Ergreifender Gesang

Ich hatte schon meine Not mit den lieben Fliegen! Sie haben mich unendlich genervt. Sobald ich gestern Abend das Licht ausgemacht habe und tief unter die Decke gekrochen bin, ging es ja. Sobald aber der Morgen graute (und der graut ja zu dieser Zeit hier früh), genügte ein unter der Bettdecke rausgestreckter Fuß und alle 200 Fliegen stürzten sich drauf. Unter der Decke wird es mir aber zu warm, also versuchte ich immer mal wieder ein paar Zentimeter Haut an die Luft zu halten, aber das Ergebnis war immer dasselbe. Ganz abgesehen davon, dass Stirn, Ohren und Nase den Biestern grundsätzlich durchgehend ausgeliefert waren. Ich bin richtig froh, als der Wecker klingelt und ich aufstehen darf.


Als ich in meinen Crocs stehe, wird mir bewusst, dass ich in einem Monat schon wieder aus meinem eigenen Bett aufstehen werde. Vier Wochen nur noch und ich bin wieder zu Hause. "Vier Wochen noch" ist schön, "zu Hause" ist auch schön. Im Moment weiß ich nicht, wie ich damit umgehen soll. Heute gehe ich jetzt erstmal wieder.


Zitat Pilgerführer (Outdoor, Norwegen: Olavsweg, S. 85): "Zu Beginn stehen Ihnen zermürbende 4,6 km auf der Landstraße bevor...". Wie gesagt: Peanuts! Es handelt sich um eine wenig befahrene schmale Straße, die noch dazu wie ein langgestreckter Aussichtsbalkon nahe am Mjosasee entlangführt. Sengende Hitze bringt mich auch nicht um, ganz im Gegenteil: Gamaschen, Regenhose und Poncho sind am Mann und könnten jeder Zeit zum Einsatz kommen. Die knappe Stunde auf der Landstraße vergeht also wie im Fluge, bevor ich dann doch auf einen Feldweg abbiege, der mich, mitten über einen Golfplatz, direkt ans Seeufer bringt. Bei der Atlungstad Brennerei, die einen eigenen Landungssteg hat, könnte ich mir noch etwas Proviant einkaufen, denn seit 1856 bis heute wird dort norwegischer Aquavit gebrannt. Die Vernunft verbietet mir das dann zwar doch, aber... zumindest ein kleines Tasting hätte ich mir ja gönnen können. Vor allem weiß ich überhaupt nicht, wie Aquavit schmeckt, denn er stand bisher noch nicht auf meiner Getränkeliste.


Für ein paar Kilometer schlendere ich nun am Seeufer entlang, stöbere Enten und Schwäne auf, höre den Wellen beim An-Land-Schwappen zu und sehe jede Menge Treibholz am Ufer liegen. Es sind nicht nur kleine Hölzer, die da rumliegen, sondern klafterweise ganze Stämme, die wohl schon eine weite Reise auf dem See hinter sich haben. Und siehe da! Ganz da hinten kommt auch der Skibladner, der älteste Schaufelraddampfer der Welt im regelmäßigen Linienverkehr, angeschaufelt. Ich dachte, er führe erst ab Juli wieder. Komisch, aber auch nicht mein Problem! 


Irgendwann ist der schöne Uferweg zu Ende, und kaum komme ich aus einem kleinen Wäldchen heraus und nähere mich Hamar, ändert sich die Umgebung von ländlich auf städtisch. Jenseits des Sees sehe ich die Häuser der Stadt, aber bis dahin sind es noch ein paar Kilometer. Über einen langen Damm überquere ich eine Wasserzunge des Mjosasees, die hier weiter ins Landesinnere hineinreicht, und sehe dabei die ganze Zeit die Vikingskipet-Arena, die während der Olympischen Winterspiele von Lillehammer als Eislaufstadion diente und in ihrer Form einem auf dem Kopf stehenden Wikingerschiff nachempfunden ist.


Nach dem Damm habe ich zwar den Kern von Hamar erreicht, aber am Ziel bin ich deshalb noch lange nicht. Wie Kaugummi ziehen sich weitere fast vier Kilometer bis zu meiner Unterkunft, dem Pilgerzentrum der Stadt, dahin. Einen davon absolviere ich in der Fußgängerzone, den Rest auf einer Uferpromenade, die mich unmittelbar in den ältesten Teil Hamars mit seinen historischen Gebäuden bringt. Zunächst ist es der ehemalige Bischofspalast, der mich alleine wegen seiner Größe beeindruckt. Heute ist das Hedmarks-Museum in ihm untergebracht. Nicht weit von diesem aber steht ein besonderes Bauwerk, ein immenser Glaspalast. Und unter diesem Glaspalast liegen die Ruinen der alten Hamar Domkirche.


Die Lage auf dem höchsten Punkt der Landzunge, die in den Mjosasee hinausragt, machte die Domkirche im Mittelalter zu einer mächtigen Landmarke, in all seiner Pracht von Weitem bereits sichtbar, wenn man als Pilger (vor tausend Jahren bereits) über den Mjosa gesegelt kam und ganz in der Nähe anlegte. Mit dem Bau des Doms von Hamar begann man 1152, rund 1200 wurde er fertiggestellt und im frühen 14. Jahrhundert nochmals erhöht und erweitert. Er entwickelte sich zu einer wichtigen Zwischenstation für Pilger, die aus Oslo kamen und auf dem Weg nach Nidaros waren. 1323 wurde der Hamar Dom vom damaligen Papst mit den gleichen Ablassprivilegien versehen wie der Nidarosdom. Wer als Pilger zu den größten Festtagen vorbeikam, konnte sich über ein ganzes Jahr Ablass (Verringerung des Aufenthaltes im Fegefeuer) freuen, 100 Tage gab es allerdings nur bei kleineren Festen im Kirchenjahr. 1567 wurde nebenan die Bischofsburg von schwedischen Truppen in die Luft gesprengt und der entstehende Brand weitete sich bis zum Dach der Domkirche aus. Nichts wurde wieder aufgebaut und die nachfolgenden 100 Jahre dienten die Ruinen lediglich als Steinbruch für andere Bauprojekte in der Region. Erst in neuerer Zeit kam man darauf, dass diese historische Stätte geschützt werden muss - der ausgefallene Glasbau von 1998 ist das Ergebnis davon.


