Refugium-Idylle

Von der Sonne, die mich morgens durchs Fenster anlacht und beim Frühstück durch die Fensterscheibe des Kongsvold Restaurants wärmt, bin ich überrascht. Der Wetterbericht hörte sich etwas furchterregender an, aber vielleicht haben wir ja Glück. Wenigstens diesen Tag im Fjell wettertechnisch noch gut überstehen, das wäre was.


Nach den letzten beiden Tagen, die für Sebastian keine Wanderoffenbarungen waren, stünde für heute direkt am Anfang wieder ein Abschnitt bevor, den nur Pilgerhasser markiert haben können. Durch den steil aufragenden Hang, der zur Driva abfällt, soll der Pilger sich quälen, auf und ab, durch hohes Gras, über umgefallene Bäume, über Bäche und Rinnsale, nur, um gute drei Kilometer später wieder auf die E6 zu stoßen. Diesen Blödsinn hätte ich alleine nicht gemacht und mit Basti mache ich das erst recht nicht. Also marschieren wir wieder die E6 entlang, sehen von dem schönen Driva-Tal und seinem rauschenden Fluss bestimmt mehr als der gequälte Pilger im Berghang-Wald und der Randstreifen neben der Straße ist breit genug, dass wir keinen Moment Sorge um unsere Sicherheit haben. Wir sparen Energie und Zeit und von beidem werden wir im Laufe des Tages noch genug brauchen.


Genau dort, wo der m.E. vollkommen überflüssige Streckenabschnitt wieder auf die E6 trifft, beginnt auch der Varstigen, ein besonderer Abschnitt des "Alten Königsweges". Bereits in Aufzeichnungen von 1182 wird er als Pilgerweg genannt. König Frederik IV. befuhr ihn 1704 mit einer zweirädrigen Kutsche, König Kristian tat es ihm 1733 mit einer vierrädrigen nach. Wenn man heutzutage den Weg begeht, kann man sich kaum vorstellen, dass hier mal Kutschen gefahren sind. Aber unten im Tal, wo jetzt die Autos auf der E6 entlangrasen, gab es außer dem Fluss noch nichts. Um aber das Nadelöhr des engen Driva-Tales zu meistern, musste man eben durch den Hang und selbst Könige forderten, förderten und kontrollierten den Bau dieser nicht ganz ungefährlichen Strecke. 
Für Basti und mich aber ist diese Strecke alles andere als gefährlich, sondern eigentlich nur schön. Sie führt zwar ab und zu steil aufwärts, teils aber auch durch niedrige Birkenwäldchen mit oftmaligen tollen Aussichten hinunter ins Tal am Hang entlang. An ihren höchsten Stellen erlauben freie Felsplatten spektakuläre Ausblicke durch das vor uns liegende enge Tal und allein für diese Ausblicke haben sich alle Schweißtropfen des Aufstiegs gelohnt.


Sowohl Bastis als auch mein Handy halten kurz darauf jeweils eine schlechte Nachricht für uns bereit. Auf Bastis Handy ist es das aufgerufene Regenradar, was Sorgen aufkommen lässt. Von den vorhergesagten Schauern am Morgen sind wir bisher verschont geblieben, jetzt wird ein voluminöses Wolkenband angekündigt, welches sich schnell nähert und uns mit reichlich Nässe versorgen wird. Und das im Fjell, zu dem wir gleich aufsteigen müssen... 


Ich bekomme eine Nachricht von dem Hotel, das morgen unsere Unterkunft sein sollte. Sie teilen mir "mit größtem Bedauern" mit, dass es durch einen Fehler im neuen Buchungssystem leider zu einer Doppelbuchung gekommen sei und sie uns leider nicht aufnehmen können. Aber in unmittelbarer Nähe von Oppdal gäbe es einen Campingplatz, in dem es für uns eine kleine Hütte gäbe. Wir sollen doch mal unter der Nummer XY anrufen. Mit freundlichen Grüßen! Spinnen die? Das Hotel 13 km außerhalb von Oppdal war die letzte Möglichkeit im Raum Oppdal, wo ich noch ein Zimmer ergattern konnte, im Februar! Alle anderen Unterkünfte: "fully booked"! Mir ist inzwischen bekannt, dass in Oppdal an diesem Wochenende ein größeres Event stattfindet. Da sind natürlich Gäste, die mindestens zwei Nächte übernachten und gut verzehren, eher willkommen als zwei "arme" Pilger. Bei der Telefonnummer des Campingplatzes meldet sich niemand und wir fordern per Email dieses Hotel auf, für uns die Hütte (die uns wegen Preis und Nähe zum Oppdal-Zentrum gar nicht so ungelegen käme) zu buchen und uns darüber eine Vollzugsbestätigung zu schicken. Auf diese warten wir immer noch!


