Kurze Psycho-Krise

Unverhofft kommt nicht allzu oft und das war jetzt sehr überraschend! Der Harndrang eines Ü-60ers während der Nacht hat auch mal seine besonders schönen Seiten. Der einzige Mangel, den diese urgemütlichen Pilgerherbergen in den alten Häusern der norwegischen Höfe haben, sind die fehlenden En-Suite-Badezimmer mit Dusche und Toilette. So auch auf Haeverstolen. Es ist also oft ein kleiner Weg über eine erfrischend kalte Wiese oder durch Wind und Regen, bis man endlich bei der Toilette ist. Etwa gegen 1.30 Uhr, als es hier so dunkel ist wie im Moment um 22 Uhr zu Hause, mache ich mich mal wieder im Halbschlaf dorthin auf den Weg - da sehe ich ihn! 


Ja, ich sehe ihn, aber an einer Stelle und zu einer Zeit, an der wir beide (ich und er) nicht damit rechnen konnten. Steht da doch so ein graues Etwas auf der Wiese jenseits des Holzzaunes im hohen Gras, ein Haus in der Nähe und nichts von totaler Einsamkeit. Ich: "Wer bist denn du? Graubraun, ein Esel in Norge? Wo bin ich hier?" Und der ominöse Esel dreht sich um, blickt voller Erstaunen auf mich und offenbart keine Abstammung vom Esel, sondern eindeutig seine vom "Älg". Sein Geweih ist zwar gewaltig, macht aber trotzdem nicht viel her. Andere Viecher lassen sich Geweihe mit vielen spitzen Enden wachsen, die im Profil prächtig aussehen und dem Feind Respekt abnötigen. Der Elch dagegen trabt mit einem Geweih durch die Gegend, das wie ein riesiger Handschuh-Topflappen aussieht. Wir beide sind über unser Zusammentreffen mindestens gleich erstaunt, er aber rafft die Situation als Erster und zieht Leine, hinein in den nahen Wald. So hat man den Höhepunkt seines Tages schon in der Nacht. 


Ich brauche einige Zeit, bis ich nach dieser Begegnung wieder in den Schlaf finde. Als ich mich beim Aufstehen - im Gegensatz zu sonst - doch ein wenig gerädert fühle, tröste ich mich mit dem Gefühl, dass es heute keine lange und sogar eine recht einfache Etappe werden wird. Während Barbara und ich frühstücken, trommeln dicke Regentropfen auf die Dachfenster der Herberge und ich finde nur mit Mühe die Motivation, mich auf die Strecke zu begeben. Ich lasse Barbara mal wieder ziehen, auf der Strecke kann ich heute wahrscheinlich keine anhaltenden Gespräche vertragen. Ich schütte mir noch einen dritten Kaffee auf, dann aber hilft keine Vermeidungsstrategie mehr, ich muss los. Als ich im prasselnden Regen ihren Hof verlasse, steht Unni Larsen am Fenster ihres Hauses. "Genau das richtige Wetter zum Wandern!", ruft sie mir verschmitzt zu und winkt mir hinterher. Ich lächle bemüht umd winke nur zaghaft zurück.


Ich aktiviere den Autopilot und trabe los. Glücklicherweise geht es immer leicht bergab, immer weiter noch auf dem breiten Gamle Kongevegen. Die Markierungen wollen mich mal nach links, mal nach rechts abzweigen lassen, aber ich verweigere mich. Ich weiß, dass ich immer wieder auf die Alte Königsstraße zurückkomme, also wieso soll ich bei Regen über schlammige Pfade, nasse Wiesen und glitschige Baumwurzeln kriechen, hangrauf, hangrunter? Ich bin müde, mein Kopf ist ganz träge, und auch meine Beine sind schwer. Bekomme ich jetzt eine Post-Fjell-Depression? Oder wehrt sich alles in mir gegen die Ankunft am Ziel? Mir fällt es unglaublich schwer, mich zum Weitergehen zu motivieren. Ich muss mich missmutig dazu zwingen, alles in mir ist von einer merkwürdigen Abschiedsstimmung erfüllt, die mir das nahende Ende der Wanderung schmerzlich vor Augen führt.


