Talwanderung

Wieder dieser Tee am Abend...! Ich sollte ihn wirklich weglassen, zumindest wenn die Toilette nicht unmittelbar um die Ecke ist. In der Nacht regnet es. Was normalerweise in einer trockenen und warmen Hütte fast zur Gemütlichkeit beiträgt, hemmt jetzt aber meinen Entschluss, 50 m zur Toilette ins Hauptgebäude zu gehen. Mir gelingt noch ein kurzer Schlummer, dann realisiere ich, dass kein Regen mehr aufs Dach trommelt und pelle mich aus dem Schlafsack. Wo sind meine Crocs? Die Crocs sind weg! Dann eben barfuß! Ich hätte es nicht tun sollen. Der sonst eher verschlafene und wankende Gang zur Toilette wird zu einem hüpfenden Jubellauf durch das eiskalte nasse Gras. Wieder einzuschlafen dauert nach diesem Kneipp-Erlebnis etwas länger.


Nach dem Aufstehen finde ich meine Crocs natürlich draußen auf meiner kleinen Terrasse unter dem Tisch, wo ich sie mir gestern Abend beim Schreiben abgestreift habe. Im Zelt von Corri und Rien rührt sich noch nichts, hoffentlich habe ich sie heute Nacht nicht mit meinen Jubelschreien aus dem Schlaf geholt. Rupert und Nelli sind bestimmt schon weg (auch wenn es erst 7 Uhr ist!) und Anke kommt genauso wie meine niederländischen Mitpilger immer erst etwas später in Gang. Als ich den Campingplatz verlasse, sitzen die Drei noch gemütlich beim Frühstück und das Zelt muss auch noch abgebaut werden.


Gegenüber meiner ursprünglichen Planung hat sich seit meinem Besuch im Dale Gudbrands Gard vor ein paar Tagen (Wann war das eigentlich?) etwas geändert. Eigentlich sollte es heute nur eine relativ kurze, aber auch sehr anstrengende Strecke bis Varphaugen werden. Da dort - wie mir aber bekannt war - keine Unterkunft zur Verfügung steht, wollte ich stattdessen mit dem Bus zurück zum Pilgerzentrum fahren, um dort zu übernachten. Problem: Um morgen wieder in Varphaugen meinen Weg aufnehmen zu können, wäre wieder eine Busfahrt nötig, aber morgen ist Samstag und es fahren keine Busse. Der Leiter des Pilgerzentrum gab mir - und den anderen - den Rat, noch 9 km auf der Straße bis nach Otta dranzuhängen, zumal es dort auch eine neue Pilgerherberge gäbe. Ich war mit der Lösung einverstanden und der freundliche Ratgeber reservierte mir telefonisch direkt ein Zimmer. Passt!


Nun war die gestrige Strecke ja wahrlich nicht einfach - und heute soll sie zu 70 % ihre Fortsetzung finden. Ich falle in ein kleines Motivationsloch! Ich will gesund und (möglichst) munter in Trondheim ankommen. Das bin ich mir und auch Michelle schuldig. Immer wieder studiere ich die Wegbeschreibung in meinem Pilgerführer. Hier nur eine kurze, unsortierte Stichwortsammlung: "sehr steile Pfade; ungemütlich zu gehen: Wurzeln, Sträucher, hohes Gras, Geröll, schräg am Hang laufende Wege - nicht einfach für Fuß und Kopf; Olavswegzeichen schwerer zu finden; schwer begehbar, dichter Bewuchs, z.T. hüfthoch; moosige Geröllhügel; unwegsam und rutschig; Brücke wirkt nicht so stabil; Nutzen Sie ihre Hände, gehen Sie Felstreppen rückwärts, benutzen Sie am besten den ganzen Körper". Da fängt man doch an, darüber nachzudenken, ob man das braucht, oder? Für mich fällt die Entscheidung: Ich brauche das nicht!
Schon gestern Abend hatte ich von einer heutigen "Talwanderung" gesprochen. So mache ich es auch. Corri und Rien werden mir folgen, die anderen gehen wieder "über alle Berge", aber die haben auch nicht schon mehr als 1600 km in den Knochen. 


Bis Sjoa gehe ich am Rand der E6, d.h. der alten E6. Zu der Zeit, als die Autorin des Pilgerführers hier unterwegs war, gab es noch in diesem Abschnitt die Monster-Baustelle mit dem Bau der neuen E6. Jetzt ist von einer Baustelle nichts mehr zu sehen, sondern nur, dass auf der alten E6, die jetzt Gudbrandsdalvegen heißt, nur noch sehr wenig Verkehr ist. Ob nun, wie in Kvam, alle Bewohner dieser Orte entlang dieses Abschnittes nur froh sind, dass es im Dorf etwas ruhiger zugeht oder ob Hotelbesitzer, Supermärkte, Campingplätze, Tankstellen u.a. wohl eher Existenzängste haben, weil der Verkehr und damit die Kunden an ihnen vorbeifahren, ist mir nicht bekannt. Ich merke nur: An der Straße entlang lässt sich ruhig und beschwingt wandern, der Lagen rauscht mit ungeheuer viel Wasser an mir vorbei und ab und zu kommt die Dovre-Bahn an mir vorbeigehuscht und erinnert mich jedesmal daran, dass Sebastian bald mit ihr zu mir hochgefahren kommt, um mich über das Dovrefjell zu begleiten. Ich gratuliere mir jetzt schon, für heute die geruhsame Variante gewählt zu haben.


