Fährmann, hol über!

Na also, die Nacht auf der Matratze im Gemeindesaal war doch mal was ganz anderes...! Was natürlich nicht heißen soll, dass ich die Nächte in den urigen Herbergen mit der typisch norwegischen Gemütlichkeit missen möchte. Sie gehören eindeutig zu den großen Highlights des Olavsweges.
Von dem Pastagericht, das uns Corrie gestern Abend gekocht hat, ist noch eine Portion übriggeblieben. Nachdem ich diese vor dem Kompostmüll gerettet habe, verzehre ich sie heute zum Frühstück mit Genuss. Pappsatt, aber mit ungeheuer viel Power im Körper, marschiere ich meinen niederländischen Freunden hinterher, die es doch tatsächlich geschafft haben, heute mal vor mir loszugehen. Damit sind sie aber nicht die ersten aus der Gemeindesaal-Schlafgemeinschaft, die auf der Strecke sind. Um sage und schreibe 3.30 Uhr schon ist heute Morgen in aller Frühe (aber die Sonne schien bereits!) Michael, ein junger Deutscher, weggeschlichen. Aus den noch zugeklebten Augenwinkeln konnte ich gerade noch sehen, wie er die Tür hinter sich zuzog. Da er aber heute bis Trondheim durchgehen will und die Helligkeit der "Nacht" dazu fast einlädt, sei ihm der junge Morgen gegönnt.


Das Wetter ist wieder eine Wucht! Der norwegische Sommer scheint endlich Einzug zu halten. Aber mir hat er auch bisher ganz gut gefallen, und außerdem hat er ja gerade erst angefangen. Direkt vor dem Gemeindehaus steht der nächste Meilenstein. 38 km sind es jetzt noch "til Nidaros"! Hört sich nicht mehr viel an. Ist ja auch nicht mehr viel, aber die Quantität sagt bekanntlich nicht viel über die Qualität aus. Die Realität, die mich nach den ersten Metern erwartet, ist nämlich ein etwa acht Kilometer langer Aufstieg, der sich gewaschen hat. Schnell bleibt Skaun mit seiner alten Kirche im Tal zurück und es geht weiter auf einer kleinen Straße aufwärts, immer weiter. Corrie und Rien habe ich bald eingeholt und wir japsen uns nur ein "Bis später mal irgendwo!" zu, als ich an ihnen vorbeiziehe. 


Es kommt, wie es in den letzten Tagen immer so kam. "Verlassen Sie bei der nächsten Abzweigung die Straße und folgen Sie dem Waldpfad steil nach oben..." Es gibt die Waldpfade durch den lichten Wald oder durch den dichten, mit vielen matschigen Stellen oder nur wenigen, steil nach oben oder steil nach unten, mit weichem Tannennadelbett oder über Stock und Stein, die schnurgerade oder geschlängelte Variante. Seit gestern gibt es aber noch die Variante mit wenigen Fliegen oder mit Tausenden von Fliegen. Heute erlebe ich alle diese Formen von Waldpfaden, nur die Form "mit wenigen Fliegen" erlebe ich nicht. Kaum ist mein Körper auf Betriebstemperatur und im Schweißmodus, umschwirren sie mich wieder wie die Asteroiden die Erde. Meine Buffs kommen zwar wieder zum Einsatz, da aber die Temperaturen bei dem wolkenlosen Himmel auf fast 25 °C steigen, verschaffen sie mir auch nicht unbedingt Freude. Ich schwitze nur noch mehr, was die Fliegen wieder dazu animiert, noch mehr von ihrer Sippschaft herbeizurufen.


Irgendwann ist der höchste Punkt für heute überschritten und es geht kniezertrümmernd steil abwärts, was genauso anstrengend ist wie bergauf. Wer ist schon mal steil bergab über Felsen, Steine und Baumwurzeln geklettert und hat versucht, knöcheltiefe Matschlöcher zu umgehen, während ihm Myriaden von diesen hundsverdammten Fliegen um den Kopf schwirren? Man kann sich nicht ständig mit der Hand oder einem Taschentuch vor dem Kopf rumfuchteln, während man wie ein Luchs auf den Weg und die Markierungen achten muss. Also werde ich irgendwann einfach lethargisch, erkläre die Fliegen zu den Siegern und lasse sie gewähren. 


