Mit der Schwerkraft in die Quelle

Die Augen noch nicht geöffnet, dafür aber die Ohren gespitzt. Es liegt ein Rauschen in der Luft. Ja, und jetzt gesellt sich auch noch ein stetiges Tropfen von Wasser aus irgendeiner Regenrinne auf die Holzterrasse vor meinem Zimmerfenster hinzu. Es regnet - nein es gießt in Strömen. Ich befürchte einen schlimmen Tag. Ich bleibe einfach im Bett liegen und höre das monotone Geprassel, welches durch das geschlossene Fenster zu mir hereindringt. Regen, Regen... nichts als Regen! Die Schlechtwetterfront hat mich wohl jetzt endgültig erreicht. Selten habe ich mich so antriebslos gefühlt, war meine Unlust aufzustehen so groß wie jetzt. "Du musst ja noch gar nicht aufstehen. Die Strecke heute ist nur kurz. Also noch ein bisschen..." Ich drehe mich um - und wache erst eine Stunde später wieder auf. Kein Geprassel mehr! Ich schaue aus dem Fenster. Graue Wolkenstreifen ziehen zwar immer noch am gegenüberliegenden Berghang entlang, aber die Wolken über Johannesgarden haben wieder Konturen. Es regnet nicht mehr. So werden Probleme also nicht ausgesessen, sondern ausge-schlafen! 


Trotzdem beeile ich mich nicht sonderlich. Ich bummle bewusst, vergleiche mich mit einem störrischen Muli, das sich nicht von der Stelle bewegen will und muss darüber lachen, dass ich mich selbst erwische - zumindest meine Miene hellt sich auf. Ist doch Quatsch, auch bei diesen Verhältnissen draußen kann ich locker eine Weile laufen, ich muss nur die Handbremse im Kopf lösen.


Einiges später als sonst trotte ich los. Dabei fällt mir ein, dass ich gestern meine 1500-Kilometer-Marke im wahrsten Sinne des Wortes "überschritten" habe, und bin im selben Moment etwas stolz auf mich. Genau elf Wochen bin ich inzwischen unterwegs, davon 73 Tage wirklich jeden Tag auf den Beinen. Und ich bin es immer noch nicht leid, nein, mit Sicherheit nicht! Daran kann auch das momentan nur suboptimale Wetter nichts ändern. Also mache ich es wie beim Theater: Hinfallen - aufstehen - Krönchen richten - weitergehen.


Auf der festgefahrenen Schotterstraße steht das Wasser in den nicht wenigen Schlaglöchern, Regenwürmer winden sich zu Hunderten zu meinen Füßen, an einigen Stellen rauscht Wasser von den Wiesenhängen herunter in den Straßengraben, aber es geht bergab, stetig zum Mjosasee hinab. Ich sage ihm aber nur mal kurz "Guten Tag!", dann geht es auch schon wieder die Schotterstraße bergauf den Hang hoch. Die wenigen Autos, die an mir vorbeifahren, tun dies bewusst langsam und verschonen mich damit vor Wasserduschen, die sie mir unweigerlich verpassen würden. Fahren durch tiefe Pfützen ist für sie kaum zu vermeiden.


Wasser steht an einer Stelle auch vermehrt direkt neben der Straße. Ein kleines Schild sagt mir, dass es die St. Olavskilden (Olavsquelle) ist. Unterhalb eines großen Steins befindet sie sich und jederzeit sprudelt Wasser aus ihr hervor. Sie gehörte zu den heiligen Quellen, die man im Mittelalter aufsuchte, um von den verschiedensten Krankheiten geheilt zu werden. Man trank das Wasser und wusch sich in ihm. Diese Quellen wurden oftmals Heiligen gewidmet und diese war eben Olav geweiht. Die Legende sagt, dass die Quelle sichtbar wurde, als der Heilige sein Pferd dort tränkte. Es sollen Hufspuren sichtbar sein, am großen Stein. Ich jedenfalls sehe nichts von einer Hufspur, doch möglicherweise sind sie nur von dem dort wachsenden Moos verdeckt. 


