Verlorener Wettlauf

Auf meinem Gang zum Plumpsklo, das von meiner Unterkunftshütte etwa 30 m entfernt steht, sehe ich vom Mjosasee mal wieder so gut wie nichts. Die Wolken berühren praktisch die Wasseroberfläche und decken sie zu. Mit meinen Crocs stapfe ich durchs nasse Gras und bekomme prompt nasse Füße. Auch nicht schlimm, denn die werden gleich sowieso nass. Meine Schuhe waren bei ihrem Trocknungsprozess nämlich nicht so sehr erfolgreich. Ich konnte sie ja nicht zum Trocknen über den Blechschirm der Schreibtischlampe hängen, wie ich es mit meinen Socken mit Erfolg betrieben habe. Jeder kann sich vorstellen, dass das Einsteigen in nasse Schuhe zu den weniger schönen Wanderfreuden gehört.Das Wetter lädt zum Hierbleiben ein. Aber es soll gegen Mittag etwas besser werden, also nicht schwächeln und los!


Ich stehe mit meinem Rucksack auf dem Rücken in der Tür, als ich feststellen muss, dass es regnet. Also wieder rein und präventive Maßnahmen ergreifen. Da ich gestern mit dem Poncho und meinen Gamaschen ganz gute Erfahrungen gemacht habe, kommen sie jetzt wieder zum Einsatz, zusätzlich aber auch meine Regenhose, damit die restlichen drei Zentimeter Hose am Knie auch trocken bleiben. Mit einer gewissen Ähnlichkeit zum Waldwichtel marschiere ich los.


Für die ersten Kilometer gehe ich auf einer schmalen Straße am Mjosasee entlang. Inzwischen kann ich ihn überblicken, sogar die Höhen auf der anderen Seite des Sees kommen hinter dem grauen Vorhang hervor, der langsam zur Seite geschoben zu werden scheint, aber einige Fetzen bleiben an den Bergwäldern hängen. Der Blick auf und über den See könnte selbst jetzt schön sein, nur die Kabel der Eisenbahnlinie, die sich zwischen mir und dem See die Schienen entlang schwingen, verderben dieses Bild etwas. Hinter Espa steige ich auf Feldwegen beständig aufwärts und der Schweiß rinnt von meiner Stirn, ähnlich wie die Regentropfen von meiner Poncho-Kapuze. Als ich mich kurz vor Tangen mal umdrehe (auch um mal kurz zu verschnaufen), ist der Blick zurück auf den langgezogenen Mjosasee fantastisch.


Früher als erwartet lockert der Himmel auf und lässt ab und zu mal blaue Lücken erkennen. Die Aussicht auf Wetterbesserung und eine... ich nenne sie mal... beschwingte Strecke lassen meine Glückshormone jubilieren. In einem ständigen Auf und Ab zieht sich eine Schotterpiste für Kilometer dahin. Dabei sind die Aufs immer ein wenig länger als die Abs und so steige ich immer mehr an. Wieder liegt Wald rechts und links neben mir, nur kann ich mich mit Hilfe der breiten Piste wunderbar treiben lassen und muss nicht bei jedem Schritt aufpassen, wohin ich meinen Fuß setze. Immer wieder auch wieder Häuser, Höfe, Ferienhütten. Ich kann mich ergötzen an den Motiven, die alle geeignet wären als wunderschöne Postkartenidyllen. Bauernhöfe im typischen Ochsenblutrot der nordischen Länder, aufgeräumt, wohlbestellt, und es scheint Schaffenspause zu herrschen, denn ich begegne niemandem. Diese Kilometer belohnen mich mit dem, was dieser Pilgerweg so reichlich bietet: ein Unmaß an unberührter Natur und Ruhe, an Einsamkeit und der ausschließlichen Gesellschaft mit sich selbst. 


