Hinauf aufs Dovrefjell

Basti und ich stehen früh auf, weil wir auch früh weg wollen. Der Weg heute wird anstrengend, wir müssen hinauf aufs Dovrefjell. Für mich so etwas wie eine Königsetappe. Doch das Frühstück bei Hildrun fällt wieder so reichlich aus, dass wir auch reichlich zulangen. Um 9 Uhr ist es eigentlich mindestens eine halbe Stunde zu spät, als wir abmarschieren. 


Basti bekommt an seinem ersten Tag an Vaters Seite eine kleine Galgenfrist. Die ersten drei Kilometer geht es wie von selbst an der kleinen Straße entlang, die ich vorgestern bereits bis Engelshus laufen konnte. Dann fängt der Aufstieg langsam an. Immer noch auf einer kleinen Straße weiter, die auch noch die letzten Häuser vor dem Fjell mit Autos erreichbar machen. Am Hang der Straße treffen wir auf eine weitere der zahlreichen Olavsquellen, aus der heiliges und heilendes Wasser sprudeln soll. An der Quellfassung stehen eine Frau mit fünf Kindern sowie ein älterer Mann. Wie sich im Gespräch herausstellt, ist es der Leiter des Dovrefjell-Pilgerzentrums von Hjerkinn, der eine Lehrerin mit fünf ihrer Schüler auf einer kleinen "Pilgerwanderung" begleitet und ihnen so einiges vom Heiligen Olav, vom früheren Pilgerwesen und vom heutigen Olavsweg erzählt. Da kommen Basti und ich als Anschauungsobjekte gerade recht. Die lieben Kleinen bekommen den Mund gar nicht mehr zu, als sie erfahren, dass ich schon 12 Wochen unterwegs bin.


Wir kommen am alten Hof Tofte vorbei, über 1100 Jahre alt und ein ehemaliger Königshof. Hier beginnt auch der "Gamle Kongevegen", wie uns ein großes Schild vermeldet. Der Begriff für den Weg übers Dovrefjell ist alten Ursprungs. Nach der Heiligsprechung Olavs begaben sich nicht nur das Volk, sondern auch alle norwegischen Könige auf Pilgerreise von Oslo zum Nidarosdom. Zu den Zeiten war es lebensgefährlich: Schnee, Stürme, Kälte und die schmalen, abfallenden Wege verursachten den Tod vieler Pilger. Nur wenige Abschnitte des Olavsweges befinden sich noch auf der tatsächlich historischen Route der "Alten Königsstraße", wie hier durchs Fjell. Eine eigene Wegmarkierung, die blaue Krone, weist von nun an zusätzlich zum Olavskreuz den Weg. 


Bei einem kleinen Eisentor verlassen wir die Straße und unser kleines Abenteuer "Überquerung des Dovrefjells" beginnt.Direkt geht es steil bergan. Die Holzschildchen mit dem Olavskreuz weisen nach oben. Wer behauptet, Norwegen hätte nur Hügel, der irrt. Die bekannten hölzernen Stufenkonstruktionen helfen uns über die letzten Weidezäune, dann lassen wir Zivilisation und Baumgrenze hinter uns. Die Vegetation ändert sich rasant schon nach wenigen Höhenmetern. Der Baumbewuchs wird immer kleiner und krüppeliger, knorriger und widerstandsfähiger, bis endlich auch diese Überlebenskünstler es nicht mehr schaffen, in der noch höher gelegenen Tundra des Fjells zu überdauern, in der es nur noch niedrige Büsche und Heidearten gibt, die ihrerseits noch etwas weiter hinauf den Gräsern, Moosen und Flechten weichen müssen. Das Olavskreuz prangt jetzt auf stabilen Schieferplatten, genau wie die blaue Krone des Kongevegen. Geräuschvoll plätschern eiskalte Bäche in ihrem steinernen Bett und geben Gelegenheit, die Wasserflaschen nachzufüllen. Je höher wir kommen, desto mehr ziehen die Temperaturen an. Schwere dunkle Wolken wechseln mit blauen Wolkenlücken. Schauer gehen weit hinten im Gudbrandsdal nieder und ich hoffe, dass wir im Fjell davon verschont bleiben.


