Hinein ins Gudbrandsdal

Ellen ist beim gemeinsamen Frühstück in ihrem Wohnzimmer ganz aufgekratzt. Die Premiere ihres Musicals war ein voller Erfolg. Im Gegensatz zu Lillehammer hat es am Veranstaltungsort nicht geregnet und die Premierenfeier war ein Knaller. Jetzt freut sie sich auf die heutige Vorstellung, um zwei Uhr muss sie wieder losfahren. "Gleich werde ich mich noch etwas hinlegen", lacht sie und lässt einen beherzten Gähner folgen. "Die Nacht war kurz!" Ich glaube aber, sie ist dazu viel zu aufgeregt. Beim Abschied vor dem Haus muss sie mir unbedingt noch kleine Teile aus ihrer Choreographie vortanzen.


Ab heute bzw. ab Lillehammer gibt es keine zwei Wege mehr, die Richtung Trondheim gehen. An der Lillehammer kirke sind der Ostweg (auf dem ich seit Oslo unterwegs bin) und der Westweg zusammengekommen. Von jetzt an ziehen alle Pilger auf einem Weg. Selbst die allerletzten sind wohl noch dazugestoßen, die meinen, so richtig lohnt sich der Weg ja erst ab Lillehammer. Jeder soll es machen, wie er meint.


Für die kommenden Tage führt der Olavsweg noch zusätzlich einen weiteren Namen, der den nächsten Abschnitt beschreibt. Den ersten würde ich mit "Großraum Oslo" titulieren, der bis Eidsvoll ging. Der nächste war die Teilstrecke am Mjosasee entlang, die nächsten Tage bin ich auf dem "Gudbrandsdalweg", anschließend ist es die Überquerung des Dovrefjells und den letzten Abschnitt könnte man "Endspurt nach Trondheim" nennen. Die nächsten Tage werden durch die Ausblicke über das Gudbrandstal und den mäandrierenden Fluss Lagen bestimmt werden, vorausgesetzt das Wetter spielt mit. Es soll auch schon vorkommen, dass tiefe Wolken durchs Tal ziehen und der Pilger hoch oben von seinem Weg aus den Fluss gar nicht sieht.


Als verlange der Olavsweg, dass man dem Lagen erstmal seine Aufwartung machen müsse, führt er einen an der Universität von Lillehammer vorbei zunächst mal an sein Ufer. Bei dem alten Hof Sundgarden erreiche ich es. Der Hof war schon im Mittelalter eine ganz wichtige Stelle am Fluss. Hier gab es eine Furt, wie auch der Name schon sagt: sund + gard (Furt + Hof). In einem historischen Archiv von 1480 wird der Hof bereits erwähnt, wahrscheinlich ist er aber älter. Das Gudbrandsdal war die Hauptverkehrsroute von Kristiania (Oslo) nach Nidaros (Trondheim) seit der Bronzezeit und ist es bis heute. Frühere Könige und Königinnen haben hier Quartier bezogen, wenn sie auf der Reise durch ihr Land waren. 1960 wurde der Hof aufgegeben, Möbel und Einrichtungsgegenstände wurden rausgeräumt und er verfiel zusehends. Dank einer Initiative von Studenten der nahen Universität und von Privatleuten wurde ein Restaurationsprojekt begonnen, das 1991 zu einem erfolgreichen Abschluss gebracht werden konnte.

Weit vor der Hofaufgabe hat hier ein besonderes Drama stattgefunden. Am Morgen des 11. Dezember 1816 setzten sich bei Sundgarden 14 junge Mädchen in ein Boot, um im Ort Faberg, auf der anderen Seite des Flusses, den Konfirmandenunterricht zu besuchen. Auf halber Strecke schlug das Boot leck und es kenterte. Bis auf zwei Mädchen konnten alle anderen nur noch tot geborgen werden. Die Opfer wurden Seite an Seite in einem Gemeinschaftsgrab beerdigt. Viele junge Frauen der Umgebung, alle in weiß gekleidet, standen neben dem langen Grab. Niemals zuvor seien an einem Grab so viele Tränen vergossen worden, berichtet die Chronik von Faberg. 