Immer mehr nähere ich mich auf der Waldpiste nun Ekeberg gard. In meinem Pilgerführer ist eine kleine Holzhütte abgebildet, an der man nicht nur rasten, sondern in der man auch übernachten könnte. Putzig sieht die Hütte auf einem Bild aus - und in echt ist sie noch putziger. Etwas abseits des Hofes steht sie da, davor ein kleiner Tisch mit einem Stuhl. Sogar eine Feuerstelle und ein Grill gehören zum Angebot. Drinnen gerade mal zwei Betten und ein Tisch und der schon fast obligatorische Wasserkocher mit Nescafé-Dose und Teebeutel. Ich setze mich draußen auf den Stuhl in die Sonne, ziehe Schuhe und Strümpfe aus und gebe ihnen die Möglichkeit, wenigstens etwas zu trocknen. Ich stöbere etwas in dem dicken Gästebuch, in dem sich aber auch alle, die sich hier verewigt haben, vor Lob auf dieses Kleinod von Pilgerherberge nahezu überschlagen. Ich lese von Pilgern, die morgens im Regen hier ankamen und blieben, von zwei Frauen, die eigentlich nur hier rasten wollten, aber aus der Rast wurden drei Tage. Ich kann es wirklich verstehen, es ist herrlich hier. Sonne, Ruhe, Ausblick, nebenan, hinter dem Zaun, die Stute mit ihrem Fohlen und daneben der malerische Bauernhof.


Ekeberg gard wurde schon zur Wikingerzeit gebaut und ist immer noch in Betrieb, auch nach der Pest, die im 14. Jahrhundert in der Region wütete. Alle Höfe südlich von Ekeberg und Stange (einige Kilometer nördlich) wurden verlassen und stillgelegt, 61 von 62. Die Überlebenden sammelten sich auf den besten Höfen im Umkreis der Stange kirke, während die stillgelegten Flächen als Weiden und die alten Höfe als Almen dienten. Pilger, die im Mittelalter also hier herzogen, durchquerten mehrere Kilometer unbewohntes Gebiet, ein großes Stück davon dichten Wald. Unter diesen Umständen war der Pilgerstab sehr nützlich, um frei herumlaufende Tiere und vor allem Räuber abzuwehren.


Irgendwann trenne ich mich von diesem friedlichen Ort, erfreue mich am schönen Wetter, das am Morgen doch noch gar nicht so aussah und laufe auf Stange zu. Bei Stange Vestbygd ist auf einmal der Wald zu Ende, die Landschaft öffnet sich. Links von mir sehe ich die blaue Fläche des Mjosasees, zwischen uns weite Felder und geradeaus vor mir erkenne ich ganz weit hinten die Kirchturmspitze von Stange kirke. Auch für die alten Pilger war es großartig hierher zu gelangen, aus dem gefährlichen, einsamen Wald in das üppige Kirchendorf, das im Mittelalter Skaun hieß (Schönheit). Wir sollten uns daran erinnern, dass unserer heutigen Auffassung nach alles, was schöne Natur bedeutet, der Romantik des 18. Jahrhunderts entspringt. Davor wurden Wald und Berge eher als hässlich, bedrohlich und gefährlich angesehen. Die landwirtschaftlich betriebene Fläche galt als schön.


Von hier sehe ich nicht nur den Mjosasee und die Stange kirke, sondern ich sehe auch, wie sich unmittelbar über dem See ein gewaltiger Schauer bildet. Während ringsherum die Sonne scheint und nur einige dicke Wolken ziehen, scheint eine dieser Wolken das Wasser des Sees in großen Mengen fast anzusaugen, um es hinterher mir, ja, genau mir, aufs Haupt zu werfen. Noch scheint die Wolke mit Tanken beschäftigt zu sein, aber gleich wird sie sich in Bewegung setzen, da bin ich ganz sicher. Weit und breit gibt es nichts, wo ich mich unterstellen könnte, nur vereinzelt ein paar Bäume. Die sind mir im Ernstfall auch keine Hilfe. Ich habe aber keinen Bock, mir jetzt wieder die gesamte Regenmontur anzulegen, derer ich mich während der Rast bei Ekeberg gard so schön entledigt habe. Also muss ich schneller sein als der Schauer! Ich fliege der Kirche von Stange entgegen - und genau jetzt setzt sich auch die Schauerwolke in Bewegung. Es wird ein Wettlauf! Die Wolke mit der nassen Fracht kommt immer näher, die Kirche aber nicht. Das kann doch nicht wahr sein! Immer noch eine Kurve und noch eine Kurve - und die Wolke schön gradlinig auf mich zu. Dann die ersten Tropfen... dicke Tropfen... noch 50 m bis zu einem Baum... der Regenschleier erreicht mich... ich schaffe es bis zum Baum, werfe mir den Rucksack von den Schultern, zerre den Poncho raus, werfe ihn über mich und den Rucksack und hocke mich hin. Fünf Minuten verweile ich nun wie eine Glucke auf dem Ei, das Wasser rauscht auf mich hinab - aber eigentlich ist es unter meinem Poncho ganz gemütlich! Dann ist der Spuk vorbei.


