Tiefenentspannte Kühe

Rupert ist ein erfahrener Jakobswegpilger und weiß, wie man sich als solcher verhält, wenn man früher als die anderen aufbrechen möchte. Ich hatte mir gestern Abend den Wecker bereits auf 6 Uhr gestellt (damit habe ich trotzdem achteinhalb Stunden geschlafen), dennoch höre ich mindestens eine halbe Stunde vorher, wie Rupert sich aus seinem Bett aufrappelt, alles leise zusammenrafft und dann zum Packen mit seinem Rucksack nach draußen verschwindet. Als ich kurz nach dem Aufstehen mit meiner Zahnbürste zum Wasseranschluss gehe, sitzt er unten auf der Bank, löffelt zum Frühstück (wie jeden Morgen) seinen großen Joghurt und grinst mich fröhlich an. "Bis nachher in Engelshus!", ruft er mir noch schnell hinterher und als ich vom Zähneputzen zurückkomme, ist Rupert schon wieder weg.


Während ich packe, rührt sich bei Corrie und Rien tatsächlich auch schon was. So früh habe ich sie noch nie aus den Federn kriechen sehen bzw. hören. Der Grund aber ist ganz einfach: Sie können schlicht gar nicht mehr schlafen (und haben das auch während der Nacht nur phasenweise gekonnt), weil ihre Betten zu kurz sind und einige Mücken ihr Zimmer als Revier zum Blutsaugen ausgesucht haben. Doch auf diese Weise bekomme ich zu meinem Knäckebrot-Frühstück wenigstens einen Kaffee, den Corrie mir auf ihrem kleinen Gaskocher zubereitet.


Bis meine beiden niederländischen Pilgerfreunde abmarschbereit sind, wird es erfahrungsgemäß noch etwa eine Stunde dauern. Ich mache mich auf den Weg. "Bis Engelshus!", ruft auch Corrie hinter mir her. "Bestelle für uns ein Abendessen mit!" Noch auf dem Gelände des Middelaldersenters, dort, wo gestern die Durchlaufprobe stattgefunden hat, treffe ich die junge Regisseurin, die bereits für die Probenarbeiten, die ab 11 Uhr beginnen sollen, Vorbereitungen trifft, und wir unterhalten uns ein wenig. Viele der Probleme, aber auch der Freuden und schönen Erfahrungen solch einer Open-Air-Theaterproduktion kenne ich sehr gut und ich kann ihr sehr gut nachfühlen, dass sie sich trotz des anstrengenden gestrigen Tages wieder auf die heutige Arbeit freut. Ich wünsche ihr viel Erfolg für die Aufführungen Anfang Juli, und für ihre Reaktion brauche ich keinen Übersetzer: "Um Himmels Willen, das ist ja schon bald!!!"


Der Verwalter des noch geschlossenen Museumsgeländes, der mit seinem Sitzmäher gerade die Grünflächen aller Probenbereiche mäht, ruft mir zu, dass er für uns Pilger die Kirche geöffnet habe. Sehr nett, Herr Verwalter, danke! Wenn schon die alte Holzkirche von Nord-Sel verschlossen ist, wie Ruppert und ich gestern Nachmittag auf unserem Weg zum Einkaufen feststellen mussten, so kann ich jetzt wenigstens in diese Replik des Filmsets reinschauen. Und ich bin fasziniert! Ist es das helle Holz um mich herum, das zaghafte Licht von kleinen Scheinwerfern auf die ausdrucksstarken Schnitzarbeiten und die dazu kontrastierenden himmelblauen Holzstühle? Oder ist es die unter die Haut gehende Musik mit dem Gesang einer Frauenstimme, die aus einem CD-Player kommt, der auf dem kleinen Altar steht und den Raum erfüllt? Ich wollte nur mal kurz reinschauen, aber sitze dann mindestens eine Viertelstunde auf einem der Kirchenstühle und lasse mich von dieser Stimmung gefangennehmen.


