Auf dem Heerweg/Ochsenweg durch Dänemark

Die Dänen nennen ihn normalerweise Hærvejen – als ob es nur einen Weg gibt. Der Hærvejen bestand aus mehreren Wegen, die über das zentrale Jütland von Nord nach Süd führte. Wenn ein Weg aufgepflügt war, wählte man einen anderen, und so entstanden mehrere Wege, die alle als Hærvejen bezeichnet wurden. Außerdem wurden Ochsen und Vieh in der Regel über andere Wege geführt als Fuhrwerke und Wanderer.  Viele dieser Spuren trafen jedoch zusammen, wo Furten und Brücken waren. In Südjütland wurde der Hærvejen Ochsenweg genannt und ging südwärts über Schleswig weiter durch Europa zu den bedeutenden Pilgerzielen Rom und Santiago de Compostela.

 

Die letzte Eiszeit vor 15.000 Jahren hat die Landschaft und damit auch die Lage des Ochsenwegs/Hærvejen geformt. Das Eis hatte große Mengen Lehm, Schotter und Steine vor den Gletscherrand geschoben. Als der Eispanzer am dicksten war, stand der Eisrand wie eine Mauer in Jütland. Die Eisrandlinie hinterließ hier eine markante Landschaftsgrenze längs durch die gesamte Halbinsel, die die mittel- und westjütländischen Heiden von der hügeligen ostjütländischen Moräne trennt. Diese markante Landschaftsgrenze nennt man heute den jütländischen Höhenrücken. Das Schmelzwasser floss in westliche Richtung über die eisfreien Gebiete ab.

 

Nachdem sich das Eis zurückgezogen hatte, konnten Bäche und Wasserläufe auch nach Osten abfließen. Das heißt, dass nach der Eiszeit die Wasserläufe östlich des Eisrandes nach Osten und die westlich davon nach Westen abflossen. Das Gebiet zwischen den ost- und westwärts fließenden Wasserläufen wurde zur  Wasserscheide. Da es hier am einfachsten war, Jütland trockenen Fußes zu durchqueren, entstand hier auch der Ochsenweg/Hærvejen. Die vielen Wegspuren des Heerweges folgten eben der Wasserscheide, wo die Wasserläufe noch nicht so groß und wasserreich waren, dass das Überqueren mit Rinderherden und Wagen zu schwierig wurde. Das „Prinzip des trockenen Fußes“ war stets Ausgangspunkt für den Verlauf des Heerweges. Neben großen Wasserläufen galt es auch feuchte Niederungen zu vermeiden.

 

Der Ochsenweg/Hærvejen führt meist um Moore und Wiesen herum – er wurde ja angelegt, um trockenen Fußes voranzukommen. In Südjütland kommt er jedoch einigen Moorgebieten sehr nahe. Dort findet man Hochmoore mit Torfmoosen und Wollgräsern, doch sollte man sich möglichst davon fernhalten. In früheren Zeiten verschwanden viele Reisende, wenn sie sich verirrten und in einen Moortümpel gerieten!

 

Der Ochsenweg/Hærvejen führte früher durch große, offene Heidegebiete, die seit prähistorischen Zeiten durch Holzfällen und starke Ausmergelung des Ackerbodens entstanden waren. Um 1800 war ein Viertel Jütlands von Heide bedeckt. Doch dann begann man, den sandigen Boden zu kultivieren. Außerdem versuchte man, durch die Anpflanzung von Nadelbäumen die Heide zurückzudrängen. Diese Maßnahmen führten dazu, dass heute weniger als 3% der ursprünglichen Heideflächen Jütlands übrig sind. Einige der heutigen schönsten Heidegebiete des Landes liegen am Ochsenweg/Hærvejen. 1760 begannen die sogenannten „Kartoffeldeutschen“ mit der Urbarmachung der Heide – diesen Namen erhielten sie erst später, da sie den Dänen beibrachten, Kartoffeln zu essen. Die Besiedlung und die Kultivierung war ein mühsames Unterfangen, das zum Teil scheiterte, worauf die meisten Deutschen wieder nach Hause reisten. 

 

Schon seit Anfang der Besiedlung des Landes verkehrten Menschen auf dem Ochsenweg/Hærvejen. Daher findet man hier Monumente aus der Bronzezeit sowie einige der bedeutendsten Monumente aus der dänischen Wikingerzeit.

 

Jahrtausende lang war der Heerweg eine der Handelsrouten vom und zum mittleren und südlichen Europa, auf dem Ideen und Handelswaren ausgetauscht wurden. Der früheste Warenverkehr war vermutlich der Handel über kurze Entfernungen und nicht eigentlicher Fernhandel. Der vorgeschichtliche Warenaustausch hatte hauptsächlich lokalen Charakter in Form von Naturalienhandel zwischen Nachbargemeinden. Erst in der Wikingerzeit ((775-1050) bekam er seine Funktion als internationale Handelsroute. Rohstoffe wie Feuerstein und Bernstein waren schon in vorgeschichtlicher Zeit Exportartikel. Auch Felle, Horn, Honig, Fleisch und Steingut wurden mit fremden Waren wie Metallen, Glas, Waffen oder Schmuck getauscht.

