Im Sumpf

Eigentlich wollten Corrie, Rien und ich heute in unserer Luxus-Herberge mit Einzelzimmern länger schlafen, es gaaaanz ruhig angehen lassen. Die Strecke ist vier Kilometer kürzer als gestern, wir haben also Zeit. Doch dann geht es uns allen in den jeweiligen Einzelzimmern gleich. Die Morgensonne durchflutet die Räume und es hält uns nicht mehr in den Betten. Wir wollen raus, raus in dieses herrliche Wetter, in die Sonne, in die klare Luft, in diese wunderbare Landschaft. Selbst Rien, der sonst immer etwas länger braucht, bis er endlich seinen Rucksack auf dem Rücken hat, steht bald startbereit an der Tür. Doch die stille Übereinkunft bleibt erhalten: Erst ziehe ich um kurz nach 8 Uhr los, wenig später meine beiden holländischen Pilgerfreunde. Jeder geht seinen Weg! 


Der Countdown läuft! Noch drei Tage, dann bin ich in Trondheim. In zehn Minuten etwa habe ich meine 1900 km hinter mir, die nächsten Hundert bekomme ich nicht mehr voll. Um sich einzulaufen, sind die ersten Kilometer genau richtig. Über eine Hochfläche führt der Weg dahin, mit weitem Blick ins Tal hinab. Schmucke Höfe reihen sich aneinander. Die weißen Wohngebäude aus den Anfängen des 19. Jahrhunderts sehen mit ihren verzierten Eingangsbereichen aus wie kleine Herrensitze, die Wirtschaftgebäude kontrastieren dazu in Ochsenblut-Rot oder Dunkelbraun. Die Wiesen sind gemäht und das Gras liegt in langen Reihen, Pferde wälzen sich mit Wonne auf ihren sattgrünen Weiden.


Doch dann ist Schluss mit Idylle, es geht zwischen die Bäume. Trampelpfade schlängeln sich durch zunächst lichte, dann aber recht bald immer dichter werdende Birken- und Fichtenwälder. Vorhin habe ich an der Straße noch das dreieckige Warnschild mit dem gemütlich daherschlendernden Elch gesehen. Jetzt würde es mich nicht wundern, wenn er mir hier entgegenkäme. Von der Hand zu weisen wäre das nicht, denn auf seine Losung stoße ich immer wieder und ab und zu auch auf Nadelbäume, die er als Scheuerbürste genommen hat, um sein Winterfell abzureiben. Graubraune Fellreste kleben noch an den Stämmen oder liegen verstreut auf dem Pfad.


So langsam wird es feuchter. Rinnsale strömen von überall herbei, verharren mit Vorliebe für ein Weilchen auf den Pfaden und bilden zuweilen einen kaum zu umgehenden Matschpfuhl. Meine Schuhe sind schon durchgeweicht, da habe ich das angekündigte Hochmoorgebiet noch gar nicht erreicht. Doch bevor es so richtig losgeht, erst noch eine besonders schöne Phase am See Solsjoen entlang. Tiefblau liegt er da, umgeben von einem hellgrünen Schilfring und dunkelgrünen Tannenwäldern. Einige Ruderboote dümpeln am Ufer. Auf einem Schotterweg laufe ich jetzt leichtfüßig halb um den See herum, steige auf ihm dann steil bergauf, sehe jetzt den nächsten See, Snotonvatnet, unter mir. Welch ein Bild: der rot-weiße Hof am blauen See, dahinter die Wälder und teilweise noch schneebedeckten Fjellberge. Zum Einlullen schön!


Die Moorlandschaft beginnt. Es ist kein flaches, dunkles Land, wie man sich ein Moor vielleicht vorstellt. Auf und ab gehe ich über die offenen Sumpfgebiete mit wenig Bewuchs, die sich mit kleinen Waldabschnitten abwechseln. Harmlos sehen die teilweise großen grünen Flächen aus, wie mit Moos überzogene Teppiche. In Wirklichkeit aber sind sie ein Schwamm. Anfangs liegen noch Bretter oder Bohlenstege über besonders nassen Abschnitten, das gibt sich aber. Bald gibt es keine Querungshilfen mehr und es wird immer nasser. Ich kann oft nicht fassen, wo mich die Markierungspfähle herleiten. Besonders nasse Stellen zu umgehen, ist meist nicht möglich. Irgendwann ist mir alles egal. Trockenen Fußes komme ich hier nicht mehr raus. Also Augen zu und durch. D.h., "Augen zu" natürlich nicht! Hier die Markierungen zu verlieren, könnte Irrungen und Wirrungen nach sich ziehen. Ich gehe daher immer erst von einer Markierung aus weiter, wenn ich die nächste eindeutig irgendwo erkennen kann. Dann aber gehe ich in direkter Linie. Das Wasser schwappt mir manchmal oben in die Schuhe, mich stört das nicht mehr.


Was mich kurzfristig doch stört, ist meine gekonnte Bauchlandung. An einer Stelle konnte ich meinen rechten Fuß nicht so schnell wieder aus dem Sumpf ziehen, wie es für das Gleichgewicht sinnvoll gewesen wäre, jedenfalls finde ich mich plötzlich mit dem Gesicht in unmittelbarer Nähe der Wasseroberfläche wieder. Der Rucksack sitzt mir im Nacken und drückt mich immer tiefer, während meine Ellenbogen unter seinem Gewicht immer mehr im Wasser versinken. Dem Abtauchen kann ich nur entrinnen, indem ich mich - wie, weiß ich nicht mehr - seitlich abrolle, mich mit aller Kraft hochstemme und daraufhin mit dem Hintern im Wasser sitze. Da dieses Wasser aber nun keinesfalls Badewannenqualität hat, sehe ich nach dem mühsamen Aufrappeln ungefähr so aus wie ein Wildschwein nach der Suhle - aber es hat erfrischt. 