Ich spule die Kilometer ab. Der Gamle Kongevegen wird von einer Schotterstraße zur Asphaltstraße, führt vom aussichtsreichen Hang in den Wald hinein, immer weiter leicht bergab. Es könnte alles so leicht sein, und doch fällt mir irgendwas schwer. Ich freue mich doch auf zu Hause, auf die Familie, auf die Aufgaben und Ereignisse, die mich erwarten. Körperlich hat sich nichts verschlechtert, aber warum spielt dann meine Psyche verrückt? Oder ist es nur schlicht und ergreifend der Regen?


Es tritt dann etwas ein, was ich mir nicht erklären kann. Kaum bin ich dabei, mich so richtig aus vollstem Herzen zu bedauern, hört der Regen auf, die graue Wolkendecke bricht auf und die Sonne zaubert plötzlich eine vollkommen andere Stimmung. Jetzt muss ich mal den bequemen Weg verlassen, wenn ich nicht einen weiten Umweg gehen will. Obwohl der nun folgende Pfad steil nach unten geht und eher einem Rinnsal gleicht, die Knie anfangen, mir etwas weh zu tun, ich mich zwei Mal wegen rutschiger Baumwurzeln in den Schlamm setze, höre ich, dass ich ein Lied vor mich hin summe. Doch der Bach, der neben mir zu Tal donnert, übertönt es.


Als ich im Tal ankomme, fließt vor mir die Orkla dahin, ein Fluss, der manchmal recht ruhig, ein anderes Mal wie ein Wildwasser dahinfließt. Hier habe ich die Wahl: über die Brücke und anschließend über steinige Waldpfade steil den Berg hoch "zu schönen Aussichten" oder "gemächlich am Fluss entlang". Man trifft sich nach beiden Varianten auf der Landstraße, die an der Orkla entlang verläuft. Ab sofort steht für mich fest: Anstrengungen, die nicht nötig sind, werden auch nicht mehr gemacht. Ich gehe weiter den Olavsweg, aber Umwege lehne ich ab sofort ab. Die Pilger des Mittelalters waren nicht wegen "schöner Aussichten" unterwegs, und ich hab davon schon reichlich gehabt.


Meine Alternative ist also die am Fluss entlang. Schön ist dieser Weg. Angler haben ihn schon lange für sich entdeckt. Stege ragen immer wieder ins Wasser, Anglerunterstände finden sich alle 300 m. Einer dieser Unterstände ist besonders nett. Er steht unmittelbar am Weg, zu drei Seiten wind- und regengeschützt. Am Mittelbalken prangt ein mächtiger Elchkopf, an einer Wand ein Rentiergeweih. Eine Feuerstelle wärmt den Angler, der in einem ausrangierten Fernsehsessel die Angel im Auge hat, auf einem kleinen Tisch wird der Fang wohl aufbereitet und anschließend auf einem Holzkohlegrill direkt mundgerecht zubereitet. Auf einer Bank mit Schaffellen sitzen dann die Petrijünger und haben auf dem groben Holztisch ein fürstliches Mahl vor sich. Die passenden Plastikteller dafür finden sich in einem kleinen Hängeschrank. Sollte es dann doch mal etwas dunkler werden, spendet eine Kerzenlaterne ausreichend Licht, eine gewisse Sicherheit eine Rolle Toilettenpapier. Angleridylle!


Zwei Kilometer geht es an der Orkla entlang, dann wechsle ich auf die andere Flussseite. Nochmal zwei Kilometer am Rand einer Landstraße und ich habe Meslo gard erreicht, einen weiteren Bauernhof mit Pilgerunterkunft. Ingrid Meslo, die Bäuerin, kommt gerade mit dem Auto angefahren und hält vor ihrem Haus, wo ich gerade an der Tür klingeln will. "Ich komme von meiner Sommer-Alm. 50 Kühe habe ich gerade gemolken", ruft sie mir beim Aussteigen aus dem Auto lachend entgegen. "Komm, ich zeig dir schnell deine Hütte, dann muss ich ins Haus, mich umziehen. Gleich kommen 15 Leute, die wollen von mir wissen, wie ich meinen Hof mit meinem Engagement für Olavspilger in Einklang bringe." Mit zügigen Schritten marschiert sie vor mir her, zeigt mir zuerst Dusche und Toilette in unmittelbarer Nachbarschaft zum Kuhstall, dann die Pilgerhütte. Wieder die pure Gemütlichkeit, wieder alles vorhanden, was sich ein müder Pilger erträumt. Und wieder wird ein Feuer im Holzofen angestocht.