 

Ab Mitte des 15. Jahrhunderts  war der Ochsenweg Hærvejen eine wichtige Transportroute für Fleisch – von den jütländischen Wiesen zu den europäischen Großstädten. In den norddeutschen und holländischen Städten stieg die Nachfrage nach Lebensmitteln so stark an, dass sie von der örtlichen Produktion keinesfalls gedeckt werden konnte. Die großen Weiden entlang der jütländischen Wasserläufe boten gute Möglichkeiten für die Fleischproduktion, die sich bald zum größten Exporterfolg des Mittelalters und zu einem einträglichen Geschäft für die großen Höfe des Landes entwickelten. Bevor es Kühlwagen gab, bestand die einzige Möglichkeit, Fleisch frisch zu halten, darin, dass sich die Tiere selbst transportierten. Es lag nahe, vor allem Ochsen zu exportieren, da die Kühe zur heimischen Milch- und Kälberproduktion beitrugen. Im 16. und 17. Jh. wurden 30-50.000 Ochsen jährlich über den Ochsenweg Hærvejen getrieben, außerdem Pferde, Schweine, Ziegen, Schafe und Gänse. Nach 10-15 Tagen Trieb im Frühjahr  waren alle Tiere von der anstrengenden Reise abgemagert und mussten daher auf den fruchtbaren Elbmarschen gemästet werden, bevor sie im Herbst mit Gewinn auf den wichtigsten Rindermärkten in Itzehoe, Wedel und Hamburg verkauft werden konnten. Nach dem Absatz der Tiere reisten die Viehhändler und –treiber mit gut gefüllten Geldbeuteln oder großen Warenkörben nach Dänemark zurück.

 

Der Viehtrieb bestand in der Regel aus 40 bis 50 Stück Vieh, die von mehreren Viehtreibern und Futterbeschaffern begleitet wurden. Die Futterbeschaffer reisten den Rinderherden voraus und sorgten für Unterkunft und Futter für die Tiere und Nachtquartier für die Viehtreiber. Am nächsten Morgen ging es in aller Frühe weiter, um am folgenden Abend den besten Platz zu ergattern. Die großen Viehtriebe umgingen die größeren Städte wegen des Lärms und des Schmutzes, den sie verursachten. Stattdessen suchten sie sich ihren Weg durch dünner besiedelte Gegenden. Dadurch entstand eine Kette von Heerwegkrügen und Wirtshäusern mit zugehörigen Viehgehegen und Tränken, wo Menschen und Tiere sich versorgen konnten und man vor Wölfen und Dieben geschützt war. Um die Ställe der historischen Gebäude zu erhalten, wurden sie nun im Zuge der Pilgerrenaissance zu Pilgerherbergen umgebaut, und dies im protestantischen Dänemark, in dem noch heute 80 % der Bevölkerung der evangelischen Staatskirche angehören.

 

Der Dreißigjährige Krieg und die Schwedischen Kriege erschwerten den Viehhandel im 17. Jahrhundert. Später folgte die Rinderpest im 18. Jahrhundert. Der Viehexport erreichte deshalb nie wieder den Umfang seiner Blütezeit im 16. Jahrhundert. Viehtriebe  auf dem Heerweg konnte man aber bis ins 19. Jahrhundert hinein erleben und erst mit dem Bau der Eisenbahn Ende des 19. Jh. verschwand die Grundlage für den Ochsentrieb, und damit geriet auch der Ochsenweg Hærvejen in Vergessenheit, bis er im 20. Jh. wieder entdeckt wurde.

 

Trotz seines dänischen Namens Heerweg war er selten Marschroute von Armeen, da es von der Antike bis ins 19. Jahrhundert nur wenige Invasionen aus Jütland beziehungsweise Schleswig nach Süden gab und nur etwa drei aus Deutschland nach Norden. Obwohl er also meist für friedliche Zwecke genutzt wurde, hatte er in Kriegszeiten auch eine militärische Bedeutung. Dies hat Spuren hinterlassen, die sich über mehrere tausend Jahre erstrecken – von der Völkerwanderung der Eisenzeit, über mittelalterliche Kämpfe um die Königsmacht bis hin zu den deutsch-dänischen Kriegen in neuerer Zeit. Der Heerweg wurde dann wiederholt von Truppen benutzt, die schnell durch Jütland hinauf oder hinunter zogen – besonders häufig von dänischen, schwedischen und deutschen Armeen während des Dreißigjährigen Krieges. Die Bevölkerung hatte schwer darunter zu leiden. Höfe und Dörfer wurden mehrmals von den durchziehenden Heeren geplündert und niedergebrannt – und oft folgten Krankheiten in ihrem Kielwasser. Im 19. Jahrhundert war der Heerweg Schauplatz des deutsch-dänischen Krieges um Schleswig und Holstein – und zuletzt benutzten deutsche Truppen nach der Kapitulation 1945 den alten Heerweg auf ihrem Rückzug nach Deutschland.

 

Im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit war der Ochsenweg zudem eine wichtige Pilgerroute, die Menschen aus Nordeuropa insbesondere nach Italien und Nordspanien führte. Eine isländische Handschrift vom Ende des 12. Jahrhunderts enthält eine sorgfältige Aufzeichnung „des Pilgerweges von Island nach Jerusalem“, in der die Pilgerreise eines Abts Nikolaus durch Jütland und weiter durch Deutschland bis hin nach Rom und Jerusalem aufgezeichnet ist. Der erste dänische Pilger, den man mit Sicherheit kennt, war Knud der Große, der 1027 nach Rom pilgerte, um dort das Grab des Apostels Petrus zu besuchen. Obwohl seit der Reformationszeit das Pilgern im Protestantismus zum Erliegen kam, Luther den Brauch gar als „Narrenwerk“ bezeichnete, zogen Pilger auf der „Pilgrimsrute“ zu den Heiligen Stätten nach Süden.

 

Und ich "Narr" ziehe nun auf dieser "Pilgrimsrute" zu einer Heiligen Stätte in den hohen Norden.