Alter Tannenbaum

Weltuntergang ist heute Morgen zwar nicht, aber die Wolken sind so tiefgrau und hängen so tief, dass ich etwas Sorgen habe. Zum Frühstück muss ich sogar das Licht anmachen, sonst denkt mein Körper vielleicht, es wäre noch Nacht und Schlafenszeit. Aber ich kann den See noch klar unter den Wolken sehen, was eigentlich ein Zeichen dafür ist, dass es vorläufig nicht regnet. Also die Zeit nutzen, fertigmachen und aufbrechen!


Die Strecke heute soll einfach werden, in der Tendenz den ganzen Morgen sachte bergab und 20 angesagte Kilometer sind ja nun auch nicht sooo viel. Also Attacke! Von der Veldre kirke an bis zur elf Kilometer entfernten Ringsaker kirke gehe ich jetzt nicht nur auf dem Olavsweg, sondern auch auf dem Prestvegen, dem Priesterweg. Dies ist heute nicht nur eine Wanderwegbezeichnung, sondern auch eine immer wieder anzutreffende Straßenbezeichnung. Der Prestvegen ist die alte Wegverbindung zwischen den Kirchen von Ringsaker und Veldre. Der Pfarrer von Veldre wohnte nahe der Kirche von Ringsaker und musste bis 1876 diesen Weg zurücklegen, um zu seinen Pfarrgemeinden zu gelangen. Der Weg trug dazu bei, den Kontakt zwischen den Dörfern aufrecht zu erhalten. Da kann man mal sehen, im Kleinen klappt das. Zwischen Köln und Düsseldorf hat man auch eine Autobahn gebaut, trotzdem haben die Bewohner untereinander immer wieder kleine Vorbehalte.


Die Priester von damals sind allesamt auf ihrem Weg von Ringsaker nach Veldre und zurück regelmäßig an einem Baum vorbeigekommen, der wegen seiner Geschichte eine gewisse Berühmtheit in der Region ist: die Tokstadkiefer. Sie wird auf das Jahr 1516 datiert und war damit bereits ein kleines Bäumchen, als 1537 die Reformation in Norwegen ihren Einzug hielt und Pilgerwanderungen verboten wurden. Seit 2008 ist sie offizielle "Pilgerkiefer" und jedes Jahr führt eine Pilgerwanderung von der Kirche in Veldre hierher, wo ein Gottesdienst abgehalten wird. Ihren Namen hat die Kiefer vom Hof Tokstad, auf dessen Grund und Boden sie steht. Es gab Zeiten, da war mal viel Leben um die Kiefer herum. 1878 wurde angefangen, auf einem Teil des Grundstücks von Bauer Tokstad, in unmittelbarer Nachbarschaft zur damals schon mächtigen Kiefer, auch eine Schule zu bauen, die "Tannenbaumschule". Der Schulrat hatte das mit dem Bauern abgeklärt, denn der Prestvegen, die Hauptstraße des Dorfes, hatte eine verkehrsgünstige Lage. Im Herbst 1883 wurde die Schule offiziell eingeweiht. Doch kaum 30 Jahre später wurde sie auch schon wieder abgerissen, anstelle dessen erbaute man einen größeren und neuzeitlicheren Schulkomplex. Um die alte Kiefer herum wurde es still. Damit sie durch den Neubau nicht ganz in Vergessenheit geraten würde, schlug man vor (u.a. Bauer Tokstad), sie unter Natur- bzw. Denkmalschutz zu stellen, was 1918 durch königlichen Erlass dann auch geschah. 1991 wurde die Kiefer zum größten Nadelbaum in der Provinz Hedmark gekürt.


