Auf Schaffellen

Als ich aufstehe, schlafen Anke, Corri und Ring noch, jedenfalls rührt sich nichts in den anderen beiden Zimmern. Ich decke schon mal den Tisch und setze eine Kanne Kaffee auf, denn es war verabredet, gemeinsam zu frühstücken. Wer den Tisch deckt und Kaffee kocht, braucht nicht zu spülen, also kann ich davon ausgehen, als erster auf der Strecke zu sein. 


Eine halbe Stunde später - ich habe in der Zwischenzeit komplett gepackt - sitzen wir tatsächlich alle um den Tisch herum und ich werde einiges gewahr. Anke wohnt in der Nähe von Schleswig an der Schlei, arbeitet noch und macht viele Fahrradtouren. Diesmal ist sie mit ihrem Rad von zu Hause aus durch ganz Jütland gefahren, ist von Hirtshals mit der Fähre nach Kristiansand übergesetzt, um von dort aus nach Oslo hochzustrampeln. Jetzt ist sie auf dem Olavsweg unterwegs, aber gar nicht unbedingt darauf aus, in Trondheim anzukommen. Sie kann sich auch sehr gut vorstellen, von Dovre aus über das Rondanemassiv eine Fjellwanderung zurück nach Lillehammer zu machen. "Das überlege ich mir noch!".


Ring und seine Corri sind schon gemeinsam von Rotterdam aus nach Santiago de Compostela und auf der Via Francigena nach Rom gegangen. Jeder kann sich vorstellen, dass uns da der Gesprächsstoff nicht ausgeht. Trotzdem sehe ich irgendwann zu, dass ich wegkomme, denn heute Abend haben wir nochmal dasselbe Quartier, da können wir uns weiter unterhalten.


Der Weg zurück auf den Olavsweg führt mich von der Pilgerherberge nochmal an der Stabkirche vorbei. Bei einer Sitzgruppe unterhalb des Parkplatzes treffe ich auf Nelli und Rupert, zwei weitere deutsche Pilger, die dort ihr zweites Frühstück während einer Rast einnehmen. Sie sind schon seit einer Stunde unterwegs und warten jetzt darauf, dass die Stabkirche aufgeschlossen wird. Auch bei ihnen bin ich mir sicher, dass ich sie nicht zum letzten Mal getroffen habe. 


Es wird eine leichte Wanderung heute. Es gibt sie, die Steigungen, aber sie halten sich in Grenzen. Keine schwergängigen Wald- und Wiesenpfade, sondern hauptsächlich festes Geläuf, die Seele erfreut sich am ersten Tag ohne Niesel oder Regen, dafür mit großen blauen Wolkenlücken und an den immer wieder auftauchenden Blicken ins Gudbrandsdal. Und doch muss ich mich mal kurz etwas aufregen.


Im idyllischen Örtchen Ringebu, keine Stunde von der gleichnamigen Stabkirche entfernt, muss ich Geld aus einem Automaten holen. Die dazugehörige Sparkasse ist schnell gefunden, aber ein Kunde ist vor mir dran. Jetzt kommt's! Aus einer Butterbrotdose holt er einen mächtigen Stapel Kronenscheine und beginnt damit, diese in den Geldautomaten einzuzahlen. Ich Landei habe bisher überhaupt noch nicht gewusst, dass man das überhaupt machen kann. Oder geht das nur hier bei den norwegischen Sparkassen? Jedenfalls, in die Klappe, aus der ich immer die Geldscheine rausnehme, steckt er seinen Stapel hinein, drückt auf den Knöpfen rum und -schwupp! - sind sie weg und der Apparat rattert. Im Prinzip! Bei ihm klappt das nicht so und immer wieder spuckt der Automat Scheine wieder aus. Es seien eben alte Scheine, gibt er mir bedauernd zu verstehen und ich bedauere, dass diese ganze Prozedur nun ewig dauert. Immer wieder kommen Scheine raus und er drückt Knöpfe, geschlagene 20 Minuten lang. Es ist ihm sichtlich peinlich, aber unterbrechen kann er den Prozess, die Einnahmen aus seinem Sportgeschäft von gestern (erfahre ich) auf diese Weise zur Bank zu bringen, nicht. Sagen wir mal so: Auf diese Art habe ich meine erste Rast.


