Bis in den Abend

Fokstugu hat seinen Ursprung als historisches Saelehus, einem "Glückshaus". Diese einfachen Gebirgshütten ließ im 12. Jahrhundert König Eystein Magnusson zum Schutz vor den Mächten der Natur für die Reisenden und das Vieh errichten. Der Pilger war glücklich, wenn er, vor allem in den Wintermonaten, eine Unterkunft dieser Art aufsuchen konnte. Über mehrere Jahrhunderte hat Fokstugu als Unterkunft und als Poststation im Gebirge gedient.


Die nächsten Häuser dieser Art liegen auch auf unserem Weg, Hjerkinn und Kongsvold. Doch während die letzten beiden sich heute hauptsächlich als Luxus-Beherbergungsbetriebe mit Nobel-Gastronomie auszeichnen, die in Nebengebäuden verbilligte Pilgerbetten bereitstellen, haben sich Christiane und Lauritz Fokstugu aus tiefer christlicher Überzeugung nur der Beherbergung von Pilgern gewidmet und leben dies auch mit Überzeugung. 


Das Besondere an Fokstugu ist das Guds Huset ("Gottes Haus"). Vor einigen Jahren hat Lauritz eine alte Blockhütte zu dieser kleinen Kapelle umgebaut, die immer und für jeden offensteht. Offenstehende Kapellen und Kirchen sind in Norwegen ja eher die Ausnahme und Christiane setzt sich leidenschaftlich dafür ein, dass sich das ändert. Gestern Abend bereits haben Sebastian und ich auf Einladung von ihr die Andacht besucht, die traditionell an jedem Abend um 20.30 Uhr stattfindet und ein Vers in der Sprache jeder Pilgernationalität gelesen wird, die vertreten ist. Heute Morgen um 8 Uhr bin ich nochmal bei einer Andacht, weil mich die Atmosphäre in dieser kleinen, mit einem großen offenen Kamin ausgestatteten und wohlig warmen Kapelle berührt. Wie mir Christiane später (in perfektem Deutsch) erklärt, sitzt man in der Kapelle auf Stühlen, die noch von den ehemaligen deutschen Besatzern stammen. "Ich bin der Überzeugung", sagt mir Christiane, "dass man etwas Schlechtes nicht bannen kann, indem man es verbrennt. Man kann es nur bannen, indem man es in etwas Gutes verwandelt." Zum Ende der morgendlichen Andacht, in der ich nur mit dem Ehepaar Fokstugu alleine sitze, betet Christiane für mich - dass ich einen guten äußeren Weg nach Nidaros und einen guten inneren zu Gott haben möge. Ga med Gud ("Geh mit Gott")...


Der Abschied vor ihrem Haus fällt sehr herzlich aus. Dann hat sie noch eine Bitte: "Wenn Sie nach Trondheim ins Pilgerzentrum kommen, wird man euch einen Fragebogen vorlegen mit Fragen, wie es euch auf dem Weg gefallen hat. Beschwert euch über die geschlossenen Kirchen. Seitdem das schon viele auf meine Bitten hin getan haben, sind mittlerweile mehr Kirchentüren offen, aber das ist noch lange nicht genug." Wir versprechen es ihr. Als wir das Hoftor hinter uns schließen, steht sie vor ihrem Haus und winkt.


Es geht sofort wieder aufwärts, von der tiefer gelegenen E6 hinauf ins Fjell. Es ist ein kalter Tag, auch wenn immer wieder mal die Sonne zum Vorschein kommt. Mehr als vier, fünf Grad werden es den ganzen Tag nicht, dafür aber ist die Sicht von oben hinab ins Tal der E6 und darüber hinweg auf das Bergmassiv des schneebedeckten Snohetta oder auf die langgestreckten Seen Valasjoen und Avsjoen fantastisch. Für mich ist es eine Natur, die um vieles schöner ist als sie wäre, sollte man sie selbst erfinden. Ausblicke, an denen man sich nicht sattsehen kann, und so drehe ich mich immer wieder um mich selbst, um auch ja nichts, keinen einzigen Eindruck zu verpassen. Nichts soll mir entgehen.


Bis auf zwei Ehepaare mit Hunden, die wahrscheinlich von einem der Park- oder Campingplätze an der E6 zu einem kleinen Fjellspaziergang aufgebrochen sind, ist niemand zu sehen, dem wir ein "God vei" mit auf den Weg geben könnten. Wer hier pilgern möchte, der sollte nicht nur ein erfahrener Wanderer mit guter Ausrüstung sein, sondern auch ein starker Charakter. Die Etappen sind von der Wegstrecke und vom Höhenprofil her sehr anspruchsvoll. Auch Sebastian muss das im Laufe des Tages immer mehr feststellen. Nur - was müssen den Pilgern früher für Wagnisse und Gefahren gegenüber gestanden haben? Diesen Gedanken an frühere Pilger, die vor Jahrhunderten ihre Füße auf denselben Pfad setzten, hänge ich nach, jeden Schritt hier oben genießend. Ich muss mich nicht einer solch extremen Herausforderung stellen, kann heute teilhaben an der großen Faszination, die von diesem Weg ausgeht.