Als ich - bei Sonnenschein - endlich an der Stange kirke ankomme, sind die Türen verschlossen, ich hätte also sowieso hier keinen Schutz bekommen. Der Blick von hier auf den See entschädigt mich aber für die (fast) unterlassene Hilfeleistung. Eine halbe Stunde ist es jetzt noch bis zum Hof Store Gillund gard, wo ich im bestens erhaltenen und urig eingerichteten Stabbur mein heutiges Quartier beziehe. Der Sonnenschein des Tages hat ihn aufgewärmt, der Kaffee steht bereit und die Bäuerin Helle macht mir ein leckeres Abendessen.


Und dennoch habe ich bis in den späten Abend hinein mindestens 100 Morde begangen. Aber mindestens 200 weitere Fliegen lassen sich dadurch nicht stören. Wie soll ich dabei schlafen???


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Kommentare: 7
  • #1

    Lore (Dienstag, 06 Juni 2017 00:02)

    Fliegen stechen nicht. Mit Oropax hörst Du sie auch nicht. Stell ne brennende Kerze auf. Fliegen fliegen doch immer zum Licht, oder? So werden sie mit der Zeit weniger.
    Gute Nacht!
    Lore ;-)

  • #2

    Loreley (Dienstag, 06 Juni 2017 01:35)

    Wen interessiert diese ganze Scheiße? Hilft das Michelle? Sie war wohl nur Mittel zum Zweck, um die Medien für einen eitlen Selbstbewunderer zu locken!

  • #3

    Peter (Dienstag, 06 Juni 2017 08:05)

    Leute die mit offenem Visier kämpfen finde ich sympathisch.Die anderen sind feige und unsympathisch.

  • #4

    Beate (Dienstag, 06 Juni 2017 08:37)

    Lieber Herr Wagner, von Beginn an verfolge ich aus der Ferne Ihre Pilgerreise. Jeden Morgen freue ich mich noch vor der 1. Tasse Kaffee und lange vor der Zeitung auf Ihren Bericht. Das wollte ich Ihnen schon länger schreiben, heute schien mir gerade der richtige Moment. Und Michelle habe ich jedenfalls keinen Moment aus den Augen verloren.
    Alles Gute weiterhin!

  • #5

    Maren (Dienstag, 06 Juni 2017 08:39)

    Liebe Loreley (oder wie auch immer Sie heißen),
    mich und viele andere, die diesen Blog lesen, interessiert das hier alles sehr. Es ist die Geschichte eines Mannes auf einer langen Wanderung. Sie erzählt von seinen Erlebnissen auf dieser Wanderung, von seinen Erlebnissen mit Menschen, mit der Natur und interessanten Orten – mal humorvoll, mal nachdenklich. Michelle ist immer irgendwie dabei, doch dafür muss man behutsam zwischen den Zeilen lesen. Und das ist auch gut so!
    Viele Grüße

  • #6

    Michael Volkmar (Dienstag, 06 Juni 2017 15:05)

    Loreley
    Sie müssen das nicht Lesen. Aber ich liebe diese Berichte sie sind wunderschön.

  • #7

    Bine (Dienstag, 06 Juni 2017 16:09)

    Hilft es Michelle, wenn sie so Kommentare von Loreley liest? Ich glaube nicht!