Achtung Probe!

Anke bleibt verschollen, auch heute sehen wir sie nicht mehr. Aber so ist das: Man sieht sich, man verliert sich. Vielleicht treffe ich sie irgendwann im Dovrefjell wieder. Nelli mit Sicherheit nicht mehr, denn für sie ist der Olavsweg für dieses Jahr beendet. Nach halber Strecke fährt sie heute nach Oslo zurück, im nächsten Jahr geht es von Otta aus bis Trondheim. Ansonsten bleibt alles beim Alten: Rupert läuft zuerst los, ich folge eine halbe Stunde später und irgendwann machen sich dann auch Corri und Rien auf den Weg.


Die Strecke heute wird wieder unter "halber Ruhetag" verbucht, wieder unten durchs Tal, doch diesmal ist es auch die offizielle Streckenführung. Das Wetter hat sich gegenüber gestern vollständig gedreht. Tiefblau ist der Himmel, frisch die Luft, es wird eine Lust zu wandern. Über eine Fußgängerbrücke überquere ich den Lagen, der mit rasender Geschwindigkeit unter der Brücke hindurchschießt, gehe dann ein Stück auf dem Radweg weiter, der parallel zur E6 aus Otta herausführt. Bei der Sel kirke mit dem Meilenstein "284 km til Nidaros" ist das Asphalttreten für heute schon vorbei und es geht für fast zehn Kilometer auf einem Feldweg durch das Tal Selsvonne weiter, der "Kornkammer des Gudbrandsdals". 


Schön ist das Laufen, eine anhaltende Entspannung. Rechts rauscht der Lagen, links weite Getreidefelder, umgeben ist alles von steil aufragenden Bergen, deren Wälder keine Grüntönung auslassen. Auf den Bergspitzen hört der Wald auf und kahle Flächen lassen schon das Fjell erahnen, das sich dahinter erstreckt.


Weit vor mir sehe ich Rupert laufen. Er hat einen ordentlichen Schritt und es dauert lange, bis ich mich ihm so langsam nähere. Ich hoffe, dass ich mit 76 noch so gut drauf bin wie er. Bei einer Rast setze ich mich zu ihm und laufe anschließend mit ihm zusammen bis zum Jorundgard Middelaldersenter. Unterwegs erzählt er mir viel über seine Jakobswege in Spanien und Portugal, da kennt er jeden Meter. Manche dieser Wege ist er schon zwei Mal gegangen und auch hier auf dem Olavsweg war er vor zwei Jahren schon einmal. 


Als wir bereits mittags am Middelaldersenter ankommen, weiß er sofort, wo der rückwärtige Eingang ist, denn der Haupteingang ist für Publikum noch geschlossen. Erst ab Juli ist hier geöffnet. Das ganze Middelaldersenter ist nichts anderes als ein ehemaliges Filmset, wo 1994 der erste Teil der historischen Romantrilogie "Kristin Lavransdatter - der Kranz" der norwegischen Literatur-Nobelpreisträgerin Sigrid Undset unter der Regie von Liv Ullmann gedreht wurde. Die Produzenten des Films wollten für die Außenaufnahmen ein richtiges Dorf des Mittelalters aus dem Gudbrandsdal aufbauen und nicht nur Kulissenwände. 14 Häuser wurden errichtet und eine Kirche. Die Häuser stehen seit den Drehtagen hier, die Kirche ist nur eine Kopie. Das Original musste im Film einem Brand zum Opfer fallen. Das muss ein spannender Dreh gewesen sein, entweder die erste Klappe sitzt oder der komplette Drehort ist abgefackelt. Aber es scheint ja geklappt zu haben. Von den Innenaufnahmen in Oslo wurden nach Drehende alle Möbel und Einrichtungsgegenstände in mehreren LKW-Ladungen hierher gebracht und auf die Häuser verteilt. 


Während alle anderen Häuser nur während der Öffnungszeiten im Sommer besichtigt werden können und Führungen stattfinden, ist ein Haus für Pilger immer geöffnet. Eine schwere Holzleiter, gefertigt aus einem dicken Baumstamm, führt ins Dachgeschoss, wo in zwei Räumen fünf bzw. drei alte Betten stehen, natürlich wiedermal mittelalterlich kurz, dafür aber in Doppelbettbreite, so dass man sich diagonal hinlegen kann. Schwere Decken und Felle helfen demjenigen, der als Pilger ohne eigenen Schlafsack unterwegs ist. Strom gibt es nicht, eine Dusche auch nicht. Der Pilger kann froh sein, dass es eine Toilette und einen Außen-Wasserkrahn gibt. Kochgelegenheit ebenfalls Fehlanzeige.