Auf etwas abenteuerlichen Pfaden geht es die ersten Kilometer in den Tag hinein. Nachdem ich Nord-Sel mit seinen uralten Gehöften (in einem davon verbrachte Sigrid Undset mal einige Urlaubswochen und ließ sich dort zu ihrer Kristin-Lavransdatter-Trilogie inspirieren) hinter mir gelassen habe, geht es zwischen die Bäume. Aber mal wieder so richtig! Entlang abfallender Hänge oberhalb des rauschenden Lagens, Kraxeln über Felsen und Klammern an Bäumen, um sicher tiefe Felsstufen hinunterzukommen, Holzleitern, die mich problemlos hohe Felsen ersteigen lassen, auf einem kaum erkennbaren Pfad durch ein steiles Rodungsgelände, der mich über einen Zugtunnel führt, Zaunteppen, Treppenstufen mit einer Tritthöhe von etwa 50 cm, die mich einen steilen Hang zu Bahngleisen hinunterbringen. Langeweile Fehlanzeige! 


Ich bin schon mehr als zwei Stunden unterwegs und doch erst knapp sechs Kilometer gegangen. Und doch kann ich nicht widerstehen, als auf einem anschließenden Waldweg eine sonnenbeschienene Sitzgruppe mich zum Rasten lockt. Schuhe aus, Hemd aus und zum Trocknen über den abgelegten Rucksack gehängt, lang ausstrecken auf der Bank, mich von der Sonne bescheinen und von den Vögeln besingen lassen und etwas weiter entfernt rauscht immer noch der Lagen - also im Moment ist das Leben ganz schön schön...!


Die nächsten Kilometer wird der Streckenverlauf einfacher, wenn auch nicht langweilig. Eichhörnchen huschen über den Weg, ein Fuchs schaut mal gelangweilt zur Seite, als er mich auf dem Weg näherkommen sieht, und die großen Waldameisen sind die wahren Herrscher des Weges, die alle zehn Meter links und rechts ihre Wohntürme aufgeschichtet haben. Direkt bei einem einsam gelegenen Hof, auf dem ich keine menschliche Bewegung vernehmen kann, stehen auf einmal etliche Kühe auf dem breiten Schotterweg vor mir, scheinen wie vom Donner gerührt und bewegen sich keinen Zentimeter, um dem Pilger eine Gasse freizumachen. Ruhig und gütig zusprechend nähere ich mich ihnen, in der Annahme, dass sie bei geringer werdender Distanz abdrehen - aber nichts da! Sie gucken mich weiter minimal intelligent an und keine Kuh zuckt auch nur. Meine berühmten Brüller könnten mittlerweile zu einer kleinen Massenpanik führen, die für mich nicht gesund ausfallen würde. So schlängle ich mich - ich finde, ganz schön mutig! - zwischen diesen ja nun doch ganz schön großen Tieren hindurch, streichle hier mal zaghaft eine Kuhstirn und da mal einen Rücken, und komme auf diese Weise irgendwann mal auf der anderen Seite der Herde an. Kein Tier hat seinen Körper in meine Richtung gedreht, nur den Kopf, das muss reichen. Das waren doch mal tiefenentspannte norwegische Kühe! 


Als nächstes sind es mal wieder Schafe, deren Aufmerksamkeit ich errege. Nun ist mir ja inzwischen bekannt, dass manchmal ganze Waldabschnitte vor Schafen nur so wimmeln, aber heute liegen sie kilometerlang auf dem Waldweg rum. Nun gibt es wohl zwei Gruppen von Schafen: Zum einen die etwas cleveren, die samt ihren Lämmern unter lautem Gebimmel und Protestgeblöke ins Unterholz ausweichen und mich vorbeiziehen lassen. Es gibt aber auch die anderen, die bei meinem Näherkommen aufschrecken und die Flucht auf dem Waldweg antreten. Und die hören mit dem Flüchten überhaupt nicht mehr auf...! Dabei scheuchen sie auch noch die nächsten Mutter-Kind-Gruppen auf, die sich ihnen blökend und bimmelnd anschließen, bis ich letztlich eine kleine Herde ungewollt vor mir hertreibe. Stopps von mir oder ein freundlich gemeintes Zurseitetreten nützen überhaupt nichts. Erst als sich unerwartet zu unserer Linken eine große Wiese auftut, die glücklicherweise nicht eingezäunt ist, ziehen sie diese statt einer weiteren Flucht vor.


