Männlein oder Weiblein?

Die Nacht habe ich etwas unruhig geschlafen. Zu sehr beschäftigte mich wohl das Schneeproblem im Dovrefjell. Irgendwie will mir Schnee immer ein wenig die Highlights auf meinen großen Pilgerwanderungen klauen. Auf dem Jakobsweg haben sich Anni und ich nicht getraut, wegen der Schneelage über die höchsten Höhen der Pyrenäen zu gehen, sondern haben stattdessen eine sichere Variante genommen. Auf meinem Weg nach Rom war der St.-Bernhard-Pass wegen noch meterhohem Schnee gesperrt und ich konnte mit dem Bus durch den Tunnel ins Aostatal fahren - und jetzt das! Aber mal sehen, vielleicht fügt sich wieder alles und es klappt doch.


Sobald ich früh am Morgen die Augen aufhabe, bin ich darauf gefasst, draußen ergiebigen Regen zu hören. Aber ich höre - bis auf etwas Wind - nichts! Ich spähe vorsichtig aus dem Fenster und sehe - Sonnenschein über dem Mjosasee. Der Wetterbericht sagte aber zweifellos für den heutigen Mittwoch anhaltenden starken Regen voraus. Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder die Regenfront ist heute Nacht schon durchgezogen. Glaube ich aber nicht, das hätte ich in meinen Schlafpausen mitbekommen. Oder die Front ist erst auf dem Anmarsch und ich kann mich über jede Stunde freuen, die es trocken bleibt. Und wenn sie sich etwas Zeit lässt, bin ich vielleicht schon am Ziel, wenn es unangenehm wird.


Mein Knäckebrotfrühstück nehme ich natürlich wieder alleine zu mir, auch vom Pilgerzentrumspersonal ist noch niemand erschienen. Beim Kauen fällt mein Blick auf die große Info-Wand, wo sich jeder hier ankommende Pilger über den Streckenverlauf, über mögliche Unterkünfte, den Wetterbericht, die Möglichkeit des angebotenen Gepäcktransports usw. schlau machen kann. Darüber hängen fünf Uhren. Während ich hier esse, weiß ich nun, dass es in Trondheim, Santiago de Compostela und Rom auch viertel vor sieben ist, in Jerusalem und Mekka aber schon viertel vor acht. Ich finde, diese Info ist ganz wichtig!


Als ich die Tür des Pilgerzentrums hinter mir schließe, scheint die Sonne tatsächlich immer noch. Aber es ist nicht diese von einem blauen Himmel strahlende Sonne, sondern eine, die sich viel Mühe gibt, durch einen (noch) milchig weißen Schleier zu dringen. Ganz weit draußen über dem Mjosasee tauchen auch schon die ersten grauen Wolkengeschwader auf und kriechen von nun an langsam den See hinauf auf mich zu. Na, denn mal los, schauen wir, ob ich diesmal das Rennen gewinne. Der Poncho hängt aber zur Sicherheit über meinem Rucksack in Bereitschaft.
Eine dicke Wegmarkierungsstele, die in der Rangfolge der Markierungszeichen des Olavswegs die zweite Stelle hinter den Meilensteinen einnimmt, weist mir am Eingang des Freilichtmuseums (Teil des Hedmarksmuseums, genau wie der Glaspalast der Domruinen auch) den Weg. Ganz abgesehen davon, dass überhaupt noch niemand an der Kasse sitzt, könnte ich hier jetzt als Pilger erneut ohne zu bezahlen durchrauschen. Vielleicht sieht man das mit dem Eintritt zu dieser Uhrzeit auch gar nicht so eng, denn entlang der herrlichen alten Museumshäuser laufen auch viele Jogger und Gassigeher herum. Eine schöne Strecke für diese Frühaufsteher, so zwischen diesen Postkartenensembles hindurch und am Seeufer entlang...


