Langsamer Abschied vom Mjosasee

Ich werde mal den Verlag meines Pilgerführers anschreiben und für die nächste Auflage um eine Korrektur bitten. Beim Abschied berichten mir Sovi und Harald etwas traurig, dass nicht viele Pilger hier bei ihnen die Nacht verbringen. In DIESER Herberge! "Viele laufen vorbei!", lächelt Sovi etwas gequält. "Manchmal sitzen wir morgens draußen auf der Bank und sehen oft Pilger vorbeigehen. Wir winken sie dann heran und laden sie auf einen Kaffee ein. Wenn sie unsere Herberge sehen, sind sie oft traurig und meinen: Hätten wir das gewusst..." 


Ich glaube, es liegt u.a. am Pilgerführer. Eigentlich bin ich mit diesem sehr zufrieden. Die Autorin beschreibt darin den Weg sehr präzise. Aber - sie gibt eben auch die jeweiligen Etappenziele, was bei dem Olavsweg eben meist die Pilgerherbergen o.ä. sind, vor. Als Etappenziel von gestern nennt sie den Campingplatz Steinvik am Mjosasee mit seinen Hütten. Ich bin gestern über diesen Campingplatz gelaufen und habe auch die Hütten gesehen. Ein gepflegter Platz in schöner Lage, auch die Hütten sind nett - und haben ihren Preis! Und ein Pilgerrabatt wird nicht gewährt. Außerdem wird hier in der Sommer- und Urlaubszeit ordentlich was los sein. Ob dann immer Betten oder gar die ganze Hütte zur Verfügung stehen? Für eine Nacht? Ganz abgesehen davon wäre bei einer Übernachtung auf diesem Platz die Strecke von Veldre nur 14 km lang. Ist ja grundsätzlich in Ordnung, aber die nächste bis Johannesgarden käme dann auf gut 25 km, inkl. ordentlicher Höhenmeter. Ginge man aber - wie ich gestern - vom Campingplatz aus sechs Kilometer weiter bis zur Herberge Ringli, die im Buch nur mit einem kurzen Vermerk angesprochen wird, wären die Etappen in etwa ausgeglichen lang, die Kosten garantiert geringer und man hätte diese wunderschöne Herberge erlebt. Ich meine, das muss im Buch geändert werden. Als ich das Hoftor schließe, bringen Solvi und Harald ihre beiden Pferde auf die Weide hinter ihrem Haus. Was für nette und gastfreundliche Menschen! 


Direkt am Hoftor beginnt ein vier Kilometer langer Aufstieg. In einigen Serpentinen schlängelt sich die Straße hoch und mein Kreislauf kommt ordentlich in Schwung. Doch ich nehme das gar nicht als große Anstrengung wahr, denn ich werde die ganze Zeit über mit einem herrlichen Ausblick belohnt. Anfangs ist es noch der Blick hinunter auf das Anwesen Ringli mit seinen braunen Blockhäusern und ihren Grasdächern, dann weitet sich das langgezogene Tal mit dem Mjosasee immer mehr vor meinen Augen, als wolle es sich nochmal in seiner ganzen Pracht vor mir ausbreiten, denn morgen, in Lillehammer, ist der See zu Ende. Schade nur, dass wieder dunkle Wolken tief hängen, nur manchmal durchbricht sie die Sonne und vereinzelte Strahlen treffen auf einen noch regenfeuchten Boden. Es ist eine ganz besondere, gedämpfte Stimmung, die leicht bedrohlich wirken kann, mir aber das Gefühl gibt, ein Teil des Ganzen zu sein. Ich fühle mich hier oben wohl, richtig lebendig und unendlich frei.


Am fast höchsten Punkt angekommen kocht mir etwas das Wasser im Hemd und wie auf Verabredung steht oben ein alter, aber neu herausgeputzter Milchbock (Ein lieber Mensch hat mir mitgeteilt, wie man diese Dinger nennt, wo früher die vollen Milchkannen abgestellt wurden) für mich bereit, der zum Verschnaufen auffordert. Doch lange kann ich nicht bleiben, denn schnell wird aus einem feucht-warmen Hemd ein feucht-kaltes Hemd und das könnte gefährlich werden.


Die nächsten Kilometer ist Genusspilgern angesagt. Die Straße ist breit, später in einen gut begehbaren Schotterweg übergehend und so gut wie nicht befahren, Postkartenhöfe links und rechts, die wegen ihrer traumhaften Ausblicke eigentlich eine Zusatzsteuer zahlen müssten. Aber hat man noch einen Blick für den Ausblick, wenn man hier oben wohnt und seiner täglichen Arbeit nachgeht? Haben die Athleten, die gerade auf ihren Rollerskiern an mir vorbeiflitzen (Das Wintersportzentrum Lillehammer liegt nur eine Trainingslauf-Strecke entfernt), noch einen Blick dafür, in welcher herrlichen Umgebung sie ihren Sport betreiben? Irgendwie ein putziger Anblick. Ich schaue unauffällig an mir herunter (seit vorgestern laufe ich mit abgezippten Hosenbeinen herum!), taxiere meine Beine und Waden im Vergleich zu denen, denen ich gerade hinterherschaue und tröste mich damit, dass ich mir einrede, mental ein starker Typ zu sein.