Jorundgard ist dort gebaut worden, wo Sigrid Undset schon als Kind Ferien gemacht und später auch als erwachsene Frau Urlaubstage verbracht hat. In ihrer Trilogie kommen Bauernhöfe der Gemeinde Sel, in der der Filmset als heutige Museumsanlage steht, namentlich vor, nur den großen Hof Jorundgard hat es nicht gegeben. Laut Nobelpreisjury bekam Undset den Preis "... vor allem für ihre kraftvollen Schilderungen des nordischen Lebens im Mittelalter". In allen drei Bänden der Trilogie spielt die Pilgerreise nach Nidaros eine wichtige Rolle. Ich muss die Bücher unbedingt mal lesen.


Am ersten Wochenende im Juli finden hier regelmäßig die Kristintage in Sel und auf der Anlage des Middelaldersenters statt. Konzerte, Vorträge, Wanderungen, Ausstellungen, Kinderprogramme und Theatervorstellungen. 


Als Rupert und ich die Herberge betreten, fällt uns auf, dass an einigen Stellen der Anlage emsige Betriebsamkeit herrscht. Kinder und junge Erwachsene vor allem stehen in Gruppen zusammen, scheinen gemeinsam Akrobatik zu betreiben. Eine Art von Kinder-Wochenendprogramm? Nachdem wir unsere Rucksäcke ausgepackt und unsere Betten belegt haben, fällt mir auf, dass einige junge Leute sich vor unserem Herbergshaus lautstark unterhalten. Ein Streit? Aber... der Streit wiederholt sich... mehrere Male. Auf einer anderen kleinen Rasenfläche bewegen sich drei junge Mädchen in einer Zwischenform von Ballett und nordischem Volkstanz. Mir dämmert es so langsam. Rupert und ich werden Zaungäste zu den Proben der Kristin-Lavransdatter-Open-Air-Theateraufführungen, die bald hier stattfinden werden. Immer mehr Kinder, Teenager, junge und alte Erwachsene treffen ein. Überall beginnen Proben in Kleingruppen, sogar ein Chor ist bei der Arbeit. Wie ich erfahre, proben sie seit einem Jahr, seit zwei Monaten intensiv auf dem Gelände des Jorundgardhofes, wo auch die Vorstellungen stattfinden werden. Die letzten drei Wochen treffen sich Teilgruppen jeden Tag, an den Wochenenden immer die komplette Truppe. 


Ab 15 Uhr etwa werden langsam alle Proben eingestellt und es wird sich ausgeruht, eine Kleinigkeit gegessen. Immer mehr Darsteller und Komparsen treffen ein, Musiker bereiten Instrumente vor, eine Requisiteuse schleppt Requisiten an. Dann gibt eine Frau lautstark Anweisungen, alle rennen herum. Langsam wird mir klar, was jetzt passiert. Zumindest ein Teil des Stückes wird durchgespielt und wir können zusehen. Ansprache des Regisseurs, es wird sich hochgepuscht, Körper- und Stimmübungen, dann - Auftritt! Mensch, wie gern würde ich das auch mal wieder machen. Ich gäbe was drum! 


Corri und Rien sind inzwischen auch da, schauen sich das Spektakel ebenfalls an. Nach Ende der Proben wird gefeiert, alle freuen sich auf die Proben morgen. Erst am späten Abend wird es ruhig auf dem Jorundgardhof des Middelaldersenters und alle außer uns Pilgern fahren nach Hause. Morgen früh kommen sie alle zurück und proben weiter. Ob die noch eine kleine Rolle für mich haben? Vielleicht den Taubstummen des Dorfes, der immer den jungen Mädchen nachstellt. Dann hätte ich einen angenehmen Job und keinen Text.




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Kommentare: 2
  • #1

    Inge Geisler (Sonntag, 18 Juni 2017 09:22)

    Ja, Du hast recht! Die Theateraufführungen auf der Burg Windeck sind eine tolle Erinnerung und ein Erlebnis, das auch ich nicht missen möchte. Aber ob wir so etwas noch mal hin bekommen würden? ! Da müsste sich schon die nächste Generation etwas einfallen lassen und die Initiative ergreifen. Mitmachen auf jeden Fall. Unvergessliche! Auf jeden Fall. LG

  • #2

    Roswitha B. (Sonntag, 18 Juni 2017 15:42)

    Aber die Körper- und Stimm- Übungen kannst du demnächst auf jeden Fall hier mitmachen. Der Jens hat da einiges aus dem Regie-Seminar in petto. Hat uns schon viel Spaß gebracht. Wirst sehen am 4. Juli !!!
    Liebe Grüße und pass auf Dich auf !