Wie groß die Faszination bei Sebastian ist, kann ich nur schwer einschätzen. Ja, auch er ist beeindruckt von dem, was ihn umgibt, er fotografiert und filmt mit seiner Kamera, was das Zeug hält. Doch bald merkt er, dass er von Null auf Hundert gestartet ist. Mit Null Vorbereitung Hunderte von Höhenmetern zurücklegen, über Stock und Stein, rauf und runter, auf Bohlenstegen über Sümpfe balancieren oder im Matsch stampfen und das über 20 Kilometer am Tag und mehr, das fordert seinen Tribut. Basti wird immer langsamer, fühlt Stellen an seinem Körper, die ihm schon mal besser gehorchten. Seine Schritte werden langsamer, aber er beißt die Zähne zusammen. Bei 25 km, die heute anstehen, kann das ein langer Tag werden.


Ich trabe nur noch friedlich vor mich hin. Zwischen 900 und 1100 Metern Höhe schwingt der Weg im ständigen Auf und Ab vor sich hin. Ich atme immer wieder tief durch, achte aber beständig auf die steinige Piste vor mir, die Basti und mir beständig hohe Konzentration abverlangt. Wenn die Sonne scheint, wärmt sie angenehm, schieben sich Wolken vor sie, merkt man die 5 °C trotz körperlicher Anstrengung. An einigen Berghängen glitzert noch Schnee. Schmelzwasser und das Wasser des letzten Regens sammeln sich in kleinen Bächen, die wir auf Steinen, einzelnen Bohlen oder kleinen Brücken überqueren. Zwischen Zwergsträuchern, Moosen und Heidekraut in jeder Grün-und Braunschattierung liegen manchmal Schafe wie frisch gewaschene Wollknäuel, die mal hier mal da mümmeln. Helle Flechtenteppiche, die so aussehen, als ob ein Flugzeug eine Ladung Waschpulver verloren hätte, welches jetzt auf dem feuchten Grund aufschäumt, und das harte Rentiermoos bilden immer neue Muster, um dem Auge Vielfalt zu bieten. Ein Tag in dieser grandiosen Natur ist auch immer ein Jungbrunnen für die Seele.


Von diesem Jungbrunnen ist Basti, je länger der Wandertag dauert, meilenweit entfernt. Immer wieder bleibt er weit zurück, und wenn er wieder zu mir aufschließt, sehe ich, wie er kämpft. Beim Campingplatz von Hageseter müssen wir dringend nochmal rasten, obwohl es schon 18 Uhr ist. Und immer noch sind es fast fünf Kilometer bis zur Hjerkinn Fjellstue, unserer Unterkunft. Als wir weiterziehen, rufe ich sicherheitshalber dort an, um ihnen mitzuteilen, dass wir noch etwa eineinhalb Stunden brauchen werden. Weiterhin kennt der Weg mit Basti kein Erbarmen. Weiter geht es rauf und runter, auf engen Pfaden über Steine, Bohlenstege und durch Matsch. Erst kurz nach der Holzbrücke über den rauschenden Folla erreichen wir eine alte Asphaltstraße, die für die letzten zwei Kilometer keine große Konzentration mehr verlangt. Doch wie es oft so ist, sind die letzten Kilometer mindestens immer doppelt so lang wie angegeben, d.h. es zieht sich wie verrückt.


Um kurz vor 20 Uhr kommt endlich ein großes Holztor in Sicht: Hjerkinn Fjellstue. Sebastian schleicht nur noch die letzten Meter, körperlich wohl ziemlich fertig, aber immer noch mit einem kleinen Lächeln um die Mundwinkel. Ich bin stolz auf ihn. Im Haupthaus dieser alten Traditionsherberge am Pilgerweg wohnen heute nur noch betuchte Touristen in teuren Zimmern und speisen für viel Geld von großen Tellern mit wenig drauf. Ein paar Meter daneben steht eine kleine rot-braune Holzhütte für Pilger. Die ist für uns. Zwei weitere Pilger haben sich dort bereits eingerichtet. Gesprochen wird nicht mehr viel miteinander. Um kurz nach neun liegen sie bereits in ihren Betten - und wir eine Stunde später. 




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Kommentare: 2
  • #1

    Lore (Donnerstag, 22 Juni 2017 21:06)

    Mann-oh-mann, das war aber lang und anstrengend!
    Rührend irgendwie, dass es so Menschen gibt wie Christiane und Lauritz.
    Und auch beneidenswert. Ich hätte nie gedacht, dass der Olavsweg (noch immer) so richtigen Pilgerwegscharakter hat. Hoffentlich vererbt sich das auf die nächste Generation von Herbergsvätern und -müttern.
    Ich wünsche Euch weiterhin einen sicheren Tritt und starke Muskeln und den Sinn für das Schöne und bemerkenswerte Menschenbegegnungen.
    Lieben Gruß von der Lore aus dem Sommerwetter

  • #2

    Peter (Donnerstag, 22 Juni 2017 21:34)

    nun ja,das kennen wir ja auch von unserer Wandergruppe.Es geht ja nun auch manchmal ans Eingemachte.Wir werden es in der Rhön sehen und mit allen Sinnen erleben.
    Bis dahin aber erst mal noch tolle Tage und eine gesunde Heimkehr Euch 2 en..
    Viele Grüße aus Lohmar
    Peter