Diese Frische am Körper bleibt mir nun noch eine ganze Weile erhalten. Aber alles halb so schlimm! Die Sonne hat die mich umgebende Luft inzwischen auf mehr als 20 °C aufgewärmt und ich erfriere dadurch nicht. Der mir anhaftende Modder trocknet allmählich und irgendwann brauche ich den Dreck nur noch von mir abstreifen oder aus den Klamotten klopfen. Bei der Olavsweg-Toilette ein paar Kilometer später, einem schmucken Herzhäuschen mitten im Unterholz bei einer schönen Rastbank, laufen Corrie und Rien zu mir auf. Rien sieht etwas schmutzig aus. Auf meine Frage hin, was passiert sei, kommt die Antwort, die ich erwartet habe: "Ich hab mich gerade im Sumpf hingelegt!" Ich könnte mich wegschmeißen. Willkommen im Klub!


Zum Ende des Hochmoores öffnet sich der Blick wieder über ein weites Tal. Auf harmlosen Trampelpfaden geht es hinunter, bis der Trampelpfad zur Schotterstraße wird und die Schotterstraße zur Asphaltpiste. Jetzt kommt der wirklich lästige Teil des Tages: Die ergiebige Mischung aus Moormorast- und Schweißduft lässt bis nach Skaun hinein "Wolken" von Fliegen um mich herumfliegen. Sie verfangen sich im Haar, klatschen gegen meine schweißnasse Stirn, versuchen, in Nase und Ohren zu krabbeln. Ich schlage anfangs mit meinem Taschentuch verzweifelt um meinen Kopf herum, um die Viecher zu vertreiben, und verbrauche damit fast mehr Energie als mit dem Laufen. Aber die kleinen Biester lachen nur. Ich höre das! Dann fallen mir meine beiden Buffs ein, die ich in der Anoraktasche bei mir trage. Einen ziehe ich mir über Hals, Nase und Mund, den anderen über Kopf, Stirn und Ohren. Damit wäre das Thema eigentlich gegessen - wenn die Augen nicht wären... Nur die kann ich nun wirklich nicht auch noch verhüllen! Also ergebe ich mich in mein Schicksal und lasse sie auf meinen Wimpern landen oder auf den Brauen rumkrabbeln. 


Als hätten sie dort "Hausverbot", hört in Skaun der Fliegenbefall schlagartig auf. Neben der alten Kirche steht das kleine Gemeindehaus, das Pilgern zur Übernachtung offensteht. D.h., offen steht die Tür nicht, im Gegenteil, sie ist verschlossen. Doch ein Hinweis neben der Tür zeigt mir, wen ich anrufen muss. Zehn Minuten später fährt ein Auto vor, ein großgewachsener Mann begrüßt mich ("Herzlich willkommen in Skaun!"), schließt auf und zeigt mir alles, was für mich und nachfolgende Pilger wichtig ist. An eins hat man hier besonders gedacht: an die mit Sicherheit nassen Schuhe der Pilger. Direkt beim Eingang stehen mehrere elektrische Schuhtrockner. Das ist schon mal gut. Toilette, Dusche, Küche - alles prima! Im großen Gemeindesaal stehen keine Betten. Der Mann zeigt mir, wo die Matratzen liegen. Heißt, der Gemeindesaal wird bei hohem Pilgeraufkommen zur Matratzenlandschaft. Herrlich, jetzt kommt mal original Camino-Feeling auf! Aber groß ist heute das Pilgeraufkommen ja nicht. Michael, ein junger Deutscher, und Corrie und Rien treffen noch ein. Unsere Matratzen verlieren sich bald in dem großen Saal.


Dann Pilgeralltag: duschen, etwas einkaufen, einen Entspannungskaffee trinken, draußen vor dem Haus in der Sonne die gewaschenen Klamotten aufhängen oder Tagebuch schreiben, sich unterhalten, kochen, essen, den nächsten Tag vorbereiten, schlafen.


Alle um mich herum sind mittlerweile bei Letzterem angelangt. Ich werde mich jetzt mal dazulegen.




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Kommentare: 3
  • #1

    Lore (Freitag, 30 Juni 2017 14:27)

    Wenn ich mich recht erinnere, bist Du bei dieser Tour doch an keinem einzigen Abend versumpft, nie kam ein Bett vorbei. Dann ist es richtig und sogar notwendig, wenn Du mal tagsüber versumpfst. EINMAL pro Tour ist doch Standard ;-)
    Lieben Gruß
    Lore

  • #2

    Sebastian (Freitag, 30 Juni 2017 19:13)

    Das hast du davon, wenn du deine Stöcke nicht auspackst. :-D

  • #3

    Die Pilgertochter (Sonntag, 02 Juli 2017 06:57)

    Basti, was hätte er mit den Stöcken machen sollen? Sie als Stelzen benutzen?
    Ich finde ja gut, dass du zum Ende hin nochmal richtig gefordert wirst! Tschaka, du schaffst das!