Zum Ende...

Wie schön! Als ich mich gestern Abend um kurz nach 20 Uhr nochmal zu einem kleinen Bummel aufmachte, lief ich unmittelbar vor dem Pilgerzentrum Barbara und Margreta in die Arme. Welch ein Hallo! Sehe ich die Beiden also auch nochmal wieder! Barbara hatte Margreta "nach Hause" gebracht, sie selbst sich in die Trondheimer Jugendherberge einquartiert. Während Margreta froh war, jetzt ins Bett gehen zu dürfen (sie hatte sich heute unterwegs noch einige Blasen eingefangen), wollte Barbara unbedingt noch mit mir ein Bier trinken. Da war ich nicht abgeneigt, wäre es doch das erste Bier (außer zwei Dosen Alkoholfrei in Herbergen), das ich mir in Norwegen gönne. Schnell fanden wir eine kleine Kneipe im Speicherviertel, und während sich unsere beiden 0,4-Liter-Gläser langsam leerten, berichtete Barbara von ihren Erlebnissen der vergangenen Tage. Nach dem Bier eine feste Umarmung und jeder ging seiner Wege. 


Heute Morgen bringen uns Corrie und Rien zum Bahnhof. Sie selbst reisen erst morgen zurück nach Oslo. "Uns", weil mein lieber Pilgerfreund Rupert denselben Zug nach Oslo nimmt wie ich, d.h. er wird schon in Gardermoen aussteigen und seinen Flieger nehmen, während ich nach Oslo durchfahre. So haben wir uns alle, die wir einige Tage zusammen auf dem Olavsweg waren und uns prima verstanden, nochmal am Ziel wiedergesehen. Ein Phänomen, das so häufig ist auf Pilgerwegen.


Während Zug und Flugzeug mich nach Hause bringen, bleiben die Gedanken und Erinnerungen noch auf dem Weg. Ich habe es wirklich geschafft! Beim Start vor 14 Wochen habe ich meiner Familie und Michelle versprochen, dass ich es schaffe - und es hat geklappt! 


Um es kurz dazwischen zu schieben: Das Ende meiner Wanderung ist für mich ein schöner Erfolg, aber die Spendenaktion für Michelle, die diese Wanderung immer irgendwie und täglich begleitet hat, ist mehr als erfolgreich. Ich schreibe bewusst "ist erfolgreich", weil immer noch bei mir Nachrichten über Spendenüberweisungen eingehen. Soviel Anteilnahme und Spendenbereitschaft überwältigt mich. Eins kann ich jetzt schon sagen: Die Therapiemaßnahme wird stattfinden können. Sogar mehr als das! Ich werde ein zusätzliches Konto einrichten, um darauf die Spenden einzuzahlen, die über die Finanzierungskosten der Therapie hinausgehen. Es wird für Michelle und ihre Eltern nämlich Zeiten nach der Therapie geben. Und ich denke, es wird für viele Dinge Geld nötig sein, das Michelles Leben lebenswert erhält. Ich bitte daher wirklich alle, die über eine Spende bisher nur nachgedacht haben, diese trotzdem noch in die Tat umzusetzen. Vor allem aber hoffe ich natürlich, dass alle, die bereits Zusagen gegeben haben, diese nun einhalten und auf das angegebene Spendenkonto (siehe Startseite/Ich laufe auch für Michelle/Mehr lesen) überweisen oder mir das versprochene im Rahmen meiner "Einsammel-Aktion" (beginnend in wenigen Tagen) zukommen lassen. Wieviel Geld im Endeffekt zusammengekommen ist, kann ich im Moment noch nicht sagen, weil mir die Einsicht in das Spendenkonto fehlt. Sobald ich darüber nach meiner Rückkehr informiert bin und auch das mir persönlich versprochene Geld eingesammelt ist, werde ich in diesem Blog umgehend davon berichten. Ich bitte daher noch um etwas Geduld!