Nach zwei Stunden habe ich fast die Hälfte der Tagesstrecke hinter mir und laufe das Pilgerzentrum von Dale-Gudbrands-Gard an, eine historische Hofanlage, wo sich ein Hotel, eine Pilgerherberge und ein Pilgerzentrum harmonisch miteinander verbinden. Grundsätzlich gibt es bei einem Pilgerzentrum - ich kenne das ja mittlerweile von denen in Oslo und Hamar - jede Menge interessante Informationen, unmittelbare Hilfeleistungen und vor allem - Kaffee. Die wichtige Information, die ich jetzt brauche: Das Dovrefjell ist begehbar! Es gibt zwar noch Schnee, aber keine akute Gefahr bei der Überquerung. Stichwort "unmittelbare Hilfeleistung": Der Leiter des Zentrums vermittelt mir eine Übernachtung in einer neuen Pilgerherberge, und Stichwort "Kaffee": Ich bekomme auch zwei und dazu eine Banane. 


Nach und nach laufen alle ein: Rupert und Nelli, Ring, Corri und Anke. Für alle wird neuer Kaffee aufgesetzt, Ring kauft sich in der Zentrums-Boutique ein Olavsweg-T-Shirt und Rupert checkt in der Herberge ein. Alle anderen wollen, wie ich, nach Sygard Grytting weitergehen. Alle meine Mitpilger sind mir sehr sympathisch, aber ich gehe lieber alleine, also mache ich mich wieder auf den Weg, während die anderen noch ihren Kaffee schlürfen.


Inzwischen ist es richtig warm. Soll es wirklich einen Tag ohne Regen geben? Über fast acht Kilometer geht es von nun an auf dem Radweg der E6 entlang, bis auch der irgendwann mal aufhört. Doch genau an dieser Stelle verschluckt ein neues Tunnelloch die neue E6, während ich auf der alten weiterziehe, kaum behelligt von Autos oder LKW. Dann ein Abzweig, den Hang hinauf, doch nochmal über Wiesenpfade und Zauntreppen, an Schafen und Lämmern vorbei - und dann liegen die alten dunkelbraunen Gebäude von Sygard Grytting vor mir.


Als ich den Hof betrete, kommt mir Stig Grytting entgegen, der mich wohl schon hat kommen sehen. Da er offensichtlich meine Bewunderung für dieses schöne Anwesen bemerkt, beginnt er sofort mit einer Art Führung. "Sygard Grytting" bedeutet so viel wie "Hier stehen Pfähle fest im Stein". Auf dem Gehöft findet sich ein mittelalterliches Gebäude, das auf dem mehr als 700 Jahre alten Hof zu mittelalterlichen Zeiten als Pilgerherberge gedient hat. Darauf besann sich Stig Grytting, als er den denkmalgeschützten Familienbesitz in den 90er-Jahren zusammen mit seiner Frau in ein kleines, stilvolles Hotel umbaute. Kein Zimmer im Hotelgebäude gleicht dem anderen, antikes Mobiliar, Bilder von den Altvorderen und historische Tapetenmuster vereinen sich zu einer bewohnbaren Geschichtsstunde. Schon König Harald hat hier geschlafen, als er in der Nähe ein Ski-Event besuchte, Feinschmecker-Zeitschriften berichteten bereits über die Kochkünste von Frau Grytting und sogar der NDR war mal hier und hat Drehaufnahmen gemacht.


