Geschafft - I did it!!!

Beim Frühstück ist es lebhaft. Bereits gestern Abend, als Simone und ich hier unser Abendessen einnahmen, traf eine Gruppe von etwa 10 Personen ein: eine Mitarbeiterin von VisitNorway, der norwegischen Touristeninformation, eine vom Pilgerzentrum in Oslo und eine vom Pilgerzentrum in Trondheim, sowie Journalisten aus Belgien, Deutschland, England, Dänemark und Norwegen. Alle laufen sie unter der Führung der erstgenannten drei Damen exemplarisch einige Streckenabschnitte des Olavsweges ab, um anschließend in ihren Publikationen über ihn zu berichten. Gesponsert wird ihr "Pilgerweg" bzgl. Führung, Gepäcktransport und Unterkunft von VisitNorway, wohl in der Hoffnung, dass der Weg in Teilen Westeuropas nochmal ordentlich ins Gespräch gebracht wird.


Nach den ersten kürzeren Etappen, die sie sich im Gudbrandsdal und auf dem Dovrefjell gegönnt haben, wollen sie heute alle zusammen die letzte Etappe bis Trondheim unter die Füße nehmen. Simone und ich sind von Karon mit zu der ganzen Journalistentruppe an den langen Tisch gesetzt worden. Im Nachhinein vermute ich, steckte eine Absicht dahinter. Simone und ich unterhalten uns an dem einen Ende des Tisches natürlich über unsere Erfahrungen und Erlebnisse auf dem Weg und prompt kommen Fragen aus den Reihen der Reisejournalisten. Als sie dann noch mitbekommen, wo ich gestartet bin, werden die ersten Notizzettel gezogen und Fotoapparate bzw. Handys auf uns gerichtet. Für die Herrschaften der schreibenden Zunft wird es jetzt ein Arbeitsfrühstück. "Können Sie mir bitte mal die Marmelade rüberreichen? Wie lange sind Sie denn schon unterwegs?" - "Möchten Sie noch Kaffee? Haben Sie schon öfter solche langen Touren gemacht? Wie kommt man auf so was?" - "Mir nochmal die Butter, danke! Wie lange laufen Sie denn so am Tag?" - "Bitte nochmal hierher sehen, Reinhard! Und lächeln bitte!" (Shot!) Der Abmarsch von Journalisten und Pilgern verzögert sich so um eine Dreiviertelstunde. "Wir gehen dann jetzt schon mal los", beschließt schließlich die Frau von VisitNorway resolut, "sie holen uns ja doch wohl bald ein."


In der Tat ist nichts mehr von der Truppe zu sehen, als Simone und ich bei John und Karon den Schlüssel von unserer kleinen Hütte abgeben und uns von ihnen verabschieden. "Schön, dass Sie bei uns waren und kommen Sie gut in Trondheim an!", geben sie uns noch mit auf den Weg und winken uns hinterher. Zusammen gehen Simone und ich nur wenige hundert Meter. Als es steil bergauf geht, lässt Simone mich ziehen. "Geh ruhig", sagt sie, "du bist schneller als ich. Wir sehen uns spätestens im Pilgerzentrum in Trondheim!" Sie hat recht. Gerade steil bergauf muss ich mein eigenes Tempo gehen.
Und das kann in der Tat nicht allzu langsam sein, denn bald darauf sehe ich schon die Nachhut der Journalisten sich den Berg empormühen. Kaum bin ich mit ihnen auf gleicher Höhe, drehen sich einige von ihnen mit ihren Kameras zu mir um. "Einen Moment, Reinhard, vor diesem Hintergrund ist es gerade sehr schön!" (Shot!) 500 m später habe ich auch den Rest eingeholt, der sich gerade auf Anweisung der Dame vom Pilgerzentrum Oslo zu einer Rast im Schatten einer alten Eiche versammeln soll. Prompt tönt es aus ihrer Mitte: "Kommen Sie, Reinhard, setzen Sie sich noch einen Moment zu uns, Sie müssen doch auch mal kurz verschnaufen. Außerdem haben wir da noch ein paar Fragen. Und für ein Foto ist hier unter dem Baum das Licht gerade sehr schön. Lächeln bitte!" (Shot!) In der Tat habe ich gegen ein paar Minuten im Schatten nichts einzuwenden, denn heute ist wirklich ein Sommertag mit mindestens 25 °C. Nach dem Arbeitsfrühstück kommt es also jetzt zu einer Interviewrunde unterm Eichenbaum und ich komme nicht voran. Die Herrschaften versprechen, mir per Email mitzuteilen, wann etwas in ihrem Journal erscheint, "... aber das kann noch ein paar Wochen dauern". Ich bin mir fast sicher, dass ich nichts von ihnen hören werde, aber Spaß gemacht hat es trotzdem, ein wenig bestaunt zu werden.


