61 km til Nidaros

Heute ist mein 90. Pilgertag. 90 mal losgehen in dem Bewusstsein, jetzt musst du zu Fuß 15, 20, 25, 30 oder 35 km hinter dich bringen, egal, wie das Wetter gerade ist, wie du dich fühlst. 90 mal irgendwo ankommen, wo du nicht weißt, was dich erwartet. Dazwischen Neues sehen und erleben: Landschaften, Menschen, Unvorhergesehenes, Überraschendes, Langweiliges, Begeisterndes. Keinen dieser 90 Pilgertage will ich missen.


Margreta, Corrie und Rien sitzen noch beim Frühstück, als ich die Herberge verlasse. Kaum habe ich der Hofanlage von Segard Hoel den Rücken gekehrt, liegt das an dieser Stelle breite Orklatal vor mir, mit schneebedeckten Fjellbergen im Hinter- und mähenden Bauern im Vordergrund. Darüber ein strahlend blauer Himmel mit nur wenigen weißen Wölkchen. Das Bild ist so perfekt, dass ich es für eine kitschige Fotomontage hielte - wenn ich nicht selbst in der Kulisse stünde. 


Den ganzen Tag über führt der Olavsweg auf Schotter- und Asphaltstraßen entlang. Mein Olavsweg! Der richtige Olavsweg ist mal wieder nicht konsequent. Immer wieder muss der Pilger "geschont" werden und man jagt ihn in regelmäßigen Abständen von der schönen, ohne große Höhenunterschiede sich dahinschwingenden und wenig befahrenen Straße ins Gebüsch, schickt ihn über Baumwurzeln, dicke Steine, Schlammlöcher, keine zwei Steinwurfweiten von der Straße entfernt. Ich wiederhole mich: Nicht mit mir! So habe ich heute eine zwar nicht kurze, aber völlig unangestrengte Etappe. Jenseits des Dovrefjells scheint tatsächlich manches leichter zu werden. Liegt es daran, dass sich die Beine nun wirklich ans Laufen gewöhnt haben; oder daran, dass die "km bis Nidaros" jetzt rapide weniger werden? Oder einfach daran, dass ich mir in den letzten drei Tagen immer öfter meinen eigenen Olavsweg stricke? Ich denke mir: Auch die Pilger im Mittelalter gingen nicht im Gänsemarsch, jeder suchte sich zwischen den einzelnen Herbergen seinen eigenen Weg. Das Ziel war entscheidend! Insofern stimmt bei mir noch alles.


Das Orklatal bei Meldal ist eine weite Schwemmlandfläche, zu der ich erstmal mit weit ausholenden Schritten auf der Schotterstraße hinabsteigen kann. Ein großer Bauernhof reiht sich an den nächsten, Kuhherden überall. Und es wiederholt sich was, wovon ich dachte, es läge schon lange hinter mir. Nicht nur der Löwenzahn ist hier spät dran, sondern auch der Bauer mit dem Güllefahren. Ja, bin ich denn hier im Münsterland! Überall sind sie mit ihren Tankwagen auf den Feldern und spritzen das stinkende Zeug durch die Gegend. Da sind mir doch die anderen Bauern entschieden lieber, die auch mit ihren Traktoren unterwegs sind, aber mähen. Ein gutes Zeichen! Kein Bauer mäht seine Wiesen, wenn in den nächsten zwei bis drei Tagen Regen ansteht. Kommen wir vielleicht trockenen Fußes nach Trondheim?