Von einer "Hauptstraße" kann heute bei der berühmten Kiefer keine Rede mehr sein. Wo früher Menschen zu Pferd, mit der Kutsche oder - wie die Schulkinder der "Tannenbaumschule" - in größerer Zahl zu Fuß unterwegs waren, führt mich heute nur ein enger Trampelpfad durchs Gebüsch zu den Häusern von Rudshogda. Der Ort ist eine der wenigen größeren Häuseransammlungen in der Umgebung. Große, wohlhabende Höfe mit ihren Ländereien waren mehr verbreitet. Kleinhöfe wurden mit der Zeit aufgegeben und verfielen. Immer wieder komme ich an Wüstungen vorbei, die ab und zu nochmal ein paar Reste eines Kleinhofes zeigen. 


Der Kleinbauernhof (auch "Häuslerhof") Proysen gehörte zum nahen Großhof Hjelmstad. Hier wuchs Alf Proysen auf (1914 - 1970). Der Häuslersohn wurde in der Nachkriegszeit einer der beliebtesten Dichter Norwegens und hatte ein großes Repertoire für Erwachsene und Kinder. Nicht zuletzt ist er in Norwegen bekannt für die Beschreibung der Wirklichkeit und Gedanken des einfachen Volkes und für die Schilderung der harten Realität des Häuslerlebens. Zum Häuslerhof Proysen gehörten etwa 1,5 ha Land, davon ein Drittel landwirtschaftlich betrieben und der Rest war Weideland. Es gab eine Stube, Stall und Scheune, eine Kuh, ein paar Schafe, ein Schwein oder zwei und ein paar Hühner. Vater Olav hatte Arbeitspflicht auf Hjelmstad, 60 Tage im Jahr. In der Winterzeit war er oft kilometerweit weg zum Bäumefällen.


Kurz nach Unterquerung der E6 komme ich an dem Ort vorbei, wo Alf Proysen seine Kindertage verbracht hat. Es sind nicht mehr die Originalgebäude, auch die sind irgendwann verfallen. Doch in Nachbarschaft zu dem Museum, das über das Leben und Wirken von Proysen berichtet, steht eine originalgetreue Nachbildung des Hofes. "Urig" würde man heute vielleicht dazu sagen, ich würde das auch gerne als Pilgerherberge nehmen, aber sein Leben hier verbringen unter den Bedingungen von vor 100 Jahren...?


Weiter geht's! Feldwege, Schafweiden, Dutzende von Lämmern und ihr Geblöke begleiten mich. Grandiose Ausblicke auf den Mjosasee, auf weite Wälder, aber auch auf viele Wolken. Manchmal wird es pechschwarz hinter mir und ich rechne mit dem Schlimmsten, zehn Minuten später ist von der schwarzen Wolke nichts mehr zu sehen. Kurzfristig reißen die Wolken sogar auf und geben ein Stück blauen Himmel frei. Hinter einem Hügel sehe ich die Spitze der Ringsaker kirke aufragen und ich habe das Gefühl, als würde gleich eine Wolke von ihr aufgerissen. 


Seit mehr als 20 Jahren ist nun Norwegen wieder Pilgerland, aber eins scheint man hier noch nicht begriffen zu haben. Viele Pilger würden gerne die Kirchen besuchen, an denen sie vorbeikommen, aus welchen Motiven auch immer. Der größte Teil der Kirchen ist aber verschlossen. So geht es mir (nicht zum ersten Mal) bei der Kirche von Ringsaker. Sie soll eine der schönsten und ältesten Gebäude im Lande sein. Wahrscheinlich ist sie um 1100 gebaut worden, aus Kalkstein, wahrscheinlich von denselben Leuten ausgeführt, die auch den Hamardom gebaut haben. Das Ungewöhnliche an der Kirche ist, dass sie wie eine Miniatur-Domkirche gebaut wurde und mit dem Vergleich der Architektur der Domkirche wurde ihr Status markiert. Selbst die Turmspitze, die heute noch zu sehen ist, ist von 1694.