Nach einer Viertelstunde gehe ich weiter, die Herrschaften brauchen noch ein Weilchen zur Recreation. Mitten im Wald dann, direkt neben dem Pfad, mein vorletzter Meilenstein: "14 km til Nidaros" Mein Ziel rückt näher und näher. Jetzt wird der Weg so, wie ich ihn heute nochmal haben will: schmal, in kurzen Frequenzen sich rauf und runter schlängelnd, morastig an einigen Stellen, mit Bohlenstegen an anderen geht es durch verwunschene Wälder und vorbei an tiefblauen Seen. Doch die Schilder werden zahlreicher ("Nidarosdomen 10,8 km") und die Menschen auch. Inzwischen habe ich auch Corrie und Rien wieder "eingefangen". Die letzte Nacht haben sie in ihrem Zelt auf dem Campingplatz verbracht, von wo ich gestern Fährmann John angerufen habe. Sie haben also schon ein paar Kilometer mehr in den Beinen. Bei einer schönen Sitzgruppe machen wir im Schatten eine Rast. Simone kommt anmarschiert und setzt sich zu uns. In ihrem Gefolge kommen auch meine Journalistenfreunde und müssen zum Teil natürlich fotografieren, wie vier richtige Pilger rasten. Jetzt bin ich dran! "Sie haben mich bzw. uns nun schon so oft fotografiert, jetzt möchte ich Sie fotografieren! Also dann schnell mal da vorne sich aufstellen zum Gruppenfoto!" Sie tun es bereitwillig, lächeln beherzt in meine Kamera und marschieren fröhlich weiter. Die Dusche im Hotel lockt - bezahlt von VisitNorway.


Gemeinsam kommen wir Vier an die ersten Häuser, die bereits zu Trondheim gehören. Weite Teile von Trondheim tauchen vor uns auf, auch ein Teil des Trondheimfjords. Gar nicht so weit vom Weg weg lockt ein Badesee. Simone kann nicht widerstehen und steigt zu ihm ab, um sich in die Fluten zu stürzen. "Bis nachher im Pilgerzentrum!"
Immer mehr spüre ich eine starke innere Erregung in mir aufsteigen. Endlich ankommen! Am Aussichtspunkt Feginsbrekka sehen wir Drei ihn dann zum ersten Mal: den grünen Turm und die grauen Fassaden und Dächer des Nidaros-Doms. Schon aus der Ferne erahnt man die Pracht der größten gotischen Kathedrale Skandinaviens. Im Mittelalter war vermutlich hier der Ort, an dem die Pilger anhielten, um die Sicht auf den Dom zu genießen, auf die Knie zu fallen, zu beten und dafür zu danken, dass sie ans Ziel gekommen waren. Feginsbrekka wurde der Ort genannt, ein altes, nordisches Wort für "Freudenberg".


Der Weg zieht sich den Berg hinab durch Wohngegenden gut situierter Trondheimer, Menschen kommen uns entgegen, mähen in ihren Vorgärten den Rasen oder halten ein Quätschchen am Gartenzaun. Bei allen habe ich das Gefühl, dass sie mit einem kleinen Lächeln denken: "Kommt, Pilger, jetzt durchhalten, gleich habt ihr es ja geschafft!" Corrie wird langsam knurrig, sie will jetzt nicht mehr, will nur noch endlich ankommen. Rien ist ganz ruhig geworden, ich merke aber, wie ihm die letzten Kilometer richtig schwer werden. Langsam kommen wir dem Zentrum näher, der Verkehr nimmt zu. Dann nochmal etwas Ruhe, ein kleines Stück geht es am Fluss Nidelven entlang. Die kupferne Spitze der Kathedrale erhebt sich über die Dächer der anderen Häuser - dann stehen wir vor dem Nidaros-Dom.


Am Ziel weicht alles einer Flut aus Gefühlen: Erleichterung, Stolz, Demut und Respekt vor all denen, die das unter ungleich schwierigeren Bedingungen vor einem knappen Jahrtausend schon gemacht haben. Ich bin überwältigt und sitze schweigend einen Moment auf einer Bank auf dem Vorplatz des Domes und lasse das imposante Gemäuer mit all seinen zahlreichen Figuren und Verzierungen an der Westfassade auf mich wirken. Ich erkenne sofort den heiligen Jakobus mit seinem Pilgerstab und auch, ja, etwas links, eingerahmt von anderen Heiligen, den heiligen Olav mit seiner Streitaxt.
So erschöpft Rien auch ist, er besteht darauf, dass wir die Kathedrale, wie es im Mittelalter Tradition war, drei Mal umrunden. Corrie ist nicht sonderlich begeistert, schließt sich uns aber an. Andere Pilger können wir nicht ausmachen, so sind wir Drei die einzigen, die um den Dom kreisen und bei manchen Touristen bei unserem zweiten und dritten Zusammentreffen für etwas Verwunderung sorgen. In die Kathedrale können wir nicht, sie ist samstags ab 14 Uhr geschlossen. Eine eigenwillige Öffnungszeit, finde ich. Doch mir ist das im Moment sowieso egal. Ich möchte meinen Rucksack abwerfen, aus den verschwitzten Klamotten raus, duschen. Morgen ist für die Kathedrale auch noch Zeit.


