Wasser marsch!

Das Essen auf dem Frühstücksbuffet ist nicht gerade üppig. Zu zwei Sorten Wurst und einer Sorte Käse gesellen sich ein Glas Marmelade und - eiskalte Rühreier. Das habe ich auch noch nicht gehabt: eiskalte Rühreier. Wahrscheinlich gestern Abend schon gemacht und im Kühlschrank über die Nacht gebracht. Dafür sind aber die Brötchen noch warm vom Aufbacken und der Kaffee sogar heiß. Was will ich mehr!?


Das Wetter sieht in den letzten Tagen morgens gar nicht schlecht aus, entwickelt sich dann zum Nachmittag hin oft etwas unerfreulich. Das soll heute nicht anders sein. 

Von Glomstad aus geht es zunächst steil bergab zum Fluss, so steil, dass ich dabei sogar ins Schwitzen komme. Steinige Waldpfade, rutschige und feuchte Wiesen, eine Inflation an Zauntreppen, Spuren über Weiden, auf denen die umherstreunenden Schafe letztendlich ihre Verdauung abgeschlossen haben, Bäche, die auf Steinen zu überqueren sind - alles kompakt auf etwa drei Kilometern in der Falllinie. Fast widererwartend komme ich unfallfrei unten an der E6 an. Das hätte nochmal schiefgehen können, wenn ich die alte Rolla-Brücke trotz Warnhinweis und Umleitung benutzt hätte, die als schwer einsturzgefährdet gilt und damit für den Pilger offiziell gesperrt ist. Da ich vernünftig bin, nehme ich diese Umleitung sogar.


Die Vernunft zieht sich aber wieder zurück, als ich vor der Entscheidung stehe, von nun an weiterhin rustikales Terrain mit wiederholtem Rauf und Runter zu betreten oder lieber für drei Kilometer den Randstreifen der E6 zu benutze, um mal einen ordentlichen "Sprung" vorwärts zu machen. Ich entscheide mich natürlich für den "Sprung". Nun muss ich dazusagen, dass hier mittlerweile die E6 keine Autobahn mehr ist, sondern nur noch eine vielbefahrene Landstraße und der Randstreifen mehr als einen Meter breit. Ich komme also unversehrt an der Stelle an, wo mir mein GPS nahelegt, jetzt die Böschung hochzuklimmen, um dort wieder auf den markierten Olavsweg zu gelangen. 


Langsam geht es von nun an wieder den Hang hoch, dabei sind es mehr die schmalen Asphaltstraßen an den Höfen vorbei als die kurvenreichen Waldpfade, auf denen ich die Kilometer "mache". Weiter oben kleidet dichter Mischwald die Hügel zu beiden Seiten des Gudbrandsdals und immer wieder rauschen ergiebige Wassermassen in Wildbächen die Hänge herunter und stürzen dem im Tal blaugrün mäandrierenden Lagen entgegen. Zu beiden Seiten säumen ihn saftige grüne Wiesen und nur einige einzeln stehende dunkelrote Holzhäuser mit weißen Fensterläden verraten, dass hier auch Menschen wohnen. 


Die ganze Zeit schon präsentiert der Himmel großes Wolkenkino und wird bald in einer Sondervorstellung das Drama "Der große Regen" abspielen. Wenigstens kann ich mich darauf vorbereiten. Ich nutze die Zeit einer Rast, um mich einigermaßen wasserresistent zu machen, wohlwissend, dass dies nie so ganz gelingt. Bevor ich mich wieder auf Wald- und Wiesenpfade mache, geht es tatsächlich wieder los. Erst ganz langsam, dann ergiebig. Von der Ponchokapuze fließt das Wasser auf meinen Hutrand, vom Hutrand auf meine Brillengläser, von den Brillengläsern in den Bart und vom Bart in den Kragen. Welchen Weg es sich weiter nimmt, kann ich nicht exakt ergründen, weil es sich mit dem rinnenden Schweiß mischt. 

