumindest eine der verschiedenen Markierungen und ist damit sicher auf dem Weg aufgehoben. Wer unkonzentriert und damit unaufmerksam ist, läuft in die Irre. Ich lese selbst noch in jüngeren Einträgen der Hüttenbücher von Pilgern, die sich über eine schlechte Markierung beklagen. Stimmt nicht, Freunde, nur schön aufpassen und nicht für die eigene Unaufmerksamkeit andere verantwortlich machen!


Zum selben Zeitpunkt, als ich die verlassene Alm Romsaetra auf 454 m Mehreshöhe mit Almhütte, Holzstall, Viehstall und Plumpsklo erreiche, beginnt es erst leicht, dann aber immer stärker zu regnen. Hier oben ist sowieso eine Rast fällig, also ziehe ich mich unter den Vorbau der Almhütte zurück, schaue eine Weile dem Regen zu und komme zu der Überzeugung, dass es ab jetzt eine ziemlich feuchte Angelegenheit wird. Meinen breiten Schirm kann ich vergessen, den würde ich mir hier im dichten Tann verbiegen oder gar zerreißen oder im günstigsten Fall andauernd steckenbleiben. Also müssen jetzt Schutzmaßnahmen getroffen werden, die ich bis jetzt noch nicht bemühen musste. Gegen die über den Weg wachsenden Blaubeersträucher, die meiner Hose einen intensiven Waschgang unterziehen würden, helfen meine großen, bis zu den Knien reichenden Gamaschen. Für den Oberkörper samt Rucksack kommt der große Regenponcho in Funktion, den ich mir von Anni ausgeliehen habe und der mir, wie die Gamaschen, ebenfalls bis an die Knie geht. Fast bis an die Knie geht! Ein Streifen von vielleicht drei Zentimetern bleibt den Unbilden des Wetters ausgesetzt. Auf den Kopf kommt mein Hut, darüber noch die Kapuze des Ponchos. Na bitte, ich bin gewappnet!


Poncho und Gamaschen haben eine ordentliche Feuerprobe, nein, Wasserprobe zu bestehen. Die über den Weg wachsenden Blaubeerbüsche streifen all ihr Wasser an meinen Gamaschen ab, der Poncho bekommt, zusätzlich zu dem, was von oben kommt, auch noch die ganze Nässe der in den Weg hängenden Zweige vor den Bug. Aber - ich habe nicht das Gefühl, unter dem Poncho, und erst recht nicht unter den Gamaschen nass zu sein. Nur die drei Zentimeter am Knie, die weder vom einen noch vom andern bedeckt sind, verschaffen mir einen feuchten Ring ums Bein. Mein Schuhe allerdings verlieren den Kampf gegen die auf sie einströmende Nässe. Goretex hin oder her!


Schwer vor mich hin tropfend trudle ich zu meiner Herberge, Hestnes Nordre gard, hinunter. D.h., alle Höhenmeter, die ich mir seit Eindsvoll mühsam erarbeitet habe, werden hinfällig, denn der Hof mit seinem Herbergs-Stabbur liegt unten am Mjosa-See, gleich an der E6. Ich glaube das jedenfalls, denn als ich an der Tür des Bauernhofs klingele, sehe ich vom See nichts, nur eine mächtige graue Wolke, aus der immer noch das Wasser fällt. Eine alte Dame öffnet die Tür und schaut mich freundlich, aber auch bedauernd an. Noch bevor sie mich zu ihrem Stabbur bringt und mir dort alles zeigt, muss ich ihr versprechen, ihr gleich all meine nassen Sachen rüberzubringen. "Sonst werden Sie noch krank und kommen nie in Trondheim an!", lächelt sie gütig. "Ich nehme an, in unserem Stabbur ist es gemütlich, nur heizen kann man dort nicht", fügt sie noch hinzu. Die Aussage trifft mich nicht hart, habe ich diese Information doch bereits meinem Pilgerführer entnehmen können. Auch eine heiße Dusche werde ich mir wiedermal verkneifen müssen. "Zum Waschen bringt Ihnen mein Mann gleich zwei Kanister Wasser rüber." Kaltes, versteht sich!


Trotzdem fühle ich mich wohl in der Herberge. Es ist nicht halb so kalt wie in Lysjohimet, alles ist sauber und gemütlich eingerichtet. Wasser in Verbindung mit einer Elektroplatte ergibt zwei heiße Kaffee und zwei heiße Tee. Nur der Blick aus der offenen Tür zum Mjosa-See verspricht für morgen nicht unbedingt Gutes. Zwar hat es aufgehört zu regnen und der See ist jetzt zu erkennen mitsamt den gegenüberliegenden Berghängen, doch die Wolken hängen immer noch tief. Erlebe ich jetzt die norwegischen Regentage?




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