Am Rand des Vorplatzes stoßen wir auf den letzten Meilenstein. Nicht mehr "... km til Nidaros" steht auf ihm eingemeißelt, sondern es prangt nur noch die dicke "0"! Im selben Moment kommt ein Priester auf uns zugeeilt, reicht uns allen die Hand und stellt sich als "Steffen" vor. Er sei der örtliche Pilgerpastor und es sei ihm eine Freude und Ehre, Pilger in Trondheim und hier vor dem Dom in Empfang nehmen zu dürfen. Wir plaudern ungefähr eine Viertelstunde angeregt mit ihm, er fotografiert uns mit dem Meilenstein und der Domfassade im Hintergrund und lädt uns zum Schluss zu der traditionellen Pilgerandacht um 18 Uhr in eine Seitenkapelle der Kathedrale ein.
Von unserem endgültigen Tagesziel, dem Pilgerzentrum von Trondheim, trennen uns noch 200 m. Kurz vor der Tür kommt uns Rupert entgegen und er strahlt, als er uns erkennt. Auch ich freue mich, den so überaus netten älteren Herren hier wiederzusehen. Er ist auf dem Weg ins Zentrum, um sich noch etwas zu beschäftigen. Seit zwei Tagen ist er schon hier, da kann einem in Trondheim als (ehemaliger) Pilger die Zeit etwas lang werden. Die erste Anlaufstation im Pilgerzentrum ist das Pilgerbüro, wo man die Pilgerurkunde ausgestellt bekommt. Liebenswürdige ältere Damen nehmen uns in Empfang, sofort steht eine Tasse Kaffee und eine Keksdose vor uns. Es ist so ganz anders als in Santiago de Compostela, wo man Schlange stehen muss, nahezu "abgefertigt" wird. Sie unterhalten sich angeregt mit uns, lachen, fragen, staunen, loben. Der Kaffee wird nachgegossen, während eine der Damen unsere Pilgerpässe "kontrolliert", sie abzeichnet, daraufhin die Urkunden ausstellt und sie uns mit einem "Herzlichen Glückwunsch zur vollendeten Pilgerreise!" feierlich überreicht.


Dann geht es zur Rezeption. Ich hatte vollkommen verdrängt, dass ich seinerzeit während meiner Planungsphase hier ein Einzelzimmer gebucht hatte. Was bin ich jetzt froh darüber! Herrlich! Zwei Tage bzw. zwei Nächte lang nun Privatsphäre, ein frisch bezogenes Bett, ein eigenes Bad, Ruhe zum Ankommen und Nachdenken. Kaum bin ich auf dem Zimmer, lasse ich mich in einen kleinen Sessel fallen. Abschied vom Olavsweg - das heißt Abschiednehmen von Bergen und Fjorden, von Wäldern und Fjell, von langen Sonnenuntergängen und hellen Nächten, dem norwegischen Mond und dem glitzernden Licht über den Wassern. Doch es ist ja nicht nur der Abschied vom Olavsweg, sondern von einem viel längeren Weg, auf dem ich über 14 Wochen hinweg gegangen bin. Ich muss mir die Zeit nehmen, ein anderes Mal über ihn nachzudenken, jetzt ist der Kopf zu voll, sind die Emotionen zu präsent. Ich kann das jetzt nicht in Worte fassen.
Um 18 Uhr sitzen Corrie, Rien, Simone und ein weiterer Pilger in der Seitenkapelle der Kathedrale. Ob gläubig oder nicht, spirituell gestrickt oder sportlich motiviert - der Faszination des finalen Pilgerziels kann man sich nicht entziehen. Pilger dürfen seit jeher den Nidarosdom, ein Nationalheiligtum in Norwegen, durch diesen speziellen Seiteneingang der alten Kapelle betreten, und nur sie. Hier dürfen sie bei farbigem Dämmerlicht, das durch schmale Glasfenster fällt, in Ruhe und Frieden ankommen. Am Wanderziel und bei sich selbst. 