Nach 9 Kilometern entlang der alten E6 kommt genau an der Stelle, wo ich bei Sjoa auf die andere Flussseite wechseln will, eine Tankstelle. Und an Tankstellen gibt es Kaffee und bestimmt eine Bank, um sich darauf für eine Rast niederzulassen. Beides trifft zu und wenig später sitze ich mit einem Kaffee auf einer Bank zwischen grob handgeschnitzten, großen Trollen und bin mit dem Verlauf des bisherigen Tages zufrieden. Doch während ich so sitze und schlürfe, kommen äußerst dunkle Wolken über die hoch aufragenden Berge hinter mir gekrochen und lassen Regen erahnen. Ich bin gerade fertig mit meinem Kaffee und will mich wieder in Gang setzen, da geht es auch schon los. Ich habe gerade noch genug Zeit, mir meinen Anorak anzuziehen, der immer über meinem Rucksack in Bereitschaft hängt (rein passt er auch gar nicht mehr), da muss ich auch schon flugs unter das große Tankstellendach flüchten. Mal abwarten, vielleicht ist es ja nur ein Schauer. Aber von wegen! Immer mehr hässliche schwarze Wolken schieben sich über die Bergspitzen. Doch den Poncho aus der Versenkung holen? Dafür wieder den Rucksack vom Rücken heben, rumkramen, Rucksack wieder auf, Poncho an... Ich habe da jetzt mal keine Lust drauf! Moment mal, da war doch mal was!? Mein Schirm! Ich habe doch auch noch einen Schirm! Solange ich in Norwegen bin, kam der schon nicht mehr zum Einsatz. Entweder es hat nicht geregnet oder aber der Poncho trat statt seiner in Aktion. Also: Ein Griff nach hinten und mein Schirm ist aufgespannt! Für einen Gang auf der Straße bei so gut wie keinem Wind genau das richtige Instrument!


Die Straße jenseits des Lagens ist zwar asphaltiert, hat aber die Breite eines Feldweges und dementsprechend noch weniger Verkehr als vorhin die alte E6. Für elf Kilometer gehört sie jetzt mir und nur sehr wenigen Autos, die alle sehr langsam und mit Abstand an mir vorbeifahren. Der Regen pladdert mittlerweile immer noch vor sich hin und ich gratuliere mir ein zweites Mal dafür, dass ich jetzt nicht über glitschige Steine oder durch nasses, knietiefes Gras gehen muss. Stattdessen schaue ich mir aus etwas niedrigerer Perspektive das Tal an, sehe Wolkenfetzen an den Berghängen entlangziehen, auf dem Lagen driften zwei Rafting-Schlauchboote unter den Jubelschreien der darin paddelnden Kinder die reißende Strömung hinunter, während Erwachsene an den Ruderpinnen stehen. Durch kleine Ortschaften geht es und vorbei an dunkelbraunen Holzhäusern, die mit dem Gras auf dem Dach aussehen, als hätten sie sich einfach aus dem Boden gedrückt und die Wiesenmütze niemals abgeschüttelt.


Ich laufe durch den Regen und versuche, drei Wochen bevor ich wieder zu Hause bin, herauszufinden, ob ich traurig bin. Ich weiß, dass ich ein Resümee ziehen sollte, einen Strich drunter machen, so ganz langsam. Das gleichmäßige Prasseln auf meinem Regenschirm bringt Ruhe in meinen Kopf. In den letzten Tagen ist so viel passiert. Ich erwische mich dabei, dass ich immer wieder ganz unvermittelt lächeln muss. In meinem Kopf spule ich kleine Filmchen der letzten Tage ab. Alles passiert wie in Zeitlupe. 


Auch dieser Weg hat ein Ende. Das erste Mal ist es spürbar. Urplötzlich steigen aus einem Wald vor mir Nebelschwaden auf und die kleine Straße wirkt im Moment noch stiller als sie es ohnehin schon ist. Ich hänge meinen Gedanken nach, in dieser Landschaft, die jetzt unter dem Nebel ihre so abwechslungsreichen Farben verbirgt. Für einige Momente beschäftige ich mich nur mit diesem einen Satz: Nur noch dreihundert Kilometer liegen vor mir, dann ist auch dieser Weg vorbei. Ich beginne mich zu fragen: Was wird nach dieser Wanderung fehlen? Die ausgedehnten Wälder? Der Gesang der Vögel? Die frei dahinströmenden Flüsse, der Anblick der Wolken am Tag und des Mondes in der Nacht, die kaum eine ist? Die Klänge und Farben der Insekten? Die neuen Bekanntschaften? Wie viel kann ich dieses mal bewahren und mit nach Hause nehmen?


Gegen 14 Uhr laufe ich in Otta ein. Auch wenn der Regen die ganze Zeit nicht richtig aufgehört hat, gestört hat er mich nie. Auch die neue Herberge ist schnell gefunden. Die Dame des Hauses ist ganz begeistert, als sie von mir hört, dass sie heute wohl mit noch mehr Gästen rechnen könne. Am Ende sind all ihre Zimmer von uns Deutschen belegt. Rupert kommt fünf Minuten nach mir an. Er ist den Originalweg gegangen, total erschöpft, nur halbwegs begeistert und triefendnass. Genau denselben Eindruck macht Nelli, die eine halbe Stunde später eintrudelt. Corri und Rien kommen erst gegen 17 Uhr, lange nicht so fertig wie gestern, aber sie haben ja wie ich die Straßenvariante genommen und sind froh darüber. Nur Anke taucht überhaupt nicht mehr auf. Sie wollte auch "über alle Berge" gehen. Ein wenig beunruhigt mich das. Aber in Otta gibt es noch eine Jugendherberge, vielleicht ist sie jetzt dort und wundert sich, dass wir nicht auftauchen.




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