Es wird unter anderem erzählt, dass sich hier ca.1030 fünf Kleinherrscher bzw. Stammesfürsten zusammentaten, um gegen Olav Haraldson zu kämpfen. Natürlich, Olav hatte das Land geeint und christianisiert, aber nicht nur im christlichen Sinne, sondern mit Waffengewalt. Der ist auf einen Hof gegangen und hat gesagt: Entweder ihr lasst euch morgen taufen oder ich fackle euch den Hof ab. So einfach war das. Das war zwar Wikingerart, aber so ist das gewesen. Wer sich also nicht unterordnen und den neuen Glauben nicht annehmen wollte, wurde hart bestraft. Die Tradition erzählt, dass die Kirche an dem Ort gebaut wurde, wo Olav die Aufmüpfigen besiegte. Prompt wurde die Kirche dem heiligen Olav geweiht. Pilger früherer Zeiten hatten hier einen wichtigen Anlaufpunkt, Gebets- und Ruheort. Ich aber stehe davor und komme nicht rein.


Direkt am Ufer des Mjosasees gehe ich weiter, ein schöner Weg, an kleinen Badestellen vorbei, Boote sind festgemacht, ein steiniger und vermooster Pfad schlängelt sich durch das Unterholz eines kleinen Wäldchens. Irgendwann ist diese kleine Idylle vorbei und die Straße hat mich wieder - da fällt Wasser vom Himmel. Aber reichlich! So gerade noch kann ich mich in eine Tankstelle retten. Mhm..., trifft sich eigentlich jetzt ganz gut. Ich brauche schon seit einiger Zeit eine Rast und in der Tanke gibt es Hotdogs. Ich hole mir gleich zwei und kaum habe ich sie verdrückt, ist der Regen vorbei. Passt!


Es sind nur noch zwei Kilometer bis zu meinem Nachtquartier, der Pilgerherberge Ringli. Als ich sie erreiche, bin ich erstmal baff! So könnte mein nächstes Traumhaus aussehen: alte norwegische Blockhäuser eines alten Hofes mit Gras auf den Dächern und einem umwerfenden Ausblick hinunter zum See. Solvi steht schon am Hoftor, winkt mir zu und nimmt mich direkt mal in den Arm. Sie führt mich in das alte Gebäude, in dem früher die Bauern wohnten und das jetzt - neu renoviert - für die Pilger gedacht ist. Mir bleibt der Mund offenstehen: wunderschöne Holzmöbel mit Schnitzereien, ein großer Kamin, alte Teppiche auf dem Boden, kleine Sprossenfenster mit Butzenscheiben usw. Dabei eine kleine Selbstversorgerküche, ein sauberes Bad. Außen geht eine Treppe ins obere Stockwerk. In einer kleinen Schlafkammer stehen zwei Betten. Ich verkneife mir mein Ankomm- Nickerchen. Diese Unterkunft will ich genießen. 


Während ich meinen Rucksack auspacke umd mich organisiere, verschwinden draußen die grauen Wolken immer mehr und die Sonne kommt heraus, als wolle sie die Schönheit dieses Fleckchen Erde noch unterstreichen. Nach der heißen Dusche koche ich mir einen Kaffee und setze mich damit nach draußen vor das Haus in die Sonne und schaue auf den langgezogenen See hinab.


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Kommentare: 1
  • #1

    Lore (Freitag, 09 Juni 2017 22:08)

    Ich wundere mich schon einige Tage, dass Du immer noch den Mjosasee als Begleiter hast und hab das auf google-maps mal gecheckt. Irre, wie lang der ist!
    Und dass die Kirchen geschlossen sind, liegt vermutlich daran, dass die Pilgersaison noch nicht eröffnet ist.
    Als ganz junger Mensch war ich mal in der Nähe von Riksgränsen, noch auf der schwedischen Seite, im Juni. Da lag auch Schnee. Also - voll normal!
    Gut - ist ein bisschen weiter nördlich.
    Lauf weiter!
    Liebe Grüße
    Lore