Richtig schön abwechslungsreich!

Wenn man abends zu viel Tee trinkt, rächt sich das in der Nacht. Jedenfalls bei mir. Ist der Weg zur Toilette dann auch noch recht weit, zögert man den Entschluss, sich aus dem warmen Bett zu erheben, immer wieder hinaus. Doch irgendwann geht es nicht mehr. Fünfzig Meter bis zur Kellertoilette im Haupthaus von Skaden gard müssen ja vielleicht nicht sein, da tut's auch der Wiesenrand neben meiner Hütte. Als es dann soweit ist und meine Erleichterung fortschreitet, werde ich andächtig. Da hier in diesen Bereichen von Norwegen inzwischen die Zeit ist, in der es nachts nie vollständig dunkel ist, sehe ich vor mir... , nein, eher unter mir, die Wolken im Gudbrandsdal wie einen gigantischen Streifen dichter Watte liegen, während die gegenüberliegenden Bergspitzen blaugrau über sie hinausragen. 


Ich bin mal wieder - nachts gegen drei Uhr - über den Wolken und habe sofort den Song dazu im Kopf. Ich mag vieles von Reinhard May sehr und erlebe hier das Entsprechende live. Hier nachts auf Skaden gard bin ich also über den Wolken und das sogar, ohne mich vorher mit Reinhards Flugzeug in die Lüfte begeben zu haben. Auch hier auf der Erde, wenngleich noch immer recht weit oben, empfinde ich meine Freiheit als grenzenlos und alle Ängste und Sorgen bleiben für mich unter der Wolkendecke ebenfalls symbolisch verborgen. Der einfühlsame Barde mit der Gitarre singt weiter, dass alles, was uns groß und wichtig erscheint, nun plötzlich nichtig und klein wird. Recht hat er. Inmitten dieser Natur ist alles nicht mehr wichtig und ich erfahre in diesem Moment große Ehrfurcht vor der Schöpfung. Auf dem Weg zurück in meine Hütte und unter die Bettdecke singe ich fröhlich den Song vor mich hin und nehme mir vor, zu Hause die Best-Of-CD nochmal aus dem Regal zu holen.


Zum Frühstück habe ich eigentlich noch genug in meiner Provianttüte, doch wenn ich das Gefühl habe, dass es vielleicht etwas bringt, ein Frühstück zu bestellen, dann tue ich das auch. Frau Skaden hatte mich gestern Nachmittag gefragt, ob ich mit ihr und ihrem Mann zusammen frühstücken möchte und in solchen Fällen sage ich selten "Nein". Meist ergeben sich in solchen Situationen immer nette Gespräche. Als sich herausstellte, dass sich auch ein Dauergast dazugesellen wird, der gut Englisch spricht und damit als eine Art Dolmetscher mit am Tisch sitzen wird, war die Sache abgemacht. Und was Frau Skaden da auf den Tisch zaubert, ist jeden der 50 Kronen (etwa 5,50 €) wert. Allein vom Lachs, den Rühreiern und der selbstgemachten Marmelade hätte ich mir gerne zwei Proviantdosen vollpacken lassen. Wir sprechen viel zusammen, von Trump bis Angela Merkel, von den Flüchtlingsproblemen in Deutschland und Norwegen, von der königlichen Familie in Oslo und den letzten Terroranschlägen in London. Drei Themen bleiben mir besonders in Erinnerung: Wölfe sind auch im Gudbrandstal zurück. Vor wenigen Tagen haben sie nicht weit von hier auf entlegenen Hängen fast hundert Schafe gerissen. Im Dovrefjell sind in den letzten Tagen Wandertouristen von mächtigen Moschusochsen überrascht worden, die auf einmal mitten auf dem Weg standen und gar nicht weichen wollten. Diese beiden Geschichten sind zwar interessant, verblüffen mich aber nicht allzusehr. Amüsant aber finde ich die Aussage von allen Dreien, die mit mir am Tisch sitzen, dass die relativ guten Deutschkenntnisse vieler Norweger nicht nur aus dem Schulunterricht stammen, sondern von Horst Tappert. In den 70er-Jahren war "Derrick" in Norwegen ein "Straßenfeger". Die Serie wurde im deutschen Originalton übertragen, nur ein mitlaufender Untertitel half, den Wortsinn zu verstehen. So kann man doch auch Sprachen lernen... !


Dank dieses schönen und unterhaltsamen Frühstücks komme ich erst eine Stunde später als üblich weg und meine drei Frühstückspartner winken mir fröhlich hinterher. Ich liebe solche Momente! Kurz vorher sind die drei Berliner aufgebrochen. Der Baggagewagen fährt wieder vorweg. Das Wetter hat sich etwas verändert, die Wolken sind ein wenig aufgestiegen und die Sonne reißt immer wieder ein Loch ins Grau. Dieses Sonnenloch wird mich fast den ganzen Tag begleiten. Vor und hinter mir toben sich heftige Schauer aus, ich aber wandere im Hemd. So ist das, wenn man im Namen des Herrn unterwegs ist.