Der Aufstieg zum Fjell ist schweißtreibend. Immer noch geht es höher als es zwischendurch immer mal wieder den Anschein hat. Blicke zurück bestätigen das Regenradar. Dicke, dunkelgraue Wolken kriechen heran, wirken immer bedrohlicher und lassen unsere Schritte schneller werden. Bis zu einer Hütte wollen wir es noch schaffen, bevor es mit dem Regen losgeht. Am besten vorher auch eine Rast dort einlegen und die komplette Regenkluft anlegen. Auch wenn es noch nicht regnet, wird es, je höher wir aufs Fjell kommen, immer kälter. Schafe liegen vereinzelt auf den Felsplatten oder auf den Moosflächen herum, schon zusammengekauert, als würden sie gottergeben den schweren Regen erwarten. 


Doch wir schaffen es bis zur Hütte, vor der eine ansehnliche Sammlung von Rentiergeweihen liegt und - die natürlich verschlossen ist. Ein Blick durch das kleine Fenster zeigt uns, wie schön gemütlich es dort drinnen hätte sein können... Hätte, hätte... Wir setzen uns in den Windschutz der Hüttenwand und holen unser Brot von gestern aus unseren Brotdosen. Während wir mit Appetit kauen und Wasser hinterherspülen, krabbelt - direkt Angst einflößend - eine dichte Wolkenwalze über den vor uns sich erhebenden Bergkamm langsam auf uns zu. Jetzt wird es höchste Zeit, die Regenhose anzuziehen und sich den Poncho überzuwerfen! Egal was uns erwartet, wir müssen jetzt weiter! 


Zu unserer gewissen Verblüffung erwartet uns eigentlich gar nicht so viel. Es beginnt zwar tatsächlich zu regnen, aber es hält sich überraschend in Grenzen. Der Pfad übers Fjell ist zunächst noch steinig. Rinnsale, die den Pfad kreuzen oder ihn stellenweise sogar einnehmen, sorgen für schlammige Stellen und schmatzende Schuhe. Doch nahezu unerwartet treffen wir bald auf einen breiten Schotterweg, der das Gehen einfacher macht. Er führt noch weiter das Fjell hoch, sogar bis zur höchsten Stelle des Olavsweges: 1314 m üNN. Der Blick von hier auf das weite Fjell mit seinen weißen Flecken mit Altschnee ist faszinierend. Schafe mit ihren Lämmern springen uns immer wieder vor die Füße. Der Wind greift uns unter die Ponchos, aber es gelingt ihm nicht, sie uns über die Köpfe zu ziehen. Außerdem muss ich sagen: In gewisser Hinsicht ist es sogar recht gemütlich unter dem roten, langen Regenschutz. Er hat etwas Behütendes.


Nach einiger Zeit schwenkt der Weg in ein Bachtal ein, wo wir, oben am Hang entlanggehend, tief unten einen Bach fließen sehen. Weit kann es jetzt nicht mehr sein. An diesem Bach treffen wir bald auf die Hütten von Ryphusan, und eine dieser Hütten ist unser Refugium. "Refugium" bedeutet in diesem Fall: Wasser aus dem Bach holen, keine Elektrizität, kein Netzempfang, kein Internet, Plumpsklo. Bedeutet in diesem Fall aber auch: Kochen und Heizen mit Gas, Proviantkauf möglich und urige Gemütlichkeit. 


Drinnen erwartet uns bereits Barbara, eine deutsche Pilgerin, die schon in Hjerkinn und Kongsvold mit uns in den Herbergen war. "Da seid ihr ja! Ich hatte euch schon fast auf der Vermisstenliste!", lacht sie uns entgegen, steht auf und fragt gleich hinterher: "Und jetzt wollt ihr bestimmt erstmal einen Kaffee!?" Diese Frau kann Gedanken lesen! Während wir auspacken und unsere nassen Sachen an die Leine hängen, beginnt das Wasser im kleinen Kessel zu kochen und wenig später sitzen wir mit Barbara am großen Holztisch und quatschen. Basti hat inzwischen das Proviantangebot entdeckt und beschließt spontan, uns Dreien Spaghetti mit Tomatensoße zu kochen. Ich muss sagen, ich habe selten so leckere Spaghetti mit Tomatensoße gegessen - oder ist nur die uns umgebende Atmosphäre die dazu notwendige Zutat? Als ich mich zum Spülen bereit erkläre, hat Barbara schon Teller, Topf, Tassen und Besteck in einer Schüssel zusammengerafft und erklärt: "Ich geh damit jetzt in unser Badezimmer!" Sprach's und stiefelt mit der vollen Schüssel an den Bach.




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