Dovrefjell: Check!

Die Nacht in unserem Refugium Ryphusan, weit ab von jeder Zivilisation, ist geruhsam. Barbara, Basti und ich liegen entspannt in unseren Schlafsäcken auf den ausgelegten Matratzen und hören - wenn wir nicht gerade schlafen - dem vorbeirauschenden Bergbach Vinstra oder den bimmelnden Schafen zu. Außer uns gibt es hier keine Seele. 
Unmittelbar nach dem Aufstehen gehe ich zum "Badezimmer", obwohl es mir nicht leicht fällt. Leichter Nieselregen fällt aus grauen Wolken, die tief im Tal hängen und zwei Drittel der Berghänge verdecken. Es hat nicht viel mehr als drei bis vier Grad und ich stehe im Unterhemd an der Wasserstelle am Bach und versuche es mit etwas Körperhygiene. Wenn es physikalisch möglich wäre, würde ich sagen, das Wasser ist ca. -10 °C kalt. Jedenfalls gebe ich den Versuch einer ausgedehnteren Körperwäsche recht schnell auf und denke mir, Zähneputzen muss heute mal reichen, verbunden mit leichtem nassen Abtatschen von Gesicht, Hals und Oberarmen. Jetzt bin ich für den Rest des Tages abgehärtet.


Barbara ist inzwischen auch aufgestanden und hat das Kaffeewasser aufgesetzt, während Basti etwas länger braucht, um sich aus seinem Schlafsack zu wickeln. Letztendlich schafft er es doch, obwohl er es sich gut vorstellen könnte, sich noch das ein oder andere Mal umzudrehen. Bei Kaffee und Knäckebrot sprechen wir über die Pilgerwege in Europa, Barbara erzählt, welche sie schon mit wem gemacht hat und welche nicht. Gegen Barbara bin ich ein Pilger-Waisenknabe. Doch irgendwann geht es ganz schnell. Nach Ende des Frühstücks packt Barbara ihre paar Sachen und ist blitzschnell weg. "Ich werde wohl in Plastoggo übernachten. In Oppdal bekomme ich wahrscheinlich kein Bett mehr. Ihr könnt ja dort auf einen Kaffee Halt machen", ruft sie noch zum Abschied und hüpft raus in den Regen.


Wir tun es ihr eine halbe Stunde später nach. Natürlich regnet es immer noch, aber das ist uns relativ egal. Regenhosen und Ponchos halten die meiste Nässe von uns fern und von dem engen Vinstradalen, wo nur der Fluss und der Weg noch zwischen den steil abfallenden Hängen Platz haben, sehen wir bei Sonnenschein auch nicht mehr. Heute geht es im Prinzip nur bergab, bis nach Oppdal hinein. Ein Umstand, der Basti sehr gut gefällt. Seit gestern ist er ganz gut auf den Beinen, seine schweren Tage sind vorbei. Er selbst sagt zu mir: "Du wirst es nicht glauben, aber jetzt könnte ich noch eine Woche mit dir gehen!" Ich würde am liebsten antworten: "Dann mach es doch!", aber ich weiß natürlich, dass das nicht geht. Trotzdem freut mich seine Äußerung, sagt sie mir doch, dass die vergangenen Tage für ihn nicht nur Quälerei, sondern auch ein wenig Spaß und Freude waren.


Links und rechts von uns stürzen Wasserkaskaden von den Hängen herab, das letzte Schmelzwasser bahnt sich seinen Weg in die tief unter uns fließende Vinstra. Kleine, alte Almhütten liegen am Weg, mit Gras gedeckt und absolut verlassen. Verlassen aber nur von Menschen, denn irgendwohin müssen die Schafe gehören, die uns zusammen mit ihren Lämmern immer wieder über den Weg oder vor uns her laufen. So ganz gefällt ihnen der Regen auch nicht, denn immer wieder schütteln einige von ihnen ihr Fell. 
Der Regen hört erst auf, als sich bei der kleinen, modernen Kapelle St. Mikael das Tal von Oppdal vor uns öffnet. Die hölzerne Kapelle erweist sich für uns als perfekter Rastplatz. 2012 erst wurde sie geweiht und steht immer offen. Na also, es geht doch! Drinnen ist sie mit Schiefer ausgekleidet und mit zum kleinen Altar hin abfallenden Sitzstufen versehen. Das Tollste aber ist der Blick über den Altar hinweg durch ein großes, bodentiefes Fenster bis nach Oppdal hin. Und hoch im Fenster hängt ein blaues Glaskreuz. Wer ins Tal schauen möchte, kann das Kreuz nicht übersehen. Wir setzen uns eine Weile hin und genießen diese besondere Atmosphäre.