"Kommen sie, jetzt zeige ich Ihnen die Herberge!", sagt Stig und schreitet mir zügig voran, zu einem imposanten, aber auch sehr alten Gebäude. Über knarrende, steile, alte und ausgetretene Holztreppen erreichen wir die Schlafräume im oberen Stock. Die niedrigen, schweren Holztüren lassen sich ächzend und knarrend mit riesigen Schlüsseln öffnen - und ich blicke ins Dunkle, denn die Räume haben nur einige wenige, sehr kleine Fenster. Die Wände bestehen aus dicken, durch die Zeit gealterten und nachgedunkelten Holzbohlen, durch die ab und an etwas Licht und Luft durch die Ritzen dringt. "Hier werden Sie schlafen, wenn Sie möchten", sagt Stig, " die anderen verteile ich auf die anderen Zimmer. Die Selbstversorgerküche ist im übernächsten kleinen Holzhaus. Ich denke, da finden Sie alles, was sie brauchen. Willkommen auf Sygard Grytting!"


Die schwere Tür fällt knarrend hinter ihm ins Schloss. Was umgibt mich, was für ein Geist herrscht hier, was für Geschichten könnten mir diese Wände erzählen? Und sie tun es, wenn man sich nur ganz still verhält und alle Sinne öffnet für das, was sie einem mitteilen. Tische, Betten und Truhen sind aus altem, massivem Holz gefertigt! Und auf einer Holzstange über den Betten hängen riesige Schaffelle, auf denen geschlafen wurde in früherer Zeit, und wer mag, kann sie auch heute noch benutzen. In einer Ecke steht ein Webstuhl unter einem kleinen Fenster, steht dort, als sei jemand gerade erst zu einer kurzen Pause schnell einmal verschwunden. Zwar stehen mir alle Betten zur Verfügung, und eigentlich könnte ich mir ein beliebiges aussuchen, aber wie alles andere an Einrichtungsgegenständen, scheinen auch die Betten hier einer anderen Epoche entsprungen. Keines, in das ich bequem hineinpassen würde. Alle sind entschieden zu kurz und so nehme ich zwei Schaffelle von den Holzstangen und lege sie auf dem Boden aus. Ich denke mehr als ein Mal: Das ist doch eigentlich wie im Museum mit "Nichts-Anfassen"-Schildern, und wir dürfen hier übernachten!?


Inzwischen sind alle anderen auch angekommen und haben sich in ihren beiden Zimmern eingerichtet. In der Selbstversorgerküche wird gekocht und gegessen. Alles dauert nicht lange. Jeder möchte sich in sein Zimmer zurückziehen und diese Räumlichkeiten genießen. Ich bin als erster aus dem gesprächigen Kreis verschwunden und schließe hinter mir die knarrende Tür ins Schloss. 


In der Mitte des Raumes auf den beiden Schaffellen liegend, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, schaue ich an die Decke, tauche ab in eine Fantasie und stelle mir vor, wie es hier vor vielen Jahrhunderten zugegangen sein muss, ausgesehen und gerochen hat, als alle Betten belegt waren, am Abend, in der Nacht. Ein leiser Windhauch aus den undichten Wänden streicht mir über das Gesicht. Wo kamen all jene her, getragen von einem ganz anderen Traum, das Ziel in Nidaros zu erreichen als ich heute. Was hat sie motiviert, diese Reise, die zu jener Zeit um ein Vielfaches beschwerlicher gewesen sein muss als heute, zu wagen? Von welchen Träumen und Wünschen, von welchen Erlösungsideen und -gedanken wurden sie getragen? Welche Gespräche fanden statt von einer Schlafstelle zur anderen, welche Geschichten über den bisherigen Weg haben sie ausgetauscht? Wie wurden sie am Morgen weitergetragen, vom Mut, von der Verzweiflung oder vom Ziel in der Ferne, das zu erreichen nicht so sicher war wie heute? Was haben sie miteinander geredet, was geflüstert?


Nebenan ist es schon lange ruhig, nur draußen die Schafe ziehen noch über die große Wiese und bimmeln mit ihren Glocken.


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Kommentare: 1
  • #1

    Die Pilgertochter (Donnerstag, 15 Juni 2017 07:26)

    Juhuuu!!! Das Dovrefjell ist begehbar!!! Deine erste Wanderung ohne dass dir der Schnee einen Weg versperrt!