Vom Seeufer geht es dann aber bald weg, ich mache Höhenmeter. Ich komme hoch ins Naturreservat Furuberget, einem Naturschutzgebiet auf dem Berg gleichen Namens. Der Berg ist eine Kalksteinformation, auf der schnell Wasser abfließt. Daher ist der Boden nährstoffarm und so behaupten sich dort hauptsächlich die genügsamen Kiefern, speziell Pinien. Nicht nur Füchse, Rehe, Hirsche und Dachse gehören hier zum gängigen Wild, sondern auch - Elche! Doch so sehr ich mich beim Bergaufsteigen auch anstrenge, ich sehe nur Kiefern. Von dem Kalkgestein unter mir ist übrigens der alte Hamar Dom gebaut worden, der große Steinbruch liegt etwas abseits des Weges.


Nach dem dichten Kiefernwald dann offene Höhen und wieder ein weiter Blick zum Mjosasee. Der Blick könnte fantastisch sein, bei blauem Himmel und blauem See. Aber die graue Wand ist weiter herangezogen. Doch ohne Hast gehe ich weiter, wenn mich der Regen erwischt, auch gut. Wenn nicht, eigentlich besser. Ich lasse Höfe, Felder, Schafweiden hinter mir, hänge meinen Gedanken nach, als diese plötzlich von einem unheimlichen lauten Brüllen eines noch nicht sichtbaren Rindvieches abrupt durchkreuzt werden. Ich halte Ausschau nach dem Tier und entdecke unten an einem Bach das immer noch laut brüllende Viech. Es steuert jetzt ziemlich schnell den Berg hoch, direkt auf mich zu. Mein Blick richtet sich flugs zwischen die Beine des Tieres - Männlein oder Weiblein??? Eindeutig Männlein! Mir wird etwas mulmig. Nichts anmerken lassen, einfach ruhig weitergehen. Ein Viech kommt aber selten allein, und tatsächlich, hinter der nächsten Biegung kommen mir weitere Tiere entgegen, alle männlichen Geschlechts, und beäugen mich neugierig. Mir wird ganz anders. Ich habe die Hoffnung, dass sie vielleicht so ganz männlich auch nicht mehr sind, außerdem scheinen sie mir auch noch etwas jung zu sein. Die Truppe hat wohl irgendwo ihren Zaun gesprengt und ist jetzt auf Erkundungstour. Auch der Kollege vom Bach hat sich mittlerweile zu ihr gesellt. Jedenfalls stehen sie jetzt da, mitten auf meinem Olavsweg - und rühren sich nicht. Ich mich auch nicht. Aber irgendwie muss das ja nun mal hier weitergehen. Ich gehe mit gutem Beispiel voran, setze einen Fuß vor den anderen. Olav, jetzt zeig mal, was du kannst! Ich bin vielleicht noch fünf Meter von ihnen entfernt, da treten die Ersten zur Seite und gaaanz langsam tut sich eine Gasse auf. Tiefes Atmen und Schnauben (der Tiere) begleiten mich nun auf den seit langem längsten 30 Metern meines Lebens. Dann drehe ich mich um und gehe nochmal ungefähr 20 m rückwärts, bis ich das sichere Gefühl habe: Die Nummer ist durch! Ich drehe mich wieder um und gehe zügig weiter. Erst jetzt merke ich, dass mir im Moment mehr Schweiß auf der Stirn steht, als es bei dem Geländeprofil nötig wäre.


Hinter dem nächsten Hügel liegt die Furnes kirke vor mir. Im Mittelalter sahen die Pilger eine Holzkirche etwas weiter rechts stehen, wo heute der Garten eines Bauernhofes ist. Die "neue" Kirche wurde 1708 fertiggestellt, als "Abklatsch" der alten. Als Baumaterial dienten übrigens die Kalksteine der Domkirchenruine von Hamar, schön nach dem Motto: "Wenn es hier keiner mehr braucht, ich nehme es gerne!" Ich wäre gerne in die Kirche reingegangen, um mich mit Olav über die gerade überstandene Situation auszutauschen, aber leider ist die Tür versperrt. Na gut, er wird auch so wissen, dass ich ihm dankbar bin.