Der Weg hat viel von gestern, und ich nehme an, das wird in den nächsten Tagen auch so bleiben. Trampelpfade sind die spannendsten Abschnitte, aber auch - zumindest für die Konzentration - meist die anstrengendsten. Fehltritte über glatte Steine oder Baumwurzeln können verhängnisvoll sein, ein Abrutschen bei besonders schmalen, schrägen Pfaden an steilen Hängen wäre auch nicht gesund, abgebrochene und auf den Weg ragende Zweige könnten im wahrsten Sinne des Wortes ins Auge gehen oder den Regenschutz meines Rucksacks zerreißen und das Übersehen einer kleinen Markierung und ein daraus resultierender Irrweg könnten viel Zeit kosten. Butterweiche und zentimeterdick mit Tannennadeln ausgelegte Waldpfade, die durch ein "Meer" von hellgrünem Klee führen, der den Waldboden bedeckt, sind da eher die Ausnahme. 


Wieviel einfacher sind da die breiten Wege oder sogar Straßen, die hier oben am Hang des Gudbransdals fast ohne den Verkehr auskommen, der sich unten im Tal abspielt. Ständige Gäste auf diesen Besiedlungs-Verbindungswegen sind Traktoren und Postautos, ab und zu auch mal ein Rover mit seinem Hänger, in dem Mutterschafe mit ihren noch nicht sehr alten Lämmern vom Hof zur Weide transportiert werden. Diese meist gar nicht asphaltierten, sondern nur steinhart festgefahrenen Schotterwege, die immer wieder wunderbare Blicke hinunter auf den Lagen freigeben, trudle ich hinunter und oft liegt mir dabei ein flottes Lied auf den Lippen. Gehen sie allerdings langgezogen bergauf, fehlt mir dazu meist schon nach fünfzig Metern die Puste. 


Die Wege im offenen Gelände sind im Moment allerdings noch eher begehbare Sümpfe, bedeckt von kniehohen Gräsern und niedrigen Sträuchern. Bei bestem Wanderwetter quäle ich mich da manchmal durch, und das Schmatzen der Schuhe wird zum Soundtrack des Tages. Willkommen in der Zeit kurz nach der Schneeschmelze!


Schon mein Pilgerführer kündigt für wenige Meter vor der Pilgerunterkunft Stalsbergsvea einen Wasserhahn direkt am Weg an einer besonders aussichtsreichen Stelle an. Schon ein toller Service! Natürlich mache ich mir die Flasche neu mit dem frischen kalten Wasser voll, obwohl ich noch kaum etwas von meinem Wasser aus dem Skaden gard Bad getrunken habe. Gegenüber der Wasserstelle steht eine Bank und von ihr aus ist der Blick ins Tal in der Tat umwerfend. Eher zufällig entdecke ich neben ihr an einem dicken Birkenstamm einen Briefkasten. In ihm liegt, eingewickelt in eine durchsichtige Plastiktüte, eine Art Gästebuch. In einer Herberge gehören diese Bücher dazu wie der Pilgerstempel und der Wasserkocher, an einer Aussichtsbank habe ich das auf dem Olavsweg noch nicht gesehen. Ich krame das Buch aus der Tüte hervor, öffne es - und bin platt. Da steht eine Nachricht für mich! Adressiert ist sie zwar an "Rainer", aber der weitere Inhalt lässt keinen Zweifel zu. Maika aus der Nähe von Drochtersen an der Elbe, die ich im Pilgerzentrum von Hamar vor einigen Tagen getroffen habe, grüßt mich und bedankt sich herzlich dafür, dass ich sie überredet habe, ihre komplette Zeltausrüstung nach Hause zu schicken und auf die Möglichkeit der Übernachtungen in den Pilgerherbergen zu vertrauen. Der so viel leichtere Rucksack sei eine Wohltat und sie sei guter Dinge. Sie ist damals nach Lillehammer mit dem Zug vorgefahren und damit drei Tage vor mir auf der Strecke. Wieso zapfe ich mir hier Wasser, wieso setze ich mich auf die Bank, obwohl ich gleich, keine 50 m weiter, sowieso eine Rast einlegen möchte und wieso entdecke ich dieses Buch, wo ich doch den Briefkasten fast übersehen hätte? Welch ein Zufall - aber ein Zufall, wie sie so viele auf Pilgerwegen passieren.


Die Pilgerunterkunft Stalsbergsvea ist nicht größer als ein Bauwagen, aufgeteilt in zwei Zimmer mit Stockbetten. Das Plumpsklo steht etwas abseits. Neben den Betten liegt auf einem kleinen Tisch das obligatorische Gästebuch, in das sich auch Pilger eintragen, die nicht hier übernachten, sondern bei Regen hier einen Moment Zuflucht suchen oder einfach hier rasten wollen. Für sie alle stehen ein kleiner Heizkörper, ein Kanister mit Wasser, ein Wasserkocher, ein Glas Nescafé und eine Schachtel Teebeutel bereit, das alles kostenlos. Diverse Süßigkeiten kosten eine Kleinigkeit und ein Paar Ersatzwanderstöcke ist für 20 Kronen zu erwerben ("Geld bitte in den Plastikbecher! Danke!"). 