Der Schotterweg führt mich hinab zur E6 und von dort ist es nicht mehr weit bis zum Campingplatz Vollheim am Ufer des Lagen. Dort hat die Saison noch nicht angefangen und deshalb bekomme ich dort auch nicht das in meinem Pilgerführer in Aussicht gestellte Eis. Ich komme mühsam darüber hinweg und raste dafür auf einer Holzbank am Lagenufer, wo mich allerdings einige Mücken schnell wieder vertreiben. 


Von nun an wird es wieder Straßentippelei, aber eine schöne Straßentippelei. Über Kilometer geht es am östlichen Hang des hier U-förmigen Gudbrandsdales dahin, von wo ich gut erkennen kann, dass der Lagen inzwischen bereits viel von seiner imposanten Größe verloren hat. Die Berghänge sind mittlerweile nur noch bis zur halben Höhe mit Wald bewachsen, darüber erhebt sich das baumlose Fjell mit seinen runden Kuppen und vereinzelten Schneeresten. Ich kann es jetzt schon kaum erwarten, in dieser Landschaft zu wandern. Übermorgen wird es so weit sein.


Irgendwann sehe ich die Dächer von Engelshus etwas unterhalb der Straße auftauchen. Ein Schotterweg führt zu der kleinen Hofanlage hinunter. Dass ich hier richtig bin, sehe ich an Rupert, der gerade mit Unterhemd und kurzer Hose und mit einem Handtuch unter dem Arm vom Duschen kommt. Er erzählt mir, dass er sich ein Bett im Mehrbettzimmer genommen hat, die Hausherrin Hildrun aber für mich, da ich ja zwei Nächte hierbleibe, eine kleine Hütte vorgesehen habe. Außerdem gäbe es zur Begrüßung von Hildrun Kaffee und selbstgebackenen Kuchen. Das reicht, da muss ich jetzt mal ganz schnell hin!


Hildrun und auch ihr Mann Magne begrüßen mich schon vor dem Haus und bitten mich sofort zu Kaffee und Kuchen hinein. Na bitte! Wir besprechen alles, was für die Dauer meines Aufenthaltes wichtig ist (Mahlzeiten, Ankunft Sebastian, Verhältnisse im Dovrefjell u.ä.) und dann führt mich Hildrun zu meiner kleinen Hütte. Wiedermal weiß ich sofort, dass Engelshus genau der richtige Ort für einen Rasttag ist, meine kleine Hütte eine Oase der Ruhe.


Dass Hildrun auch eine begnadete Köchin ist, stellen Rupert, Corrie und Rien, die ebenfalls mittlerweile angekommen waren, und ich beim Abendessen in Hildruns Wohnzimmer fest. Brennnesselsuppe; Braten mit Kartoffeln und Süßkraut; Reisauflauf mit Himbeersirup - zum Niederknien! Seit den Wandertagen mit Dieter in Deutschland habe ich nicht mehr solche Mengen verdrückt. 


Übersättigt und bierschwer mag ich nicht mehr die letzten zwanzig Meter über die Wiese zu meiner Hütte bis ins Bett auf mich nehmen. Kurz vorher setze ich mich auf "mein" Sofa und möchte diesen Zustand weiter genießen, herauszögern, verlängern, konservieren. Und erst als mir nach diesem Tag die Augen im Sitzen zufallen, lösche ich sehr spät erst das Licht und schlafe einen Schlaf, so tief, so fern, so herrlich.




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Kommentare: 1
  • #1

    Lore (Montag, 19 Juni 2017 08:31)

    Reinhard, wir wünschen Dir einen angenehmen Ruhetag und weiterhin tiefenentspannte Kühe. Schade, wenn Deine Tour zu Ende ist, werden uns Deine interessanten, teils amüsanten und anschaulichen Berichte fehlen.
    Liebe Grüße aus dem sommerlichen Deutschland von
    Peter und Lore