Der Weg ins Zentrum des recht großen Städtchens Brumunddal zieht sich endlos. Der Himmel sieht inzwischen bedrohlich aus und ich habe die Hoffnung, dass es dann regnet, wenn ich im Supermarkt bin und nicht früher. Der Wind frischt schon auf und der Poncho flattert etwas unkontrolliert auf meinem Rucksack herum. Der Supermarkt ist direkt am ersten Kreisverkehr, sagt mir mein Pilgerführer. Aber der Kreisverkehr kommt und kommt nicht näher, sagt mir mein Handy-GPS. Mein Pilgerführer spricht auch davon, dass es durch ein ruhiges Wohngebiet geht. Doch unter mir vibriert der Boden vor lauter Rasenmähern, die hier durch die Vorgärten wirbeln. Und das an einem Mittwoch Nachmittag! Vielleicht wird in Brumenddal zwei Mal in der Woche gemäht: mittwochs und samstags.
Dann kommt tatsächlich der Kreisel und daneben steht auch ein Superkasten von Supermarkt. Es ist immer dasselbe: Ich komme mir in so einem Ding immer irgendwie fremd vor und fühle mich deplatziert. Ich bin mit der Situation überfordert. Mein Platz ist nicht hier, die vielen Leute und die Hektik mit der lauten Kaufhausmusik und den Durchsagen, von denen ich doch nichts verstehe, machen mich wahnsinnig. Ich will nur noch raus aus der Stadt, meinetwegen vollgeregnet werden, im Matsch stehen und mir den Allerwertesten abfrieren. Schnell drei Teile in den Korb, bezahlen und raus!


Von Brumunddal an, das wieder auf gleicher Höhe wie der Mjosasee liegt, muss ich wieder bergauf, deshalb wird es mit dem Allerwertesten-Abfrieren nichts. Genauso lang, wie es sich nach Brumunddal hineinzog, zieht es sich jetzt den Berg hoch. Ich koche. Es regnet immer noch nicht. Obwohl häufige Blicke über die Schulter mir klarmachen, dass es nicht mehr lange dauern wird. Über dem See hängen schon die Regenschauer, starker Wind schiebt mich die letzten hundert Meter bis zu meiner Unterkunft, der Pilgerherberge Veldre Konfirmantsalen, direkt neben der relativ neuen Kirche von Veldre. Diesmal gewinne ich den Wettlauf gegen den Regen. Auf den letzten zwanzig Metern fallen die ersten Tropfen - dann bin ich drin in der Herberge. 


Die Herberge ist immer geöffnet, sagt der Pilgerführer. Unten im Erdgeschoss die Toiletten und Duschen - alles recht neu und prima sauber. Eine Holztreppe hoch die kleine Selbstversorgerküche - alles da, was ich brauche (und das ist ja eh nicht viel). Durch die zweite Tür dann der Schlaf-/Wohnraum. Drei Betten stehen an den beiden Längswänden, in einer Ecke liegen dreizehn Matratzen gestapelt. Die würden im Ernstfall auf dem Boden ausgebreitet. Dazu eine Polsterecke, ein Esstisch mit sechs Stühlen und ein Regal mit pilgerrelevanter Literatur zum abendlichen Schmökern. Direkt in der Ecke neben der Tür ein kleiner Schreibtisch mit einem Anwesenheits- und einem Gästebuch, dem Pilgerstempel und einer Handvoll Briefumschläge, in die der Kostenbeitrag kommt, um dann in den stabilen Holzbriefkasten geworfen zu werden. Urige Gemütlichkeit ist anders, aber es ist warm, sehr zweckmäßig eingerichtet und ein museumsmäßig ausgestattetes Stabbur kann man nicht immer haben.


Ich packe gerade meinen Rucksack aus, da ist draußen ein bisschen Weltuntergang. Ich liebe dieses rechtzeitige Ankommen!




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Kommentare: 2
  • #1

    Lore (Mittwoch, 07 Juni 2017 23:04)

    Lieber Reinhard,
    ein kleiner Trost vielleicht: Hier ist das Wetter auch nicht anders als in Deiner Ecke. Aber WIR haben den Vorteil, jeden Tag einen Erlebnisbericht lesen zu dürfen.
    Danke dafür!
    Liebe Grüße
    Lore

  • #2

    Marius (Mittwoch, 07 Juni 2017 23:54)

    Hut Ab!

    Das ist mehr als nur eine Hausnummer! ;) Über 2000 Kilometer, mir reicht im Sommer erstmal der Olavsweg.

    Viel Spaß auf der weiteren Reise!

    Gruß Marius