Haltungsnote 10

Nelli will heute früh los. Es ist gerade mal 6 Uhr, als das Gerödel anfängt. Auch wenn man versucht, ganz leise zu sein, um Schlafende nicht zu wecken, so ganz gelingt das nicht. Für mich ist jedenfalls auch die Nacht rum, auch wenn ich mich noch zwei, drei Mal hin und her wälze. Um kurz vor 7 Uhr ist sie verschwunden, um 7 Uhr stehe ich auf. Anke, Corri und Rien (so heißt er, "Ring" war falsch, er hat mich korrigiert) pellen sich aus ihren Schlafsäcken, da habe ich bereits gepackt. Gefrühstückt wird noch zusammen und als ich mich auf den Weg mache, stopfen sie gerade ihre Schlafsäcke in die Rucksäcke. Wir werden uns wieder treffen. Unterwegs ist unwahrscheinlich, sie werden mich nicht einholen. Bestimmt aber in Kvam auf dem Campingplatz, wo ich eine kleine Hütte gebucht habe.


Das Wetter ist herrlich! Keine Wolke am Himmel, noch nicht allzu warm. Aber in kürzester Zeit soll mir warm werden, sehr warm. Direkt bei Sygard Grytting beginnt ein happiger Aufstieg. Ich stöhne, ich jappse, mir fließt der Schweiß in die Augen. Solche Anfänge mag ich gar nicht, direkt von Null auf Hundert. Mein Kreislauf muss erst immer langsam in Fahrt kommen, damit er solche Anforderungen relativ problemlos gemeistert bekommt, aber aus dem Stand? Mein lieber Scholli...! Und dann nicht nur einfach steil! Wieder mal das volle Programm: steinig, rutschig, schlammig, hohes Gras mit unsichtbaren Kuhlen, schräg am Hang, mit Schafhinterlassenschaften oder gleich mit ganzen Schafen, Zauntreppen, Gatter, usw. 


Dann endlich durchatmen, etwas Gutes für die Seele: ein weiter, tiefer Blick hinunter ins Tal, das Fjell ist mit einigen Schneefeldern oberhalb der Talhänge mit ihren Mischwäldern bereits zu sehen, neben mir eine Wiese mit teils verfallenen Almgebäuden. Eines dieser Gebäude steht auf einer Felsplatte und ist eine "Perle". In alter Form wieder aufgebaut, ist sie jetzt eine weitere dieser kleinen Pilgerherbergen, die am Weg nach und nach entstehen und ihren eigenen Charme haben. Ein Schloss hängt vor der Tür, nur mit dem Eingeben eines Codes zu öffnen. Eine angeschlagene Telefonnummer muss man anrufen, um den Code und damit "Sesam öffne dich!" zu erhalten. Drinnen zwei Betten, ein Tisch, zwei Stühle, ein kleiner Kaminofen und Kerzen. Wasser holt man sich an einer Quelle 10 m entfernt. Man sollte hier Urlaub machen, mindestens drei Wochen, zehn Bücher lesen... oder selbst eins schreiben. Was mache ich? Auf der Bank vor der Hütte raste ich zehn Minuten, hole wieder Luft und gehe weiter. 


Für zwei Kilometer etwa werde ich geschont, sogar verwöhnt von einem aussichtsreichen "Kurparkwanderweg" zwischen moos- und flechtenbewachsenen Felsen hindurch und auf mit Tannennadeln belegten Waldpfaden. Ich werde eingelullt. Dann geht es wieder zur Sache: steil, steil abwärts, Felspartien als unregelmäßige Treppenstufen, rutschiges Moos auf Felsplatten, Pfade, die mal eine Weile als Bachbett herhalten müssen, wacklige (um nicht zu sagen: baufällige) Holzbrücken über kaskadenartig zu Tal stürzende Wildbäche, schroffe Felswände zu meiner Rechten, links ein Abgrund. Aber immer weiter! Ich kraxle wieder über bemooste, große Felssteine, rutsche über glitschige Baumwurzeln, hangle mich steil, nach niedrig hängenden Baumzweigen greifend, bergauf und balanciere wie eine Ballerina auf den Fußspitzen noch steiler bergab. Ich bin umgeben von Bäumen soweit das Auge reicht, blicke gegen mit Flechten überwucherte Felsen und dann wiederum steile Abhänge hinab, nur einen Tritt breit vom Pfad. Alles wiederholt sich oft am heutigen Tag.
Was sich auch wiederholt, ist ein Sturz von mir. Ich lege mich also zwei Mal gekonnt auf die Klappe. Haltungsnote 10! Das erste Mal rutsche ich im Schlamm aus, habe aber noch Zeit mir zu überlegen, wie ich denn nun zu landen gedenke. Beim zweiten Mal ist es etwas kritischer: Ich stolpere auf den letzten Metern zu einer Wildbachbrücke über lockere Steine und vollführe so etwas wie einen Kopfsprung nach vorn. Künstlerische Ausführung: Note 0! Da ich kopfüber am steinigen Hang liege, habe ich etwas Probleme, wieder aufzustehen, der Rucksack tut das Seinige, mich daran zu hindern. Ich kann mir jetzt gut vorstellen, dass sich Schildkröten ganz schön doof vorkommen, wenn sie auf dem Rücken liegen. 


Aber jetzt mal Quatsch beiseite! Ist vielleicht der Akku so langsam leer? Über 1600 km sind ja auch kein Pappenstiel! Und gerade jetzt zum Schluss die höchsten körperlichen Anforderungen. Ich werde auf mich achten müssen! Zunächst mal verordne ich mir für morgen einen "Schongang". Ich werde mal nicht die normale Route gehen, die mindestens wieder genauso anstrengend werden soll wie die heutige, sondern mal einen Talspaziergang über 25 km machen, meist an der Straße entlang, aber auch am Fluss Lagen.


Ich bin wirklich froh, als ich auf dem Campingplatz Kirketeigen in Kvam ankomme. Nelli und Rupert sind schon da, Anke kommt zwei Stunden nach mir, Corri und Rien laufen erst am frühen Abend ein. Alle lecken wir ein wenig unsere Wunden. Alle Mitpilger sind im Hauptgebäude bei der Rezeption in Zimmern untergebracht, ich habe meine kleine Hütte und Corri und Rien haben ihr Zelt aufgeschlagen.


Ich habe gerade mit Schreiben angefangen, da liegen alle anderen bereits auf ihren Matratzen. Na, also sooo schlimm war es aber nun auch wieder nicht...!




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Kommentare: 2
  • #1

    Lore (Freitag, 16 Juni 2017 08:55)

    Wanderhelme und Wanderstöcke wären jetzt ganz gut und sinnvoll.
    Kann der Sohnemann ja mitbringen, "wenn´s schwierig wird".

    Die Sturzgefahr nimmt mit dem fortschreitenden Alter zu ;-)
    Wanderer, bedenke das!

    Wir hätten Dich bei der Rhön-Tour gerne unversehrt dabei.

    Lieben Gruß
    Peter und Lore

  • #2

    Die Pilgertochter (Freitag, 16 Juni 2017 11:18)

    Welch weise Entscheidung, den Wheely zurück zu lassen. Pass auf dich auf!