Weniger weil ich von irgendwas geheilt werden möchte, sondern weil ich Durst habe und meine, auf diese Weise etwas von meinem Wasservorrat zu sparen, knie ich mich vor dieses Quellbecken und nehme ein paar Schluck. Die Geräusche, als Olav sein Pferd tränkte und die, die ich von mir höre, können sich nicht so sehr unterscheiden, glaube ich. Während ich so schlucke, setzt sich bei meinem schweren Rucksack fatalerweise auch die Schwerkraft in Gang, jedenfalls schlägt er mir auf einmal und hinterhältig in den Nacken, so dass ich mich plötzlich unvermutet mit den Armen bis zu den Ellenbogen im Wasser wiederfinde. Also wenn dieses Wasser heilende Wirkung hat, kann mir an den Unterarmen in Zukunft schon mal nichts mehr passieren. Glücklicherweise hatte ich auch die Anorakärmel - wie meistens - hochgezogen, so dass das Frischeerlebnis nicht lange anhält.


Kurz hinter der Quelle bin ich auch bald auf der Straße angelangt, die mich über vier Kilometer hinweg geradewegs nach Lillehammer hineinführt. Die Strecke ist von nun an weniger romantisch. Nieselregen hat eingesetzt und hört auch bis Lillehammer nicht mehr auf. Der Autoverkehr ist recht erheblich, und erst als mich ein die Straße begleitender Radweg aufnimmt, bin ich vor den Wasserspritzern der vorbeifahrenden Autos geschützt. Für einen kurzen Moment sehe ich die große Skisprungschanze aus den über Lillehammer liegenden Wolken auftauchen, dann ist sie auch schon wieder verschwunden. 


Da kommen die Erinnerungen wieder hoch. Ich habe schon mal auf dieser Olympiaschanze gestanden und von oben auf Lillehammer heruntergeblickt. Damals war Sommer und schönstes Wetter. Der Veranstaltungsort der Olympischen Winterspiele 1994 war Ziel meiner zweiwöchigen Fjellwanderung durch das Rondanegebiet, welches sich im Grenzbereich zu Schweden südlich ans Dovrefjell anschließt. Übernachtet habe ich seinerzeit in der Jugendherberge der Stadt direkt neben dem kleinen Bahnhof, wo mich auch heute meine ersten Schritte hinführen. Diesmal werde ich dort nicht übernachten, aber die Touristeninformation liegt ebenfalls direkt beim Bahnhof. Ich brauche einen kleinen Stadtplan, um meine heutige Unterkunft zu finden, einen Stempel - und einen Kaffee. Den gibt es im Stasjonen-Café, an das ich mich auch noch gut erinnern kann. Und weil es Mittagszeit ist, gibt es auch noch eine "Soup of the day" dazu. 


Jetzt geht es quer durch das Zentrum, was bei Lillehammer aber keine große Sache ist. An der Lillehammer kirke treffe ich auf den nächsten Meilenstein. Noch 417 km bis Trondheim! Damit habe ich das erste Drittel des Olavswegs geschafft. Doch die höchsten Anforderungen an den Pilger liegen auf den folgenden zwei Dritteln. Aus einem kleinen Park direkt gegenüber von Kirche und dem dazugehörigen Friedhof höre ich Trommeln, Pauken und Trompeten sowie Mikrofondurchsagen, jubelnde Menschen, Beifallklatschen. Ich eile hin. Was mag da los sein? Dann sehe ich es: Kinderspielmannszüge marschieren nacheinander unter Tschingderassabumm auf, frenetisch beklatscht von den anwesenden Zuschauern (was zu 99,9 % Eltern sein werden), und versammeln sich auf einem großen Platz nahe dem Parkspringbrunnen zu einem gemeinsamen Lied. Da es leider immer noch nieselt, kommen die schönen Uniformen so gar nicht recht zur Geltung, da sie unter Ganzkörperkondomen verschwinden. Was mich beeindruckt: Es wird in Reihe und Linie marschiert, die Augen streng auf die angeklemmten Noten gerichtet, was dazu führt, dass so ziemlich keine Pfütze ausgelassen wird. Da lobe ich mir doch die Veranstaltungen der Kinder-Musikschule von früher, wo wir Eltern trocken und warm auf den Stuhlreihen einer Aula saßen und voll Stolz den ersten musikalischen Versuchen unserer Kleinen auf der Bühne lauschten. Was anderes als erste musikalische Versuche sind das hier nämlich auch nicht.


