Bei Tante Emma

Beim Frühstück sitzt noch eine Person mehr am Tisch als gestern Abend. Margreta, eine deutsche Pilgerin aus Zittau, ist mit dabei. Seit vier Tagen schon wohnt sie auf Meslo gard, um dort ihre zerschundenen Füße auszukurieren. Bis zum Beginn des Dovrefjells ist alles bei ihrer Pilgerwanderung blendend verlaufen. Nach über 400 km bekam sie plötzlich Blasen an den Füßen, die für sie ein normales Vorankommen unmöglich machten. Um aber dennoch Trondheim zu erreichen, entschloss sie sich, das Dovrefjell mit dem Zug zu überqeren, bei irgendeiner Unterkunft ihre Füße auszuheilen und anschließend ihren Weg fortzusetzen. Die gesuchte Unterkunft wurde dann Meslo gard, wo sie ihren Aufenthalt praktisch als Küchen- und Hofhilfe finanzierte. Heute fühlt sie sich so weit wieder genesen, dass sie ihren Weg fortsetzen möchte.


Wir frühstücken zwar noch alle zusammen, aber dann hat jeder beim Packen sein eigenes Tempo. Barbara marschiert zuerst los. Sie will heute nur eine kurze Strecke machen, um ihre Reise um einen Tag zu verlängern. "Ich war jetzt schon zwei Mal in Trondheim, das reicht mir. Ich bleibe lieber einen Tag länger auf dem Weg." Wahrscheinlich sind damit die gemeinsamen Tage mit Barbara beendet, aber inzwischen kenne ich auch alle Geschichten von ihren verschiedenen Pilgerwegen. Wir verabschieden uns kurz und schmerzlos. Man trifft sich, man trennt sich. Nach Barbara mache ich mich auf den Weg, kurz nach mir Corrie und Rien, dann Margreta. Wir vier wollen uns spätestens in Segard Hoel wiedertreffen, unserer nächsten Pilgerunterkunft.


Ich renne förmlich auf der Straße los. Es ist sonnig und kühl, höchstens 8 °C, ein typischer Frühsommermorgen in Norwegen eben. Mein Wetter! Ich bin heute wieder gut drauf, ganz anders als gestern. Aber so einen kleinen Durchhänger muss man sich wohl auch mal nehmen. Mein Kreislauf ist gerade gut in Schwung, da werde ich ausgebremst: Ein Bauer sperrt gerade mit einem Seil die Straße und seine Frau treibt etwa 15 Kühe aus dem Stall des Hofes. Die Kühe haben ganz viel Zeit, lassen sich nicht hetzen. Bauer und Bäuerin machen auch keinen Stress, ab und zu mal einen Klaps auf einen breiten Kuhrücken und ein aufmunterndes "Hopp!", mehr nicht. Alles mit der Ruhe! Auch die Autofahrer, die inzwischen vor dem Seil halten, haben eher ein Lächeln im Gesicht. Das gefällt mir. Sobald die Kühe auf der anderen Seite der Straße ihre Weide erreicht haben, ein dankbares Kopfnicken des Bauern und ein Lächeln von der Bäuerin. Ich nehme wieder Tempo auf. Links - rechts - links - rechts - ... Schneller als gedacht bin ich in Rennebu.


Ganz bewusst habe ich von Meslo gard an wieder die Straße genommen und nicht den mühsameren Bergweg. Erstens habe ich ja sowieso vor, meine Kräfte zu schonen und diese nicht an (für mich) sinnlose kräftezehrende Bergpfade zu vergeuden, und zweitens möchte ich mir für Rennebu Zeit nehmen. Dort gibt es nämlich das Rennebu Bygdemuseum (Heimatmuseum) und die Rennebu kirke. 


Das Heimatmuseum, in das auch eine kleine Pilgerinformationsstelle integriert ist, ist nichts anderes als der ehemalige Kaufmannsladen des Dorfes. Fast genau hundert Jahre lang, von 1871 bis 1970, versorgte er das Dorf mit allem, was damals wichtig und notwendig war. Nachdem der Tante-Emma-Laden geschlossen wurde, hat man alles gelassen, wie es war: Waschpulver, Mausefallen, Garnrollen, Fischpudding, Stoffballen, Männermützen, Knöpfe, Reklameschilder und vieles mehr. Verblüffend ist für mich bei solchen Gelegenheiten immer wieder, dass die meisten dieser Produkte bzw. heutigen Exponate zu meiner Kinderzeit noch ganz alltägliche Gegenstände waren. Das kann doch nur bedeuten, dass ich selbst inzwischen auch museumsreif bin. Die junge Museumsmitarbeiterin kann einiges erzählen, z.B. dass man sich hier in einem Hinterzimmer auch die Zähne ziehen lassen konnte. Ein Laden für alles eben: "Was sie heute bei uns nicht finden, kommt morgen mit dem Wagen". 


