Da steht einer!!!

Ich hüpfe aus dem Bett wie eine Toastscheibe am Sonntagmorgen aus dem Toaster. Sebastian fühlt sich, wenn er mich überhaupt hört, in diesem Moment wohl eher wie das halbe Brötchen, das mit der dick mit Butter bestrichenen Seite auf den Boden gefallen ist und nun auf dem Teppich klebt. Er hat sich für heute Morgen einige Mützen Schlaf mehr ausbedungen. Die soll er auch gerne haben. Während ich schreibe, kann er noch schlafen und sich von den gestrigen Strapazen ausruhen. Frühstück bekommen wir im Haupthaus noch bis 9.30 Uhr und erst eine Viertelstunde vorher stehen wir vor dem Buffet. Nur mit Mühe hat Basti sich bis dorthin vorgekämpft und seine Gangart entsprach dabei... ich weiß gar nicht, wie ich das nennen soll... er war jedenfalls langsam und beim Treppenrauf- und -runtersteigen... sagen wir mal... unbeholfen. Er frühstückt aber gut, hat eigentlich ganz gute Laune... ich bin vorsichtig optimistisch, dass er den Tag gut übersteht.


Um 11 Uhr (!) ziehen wir los. Direkt am Anfang kommen wir zur modernen Eysteinkyrkja. 1969 wurde sie gebaut und nach König Eystein Magnusson benannt, der die Saelehus entlang des alten Pilgrimsleden über das Dovrefjell hat bauen lassen. Schon in früherer Zeit gab es eine Kirche bei Hjerkinn, die während der Reformation abgebrannt ist. Den Erzählungen nach sollte damals das Läuten der Glocken den Reisenden bei Sturm und in der Dunkelheit helfen, den Weg über das Gebirge zu finden. Allen ist es aber nicht gelungen. Im Frühjahr war es die Aufgabe des Hüttenverwalters von Hjerkinn, die an den Strapazen des anstrengenden Weges Verstorbenen zu finden und für eine Bestattung auf dem Kirchenvorplatz zu sorgen.


Basti und ich gehen davon aus, dass es uns heute besser ergeht als diesen armen Seelen, und steigen - nach der kurzen Durchquerung eines lichten Birkenwäldchens - nun auf dem historischen Gamle Kongevegen - für drei Kilometer steil hinauf aufs Fjell. Je höher wir kommen, desto fantastischer wird der Ausblick. Tief unter uns bleibt der See Hjerkinsdammen hinter uns zurück, wir überblicken noch einen Teil des gestrigen Tages, sehen in der Ferne die höchsten Berge des westlichen und östlichen Dovrefjells und das alles bei klarer Luft und Sonnenschein. 
An der höchsten Stelle steht neben dem Weg einsam im Fjell der Meilenstein "208 km til Nidaros". Mein Ziel rückt unaufhaltsam näher. Gegenüber vom Meilenstein stehen Dutzende von Steinmännchen, Stein für Stein von Pilgern vieler Jahre zu kunstvollen kleinen Pyramiden gestapelt, bei denen man sich oft nur wundern kann, wie sie hier oben Wind und Wetter standhalten können. Auch wenn wir noch nicht weit gegangen sind, gönnen Basti und ich uns einige Momente an diesem Ort, von der Sonne beschienen und von der Ruhe des Fjells fast zugedeckt, und genießen den wunderbaren Rundumblick.


Mindestens genauso herrliche Blicke gestattet uns der Gamle Kongevegen auf der vier Kilometer langen Strecke hinab ins Driva-Tal. Auch wenn der doch recht steile Abstieg Bastis schmerzenden Knien nicht unbedingt guttut, so entschädigen diese Ausblicke doch für manche Mühsal, vor allem von gestern. Ein Highlight wäre jetzt natürlich noch, wenn wir irgendwo in der Nähe Moschusochsen sichten würden. Meine Augen zu engen Schlitzen auf optimale Schärfe eingestellt meine ich mittlerweile nämlich, in jedem Felsbrocken einen Moschusochsen zu erkennen. Jedoch beim Näherkommen macht sich wie gewohnt Enttäuschung breit.


