Auf der "Alten Königsstraße"

Zum Frühstück gibt es in unserem Quality Hotel Skifer reichlich. Reichlich was vom Buffet und reichlich viel Menschen im Frühstücksbereich. "Frühstücksraum" kann man nämlich nicht sagen, eher Bahnhofswartehalle 1. Klasse mit Verköstigung der Reisenden. Menschen strömen förmlich aus dem Treppenflur und aus dem Aufzug dem Buffet entgegen, Alte, Junge, Kinder. Die meisten haben höchst sportliche Kleidung an, auf manchem Funktionsshirt und etlichen Trainingsjacken wird dokumentiert, dass der Besitzer wohl Mitglied in einem Skiverein ist. Vielleicht sind das die meisten Norweger, die nicht gerade in Oslo wohnen. Basti findet mit seinem Smartphone sehr schnell heraus, dass an diesem Wochenende in Oppdal irgendwelche Meisterschaften im Orientierungslauf stattfinden, einem Volkssport in Norwegen. Mir ist es, gerade nach den Tagen im Fjell, hier jetzt wesentlich zu unruhig, zu hektisch, zu laut, zu viele Menschen und überhaupt. Nach Rühreiern mit Speck und Bohnen, Brot mit Lachs und Camembert, Pfannkuchen mit Marmelade, Joghurt, Orangensaft und Kaffee machen wir schnell, dass wir aus dieser quirligen Menschenmasse herauskommen, packen in Ruhe unsere Sachen und checken aus. Lieber in Ruhe draußen am Bahnhof noch ein paar Minuten in der Sonne sitzen, als hier mitten in diesem Ameisenhaufen.

 
Ich kann das ja jetzt wieder gar nicht haben! Ich muss mich nach einer wunderschönen Woche von meinem Sohn verabschieden. Abschiede sind überhaupt nicht mein Ding! Wie gerne wäre ich noch mit ihm weitergezogen. Doch bevor ich ganz rührselig werde, naht Ablenkung. "Das habe ich mir doch gedacht, dass der Vater seinen Sohn noch zum Zug bringt!", tönt es auf einmal nahe bei uns auf dem Bahnsteig des schönen Oppdaler Bahnhofs. Barbara kommt anmarschiert und grinst über das ganze Gesicht. "Da habe ich mir gesagt, dann kannst du ja auch noch Tschüss sagen!" Barbara ist am frühen Morgen gegen 7.30 Uhr in Plastoggo losgegangen und erscheint pünktlich zu Bastis Abschied auf dem Bahnsteig. Sie muss ihm doch dringend noch mitteilen, dass sie dank seiner gestrigen Hilfe gut auf dem Gasherd kochen konnte und irgendwann habe der Kamin auch nicht mehr gequalmt.


Mitten in den Erlebnisbericht von ihrer Übernachtung fährt die Dovrebahn am Gleis ein. Ich bin davon fast überrumpelt, habe gerade noch Zeit, meinen Jungen kurz in den Arm zu nehmen, da muss er auch schon zusehen, dass er seinen Zugwagen findet. Ich weiß gar nicht, ob ich ihm ein "Danke" zugeflüstert habe, ich schicke es ihm leise hinterher. Ein kurzes Winken noch, dann ist er weg. Schluck..., schluck...! Ich kann einfach damit nicht umgehen!!! Barbara scheint das zu merken und zieht mich einfach vom Bahnhof weg. "So, ich muss jetzt eben noch etwas einkaufen! Du geh aber ruhig schon, ich halte gar nix davon, wenn einer auf den anderen wartet. Jeder geht seinen eigenen Weg! Wir sehen uns in Haeverstolen!" Barbara biegt ab zum Supermarkt und ich mache mich daran, die Markierungen für den Olavsweg wiederzufinden.