Nach drei Stunden im Wald öffnet sich auf einmal der Blick hinunter auf eine tiefblaue Fläche. Der Gaulosen breitet sich vor mir aus, ein Nebenarm des Trondheimfjords. Der Waldpfad wird fast unvermittelt zu einer Asphaltstraße und in weiten Bögen geht es auf ihr hinunter zur Bucht von Buvika. Ein leichter Wind steigt vom Fjord her auf. Das beste Mittel gegen Fliegen. Ich werde sie tatsächlich los. Auf Meereshöhe bin ich jetzt, das letzte Mal war das im Hafen von Oslo der Fall. Mal wieder schlägt die Wegführung des Olavsweges Kapriolen. Sie will mich nochmal 100 Höhenmeter emporschicken, um einen Bergsporn zu überqueren. Wahrscheinlich der schönen Aussicht wegen, die man von oben auf den Fjordarm hat. Wiedermal verweigere ich mich, gehe eine kürzere Strecke ohne jede Anstrengung mit ständigem Ausblick auf den Fjordarm - nur auf, nein, neben der Straße.


Direkt nachdem ich den Bergsporn umkurvt habe, steuere ich auf den Oysand-Campingplatz zu. Er ist aber nicht nur irgendein Campingplatz, sondern er liegt auch keine zwei Kilometer mehr von der Stelle entfernt, wo man auf John Wanvik stößt. Zur letzten Herberge auf der Strecke von Oslo nach Trondheim kann man nicht laufen. Ein Fluss, die Gaula, kreuzt den Weg und ein Fährmann, eben besagter John Wanvik, rudert die Gäste ans andere Ufer, wie das schon vor 1000 Jahren Sitte war. 50 Kronen nimmt er für die Überfahrt - und fügt sie der Übernachtungsrechnung bei. Wer nicht übernachtet, wird auch nicht mehr übergesetzt und muss einen langen Umweg über die nächste Brücke machen. 


Der Pilgerführer empfiehlt, John vom Campingplatz aus anzurufen, um nicht zu viel Zeit mit Warten zu verbringen. Ganz nach Vorgabe rufe ich also an, bekomme sofort einen sehr freundlichen John an den Apparat und wir verabreden uns für genau eine Stunde später an der Anlegestelle. Ideal! So habe ich also noch Zeit genug, um mir an der Theke des kleinen Cafés der Campingplatz-Rezeption mindestens zwei dieser Riesenlappen von Waffeln zu holen, die ich dort gerade gesehen habe. Sie und noch einen Kaffee dazu und ich komme gut über den Nachmittag. Beim Blick aus dem Fenster sehe ich in der kleinen Badebucht des Platzes Kinder im Wasser umherhüpfen (es ist gerade Ebbe), viele Sonnenhungrige in Liegestühlen oder auf Decken liegen und einige Männer beim Grillen. Es sieht ein wenig nach Sommer aus.
Ich erreiche die Anlegestelle genau in dem Moment, als auf der anderen Seite des Flusses ein schlankgewachsener Mann ans Ufer geht und ein Boot losmacht. Er steigt rein und beginnt zu rudern. Das muss John Wanvik sein, dessen Familie schon seit 1659 auf Sundet gard lebt und der selbst - neben seinem Hofbetrieb und seiner     Pilgerherberge - seit 1980 auch diesen Fährbetrieb aufrecht erhält. Nach knapp zehn Minuten schiebt er auf meiner Seite sein Boot auf den Flusskies, begrüßt mich herzlich, befördert mich und meinen Rucksack in sein Boot und direkt geht es wieder zurück. Kraftvoll zieht er die Ruder durch und sieht dabei nicht im Geringsten angestrengt aus. Die Frage, die wahrscheinlich alle stellen, stelle auch ich: "Warum kein Motorboot?" - "Dann ist die Stille weg! Die Landschaft hier lebt von der Stille. Außerdem ist das eine Frage der Tradition. Früher wurden hier die Pilger auch gerudert."


