Bin ich noch Pilger?

Der heutige Morgen ist der vierte, an dem ich ausschlafe. Die anderen drei aber waren Ruhetage, der Kopf immer noch mit dem Pilgern beschäftigt, mit dem nächsten Tag, an dem es auf dem Weg weitergehen wird. Heute ist das anders. Ich muss nicht mehr laufen. Was fängt man an mit seiner Zeit? Wo ist ein Ziel? Ich habe keine Eile. Ich muss keine Sachen zusammen sammeln, nichts packen, nichts verstauen, nicht aufbrechen und nicht laufen. Entwurzelter Pilger. Oder bin ich schon gar kein Pilger mehr?


Ich denke mal, ich bin es mindestens so lange, bis ich am heutigen Morgen den Gottesdienst besucht habe. Ich glaube einfach, dass erst er meine Pilgerreise komplett macht. Die Geschichte des Nidaros-Doms reicht fast 1000 Jahre zurück. Die Arbeiten begannen im Jahr 1070 n. Chr. und dauerten bis ungefähr 1300 n. Chr. an. Seit dieser Zeit überstand der Dom mehrere Brände, wurde mehrfach restauriert und erweitert. Der Hochaltar, der über der ehemaligen Grabstätte König Olav Haraldsons errichtet wurde, trägt heute noch seinen Schrein, auch wenn er leer ist. Die Gebeine des Heiligen verschwanden im Zuge der Reformation - keiner sollte mehr an seinem Grab beten können. Das sollte die Einführung des Protestantismus in Norwegen beschleunigen. 


Im norwegischen Grundgesetz von 1814 wurde festgelegt, dass der Regent des Königreichs Norwegen in Trondheim gekrönt wird. Der Dom wurde zuletzt im Jahr 1906 als Krönungskirche genutzt, als Haakon VII. gekrönt wurde. Seit aber das norwegische Parlament die Krönungszeremonie 1908 abgeschafft hat, findet hier nur noch die Segnung des Königs statt.


Als ich die Kathedrale zusammen mit Corrie und Rien durch einen Seiteneingang betrete, merke ich bald, dass dies heute Morgen ein besonderer Gottesdienst ist. Mindestens die Hälfte der zahlreichen Besucher ist überaus festlich gekleidet, sehr viele in ihrer norwegischen Tracht. Die andere Hälfte besteht wohl aus ganz normalen sonntäglichen Gottesdienstbesuchern, einigen Touristen, die einen Gottesdienst in dieser besonderen Kathedrale mit in ihrem Besichtigungsprogramm haben, und wenigen Pilgern. Wir Drei setzen uns ziemlich weit nach vorne, ich mag mich bei solchen Gelegenheiten nie gerne weit nach hinten verkriechen. Als die Glocken den Beginn des Gottesdienstes ankündigen und mächtiger Orgelklang einsetzt, wird klar, was das Besondere an ihm sein wird. Junge Eltern tragen aus der Seitenkapelle, wo gestern Abend unsere Pilgerandacht stattgefunden hat, mit verklärten Blicken ihre Babys herein. Heute ist Taufe! Der gesamte Gottesdienst und erst recht die Zeremonie der Taufe sind ergreifend, auch wenn ich natürlich vom gesprochenen Wort nichts verstehe. Manche Situationen brauchen keine Übersetzungen. Alleine schon das sich beschwerende Geschrei der Täuflinge, als das Wasser über ihre Köpfchen rinnt, treibt mir Weichei die Tränen der Rührung in die Augen. Das Taufbecken steht erhöht und Pastor und Eltern mit Kind müssen auf einer Treppe zu ihm emporsteigen. Das Schöne daran: Alle Gottesdienstbesucher haben von unten einen wunderbaren Blick auf dieses Geschehen und als die Väter, die ihre Kinder hier offenbar traditionsgemäß übers Becken halten, auch noch die frisch Getauften in die Höhe heben, um sie der Gemeinde zu zeigen, hätte ich bald begeistert applaudiert. Ich denke an unseren kleinen Lenny, den Wonneproppen meiner Anni, und freue mich jetzt erst recht auf dessen Taufe in wenigen Tagen. 


Nach Ende des Gottesdienstes geleitet uns furioses Orgelspiel wieder aus der Kirche hinaus. Ich kenne jetzt beide Seiten dieses Gotteshauses: die dunkle, fast mystische und geheimnisvolle von gestern Abend und die hell erleuchtete, strahlende, von Menschen erfüllte von heute Morgen. Beides werde ich nicht vergessen.