Das Dovrefjell gilt als eines der heute noch ursprünglichsten und bislang von Menschenhand verschonten Gebiete Norwegens. Vielleicht durch die Unmittelbarkeit einer unbezwingbaren Natur oder durch die Schroffheit dieser Landschaft, wurde das Dovrefjell niemals durch menschliche Ansiedlungen in seiner Einzigartigkeit verändert oder urbar gemacht. Wenige Post- und Versorgungsstationen, wenige der sogenannten Saelehäuser, die sich heute noch im Fjell befinden bestehen als Gasthäuser oder Pilgerherbergen weiter oder haben zum Teil neue Aufgaben übernommen wie die Kongsvold Fjellstue, die in einem Gebäude eine Forschungsstation der Trondheimer Universität beherbergt. In dieser windzerzausten kargen Bergwelt leben Rentiere und Moschusochsen, deren Stammbaum bis in die Eiszeit zurückreicht. 1974 wurde das Fjell zum Nationalpark. Im Tal der Driva, die das Fjell in einen westlichen und einen östlichen Teil spaltet, verlief der alte, traditionelle Pilgerweg, dort, wo heute die E6 als Hauptverkehrsader Süd- und Nordnorwegen miteinander verbindet. 


Immer weiter stapfen wir bergauf Richtung Hochebene. Oben angekommen eröffnet sich uns ein grandioser Anblick. Weite Landschaft, Einsamkeit, Kargheit, Zeitlosigkeit. Ich muss mich erst sammeln. Ankommen dauert auch immer. Wir stoßen auf erste Steinmännchen: Schieferplatten von vielen Händen über viele Jahre Stein für Stein aufgestapelt geben Orientierung. Eine mächtige Steinpyramide am höchsten Punkt, Allmannroysa, zeigt, wer hier der Chef ist: Dovregubb, der König der Trolle, residiert hier. Wer sein Reich durchqueren will, muss ihm ein Türmchen bauen, sonst wirft er mit Felsbrocken. Stattdessen oder zum Troll-Zoll legen heute Pilger mit einem Stein aus ihrer Heimat alle Last ab. Auch ich suche nach meinem kleinen Kieselstein aus Helpenstell, den ich schon über zwölf Wochen mit mir herumtrage, finde ihn jedoch nicht mehr. Irgendwo steckt er. Ich habe ihn vor noch nicht langer Zeit in der Hand gehabt, ihn guuut weggetan, damit ich ihn, sobald ich an der mächtigen Steinpyramide bin, hervorholen und mit zu den anderen legen kann. Er sieht wohl keinen Sinn darin, ab heute hier in Einsamkeit und Kälte zu liegen und hat sich irgendwo vergraben. Vielleicht finde ich ihn bis Trondheim wieder und dann kommt er beim Dom ins Blumenbeet. Basti macht es sich da ein wenig einfacher. Er sammelt am Anfang des Wandertages einfach einen Kieselstein vom Straßenrand auf und legt ihn dann stolz auf die oberste Spitze des Allmannsroysa. Welche Last er damit sinnbildlich abgelegt hat, bleibt sein Geheimnis.


Vom höchsten Punkt des Olavswegs geht es nun immer bergab bis Fokstugu. Der alte Hof ist sogar schon von hier oben zu erkennen, aber es soll noch fast sieben Kilometer dauern, bis wir ihn erreichen. Doch der Blick geht weit über die E6 und Fokstugu nach Norden hinaus bis auf eine ganze Kette von schneebedeckten Fjellbergen, von denen der Snohetta mit seinen 2.286 m der höchste Berg im Dovrefjell ist. Wasserreiche Bäche sind auf Steinen zu überqueren, sumpfiges Gelände auf Holzbohlen zu überbrücken. Wo keine Bohlen sind, dafür aber das Wasser seit der Schneeschmelze ganze Flächen bedeckt, hilft manchmal nur, von Stein zu Stein zu springen oder einfach durchzuwaten.


So spät wie schon lange nicht mehr, komme ich bei meiner Unterkunft, Fokstugu, an. Eingebettet liegt der Hof da zwischen einem Fluss und den Hochweiden. Hier steht auch eins der Saelehus des Dovrefjells, mit dessen Bau bereits ein König um 1120 begann. Die mittelalterlichen (zunächst unbewirtschafteten) Unterkünfte boten Pilgern Schutz auf dem Weg nach Nidaros. 
Lauritz Fokstugu betreibt mittlerweile den Hof in der 11. Generation zusammen mit seiner Frau Christiane, eine herzliche und sehr gottesfürchtige Gastgeberin aus Schweden. Vor 12 Jahren hat das Paar die alte Tradition, Pilger aufzunehmen, wieder zum Leben erweckt. Gott sei Dank, wo hätten Basti und ich sonst unterkommen können?




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Kommentare: 2
  • #1

    Michael (Mittwoch, 21 Juni 2017 04:42)

    Schnee wie schön, in Windeck jeden Tag über 30 Grad. Viel Spass euch beiden.

  • #2

    Sebastian (Mittwoch, 21 Juni 2017 22:40)

    Was heißt denn "so spät wie schon lange nicht mehr?" Willst du etwa sagen, dass ich an meinem ersten Tag langsam gegangen bin?? Gut, inzwischen bist du schlauer. Heute war ich noch langsamer...