Als ich dieses besondere Bauwerk betrete, habe ich sofort das Empfinden, mitten in einem gläsernen gotischen Dom zu stehen. Auch wenn ein klassisches Kirchengewölbe in diesem Glaskasten fehlt - eingewölbt ist diese Kirche dennoch. Der Himmel überspannt den Sakralbau im Glasmantel. Ein einzigartiger Gebetsort, hell und offen. Als Pilger habe ich hier freien Eintritt und die beiden Damen in ihren mittelalterlichen Kostümen winken mich am Eingang freundlich herein. Anfangs bin ich alleine, kurz darauf aber kommen einige Touristen zusammen mit einer Reiseführerin und nehmen auf bereitgestellten Stühlen Platz. 


Nach einigen kurzen Worten der Reiseführerin passiert etwas, womit ich nicht gerechnet hätte: Nacheinander singen die beiden Frauen je ein mittelalterliches geistliches Lied. Ihre Stimmen sind... fantastisch! Die Akkustik in diesem Raum ist unglaublich! Ich bin ergriffen von dem, was ich da höre, und muss mich ebenfalls setzen. Geistesgegenwärtig schaffe ich es noch, mein Handy zu zücken und den Gesang mit meiner Diktiergerät-Funktion aufzunehmen. Ich werde es heute nicht zum letzten Mal benutzt haben. 


Nur 200 m von der in Glas eingefassten Ruine steht das Pilgerzentrum. Wanya, die heute dort Dienst hat, kommt zur Begrüßung nahezu herausgestürmt und bietet mir sofort einen Kaffee an, den ich natürlich nicht ablehne. Während er durch die Kaffeemaschine läuft, zeigt sie mir mein Mehrbettzimmer (wo ich wieder alleine bleibe), Küche, Toilette und Dusche, quetscht mich nach dem Verlauf meiner bereits absolvierten Strecke aus und wird nicht müde, mir Informationen für den Rest des Weges zu geben. Kaum steht der Kaffee vor meiner Nase, muss sie sich um den Nächsten kümmern. Eine weitere Pilgerin, Maika, auch Deutsche, möchte zwar nicht hier schlafen, sich aber Informationen darüber einholen, welche Strecke des vor ihr liegenden Weges sie am besten mit dem Zug fährt, damit sie spätestens in drei Wochen in Trondheim ist. Ergebnis: Erstmal morgen direkt nach Lillehammer fahren, dann zu Fuß weiter bis Dovre, die Überquerung des Dovrefjells weglassen (Wer weiß, ob da nicht sowieso noch zuviel Schnee liegt und damit der Weg unkenntlich und nicht ungefährlich ist! - Ups!!!), von Dovre nach Oppdal mit dem Zug fahren und den Rest bis Trondheim wieder wandern. 


Kaum ist das geklärt, betritt ein junger Mann mit schwerem Rucksack den Raum. Er möchte sich nur ein wenig umsehen - und hat prompt auch einen Kaffee vor der Nase. Jürgen ist vor einer Woche mit einem Freund aufgebrochen, um die Hardangervidda zu durchqueren. Wegen zu viel Schnee (Ups!!!) mussten sie abbrechen und der Freund ist vollkommen frustriert vorzeitig nach Hause gefahren. Jetzt will Jürgen ersatzweise noch bis Lillehammer auf dem Olavsweg wandern, dann geht es wieder nach Hause zur Familie und an den Bankschalter.


Nachdem jeder von uns auch die zweite Tasse Kaffee getrunken hat, möchten sich Maika und Jürgen gerade verabschieden, doch Wanya hält für uns alle noch eine Überraschung bereit. Sie sänge auch gerne und möchte ihre Sympathie uns Pilgern gegenüber zum Ausdruck bringen, indem sie zum Abschied ein Lied singt, teils in Norwegisch, teils in Englisch. Was dann folgt, ist nocheinmal ein besonderer Moment meines Weges. Alle drei sitzen wir da mit offenem Mund und lauschen diesem jungen Mädchen, das mit geschlossenen Augen da vor uns steht und voller Hingabe ihr Lied singt. Es gibt Momente, die kann man einfach nicht beschreiben. Wer auch etwas von ihr hören möchte, höre doch mal bei youtube unter "Wanya Hamre" rein.


Als Maika und Jürgen gehen, dauert es auch nicht mehr lange, bis Wanyas Dienstzeit für heute vorbei ist. Alleine bleibe ich im Pilgerzentrum zurück und blättere in einem ausliegenden Bildband über das Dovrefjell. Die mögliche Schneelage dort macht mir etwas Kopfzerbrechen. Aber noch sind es fast zwei Wochen bis Sebastian und ich dieses Hochfjell überqueren wollen. Bis dahin kann noch viel Schnee schmilzen. Aber für die nächsten Tage sind hier ordentlich Regen und zurückgehende Temperaturen vorhergesagt. Och nöö, ne!?


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