Ein Fazit zu meiner Wanderung zu ziehen, fällt mir wie immer schwer. Ich will es dennoch versuchen: Trockene Zahlen stelle ich an den Anfang. Der Tag meiner Rückkehr ist gleichzeitig der 100. Tag meiner Reise. Davon bin ich 93 Tage gewandert, knapp 21 km im Durchschnitt jeden Tag. Insgesamt waren es 1.941 km und 24.640 Höhenmeter. Benötigt habe ich dafür 408:11 Stunden, die ich wandernd in Bewegung war (sagt mir alles meine Streckenaufzeichnungs-App "komoot"). 16 Kilogramm habe ich auf der Strecke liegengelassen. Das ist doch ein Anfang! In drei Ländern war ich unterwegs und habe mich bei Temperaturen zwischen -4 °C und 25 °C mit einem 18 kg schweren Wheelie und später mit einem 15 kg schweren Rucksack abgemüht. Ich kann nicht mehr aufzählen, wieviel Liter Wasser ich getrunken, wieviele Tütensuppen, Tafeln an Schokolade, wieviel Knäckebrot und Schmierkäse aus Tuben ich gegessen, wieviele Kaffeetütchen und Teebeutel ich mir zubereitet, und - wenn sie zur Verfügung standen - auch mal drei Eier auf einmal mir reingedrückt habe. Kurz gesagt, ich habe nicht gehungert und nicht gedurstet. Wenn das Trinken mal knapp war, dann konnte ich am Weg fragen, es auf Friedhöfen aus den Leitungen zapfen oder aus Bächen entnehmen.


Der Pilger, der Woche für Woche unterwegs ist, macht eine besondere Erfahrung. Jenseits des etwas kindischen Stolzes darüber, sich im Gegensatz zu den Achttageswanderern einer beachtlichen Anstrengung unterzogen zu haben, wird ihm eine schlichtere und tiefere Wahrheit bewusst: Ein kurzer Marsch genügt nicht, um die eingefleischten Gewohnheiten abzuschütteln. Er kann die Person kaum verwandeln. Der Stein bleibt roh, denn um ihn zu bearbeiten, braucht es ein längeres Bemühen, mehr Kälte, mehr Schwitzen und mehr Dreck, mehr Hunger und weniger Schlaf.


Diese Tage standen irgendwie bei mir alle unter dem gleichen Motto: "Ich will laufen und meinen Gedanken freien Lauf lassen - nicht reden, nicht ruhen, einfach laufen". Nein - das muss man nicht verstehen, doch ich denke, es gibt Pilger und Fernwanderer, die diesen Gedanken - diesen Wunsch, selbst schon hatten oder ihn verstehen können.


Was waren die Höhepunkte? Bestimmt die Tage, an denen mich Kinder und Enkelkinder auf dem Weg für einen oder sogar mehrere Tage begleiteten. Ich habe sie so genossen und ich glaube, sie können nun noch besser nachempfinden, was ihren Vater und Opa jedes Jahr wieder hinaustreibt. Bestimmt auch die Besuche von meinem Wanderfreund Reinhard aus Bochum, der auf einmal in Herdecke vor der Pensionstür stand und mich überraschte, und natürlich auch der Moment, als Michelle, ihre Eltern und ihre Schwester in Münster plötzlich um die Ecke bogen und mich anstrahlten.


Unvergesslich für mich mal wieder die Tage mit Dieter, der mich vier Wochen von Münster bis nach Flensburg begleitete. Ohne sein Lachen, seine Witze, seine politischen Statements und kritischen Bemerkungen zum Wetter wurde mein Weg ab der dänischen Grenze ruhiger. Während wir beide Wind und Wetter trotzten, verlegte ich mich aufs Trotzen und er sich aufs Wettern. Ich denke da mit Freuden an die Sturmtage auf den Deichen von Weser, Elbe und Stör.