Nach sieben Kilometern, genau richtig zu einer Rast, erreiche ich Meldal und mit dem kleinen Ort auch seine alte Kirche. "Alte Kirche" ist nicht ganz richtig. Die Meldal kirke von 1651 brannte am 16. Juni 1981 bis auf die Grundmauern nieder. Nach einer heftigen Diskussion in der Gemeinde, ob die neue Kirche ein modernes Gesicht bekommen oder nach dem Vorbild der alten Kirche wieder aufgebaut werden sollte, entschied man sich mit Mehrheit für eine Replik. Auf den Grundmauern der ursprünglichen Kirche entstand die Kopie, wobei möglichst viel des alten Materials wiederverwendet wurde. Eine der Kirchenangestellten, die ich zufällig antreffe, weist mich auf viele Einzelheiten der barock ausgestatteten Kirche hin, auf die Statuen (eine von ihnen Jakobus der Ältere mit dem Pilgerstab), den großen Altar, die prunkvolle Kanzel und die Wandgemälde mit all den Holzschnitzereien - und ich darf sogar kurz in den Aufenthaltsraum mitkommen zu Keksen und Limo. Und die Toilette im Kellergeschoss zeigt sie mir auch noch.


Wer in die Schwemmlandfläche absteigt, steigt auch wieder auf. Herrlich ist dabei der Blick zurück ins Orklatal, von dem ich mich nun aber auch verabschiede, weil die Orkla und ich von nun an getrennte Wege gehen. Mein Weg ist weiter die Straße, doch ich gehe sie gerne. Ich habe nichts gegen Straßentippelei. Schöne Natur zieht an mir vorbei, der Verkehr ist zu vernachlässigen, so gering ist er und - wer weiß - vielleicht beobachten mich sogar ein Paar Elchaugen. Die Landschaft hier ist ihnen sehr angemessen und Verkehrsschilder warnen sogar vor hier möglicherweise kreuzenden Exemplaren. Die Zeit geht jedenfalls schnell vorbei und mit ihr auch die zurückzulegenden Kilometer. Zwei Kilometer vor meinem Tagesziel, dem Hof Gumdal mit seiner Pilgerherberge, taucht schon wieder der nächste Meilenstein auf: "61 km til Nidaros". Viele von ihnen werde ich nicht mehr antreffen. Ich bekomme ein leichtes Kribbeln im Bauch...


Die letzten Kilometer sind oft die mühsamsten, so auch heute. Steil geht es aus einem Flusstal nochmal über 100 Höhenmeter hinauf, dann liegt der alte Gumdal- Hof vor mir. Es ist hier, wie auch schon bei all den letzten Pilgerunterkünften, die zu Bauernhöfen gehören: Schon von Weitem habe ich immer das Gefühl, hier kann es nur schön und gemütlich sein! So war es immer und so ist es auch heute. Wie ein Appartement ist im Erdgeschoss alles eingerichtet, in den vier kleinen Räumen im Obergeschoss steht jeweils ein einzelnes Bett. Jeder Pilger hat also ein Optimum an Privatsphäre. Im Bad steht sogar eine Waschmaschine - zur kostenlosen Nutzung. Hatte ich auch noch nicht!


Das Schönste an Gumdal aber ist der Blick ins Tal. Am späten Abend taucht die hinter dem gegenüberliegenden Berg untergehende Sonne alles in ein Meer aus warmen Strahlen. Ein goldener Weichzeichner legt sich über die weite Landschaft, und ich sitze auf einem Stein - die Belohnung für all die Mühen der letzten Wochen kann eben auch der einfache, pure Genuss eines solchen Moments sein.




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Kommentare: 2
  • #1

    Renate Z. (Donnerstag, 29 Juni 2017 08:22)

    Hallo Reinhard,
    nicht nur dich beschleicht neben der Kribbelvorfreude ein wenig Wehmut.
    Auch uns Lesern geht es wohl so.
    Bald ist es vorbei mit den informativen, nachdenklichen und nie langweiligen Berichten vorbei.
    Und diese tollen Fotos! Meine Güte, ist das schön da oben....
    Ich wünsche dir gute letzte Tage mit dem gewünschten Pilgerwetter und eine gute Ankunft.
    Liebe Grüße
    Renate

  • #2

    Sebastian (Donnerstag, 29 Juni 2017 12:02)

    Der Blick ist ja wirklich bombe! Und das bei blauem Himmel. Was will man mehr?