Bis auf das Knacken von Ästen unter meinen Füßen und dem Geräusch der auf meine Kapuze trommelnden Regentropfen ist es im Wald totenstill. In der Ferne ruft mir ein Rabe zu. Mittlerweile bin ich pitschnass von oben bis unten, schwitze, friere, leide ein wenig vor mich hin, halluziniere vom Geist eines vollkommen überheizten Wohnmobils mit bequemen Sitzen und mit 80 Kilometern pro Stunde über die Landstraße und ab und an eine heiße, leckere Suppe und eine Tasse Kaffee und ab, sich in die Federn verkrümeln. 


Doch stattdessen taucht vor mir auf dem ansteigenden Waldweg ein blauer Kleiderschrank auf zwei Beinen vor mir auf. Als ich zu ihm aufschließe, entpuppt sich der Kleiderschrank als die Pilgerin, die ich im Osloer Pilgerzentrum vor Tagen getroffen habe. Hier treffe ich Anke wieder, kaum wiederzuerkennen im uns umgebenden Wasser. Wir tauschen uns auf ein paar hundert Metern kurz aus, wie es jedem von uns bisher ergangen ist, dann geht jeder wieder in seinem Tempo weiter. "Wir sehen uns in Gildesvollen! Bis nachher!"


Gildesvollen ist die Pilgerherberge in unmittelbarer Nachbarschaft zur Stabkirche von Ringebu, der einzigen auf dem gesamten Pilgerweg. Als wolle Petrus nicht, dass ich gleich wie ein nasser Pudel diese berühmte alte Kirche betrete, stellt er den großen Wasserkran ab und lässt mich den letzten Kilometer im vermeintlich Trockenen gehen. Dass es noch ordentlich von den Bäumen pladdert, bedenkt er nicht. Zwei Touristenbusse verlassen gerade den Kirchenparkplatz, als ich um die Ecke komme und die Kirche vor mir sehe. Sehr gut! 


"Pilger haben freien Eintritt!", sagt mir der nette junge Mann am Eingang und drückt mir sogar einen Stempel in meinen Pass und ein Info-Blatt in die Hand - auf Deutsch. Ich glaube aber fast, den Pilgerpass hätte es gar nicht zur Identifikation gebraucht. Hier ist sonst keiner bei solchem Wetter mit so einem Rucksack unterwegs. Was lerne ich? Die Stabkirche wurde 1220 errichtet. Das Besondere an Kirchen dieses Typs ist, dass sie nur aus senkrecht stehenden Holzstäben und ohne Nägel angefertigt sind, sie wurden nur verzapft.  Während der Übergangszeit von der heidnischen Religion zur Reformation 1537 wurden rund 1000 Stabkirchen in Skandinavien gebaut. Heute ist die Kirche von Ringebu die größte der noch 28 in Norwegen erhaltenen. Der Innenraum ist reich verziert und besticht durch einen prunkvollen Altar und durch gewaltige Bilder und Statuen. Die blau-roten Farben und Holzsäulen schaffen eine besondere Atmosphäre. Von außen kontrastiert das tiefe Schwarz des Pechanstrichs auf den Holzschindeln mit dem warmen Braun der bereits ausgeblichenen Hölzer. Norwegens Sonne hat über Jahrhunderte Hand angelegt und der Kirche ihr so typisches Aussehen verliehen.


Nur 200 m von der Kirche entfernt liegt die Pilgerherberge Gildesvollen. Anke ist bereits da und unterhält sich gerade mit der Besitzerin, die nebenan mit ihrem Mann auch noch eine Holzwerkstatt betreibt. Später kommen noch Corri und Ring aus Rotterdam dazu, die mir in den letzten zwei Tagen auch schon öfter begegnet sind. Also, es gibt sie doch, die Pilger auf dem Olavsweg!


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Kommentare: 1
  • #1

    Helmut (Mittwoch, 14 Juni 2017 00:46)

    Hoch interessant, etwas über die Temperatur der Rühreier zu erfahren. Aber was ist mit dem anfangs so sehr herausgestellten Spendenlauf für Michelle geworden? Gibt es schon ein (Zwischen-) Ergebnis? Mir fehlen hierzu leider (hoffentlich positive) aktuelle Informationen!