Bei meiner ersten Rast treffe ich auf drei Wanderer, zwei Frauen und ein Mann. Wanderer oder Pilger? Sie gehen denselben Weg wie ich, aber jeder trägt nur einen Mini-Rucksack auf dem Rücken. Wir kommen ins Gespräch und schnell stellt sich heraus, dass es Deutsche sind. Sie gehen den Weg ("Ja, wir wollen schon bis Trondheim!") mit leichtem Gepäck, weil der notwendige Rest gefahren wird. Sie haben sozusagen einen Bagagewagen dabei, den der nicht wanderfähige Ehemann von Unterkunft zu Unterkunft fährt. Das können Pilgerherbergen sein, aber auch Zeltplätze. Zeltausrüstungen haben sie nämlich auch mit. "Ab und zu mal ein höheres Dach über dem Kopf oder eine wohlige Wärme ist ja auch nicht zu verachten", sagt eine der Frauen und lächelt dabei schelmisch. Mal sehen, wie oft die Zelte zum Einsatz kommen. Na ja, wenn man sie nicht tragen muss... Der wandernde Ehemann sieht diese Tour als so etwas wie eine Probe an: Wenn er diesen Weg schafft, zieht er den Jakobsweg in Erwägung - aber von zu Hause aus. Und sein Dialekt klingt schwer nach Berliner Schnauze. "Aber dann ohne Baggagewagen!", versichert er mir. Im Laufe des Tages treffen wir uns noch zwei, drei Mal. Ein Mal davon in meiner heutigen Unterkunft Skaden gard.


Von der Raststelle aus geht es den Tjodvegen bergauf. Anstrengend, aber abwechslungsreich und wunderschön! Von den Berghängen rauschen Wildbäche heran. Sie führen mächtig viel Wasser. Genauso wie einige Wasserfälle, zu denen ich einen kleinen Abstecher mache und die sich immer schon mit einem Grollen ankündigen, bevor ich sie erreiche. Kühle Luft weht mir entgegen, wenn mir das Wasser in etlichen Kaskaden dort entgegenstürzt. Nur von dem wenigen Regen der letzten paar Tage können diese Wassermassen nicht sein. Ich hoffe, dass oben im Hafjell ordentlich der Schnee schmilzt, und wenn er das dort tut, tut er das im Dovrefjell vielleicht auch. Holzbrücken führen über diese Bäche, kleine und größere. Nicht alle machen einen sehr vertrauenerweckenden Eindruck, hängen schon etwas schief über den brausenden Wassern. Da sich alle zudem noch im Wald befinden, sind sie äußerst rutschig, dafür aber auch nicht alle mit Geländer.


Trampelpfade durch dichten Wald, teilweise etwas nebelverhangen, tropfend, von moosbewachsenen Felsen begleitet, Bündel von Sonnenstrahlen manchmal, die schräg in Lichtungen stehen und die Bühne für Schwärme von tanzenden Mücken darstellen, Trolle überall, schaut man nur ganz genau hin, alles wechselt sich ab mit grandiosen Aussichten durch das Gudbrandsdal und hinunter zum Fluss, der silbrig glänzend seine Bahn zieht. Nur kurze Abschnitte geht es mal auf einem Schotterweg einigermaßen eben voran oder sogar kurz bergab, doch dann kommt bald wieder der Abzweig: hinein in den Wald oder durch die kniehohe Wiese, gegen die sich meine Gamaschen noch erfolgreich wehren können, aber meine "mit Sicherheit wasserdichten" Schuhe schon nicht mehr. Auch wenn ich bei meist bedecktem Himmel im Hemd unterwegs bin und mir der Schweiß in Strömen fließt, bin ich begeistert von der heutigen Strecke. So kann sie bleiben!


Die Aufstiege bleiben mir tatsächlich bis zur Hofeinfahrt der Gebäudegruppe von Skaden gard erhalten. Beim Anblick des Hofes sind die Anstrengungen aber vergessen. Wieder diese alten dunkelbraunen Blockhäuser in unterschiedlicher Größe, die kleine Hofkapelle mit dem Glockentürmchen, kleine Hütten. Bei der Hofeinfahrt wieder ein Meilenstein: noch 392 Kilometer. Die alte Frau Skaden empfängt mich an der Tür. Englisch greift bei ihr nicht, aber trotzdem bekommen wir alles "besprochen", was notwendig ist. Ich habe es gehofft und es klappt: Ich bekomme die kleine Hütte als Nachtquartier, nicht größer als eine Puppenstube sieht sie aus. Jedenfalls noch aus 20 m Entfernung. Als ich (fast auf allen Vieren) durch die niedrige Tür krieche, stelle ich aber schnell fest, dass alles da ist, was ich brauche: ein (Doppelstock-)Bett, ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen, ein Sofa. Auf dem Kühlschrank steht eine kleine Herdplatte und auf einem kleinen Board eine Schüssel und zwei große Wasserkanister. Sogar eine Elektroheizung hängt an der Wand, die sofort losfeuert, kaum habe ich den Schalter gedreht.


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