Für mich beginnt nun der letzte Abschnitt meines langen Pilgerweges. Nach der Überquerung des Dovrefjells liegt nun der Endspurt auf Trondheim vor mir. Lächerliche 150 km sind es nur noch, am Samstag bereits werde ich ankommen. Dreizehn Wochen Fußweg liegen hinter mir, so viele Begegnungen, so viele Erinnerungen. Ich habe das Gefühl, die Besohlung meiner Schuhe hat inzwischen Kartonstärke erreicht, ich glaube manchmal, jeden Stein zu spüren. Auf der anderen Seite fühle ich mich topfit, nur meine Füße machen immer noch dieselben Probleme wie am Anfang. Nein, sie zwiebeln mittlerweile schon etwas mehr, waren aber nie ein Grund, meine Tour in Frage zu stellen. Im Mittelalter sind viele Pilger auf Krücken gen Santiago oder Rom oder Nidaros gezogen, weil sie auf Heilung hofften, da werde ich mich ja jetzt wohl nicht so anstellen. Ich werde den Rest schaffen, da bin ich sicher. Alle, die sich an meiner Spendenaktion für Michelle beteiligt und mir ein, zwei... fünf Cent pro von mir gelaufenem Kilometer versprochen haben, können die entsprechende Summe schon mal bereitlegen, sie wird bald fällig.


Oppdal ist ein Wintersportort mit einer eigenartigen Mischung aus urigen Holzhäusern und hässlichen Supermärkten und Geschäftszentren. Langsam lasse ich das Zentrum hinter mir und steige auf kleinen Straßen an Ferienunterkünften vorbei den unteren Hang des Berges hinauf, der mit seinen Skistationen, Seilbahnen und Abfahrtspisten den Ort überragt. Nach einer halben Stunde stoße ich auf den Gamle Kongsvegen, die "Alte Königsstraße", und die wird mich von nun an bis zu meinem Tagesziel führen.


Erst leitet diese historische Straße asphaltiert aus Oppdal hinaus und hält für den Pilger einen breiten Radweg bereit. Dann wird sie zu einem breiten Wiesenweg zwischen einem kleinen Birkenwald hindurch, lässt einen auch mal Zaungatter öffnen und hinter sich wieder schließen, damit die Schafe nicht ausbüchsen. Immer wieder öffnen sich für mich die Blicke in das weite Tal, ganz unten fahren wie Spielzeugautos PKW und LKW die E6 entlang, hinter mir bleiben die noch mit Altschneefeldern versehenen Hänge des Dovrefjells und seine höchsten Gipfel zurück, die Sonne scheint mir ins Gesicht - es ist herrlich!


Gerade rechtzeitig nach etwa acht Kilometern steht für eine Pause eine Rasthütte mit Lagerfeuerstelle am Weg. Hinsetzen, tief einatmen, Augen schließen, reinhorchen in die Natur, genießen. Mann, das hätte Basti auch gefallen! Stellt sich etwa so etwas wie Schwermut ein, jetzt, so kurz vor dem Ende? Nichts geht spurlos an einem vorüber, schon gar nicht so etwas wie die vergangenen Wochen. Alles in mir will eigentlich weiter auf diesem Weg und in diesem Denken. Ja, immer so weiter. Wie lange kann man bewahren, erinnern? Doch nicht nur Schwermut ist da, auch die Freude über das Vergangene und die Vorfreude auf das Kommende, was mich zu Hause erwartet.


Der Gamle Kongevegen wird wieder zur Straße, doch nicht in dem Sinne, was wir darunter verstehen. Denn viele Straßen, die nicht gerade Hauptverbindungsstraßen oder abseits der Besiedlung sind, werden nicht asphaltiert, sondern nur mit einem feinen Schotter versehen, bei denen zumindest die Fahrspuren irgendwann steinhart werden. Auf solch einem breiten Schotterweg, der mit nur leichtem Rauf und Runter ohne nennenswerte Steigungen oben am Berghang entlangführt, gehe ich nun dahin. Oder "lasse ich mich treiben", wäre wohl die bessere Bezeichnung. Pausenlos komme ich an Ferienhütten vorbei, und wo mal keine stehen, weisen große Schilder darauf hin, dass bald welche gebaut werden. Die Wintersportregion Oppdal boomt. Ab und zu treffe ich auch auf alte Höfe mit ihren mehreren dunkelbraunen Blockhäusern und Grasdächern. Dann auch mal Prachtbauten, die jedem nordischen Landhaus-Katalog zur Ehre gereichen würden. Sie alle eingebettet in hüfthoch bewachsene Wiesen, flankiert vielleicht noch von alten Nadelbäumen oder jungen Birken und mit den Bergen oder Berghängen im Hintergrund - das ist schon ein schönes Bild. 