Nach der kurzen Andacht bietet uns Pastor Steffen eine ganz private Domführung an. Über Treppen, durch schmale, dicke hölzerne Türen und enge Gänge betreten wir das Innere der Kathedrale - und stehen direkt hinter dem Hochaltar im alten Pilgerrundgang. Die Kathedrale ist nur spärlich beleuchtet, außer uns wenigen Pilgern und Pastor Steffen sind hier keine Menschen, es ist unendlich ruhig. Die Atmosphäre ist atemberaubend. Ich habe das noch nie zuvor in einem Gotteshaus so empfunden. Noch jetzt bekomme ich eine Gänsehaut. Obwohl sie von außen gar nicht so groß wirkt, erscheint sie mir von innen riesig zu sein. Wirklich himmelhoch streben die Säulen zu den Kreuzgewölben, ewig lang scheint mir das Hauptschiff zu sein, übermächtig die Orgel, dunkel und fast geheimnisvoll der Hauptaltar. Das Faszinierendste aber kommt am Schluss der Führung. Steffen bittet uns, sich hinzusetzen - dann schaltet er alle Lichter aus. Wir sind wie vom Donner gerührt und trauen uns kaum zu atmen. Ich habe noch nie so etwas Beeindruckendes in solch einer Umgebung erlebt. Genau so müssen die damaligen Pilger die Kathedrale erlebt haben: dunkel, nur etwas Licht fällt duch die vergleichsweise kleinen Fenster, etwas Kerzenschein. Dies ist für mich der Moment, an dem ich erst richtig an meinem Pilgerziel ankomme.


Corrie und Rien wollen noch etwas einkaufen, sich dann bald zu Bett begeben. Simone und ich beschließen, im Zentrum noch Essen zu gehen, unsere kleine Feier zum Ende meiner Pilgerreise. Etwa eineinhalb Stunden sitzen wir zusammen, lassen nochmal einiges Revue passieren. Zurück vor der Tür des Pilgerzentrums verabschieden wir uns voneinander. Wenn ich morgen frühstücke, sitzt sie schon im Zug Richtung Lofoten. Man trifft sich, man trennt sich! Was für ein Tag! Ich liege noch lange wach in meinem Bett und bin einfach nur... glücklich!




Kommentar schreiben

Kommentare: 8
  • #1

    Sebastian (Sonntag, 02 Juli 2017 16:13)

    You did it! Wir sind stolz auf dich!!

  • #2

    Langel Christine (Sonntag, 02 Juli 2017 16:13)

    Vielen Dank für diesen Blog! Mit dem habe ich sie jeden Tag begleiten dürfen, während mein Fuß nach einer Operation stillgelegt war und ich erstmal überhaupt nicht laufen durfte. Jetzt ist ihre Reise zu Ende und nach über drei Monaten klappt es auch bei mir wieder einigermaßen mit dem Laufen, wobei längere Strecken noch sehr lange nicht gehen werden. Aber viele Pilgerwege bieten ja zum Glück auch die Möglichkeit, sie per Pedes zu absolvieren - ein Gedanke, durch ihren Weg entstanden und durchaus auch wert, weiter verfolgt zu werden
    Herzlichen Glückwunsch zur erfolgreichen Pilgerreise

  • #3

    Lore (Sonntag, 02 Juli 2017 18:03)

    Lieber Reinhard,
    Du hast es geschafft, es hat alles geklappt, da sind wir doch froh.
    Jetzt hast Du bald Zeit, Deine kleinen Wehwehchen auszuheilen, damit Du im nächsten Jahr wieder losziehen kannst.
    Hab eine gute Heimreise, zusammen mit dem Willi und dem Hüftgurt!
    Liebe Grüße
    Lore

  • #4

    Guido (Sonntag, 02 Juli 2017 18:53)

    Auch von mir die allerherzlichsten Glückwünsche. Eine beeindruckende Leistung, eine beeindruckende Wanderung, ein beeindruckender Blog. Ich hab das alles sehr genossen, ich werde die Schilderungen vermissen und hoffe, dass sie noch viele solcher Wanderungen, nebst den dazugehörenden Blogs anfertigen werden. Alles Gute, vor allem Gesundheit und Zufriedenheit, wünscht Ihnen ihr Alter (Fußball-) Kollege!

  • #5

    Guido (Sonntag, 02 Juli 2017 18:56)

    SORRY! In der vorletzten Zeile sollte "Alter" nicht nur klein, sondern musste "alter" sogar klein geschrieben werden. Alles andere wäre despektierlich.

  • #6

    Rosi's Tochter Nadja (Sonntag, 02 Juli 2017 20:03)

    Herzlichen Glückwunsch und vielen Dank für die wunderbaren Berichte - ich bin täglich "mitgewandert".

    Gute Heimreise
    Nadja

  • #7

    niels (Sonntag, 02 Juli 2017 20:50)

    siehe Sebastian! Freuen uns auf Dich!

  • #8

    Die Pilgertochter (Sonntag, 02 Juli 2017 22:42)

    Angekommen! Ich freu mich für dich! Du hast es wieder mal geschafft! Ich bin ganz stolz auf dich!