Nach dem eineinhalbstündigen Gottesdienst brauche ich meine heutige Ration Bewegung, auch wenn es nur eine kurze ist. Wie ein ganz gewöhnlicher Tourist - und als solchen empfinde ich mich von nun an auch - schlendere ich durch die Stadt, planlos, ziellos, ich lasse mich einfach treiben. Trondheim wurde 997 vom Wikingerkönig Olav Tryggvason gegründet (es gab also noch andere Olavs!). Anschließend war die Stadt Sitz des Königs und somit Hauptstadt Norwegens. König Olav der Heilige starb während einer Schlacht ganz in der Nähe und wurde in Trondheim nahe dem Ufer des Nidelven begraben. Nach seinem Tod pilgerten viele zu seinem Totenschrein. Die Stadt wuchs und wuchs und wurde zur reichsten und größten Stadt des Landes. Durch die Reformation aber endeten die Pilgerzüge. Mehrmals brannte die Stadt ab, im Jahre 1681 wurde so die gesamte Altstadt vernichtet. König Christian V. ließ daraufhin eine neue Stadt anlegen. Als Vorbild galt Versailles. Vom riesigen Marktplatz gingen - und gehen heute noch - breite Straßen in alle Richtungen. Der historische Teil Trondheims liegt auf einer Halbinsel, die auf drei Seiten vom Fluss Nidelven und auf einer Seite vom Fjord begrenzt wird. Durch diese günstige, leicht zu verteidigende Lage und den natürlichen Hafen der Flussmündung konnte sich die Stadt zu einem blühenden Handelszentrum entwickeln.


Ich schlendere die eine lange Straße entlang, dann die andere, kreuze große Plätze und durchquere Grünanlagen, bewundere bunte Speicherhäuser an beiden Seiten der Nidelva und erfreue mich an einem kleinen Flohmarkt. Ich kaufe mir ein Sandwich und lande irgendwann wieder auf dem Vorplatz der Kathedrale. Menschen stehen vor der hohen Fassade und recken ihre Köpfe den Reihen von Heiligen entgegen, die sie schmücken. Ich setze mich noch einmal auf eine Bank und sauge dieses Bild in mich auf. Ich blicke nochmal zu Olav und zu Jakobus empor, auf dessen Wegen ich die letzten Wochen mehr als drei Monate unterwegs war. 


Dann sage ich nur noch "Tschüss!". Ich werde voraussichtlich nicht mehr hierhin kommen. Der Bahnhof, von dem aus ich morgen früh mit dem Zug nach Oslo zurückfahren werde, liegt in entgegengesetzter Richtung. Nachdem ich wochenlang nur gelaufen bin, wird es dann auf einmal ganz schnell gehen. Da kommt die Seele vielleicht nicht mit.




Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    Lore (Sonntag, 02 Juli 2017 20:58)

    Tja, so geht alles mal zu Ende, alles Schöne, alles Abenteuerliche, alles Anstrengende, alles Stille, alles Aufregende, - aber die Erinnerung bleibt.
    Und wenn es der Seele zu schnell geht, kann sie nochmal in die Erinnerung eintauchen.

  • #2

    Die Pilgertochter (Sonntag, 02 Juli 2017 22:57)

    Und wenn dir Seele nicht mit kommt, mach dir keine Sorgen. Mach ihr keinen Stress, sie kommt bestimmt spätestens in ein paar Tagen nach, wenn sie soweit ist.

    Tja, bist du noch Pilger. Ich glaube, du bist gerade irgendwo zwischen Pilger und Normalmensch. Nur ein Pilger weiß, wie es sich anfühlt, wenn der Pilger in einem selbst sich irgendwie zur Ruhe legt in dem Moment, in dem man auf einem Kathedralsvorplatz ankommt. Dann hörst du auf, Pilger zu sein. Aber Normalmensch bist du erst wieder, wenn du zu Hause bist, der Rucksack/Wheely wieder verstaut, das Gesicht vom wuchernden Rauschebart befreit ist, man nicht mehr wie ein Pilger riecht und auch die Seele wieder den Weg nach Hause gefunden hat. Wir lotsen sie schon wieder gemeinsam heim...