Bei einem kleinen Haus, es kann ein Ferienhäuschen sein, fängt auf einmal hinter einer hohen Hecke ein Hund an, hinterm Zaun wie verrückt zu bellen. Aber es ist nicht dieses Wenn-du-hier-zu-nahe-kommst-zerreiß-ich-dich-Bellen, sondern eher ein "Frauchen, Frauchen, komm schnell raus, da ist mal wieder ein Pilger!" Ich bin gerade an dem Haus vorbei, höre ich das Quietschen des Eisentores und jemanden "Helloooo!" rufen. Ein weißer Königspudel kommt aus dem Tor geschossen und mir schwanzwedelnd entgegengeeilt. Dahinter erscheint strahlend eine junge Frau. "That's for you! ", ruft sie lachend und überreicht mir ein buntes Eis am Stil. "Not a nice day for an ice-cream but have a nice trip!" Prompt drehen sich die Frau und der Hund wieder um und eilen ins Haus zurück, als würde drinnen auf dem Ofen eine Hundemahlzeit anbrennen. Ich kann nur noch hinterherrufen: "Every day is a nice day for an ice-cream!" und bin dann erstmal sprachlos. Was war das jetzt? Nachdem mir keine andere Antwort als "Es gibt halt nette Menschen!" einfällt, schlecke ich das Eis mit Genuss. Meinetwegen das gleiche in Zukunft alle drei Kilometer! Erst dann glaube ich an ein Wunder.


An zwei kreisenden... , ja, ich bin mir sicher: Seeadlern... und an drei über eine Wiese stolzierenden Kranichen vorbei, trudle ich langsam, aber beständig dem Dorf Brottum entgegen. Da Brottum zwar nicht groß ist, aber trotzdem eine Schule hat, von der mir Kinderstimmen entgegenschallen, vermute ich hier auch einen kleinen Laden, wo ich mir auf die Schnelle eine Rolle Kekse zum sofortigen Verzehr kaufen kann. Ich habe Glück! Gleich gegenüber der Brottum kirke gibt es einen und schnell bin ich drin verschwunden. Eine Rolle Kekse wollte ich mir holen, mit einer "Wanne" Kartoffelsalat komme ich wieder raus. Nahe beim Laden steht ein dicker Holztisch mitsamt Bank und nahezu mit Heißhunger falle ich über den Kartoffelsalat her. Über den Anteil an Mayonnaise brauche ich mir keine Gedanken zu machen, denn vorläufig nehme ich auf dieser Tour nicht zu. Wieviele Kilogramm ich allerdings mittlerweile schon verloren habe, kann ich nicht sagen, aber es wird schon einiges sein. Den Gürtel kann ich jedenfalls immer enger schnallen.


Während ich so auf den Kartoffeln kaue, beginnt es zu nieseln, langsam aber sicher immer stärker und ich bin der Meinung, ich sollte mich mit dem Essen beeilen, sonst muss ich gleich noch meinen Löffel aus dem Rucksack holen, um eine Kartoffel-SUPPE zu essen. Doch bevor diese Konsistenz eintritt, habe ich den Salat auch mit meiner Gabel geschafft und mache mich wieder auf den Weg. Die letzten zwei Kilometer verläuft er nochmal über Feldwege an einem ausgedehnten Rodungsgebiet vorbei, auf Trampelpfaden durch einen kleinen Wald - und dann stehe ich unvermittelt vor dem Hof Johannesgarden. Ein wenig vom Haupthaus abgelegen und oberhalb eines kleinen Teichs steht das kleine braune Holzhaus, das irgendwann mal zur Herberge umgestaltet worden ist. Zuerst schaue ich aber in das benachbarte kleine Gebäude, das auf dem ersten Blick wie eine kleine Scheune aussieht, bis man auf dem First ein Türmchen mit einer kleinen Glocke entdeckt. Es ist die Hofkapelle von Johannesgarden. Karen, die Betreiberin des Hofes, hat diese Kapelle selbst entworfen und zusammen mit anderen errichtet. 


Als ich durch die niedrige rote Tür gehe, empfängt mich eine intensive Stille. Meine Augen müssen sich erst an die Dunkelheit gewöhnen, bis das Licht von drei kleinsten Fenstern ausreicht, um das Innere der Kapelle zu erkennen. Wer zuerst etwas Altes erwartet, wird enttäuscht. Der Innenraum ist mit hellem Holz ausgekleidet, mit einer modernen Holzschnitzarbeit in Form eines Engels direkt über dem kleinen Tischaltar. Im Halbkreis vor dem Altar stehen einfache Stühle, vielleicht zehn an der Zahl. Wann wird hier Gottesdienst gehalten? Wer betet hier? Ich weiß, dass immer wieder kleine organisierte Pilgergruppen, auch oder vor allem deutsche, auf dem Olavsweg unterwegs sind. Johannesgarden ist bestimmt ein bevorzugtes Ziel von ihnen, gerade auch wegen der Kapelle.


Inzwischen hat mich auch Karen entdeckt, kommt aus dem Haus und begrüßt mich. Sie führt mich in die Herberge - und dann beginnt das sich immer wiederholende "Spiel": Ein kleines Gespräch, ein Rundgang durch die Herberge mit Einweisung, Pilgerstempel in den Pilgerpass drücken und das Geld für den Aufenthalt kassieren. Zum Schluss immer wieder: "Wenn du noch irgendwelche Fragen oder Probleme hast, du weißt, wo du mich findest!"


Ich habe ein Drei-Bett-Zimmer, kann mich wieder ausbreiten. Im kleinen Aufenthaltsraum kann ich von dem großen Tisch mit den Kerzen durch breite Sprossenfenster in den weitläufigen Garten sehen, in der Selbstversorgerküche koche ich mir gleich meinen dritten Tee und im Bad läuft die Waschmaschine mit meiner Mal-wieder-alles-richtig-sauber-Wäsche. Es ist warm, alles pieksauber und ich höre nur mein eigenes Atmen.


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