Noch während ich mich begeistert umsehe, stehen auf einmal die Berliner im Türrahmen. Irgendwo muss ich sie überholt haben. Merkwürdig! Bei der Plastiksitzgruppe vor der Mini-Herberge rasten wir gemeinsam, nicht ohne uns zuvor einen Kaffee gekocht zu haben. Anschließend gehen wir wieder ein Stück gemeinsam, aber nach etwa einer halben Stunde laufe ich wieder vor. Meine Geschwindigkeit ist eine andere und es ist immer wichtig, weder langsamer noch schneller zu laufen, als es die persönliche Geschwindigkeit vorgibt. Beides würde unweigerlich schnell zu Ermüdung führen.


Wie die Drei allerdings die Stelle meistern, auf die ich wenig später treffe, würde mich schon interessieren. Den Wald nämlich, durch den ich mich laut meinem Pilgerführer nun "schlängeln" soll, gibt es nicht mehr. Vor mir liegt ein großes gerodetes Areal, wo von einem Pfad aber auch gar nichts mehr zu sehen ist, nur noch Stümpfe, kreuz und quer übereinanderliegende Zweige und Schlamm. Mit GPS versuche ich, den Pfad zu lokalisieren, aber alles ist zwecklos. Jetzt mache ich es nach Gefühl, schlage mich durch das Gehölzchaos und komme irgendwann mit schlammigen und Tannennadeln panierten Schuhen auf der anderen Seite der Rodung an. Auch dort ist von einem Pfad nichts zu erkennen. Doch dass hier der Pfad stark überwachsen und wohl kaum zu erkennen sei, findet sich auch in meinem Pilgerführer wieder, aber der Pfad ist nicht nur stark überwachsen, er ist überhaupt nicht da. Nur dichtester, fast undurchdringlicher Wald. Wie fein!


Meter um Meter kämpfe ich mich durchs dichte Unterholz, über überwachsene Geröllfelder, wo ich echt Sorgen habe, mal irgendwann in einen Spalt zu rutschen. Außerdem fängt es genau jetzt noch an zu regnen. Na Mahlzeit! Irgendwann komme ich tiefer unten an einen hohen Holzzaun, der eine Kuhweide begrenzt. Überklettern unmöglich! Der Zaun stand wohl schon hier, als König Olav vorbeiritt, jedenfalls wäre er mit mir beim Übersteigen zusammengebrochen. 50 Meter weiter dann ein Gatter! Wieso ist ausgerechnet hier ein Gatter. Kein Mensch, geschweige denn eine Kuh, geht notwendigerweise mal durch dieses Gatter! Doch - ich! 


Die Kuhweide ist voller Kühe mit ihren Kälbern. Nun weiß ich, dass es da auch schon mal Probleme gegeben hat, wenn Wanderer sich zu forsch Kühen mit ihren Kälbern genähert haben, also mache ich einen weiten Bogen um die lieben Tierchen. Die lieben Tierchen finden das aber sehr merkwürdig, wer da über ihre vollgeschissene Weide spaziert und kommen im Rudel angaloppiert. Hallo? Was geht hier im Moment ab? Eine kleine Prüfung, Olav? Als die Viecher noch zehn Meter von mir entfernt sind, versuche ich es zur Einschüchterung mit einem meiner gefürchteten Brüller. Zumindest bleiben sie irritiert stehen. Das war es dann aber auch, weitere Brüller stören sie nicht. Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass der Drahtzaun zu meiner Linken so hoch ist, dass ich vielleicht so gerade noch drübersteigen kann. Fast widererwartend gelingt mir das sogar und ich habe schon mal die Kühe vom Hals. Jetzt noch einen zugewachsenen steilen Hang hinunter, über den unter Wasser stehenden Straßengraben - und zack! - stehe ich auf einer Straße! Nur auf welcher, weiß der Himmel! Ich habe keine Ahnung, wo ich bin! Die Richtung, die ich einschlagen muss, ist klar: nach Norden! 200 m etwa gehe ich und komme an eine Kreuzung, an einer Ecke ein Schild: "Glomstad - 600 m"! Meine Unterkunft! Donnerwetter, saubere Orientierungsleistung! 


Jetzt ist mir auch der Regen egal, den ich die ganze Zeit kaum wahrgenommen habe. Jetzt mag er mich durchnässen, auch egal! Mit dreckigen Schuhen (da muss auch etwas Kuhscheiße dabei sein) und nass wie ein Pudel stolpere ich wenig später bei meiner Unterkunft durch die Tür. Ein schöner Tag war es! So richtig abwechslungsreich!


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Kommentare: 2
  • #1

    Lore (Dienstag, 13 Juni 2017 22:42)

    Vielleicht stimmt es ja, dass es keine Zufälle gibt.

  • #2

    Die Pilgertochter (Mittwoch, 14 Juni 2017 20:42)

    Na, das will ich aber sehen, dass du deiner ältesten Enkeltochter die CD wieder abschwatzt...