Vor knapp 70 Jahren ist es im Dovrefjell gelungen, eine kleine Herde Moschusochsen anzusiedeln, deren natürlicher Ursprung eigentlich Grönland und der Norden Kanadas ist. Zwanzig Tiere wurden nach dem Krieg als kleiner Stamm aus Grönland hierhergebracht und haben sich bis heute zu einem recht ansehnlichen Stamm von 320 Tieren entwickelt. Anfang des 20. Jahrhunderts wurden bereits welche als Arbeitstiere hierher gebracht, aber alle im 2. Weltkrieg, als die Menschen hier dringend Nahrung brauchten, erschossen und als Nahrungsquelle genutzt. Hier herrschen für die zotteligen, stämmigen Tiere, die bei einer Körpergröße von ungefähr 150 cm ganze 200-300 Kilogramm Körpergewicht auf die Waage bringen, optimale Lebensbedingungen. Sie leben hier in kleinen Herden, ernähren sich ausschließlich von Pflanzen, wie den Blättern von Birken, Kräutern, Flechten und Moosen. Sie sind den Menschen selten gefährlich, trotzdem sollte man einen Abstand von 200 Metern einhalten. Das will ich ja gerne tun, aber erstmal sollen sie sich gefälligst zeigen!


Ein Blick auf Karte und GPS zeigt uns während des Abstiegs hinunter ins Driva-Tal und zur E6, dass die Wegplaner des modernen Olavswegs für die Pilger einen langen und gleichzeitig auch wiedermal mühseligen Umweg vorgesehen haben. Der historische Weg, der Gamle Kongevegen, dürfte mit Sicherheit seine historische Fortsetzung im Verlauf der heutigen E6 finden. Ausmarkiert für den Olavsweg ist aber erneut ein langer, mühsamer Trampelpfad über den östlichen Hang des Driva-Flusses hoch über der E6. Schnell bin ich mir mit Basti einig, dass wir fünf Kilometer Trampelpfad "opfern" zugunsten von drei Kilometern entlang der E6. Das ist nicht nur kürzer und kraftschonender, sondern verschafft Basti noch mehr die Gelegenheit, sich weiter von seinen gestrigen Strapazen zu erholen.


An der E6 entlang geht es so richtig zügig voran. Nach kaum 500 m stehen vier Leute neben ihrem Auto am Straßenrand und schauen gebannt alle in eine Richtung. Ich vermute zuerst, dass sie den Blick auf die dahinrauschende Driva genießen. Als wir näherkommen, springt eine Frau ganz aufgeregt mitten auf die Straße, gestikuliert und ruft uns etwas zu, wovon ein Wort so ähnlich klingt wie "Mosk". Sofort fällt bei mir der Groschen! Die haben einen Moschusochsen gesichtet. Ich schaue in die aufgeregt angedeutete Richtung, Basti natürlich auch. Und tatsächlich - da steht einer! Hoch auf einem Felsen oberhalb des reißenden Flusses. Genauer gesagt, Basti sieht ihn noch komplett, bis ich ihn richtig wahrnehme, hat er schon abgedreht und ich sehe noch so gerade seinen Hintern zwischen den Birken verschwinden. Na gut, ich kann jetzt behaupten, einen (Teil von einem) Moschusochsen gesehen zu haben, aber ein Hintern ist mir eigentlich zu wenig. 


Während wir nun weiter an der E6 entlangstiefeln, achtet eins meiner beiden Augen immer angestrengt auf den Verkehr, das andere aber mindestens genauso angestrengt auf den Waldrand oberhalb der Driva zu meiner Linken. Und dann - etwa 300 m weiter - bricht ein zweites dieser gewaltigen Tiere aus dem Unterholz bis an den Waldrand heran, zeigt sich erst von vorne, dann von der Seite, rupft hier Blätter von den Bäumen und dort Gras oder Farn aus dem Boden. Ich bin ganz rappelig hinter meiner Kamera, zoome hin und her, aber irgendwann habe ich den Beweis im Kasten. Man muss sich das vorstellen: Ich gehe stundenlang durchs einsame Fjell und höre höchstens mal einen Vogel zwitschern. Und wo treffen wir so einen fellbehangenen Kleiderschrank? Neben der E6! Moschusochse also: Check! Jetzt hätte ich noch gerne eine kleine Rentier-Herde und einen Elch!


Keine halbe Stunde nach dieser netten Begegnung sind wir an der Kongsvold Fjellstue, um einen schönen Weg und eine unvorhergesehene Begegnung reicher. Basti ist nicht unbedingt so fit wie der berühmte Turnschuh, aber zumindest sind nicht noch größere Probleme dazugekommen. Besser wäre, wenn die, die er ohnehin schon hat, bis morgen etwas abgeklungen wären, denn der morgige Tag hält wohl wieder so einige Prüfungen für uns bereit. Eine davon könnte anhaltender Regen sein, der für morgen und die nächsten Tage vorhergesagt ist.




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Kommentare: 1
  • #1

    Rosi Bobe (Freitag, 23 Juni 2017 13:21)

    Kein Bild vom Moschusochsen hier :0 (
    Wünsche Euch noch viel Kraft...