Auf der Storgata, der Einkaufszone, ist trotz feuchtem Wetter ganz schön viel Betrieb. Neben den olympischen Sportstätten, vor allem der Sprungschanze, ist diese kleine Einkaufsmeile mit den heimelig aussehenden Holzhäusern für Touristen auch die Hauptattraktion. Schon damals, während der Olympischen Spiele, hat dieser Bereich für ein besonderes und beliebtes Flair gesorgt. Nicht umsonst nannte man damals Lillehammer voll Sympathie: das "Olympiadorf".


Doch in der Stadt mit ihren Hotels, Restaurants und schönen Geschäften wird mir schnell klar, wie unbedeutend, ja beinahe unsichtbar ich bin. Einen Pilger bemerkt man hier nicht. Er zählt nicht. Seine Präsenz ist flüchtig, man kann ihn vernachlässigen. Weder in den Gastronomien noch in Geschäften wird er Geld lassen. Die Menschen in den Straßen gehen ihrer Beschäftigung nach, und selbst die Spaziergänger, Flaneure und Jogger scheinen den schmuddeligen, schlecht rasierten Habenichts zu übersehen, der schief dahertrabt, gebeugt von der Last seines Rucksacks.


Meine Unterkunft, die Casa de Solsikke, liegt am nördlichen Rand der Stadt, zwei Kilometer außerhalb vom Zentrum direkt am Olavsweg. Wie fein, dann habe ich für morgen diese zwei Kilometer und eine erste, nicht unerhebliche Steigung schon mal hinter mir! Auf einer kleinen blauen Holzwand vor dem Haus prangt zwar das typische Herbergsschild, aber eigentlich ist es keine Herberge im ursprünglichen Sinn, sondern ein Privathaus. Ellen Kolberg, die mich an ihrer Haustür freudig begrüßt, vermietet nur Zimmer an Pilger, weil sie dies eben gerne tut, zu Herbergspreisen. Ellen ist aber ganz aufgeregt. Sie hat gehofft, dass ich so früh komme, denn sie muss weg. Heute ist Premiere zu einem Open-Air-Musical, in dem sie als Statistin mitwirkt. Und dahin muss sie sich jetzt auf den Weg machen, denn zum Veranstaltungsort fährt sie mit ihrem Wagen über eine Stunde. Schnell führt sie mich durch ihr Haus, zeigt mir mein Zimmer, das Bad, ihr Wohnzimmer und die Küche und reißt den Kühlschrank auf. "Benutze die Küche, wie du willst, bediene dich aus dem Kühlschrank, mach es dir im Wohnzimmer gemütlich! Da steht auch noch eine Flasche Rotwein! Sollten wir uns heute nicht mehr sehen, schlaf gut! Ich komme spät nach Hause, aber mache dir auf jeden Fall morgen früh dein Frühstück!" Peng - die Tür ist zu und Ellen entschwindet! Ich habe das Haus für mich alleine. 


Ich nehme mir von allen Annehmlichkeiten, die Ellen mir angeboten hat, aber vor dem Duschen kommt das Beste: Unter dem Waschbecken steht eine Waage. Endlich kann ich mal kontrollieren, wie viele Kilogramm ich mir schon abgelaufen habe. Wow! 14 Kilo weniger als beim Start, das kann sich sehen lassen! Und ich habe noch einige Anstrengungen vor mir...




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Kommentare: 4
  • #1

    Die Pilgertochter (Samstag, 10 Juni 2017 23:39)

    PUDDING, Vatti! Du musst mehr Pudding essen!!!

  • #2

    Guido (Sonntag, 11 Juni 2017 08:42)

    ...oder zwei Tafeln Nuss Schokolade und /oder zwei Prinzenrollen am Tag...!

  • #3

    Inge geisler (Sonntag, 11 Juni 2017 08:48)

    14 Kilo!!!!! Das wird ein grosses "Gelati werden! ��

  • #4

    Renate (Sonntag, 11 Juni 2017 10:07)

    Hallo du schlecht rasierter, schief laufender Habenichts....
    Dann füll mal ein bisschen wieder auf. Die Idee mit dem Pudding mit der Prinzenrolle klingt doch nicht schlecht!
    Also, wenn wir Mitleser Prinzenrollenkekse essen, schmecken die wohl seit einigen Wochen irgendwie besser.
    Woher das wohl kommt....?
    Liebe Grüße aus Much, von zweien, die gestern ihre alte Schule verabschiedet haben.