Immer wieder höre ich ein Rauschen näherkommen und Wildbäche schießen die Hänge herunter. Bei der wärmenden Sonne spüre ich dann besonders die Kühle, die wie ein leichter Wind aus dem Wasser emporsteigt und mich für Augenblicke umgibt. Ich rieche den Harz der Nadelbäume, den Duft vieler Blumen und Pflanzen, deren Namen ich leider alle nicht kenne. Mir fällt auf, dass hier jetzt erst der Löwenzahn blüht, eine Tatsache, die bei uns zu Hause schon lange der Vergangenheit angehört. Und dann natürlich noch Schafe, Schafe, Schafe...


Kurz hintereinander melden sich Basti und Anni per WhatsApp. Basti bedankt sich bei mir für die schöne Woche, die wir gemeinsam auf dem Olavsweg verbracht haben, und schickt mir Fotos von Stationen unseres Weges, an denen er gerade mit dem Zug vorbeifährt. Mir schnürt es den Hals zu. Unmittelbar danach fragt Anni an, ob sie mich mit dem kleinen Lenny nach meiner Rückkehr für ein paar Tage zu Hause besuchen kann oder ob ich erst mal in Ruhe "ankommen" möchte. Welch eine Frage! Rührung überfällt mich, ohne dass ich das Geringste dagegen tun kann. Ich heule wie ein Schlosshund - mich sieht ja keiner. 


Das Wetter ist ein Glücksfall heute, so viel Sonne war nicht vorhergesagt. Doch langsam ziehen Schauerwolken auf, erst kleine, dann mächtige, zunehmend bedrohliche. Einige ziehen an mir vorbei. Es sieht so aus, als würden viele sich über Oppdal ausregnen. Doch dann trifft es auch mich. Wind frischt auf. Erste dicke Tropfen fallen, dann Hagelkörner. Jetzt noch Regenhose und Poncho rauskramen? Ich bin kaum mehr als einen Kilometer von meiner Unterkunft, der Pilgerherberge auf dem Hof Haeverstolen, entfernt. Jetzt bewährt sich wieder die "Geheimwaffe" - mein Schirm. Gerade noch rechtzeitig bevor es richtig losgeht bekomme ich ihn aufgespannt. Jetzt prasseln die Hagelkörner auf ihn herab, doch ich fühle mich gut "beschirmt". Wie gut, dass ich ihn habe...!


Meine Gastgeberin, Unni Larsen, hat mich wohl schon kommen sehen, jedenfalls steht sie lächelnd in der Tür und begrüßt mich. "Komm, ich zeige dir schnell alles, du willst ja wohl aus dem Regen raus!", sagt sie und zeigt mir erstmal Toilette und Dusche (alles vom Feinsten!) in einem kleinen Nebengebäude. Anschließend führt sie mich zwischen ihrem Wohnhaus aus dem 18. Jahrhundert und einem gleich alten Stall hindurch zum eigentlichen Pilgerhaus, ebenfalls alt, aber in hervorragendem Zustand. Drinnen dann das absolute Pilgerparadies: großer Gemeinschaftstisch mit fellbelegten Bänken, breite Betten, Teppiche, ein Kamin und sogar ein Schaukelstuhl. Durch einen lichten Vorhang kommt man in den Küchenbereich, wo zusätzlich noch zwei Betten stehen. Regale mit Lebensmitteln, ein Kühlschrank mit Getränken, sogar eine Gefriertruhe mit Brot und Pizza. Wieder solch eine Herberge mit Höchstnote! Dann noch die Zugabe: "Soll ich dir den Kamin eben anmachen? Habe sowieso gerade schmutzige Hände von der Gartenarbeit." Ich lehne natürlich nicht ab.


Barbara kommt etwa eineinhalb Stunden nach mir auf Haeverstolen an und ist von der Herberge genau so beeindruckt wie ich. Wir werden uns wohl noch ein paar Tage erhalten bleiben. Morgen will Barbara jedenfalls auch bis Meslo gard.




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Kommentare: 1
  • #1

    Niels (Dienstag, 27 Juni 2017 20:44)

    :-) Lenny freut sich auch schon auf Opa