Als Ingrid Meslo vor ein paar Jahren im Haupthaus ihres Bauernhofes die ersten Gästezimmer einrichtete, hatte sie an Lachsfischer gedacht, die in den umliegenden Flüssen einen guten Fang machen - und abends eine Schlafstatt brauchen. Mit den Pilgern hatte sie nicht gerechnet. "2004 stand der erste Pilger im Hof, aus England kam er", erinnert sich Ingrid, die in den Jahren danach auch die Blockhütten, in denen einst Vorräte lagerten, zur Herberge ausbaute. Inzwischen machen mehr als 250 Pilger jedes Jahr auf Meslo gard Station.


Etwa eineinhalb Stunden später kommt auch Barbara an und ist etwas erstaunt, dass ich schon da bin. Sie ist erklärtermaßen eine "Asphalthasserin" und nimmt eher vier Kilometer "Dschungelpisten" in Kauf als einen Kilometer Straße. Jedem das, was er (oder sie) braucht. 


Beide bestellen wir bei Ingrid ein Abendessen, weil ihr als Köchin ein besonders guter Ruf vorauseilt. Als Barbara und ich zum Abendessen erscheinen, hat aber nicht Ingrid eine leckere Suppe, ein großes Omelett und einen schmackhaften Salat gezaubert, sondern Janneke, eine Holländerin, die auf Meslo gard aushilft, solange Ingrid auf der Sommer-Alm so stark eingespannt ist. Ingrid versorgt also ihren Hof, ihre Alm und ihre Kühe, Janneke die Pilger.


Doch die Überraschung des Abends ist nicht das leckere Essen! Corrie und Rien sitzen mit am Tisch! Sie haben heute hier einen Ruhetag eingelegt. Der Regen am Morgen hat sie dazu gebracht. Wie schön, die Beiden, die im Haupthaus ein Doppelzimmer haben, hier wiederzutreffen. Sie erzählen von Anke, die sich zu viel zumutete, einen Ermüdungsbruch im linken Schienenbein erlitten hat und inzwischen wohl zu Hause in Schleswig ist. Anke wollte zwar sowieso nicht bis Trondheim durchlaufen, aber so musste das nun doch nicht enden.


Janneke serviert uns noch ein Eis und einen Kaffee zum Schluss. Bei uns vier Pilgern zieht nun langsam das Abschlussfieber ein. Werden wir zusammen Trondheim erreichen? 



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Kommentare: 4
  • #1

    Guido (Dienstag, 27 Juni 2017 06:52)

    Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass man -bei aller Vorfreude auf zu Hause- auch mal das "arme Tier" bekommt. Das ist doch mehr als menschlich. Ich bekomme es auch ein wenig, wenn ich dran denke, dass ich in wenigen Tagen nicht mehr auf meine regelmäßige/tägliche Lieblingslektüre zurückgreifen kann, die mich in der Regel schon beim Frühstück prächtig unterhält. Warum sollte es dann also ausgerechnet dem Autor anders gehen? Ich wünsche alles Gute für die letzten Kilometer. Vor allem viele tolle, positive und unvergessliche Eindrücke - und weiterhin auch etwas Vorfreude auf daheim - hier is auch schön :-) !!!

  • #2

    Inge geisler (Dienstag, 27 Juni 2017 19:43)

    Noch vier Tage bis Trondheim! Selbst für uns ein bisschen Wehmut! Was lesen wir nächste Woche am Frühstückstisch? Tolle Leistung, Reinhard! Wir freuen uns auf unser traditionelles Treffen! Komm gut an und nach Hause!
    Gruß in den Norden, Inge und Norbert

  • #3

    Peter (Dienstag, 27 Juni 2017 20:04)

    Hallo Reinhard,
    auch Pilgerwanderungen sind endlich.Zum Glück ist das so.Sonst gäbe es ja keine
    neuen Wanderungen,gell..
    Eine gesunde Heimkehr wünscht Peter

  • #4

    Sebastian (Dienstag, 27 Juni 2017 23:31)

    Durchhalten! Jetzt ist Endspurt angesagt ;-)