Hofführung

Ich brauche nicht zu erwähnen, dass Rupert bereits um 6 Uhr Engelshus wieder verlässt. "Ich kann morgens sowieso nicht lange schlafen, zumal es schon so früh hell ist. Außerdem bin ich früh morgens immer nervös, bin gespannt, was mir der Tag bringt. Dann muss ich einfach los. Und die frühesten Stunden sind die schönsten in der Natur." Ich mag ihm da nicht widersprechen, aber ich mag auch nicht jeden Morgen sooo früh aufstehen. Sein Frühstück hat ihm Hildrun gestern Abend bereits in den Kühlraum gestellt, wo er sich selbst bedienen kann, denn selbst sie serviert ihren Gästen so früh das Frühstück noch nicht. Rupert und ich werden uns höchstwahrscheinlich in Trondheim wiedersehen. Er wird mir zwar in nächster Zeit um einen Tag voraus sein, dafür bleibt er aber auch länger in Trondheim. Wahrscheinlich fahren wir sogar mit demselben Zug zurück nach Oslo. 


Für Corrie, Rien und mich steht um punkt 8 Uhr in Hildruns Wohnzimmer das Frühstück bereit - und was für eins: Selbstgebackenes und Süßes, Elchwurst und Käse, Lachs und - Rollmöpse. Und ganz am Anfang... ja, bin ich denn hier in Schottland? - Porridge! Wir Drei essen uns langsam durch und anschließend bin ich richtig froh, mit diesem vollen Magen nicht auf die Strecke gehen zu müssen. Ruhetag - welch ein herrliches Gefühl! Corrie und Rien aber ziehen weiter nach Fokstugu, hoch oben ins Dovrefjell, wo sie Rupert wiedertreffen werden. Doch auch meine beiden niederländischen Pilgerfreunde werde ich vermutlich in Trondheim noch einmal treffen. Schön wäre es jedenfalls...


Gestern Abend fand Hildrun keine Zeit dazu. Das Abendessen für die Pilger zu kochen und hinterher der große Abwasch haben sie zu sehr beschäftigt. Jetzt, wo auf dem Hof Ruhe eingekehrt ist, nimmt sie sich die Zeit und fragt mich, ob ich Interesse an einer kleinen Hofführung hätte. So etwas braucht man mir ja nicht zweimal zu sagen und bald darauf gehen Hildrun und ich von Haus zu Haus. Jedes dieser Häuser im typisch dunkelbraunen Blockbaustil ist mindestens 250 Jahre alt, nur Hildrun und Magne selbst bewohnen ein etwas neueres. Bis auf ein Lagerhaus ist jedes auch eine Pilgerunterkunft. In zwei Häusern dürfen sich die Pilger über Doppelzimmer freuen. Die jeweiligen Aufenthaltsräume sind die reinen Museumsstuben: großer Kamin, handbemalte Türen und Schränke, handgeschnitzte Möbelverzierungen, große, alte Standuhren, ein Webstuhl und eine Drechselbank, große, grobe Tische, Holzbänke mit Fellen belegt, Spinnräder, alte Teppiche und Lampen, ehemalige Haushalts- und Alltagsgegenstände aus zwei Jahrhunderten. Vom Großvater noch handgemalte Bilder und alte Fotos von der damaligen Lieblingskuh und dem treuen Hund. Im Obergeschoss eines weiteren Hauses die Mehrbettunterkunft. Sechs Betten stehen hier, ein großer Tisch, Bänke drumherum, um sich zusammenzusetzen, kennenzulernen, sich auszutauschen. Im Untergeschoss das alte Kühlhaus: Regale, wo die Käselaibe lagerten, Fässer, Butterstampfer, all das, was von modernen Kühlgeräten überflüssig gemacht wurde. Hildrun erzählt mir an vielen Stellen eine kleine Geschichte und ich merke, dass ihr Herzblut an diesem alten Bauernhof hängt, auf dem sie seit mehr als 35 Jahren lebt.


Ich komme aus dem Fotografieren gar nicht mehr raus. Alles hier, drinnen die Atmosphäre in den liebevoll hergerichteten Häusern und draußen die Wiese mit der hohen Schaukel, die Blumen, die blühenden Fliederbüsche, die Fjellhänge drumherum und der Blick ins Tal, alles ist ein wirklich "engelsgleicher", friedvoller Ort. Genau der Richtige für meinen Ruhetag. Ich werde gleich meinen zweiten Kaffee trinken, mir mittags in der Selbstversorgerküche eine Suppe kochen, ein Mittagsschläfchen halten, mich draußen auf die Wiese legen und faulenzen, faulenzen, faulenzen... Nochmal richtig Kraft und Energie tanken für die Tage im Fjell und für den Endspurt nach Trondheim. Und vor allem werde ich mich auf Sebastian freuen, von dem ich weiß, dass er jetzt schon im Flugzeug sitzt. Gegen 18 Uhr wird er am nächstgelegenen Bahnhof in Dombas ankommen. Hildrun hat sich bereiterklärt, ihn von dort gegen ein kleines Entgeld mit dem Wagen abzuholen. Drei Monate habe ich ihn jetzt nicht mehr gesehen. Ob er nochmal ein wenig gewachsen ist? Komm, Junge, ich freue mich auf dich!


Stunden später: Magne klopft an der Tür meines kleinen Luxusappartements und fragt mich, ob ich Lust hätte, mit zu ihnen auf die Terrasse zu kommen, um ein paar Waffeln zu essen. Die Frage kann jetzt nur sehr rhetorisch gewesen sein, denn die Antwort ist ja klar: Natürlich hab ich Lust! Alle Pilger, die in Nidaros ankommen, wissen, dass Hildrun von Engelshus nicht nur eine gute Köchin, sondern auch eine begnadete Bäckerin ist. Jedenfalls schmecken die Waffeln köstlich, bestrichen mit ihrem selbstgemachten Rhabarbermus ein Gedicht. Dazu steht die Kanne mit dem dampfenden Kaffee auf dem Tisch - so ist Ruhetag!


Noch drei Stunden später: Magne fährt mit mir nach Dombas, um Sebastian vom Zug abzuholen. Das Wetter zeigt sich nicht von seiner besten Seite, und ich hoffe, mein Sohn wird nach tagelangen 30 °C zu Hause jetzt nicht einen Klimaschock bekommen. Mehr als 8-10 ° C sind das hier nämlich nicht. Der Zug kommt pünktlich an - und da kommt er auch tatsächlich den Bahnsteig entlangmarschiert. Himmel, wie schön, dass er jetzt für ein paar Tage bei mir ist. 




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Kommentare: 1
  • #1

    Renate (Montag, 19 Juni 2017 22:26)

    Das klingt nach einem wirklich gelungenen Ruhetag. Recht so!
    Ich wünsche dir ein paar schöne gemeinsame Tage mit Sebastian. Dass ihr gut über den Fjell kommt und gute Gespräche habt in der Zweisamkeit.
    Herzliche Grüße aus dem immer noch warmen Much
    Renate