Unvergessen auch meine Blasentage im Umfeld von Münster. Was mich nur etwa eine Woche ernsthaft behinderte, ist für viele Pilger ja oft ein alltägliches Los. Umso größer ist nun mein Respekt vor ihnen, wenn sie trotzdem durchhalten und ihr Ziel erreichen. Erst jetzt wieder kann ich das nachempfinden.


Manchmal nur kurze Momente prägen sich ein: die Pausen bei kleinen Kirchen und Friedhöfen, auf den Wiesen in Waldlichtungen oder auf aussichtsreichen Bänken. Ruhetage waren besondere Tage: in Schleswig, auf dem Campingplatz in Vammen (Dänemark) oder in meiner kleinen Hütte in Engelshus am Beginn des Dovrefjells, wo ich auf den Besuch von Basti wartete. Immer eine Erinnerung wert sind die Pilgerherbergen, in denen ich Aufnahme fand: die kalten und die warmen, etwas "rustikalen" oder die gemütlichen in Dänemark oder diese wunderbaren Übernachtungsstätten in den norwegischen Priester- oder Bauernhäusern und uralten Stabburs. Gerade in diesen norwegischen Herbergen bekommen Pilger oft mehr als nur ein Bett, Frühstück und Pilgerstempel. Sie bekommen eine Lektion in Gastfreundschaft, Fremdenfreundlichkeit, Engagement und Leidenschaft. Und die Lektion bleibt im Kopf, beim Weiterwandern am nächsten Morgen und darüber hinaus.


Begegnungen, wenn auch nur flüchtig, hinterlassen ihren Eindruck. Manchmal wie im feuchten Sand, verwischt nach wenigen Wellen. Manchmal wie in noch feuchtem Beton, verfestigen sich für lange Zeit, manchmal für immer. Verfestigen werden sich die Gesichter von meinen Mitpilgern auf Zeit Corrie und Rien, von Rupert und Barbara, von Simone und Magreta und von vielen meiner Gastgeber gerade in Dänemark und Norwegen, deren Namen ich an dieser Stelle kaum alle aufzählen kann.


Wunderbar waren die letzten drei Tage meines Weges bei herrlichem Wetter und schönster Landschaft, die Ankunft an der Nidaros-Kathedrale in Trondheim und der Abend dort in ihrer mystischen Atmosphäre und das Ankommen und Zur-Ruhe-Kommen im Pilgerzentrum, beim endgültigen Ziel.


Besonders schön und motivierend waren die beständigen Kommentare und Einträge ins "Gästebuch" meines Blogs. Sie haben mich weitergetragen, jeden Tag, meinen Wheelie zügiger rollen lassen und meinen Rucksack leichter gemacht. Vielen Dank dafür! 


Und nochmal auch einen großes Dankeschön an alle, die sich an der Spendenaktion für Michelle beteiligt haben. Immer wieder trafen die Nachrichten darüber bei mir ein und haben mich beflügelt. Gerührt war ich zum Schluss über die vielen Glückwünsche, die mich auf den verschiedensten Kanälen erreichten. Erst da wurde mir so richtig bewusst, wieviele Menschen mich auf meinem Weg "begleitet" und vielleicht auch ein wenig die Daumen gedrückt haben. Danke!


Zum Schluss noch einige Bemerkungen zum letzten Drittel, zum großen "Endspurt" meiner Wanderung, dem Olavsweg selbst: Pilgerwandern ist, wenn Menschenmassen der Jakobsmuschel nach Santiago de Compostela folgen. Oder aber: Wenn einsame Wanderer auf Sankt Olavs Spuren durch Norwegens Wildnis zum Nidarosdom ziehen. 


Unterschiedlichere Weg kann es kaum geben. Außer vielleicht der Intention der Pilger gibt es nichts, worin sich beide Wege gleichen. Der Olavsweg ist der Schwierigere - die Topographie, das Wetter, die Abgeschiedenheit...