Das junge Mädchen aus dem Museum ist auch für die alte Kirche von Rennebu zuständig. Nachdem mittlerweile auch Corrie und Rien eingetroffen sind, bietet es uns erst noch einen Kaffee und "some cookies" an und fragt uns dann, ob es uns die Kirche zeigen dürfe. Eine kostenlose Führung also, find ich gut.


Die Stabkirche wurde 1669 erbaut und ist die älteste der vier Y-Kirchen in Norwegen und damit der Welt. Das gleichseitige Dreieck aus Altar und den beiden Seitenarmen (das Y) steht für die Dreifaltigkeit Vater, Sohn und Heiliger Geist. Die Kirche mit wunderschönem Holz in Rot und Blau ist beeindruckend restauriert, die Schnitzereien, z.B. an der Kanzel, sind sehr detailverliebt.


Mehr als eineinhalb Stunden halte ich mich an diesen beiden besonderen Stationen von Rennebu auf. Vor der Kirche noch ein Erinnerungsfoto mit Corrie und Rien beim Meilenstein "101 km til Nidaros", dann zwinge ich mich zum Weitergehen. Nur noch 101 km!

 

Die Kilometer rasen jetzt nur so dahin.
Weiter auf der asphaltierten Landstraße, dann der Abzweig auf eine Schotterstraße, leicht bergauf, wieder diese alten Höfe, Pferde und Kühe auf den Weiden, schwere Traktoren, die mit Kreiselmähern ihre Bahnen ziehen. Das sieht nach zukünftigem besseren Wetter aus, sonst würden die Bauern nicht mähen. Noch ein paar sonnige Tage zum Schluss meiner Pilgerschaft wären nicht verkehrt. Am Anfang, damals war es Ende März, schien auch eine Woche lang die Sonne. Das wäre doch eine runde Sache! Noch ein Abzweig, jetzt doch wieder mal auf einen engen Pfad, durch dichten Nadelwald, dessen Boden dick mit Moos ausgelegt ist. Regenschauer gehen nieder, immer mal wieder. Der Pfad steil hinab wird wieder glitschig, ich muss aufpassen. Unten angekommen geht es an der Orkla weiter, wieder säumen einige Anglerhütten ihre beiden Ufer.


Bei einem weiteren Schauer erreiche ich den Hof Segard Hoel. Audhild bringt mich zum Herbergsgebäude, dem alten Vorratsstabbur hinter dem Haupthaus. Wieder gediegene Gemütlichkeit, Wärme, Gastfreundschaft. Corrie und Rien kommen eineinhalb Stunden später, sie sind ohne Absicht einen Umweg gegangen und ganz schön fertig. Ich mache ihnen schnell einen Kaffee, dann sieht die Welt schon wieder anders aus. Margreta erreicht Segard Hoel sogar erst am Abend, sie hat sich unterwegs verlaufen. "Der Weg war aber auch schlecht markiert!" Nein, Margreta, daran hat es nicht gelegen. Der Weg ist immer noch vorbildlich markiert. Du hast einfach irgendwann mal nicht richtig aufgepasst.


Nachdem ich den anderen den Vortritt gelassen habe, schlüpfe auch ich unter die Dusche. Dabei mache ich eine interessante Entdeckung an mir: Ich bin ja von Haus aus mit einem sehr schönen Bein - also eigentlich derer zwei - gesegnet, aber gerade im Unterschenkelbereich sind sie während des letzten halben Jahres vor Beginn meiner Tour doch sehr - sagen wir mal - ladylike (von den Haaren abgesehen) und unmuskulös geworden. Und siehe da: Die himalayaähnlichen Gebirge, die ich hier immer mal wieder durchwandere, haben inzwischen ihre attraktiven Spuren hinterlassen und mir jeweils einen ausgeprägten Musculus triceps surae beschert. (Dass der so heißt, weiß ich seit dem letzten Besuch bei meinem Orthopäden.)




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Kommentare: 2
  • #1

    Sebastian (Dienstag, 27 Juni 2017 23:36)

    Schön, dass es heute wieder besser geklappt hat. Genieße die letzten Etappen!!

  • #2

    Die Pilgertochter (Mittwoch, 28 Juni 2017 19:55)

    Hach, wat hatter scheene Beene!