Ohne Poncho gehen wir weiter, denn inzwischen hat nicht nur der Regen aufgehört, sondern die Wolken haben auch der Sonne Platz gemacht, die uns nun für den Rest der Strecke bis Oppdal begleitet. Vom Fjell haben wir uns mittlerweile verabschiedet. Kleine Wälder stehen wieder an den Hängen, größere Bauernhöfe tauchen auf. Basti und ich haben das Dovrefjell überquert, wir sind in der Zivilisation zurück. Kurz hinter den ersten Höfen und jenseits der Bahngleise der Dovrebahn kommen wir zu dem kleinen Blockhaus von Plastoggo, einer jener kleinen Pilgerherbergen, die bald mehr als Rastplatz denn als Übernachtungsort genutzt werden. Vor dem Häuschen stehen einige hölzerne Sitzgruppen und die Tür steht auf. Da über der Lehne einer der Bänke ihr Anorak hängt, wissen wir, dass Barbara drin ist. Sie kommt auch sofort aus der Tür, als sie uns kommen hört - und sie ist etwas verzweifelt. 


"Ich glaube, ich kann nicht hierbleiben, ich bekomme das Gas zum Kochen nicht an. Auch das Gas am Heizer funktioniert nicht, deshalb habe ich schon den offenen Kamin angemacht. Aber der hat mir auch schon das ganze Haus vollgeräuchert. Was mach ich denn jetzt?" Immerhin gelingt es Basti, das Gas zum Kochen in Gang zu bringen, also steht der Tasse Kaffee nichts mehr im Wege. 


Doch, etwas schon! Es gibt in Plastoggo zwar Kaffeepulver, aber keine Filter und Filtertüten. Barbara und ich nehmen ersatzweise einen Plastikbecher und Zewa-Tücher, in die wir das Pulver füllen. Heißes Wasser drauf - das Zewa-Papier reißt und das Kaffeepulver landet im Plastikbecher. Kein Problem, dann filtern wir jetzt mit Zewa-Tüchern das Kaffeepulver aus dem Plastikbecher heraus und fertig ist der Kaffee! Na ja, der Kaffeesatz ist jetzt zwar raus, aber der Kaffee schmeckt... relativ. Nach diesem "Genuss" machen wir, dass wir weiterkommen und wünschen Barbara eine schöne, geräucherte Nacht in Plastoggo. Wahrscheinlich werde ich sie morgen Abend wiedersehen.


Das schöne Wetter hält an und wir nähern uns Oppdal durch schöne kleine Wälder, durch Wiesen mit hüfthohem Gras und an uralten Höfen vorbei mit guter Laune. Dort, wo ein Bach eine Wiese durchkreuzt, stehen auf einmal mehrere Kühe mitten auf dem Weg und trinken aus dem Bach. Nur widerwillig und ohne Eile machen sie für uns Platz. Nur eine von ihnen scheint so viel Gefallen an uns zu haben, dass sie stehenbleibt, uns freundlich anguckt, sich auf der Nase streicheln und aus nächster Nähe fotografieren lässt. Sogar die dicke Zunge streicht einmal über meinen ausgestreckten Handrücken.


Die letzten Kilometer nach Oppdal hinein geht es auf der Straße entlang, zwei davon auf der E6. Es zieht sich mal wieder endlos. War er den ganzen Tag über doch recht dynamisch unterwegs, so wirken auf den letzten Kilometern, auf seinen letzten Kilometern mit mir zusammen in Norwegen, seine Schritte etwas gequält. Aber er kommt an! Und darauf ist er stolz und ich bin stolz auf meinen Sohn.


Dank Bastis Freundin Dimi bekommen wir sogar in Oppdal ein komfortables Doppelzimmer im ersten Hotel am Platze, das letzte Zimmer, was in ganz Oppdal aufzutreiben war. Für Basti ein würdiger Abschluss, für mich ein Schlag in die Reisekasse.




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Kommentare: 3
  • #1

    Lore (Sonntag, 25 Juni 2017 09:31)

    Das sind ja wieder sehr schöne Fotos. Am besten gefällt mir das von der kleinen Kirche und das Foto danach.
    Bei der Gelegenheit sag ich dann auch mal DANKE für die vielen Fotos, die Deine Berichte, Reinhard, neben Deiner lebendigen Erzählung so bunt gestalten.
    Dem Sohnemann wünsch ich eine gute Heimreise. Ich dachte, er bliebe bis zum Schluss.
    Lore :-)

  • #2

    Die Pilgertochter (Sonntag, 25 Juni 2017 11:18)

    Hach, das mit dem Kaffee kann ich mir bildlich vorstellen und weiß nicht, ob ich lachen oder Mitleid haben soll. Bleibt stark! Die heimische zuverlässige Kaffeemaschine ruft quasi schon nach euch!

  • #3

    Sebastian (Sonntag, 25 Juni 2017 14:56)

    Wie ein junges Rehlein bin ich marschiert heute. Gerade eingelaufen ist es jetzt schon wieder rum für mich...