Ich beginne mal mit dem "Weg", wie er sich mir präsentiert hat. Dass ich Weg mit Anführungszeichen versehen habe, ist durchaus nicht unbeabsichtigt. Es sind weite Strecken, vor allem von Oslo bis Hamar, auf Asphalt zu bewältigen. "Weg" kann aber auch bedeuten, mitten durchs Getreidefeld zu gehen, entlang Feldrainen, durch mannshohes Gras, durch Bäche. "Weg" bedeutet also nicht unbedingt ein unmittelbar erkennbares infrastrukturelles Etwas, sondern einfach, dass die norwegischen Pilgerfreunde anhand von Markierungen zu erkennen geben, dass man sich dort entlang begeben soll. Dennoch: Der Blick in die Ferne, die ungewohnte Ruhe um einen rum und diese Zufriedenheit mit sich selbst, sind auf diesem Weg ein tolles Gefühl. Es ist ein Pilgern auf oft schmalen Wegen und Pfaden, wo man selten nur Menschen begegnet und man Selbstgespräche führt, um wenigstens einmal am Tag eine menschliche Stimme zu hören. Der Olavsweg ist gegenüber dem Jakobsweg in Spanien ruhiger, anspruchsvoller, die Landschaft ist großartiger, man hat einen ganz anderen Kontakt zu den Herbergen. Viele Herbergseltern werden einem schnell zu Freunden, weil sie sich Zeit nehmen für die Pilger.


All das nehme ich mit und bin wieder ganz verzaubert und bezuckert von dieser langen Reise, dem Abschalten, dem Vergessen vom Alltäglichen, dem Erleben, Erfühlen und dem Geschenk einer solchen Reise. Dass ich all das erleben durfte, dafür bin ich sehr dankbar und ich kann nur jedem wünschen, diese Erfahrungen selbst einmal sammeln zu können.




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Kommentare: 4
  • #1

    Renate (Montag, 03 Juli 2017 19:55)

    Lieber Reinhard,
    Zunächst möchten Christoph und ich dir gratulieren zur wohlbehaltenen Ankunft in Trondheim. In erster Linie ist es dein Weg und deine Leistung und dafür hast du unseren Respekt. Wir haben ja nicht an dir gezweifelt und unser Geld für Michelle hast du ja schon vor dem Start bekommen �
    Uns freut sehr, dass die Spendenaktion so erfolgreich war. Und wir hoffen, dass Michelle gestärkt aus der Therapie zurück kehren wird. Unsere guten Gedanken begleiten sie.
    Unsere Gedanken haben aber auch dich begleitet und wir waren fast ein bisschen mit unterwegs �
    Tja - was machen wir jetzt morgens ohne die tägliche Lektüre und die fantastischen Bilder???
    Wir wünschen dir eine gute Heimreise, ein gutes Ankommen und Knuddeln der Kleinen ( und Großen).
    Und dann wird auch die Seele ankommen...
    Das dauert sicher ein bisschen und die Tour wird lange nachklingen.
    Fühl dich herzlich umarmt
    von
    Christoph und Renate

  • #2

    Heidrun Au (Dienstag, 04 Juli 2017 09:05)

    Herzlichen Glückwunsch Herr Wagner!
    Ihre Reisebeschreibung am Morgen zu lesen, wird mir fehlen!
    Danke für die tollen Berichte.
    Ich wünsche Ihnen eine gute Heimreise,
    liebe Grüße aus Führten,
    Heidrun Au

  • #3

    Michael Volkmar (Dienstag, 04 Juli 2017 09:54)

    Es war jeden Tag eine Bereicherung für mich die schönen Berichte zu lesen DANKE

  • #4

    Der Kronprinz (Donnerstag, 06 Juli 2017 19:21)

    Auch auf diesem Wege noch mal Glückwunsch und willkommen zu Hause.