Auf der anderen Seite angekommen, sind es nur wenige Meter bis zu seinem Hof. Ich hatte nicht ein Bett in der eigentlichen Herberge gebucht, sondern in einer nahegelegenen Hütte. Preiswerter und idyllischer. Als wir dort ankommen und ich sie sehe, bin ich mal wieder begeistert. Hier, bei meiner letzten Herberge auf dem Weg, ist alles genau richtig. Hier kann ich nochmal Kraft tanken für die letzte anstrengende Etappe, aber auch schon mal zurückdenken an all das, was auf dem Weg war. Was sind das einfach für schöne Herbergen...! 


Am späten Nachmittag kommt noch Simone dazu. Sie hat den ganzen Weg schon gemacht und ist eigentlich nur auf der Durchreise zu einem Wanderurlaub auf den Lofoten. "Da ich aber so schöne Erinnerungen an diesen Weg habe, will ich das letzte Stück - wenn ich schon hier oben bin - nochmal abwandern." Gemeinsam leisten wir uns ein von Charon, Johns Frau, gekochtes Abendessen im zum Pilgerhaus umgebauten Stabbur, einer Mischung von Puppenstube und Museum. Ich kann mir gut vorstellen, dass der Wanderer nach einer Nacht im Bettkasten mit Vorhang und einem Morgenkaffee mit Blick auf den Fluss kaum von hier weg mag. Sogar der ehemalige König Haakon und die gegenwärtige Frau des Kronprinzen, Mette-Marit, haben hier eine Nacht verbracht. Aber wohl kaum im Bettkasten.


Aber wo bleiben Corrie und Rien?




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Kommentare: 6
  • #1

    Neugier (Samstag, 01 Juli 2017 00:53)

    Aber was ist mit Michelle?

  • #2

    Familie Müller (Samstag, 01 Juli 2017 09:21)

    Michelle ist bestimmt den ganzen Weg dank der tollen Berichte "mitgegangen" so wie viele andere Leser, zu denen wir auch gehören. Und Michelle freut sich riesig, denn jetzt, wenn Reinhard die Tour beendet hat, jetzt spätestens, werde alle, die mit ihrer Spende am Sponsorenlauf teilgenommen haben, ihr Geld überweisen. Reinhard hat ja schon vor einiger Zeit geschrieben, dass, wenn alle ihre Überweisungszusage einhalten, die Delphintherapie finanziell gesichert zu sein scheint. Das ist doch toll!

    Michelle, Dir und Deiner Familie wünschen wir -bestimmt im Namen aller Leser und Spender- eine tolle Zeit mit den Delphinen.

    Familie Müller

  • #3

    roland kluge (Samstag, 01 Juli 2017 19:50)

    tipp gegen die fliegen. nen hut mit "trauerflor"

  • #4

    roland kluge (Samstag, 01 Juli 2017 19:52)

    zweitausendzwölf cent sind überwiesen.

  • #5

    Neugier (Sonntag, 02 Juli 2017)

    Wenn jemand bereit ist, sein Geld zu spenden, oder schon gespendet hat, ist es doch wohl verständlich, dass man zwischendurch gerne wissen möchte, wie der Stand der Dinge ist. Dass es "gesichert zu sein scheint" reicht nicht (vielleicht trügt ja der Schein!?). Schade für Michelle, wenn man dann durch die Ignoranz des "Spendenläufers" die Lust verliert, etwas zum Wohl beizutragen!

  • #6

    Inge und Norbert (Sonntag, 02 Juli 2017 07:48)

    Glückwunsch Reinhard. Jetzt dürftest Du Trondheim erreicht haben. Und die Idee, durch Deine Pilgerreise auf eine Familie aufmerksam zu machen, deren größte Sorge ihrem kranken Kind gilt, hat uns persönlich doch berührt. Die Spende unseres Vereins wurde bereits überwiesen. Lt. Aussage der Familie. Weber kann nun die Delphintherapie sicher stattfinden. Und das man keine täglichen Kontoauszüge von der Organisation bekommt, wenn man durch die ursprüngliche Landschaft Norwegens unterwegs ist, hat sicher nichts mit Ignoranz zu tun. Es wird sicher einen entsprechenden abschließenden Bericht geben, aus dem das Ergebnis Deines Spendenlaufes, wenn es denn erst feststeht, hervorgeht. Wohl all denen, die sich im Leben nie ernsthafte Sorgen um ein Kind machen müssen.
    Bis bald!