Auf der Via Baltica

Osnabrück ist nicht nur für mich der Zielort auf dem Westfälischen Jakobsweg, sondern auch der Endpunkt des nördlichsten Weges der Ost-West-Verbindungen in Deutschland, der Via Baltica. Diese Pilgerroute beginnt auf der Insel Usedom an der Grenze von Polen und Deutschland zwischen Swinemünde (Swinoujscie) und Kamminke. Er stellt damit die Brücke von den baltischen Ländern nach Santiago de Compostela in Spanien dar. Von Usedom kommend verläuft die Via Baltica weiter über Greifswald, Rostock und Wismar durch Mecklenburg-Vorpommern, dann in Schleswig-Holstein nach Lübeck und durch Hamburg, Bremen und Niedersachsen bis nach Osnabrück. Dort geht es auf dem Westfälischen Jakobsweg  weiter. Ich werde diese Route nur zwischen Osnabrück und Harsefeld für ca. 280 km unter die Füße nehmen.

 

Schon die mittelalterlichen Jakobspilger nutzten ältere Handels und Wallfahrtswege. Einer dieser Wege verläuft von Wildeshausen bei Bremen in südlicher Richtung nach Osnabrück – der Pickerweg. Osnabrück war damals Sammelpunkt für Handelskarawanen und Wallfahrer am Ausgang der Norddeutschen Tiefebene, der Verkehr aus dem Osten und dem Norden für den weiteren Weg in den Süden und den Westen bündelte. Der Begriff Pickerweg stamme, so lautet die unbewiesene Vermutung einiger heutiger Historiker, wahrscheinlich vom lateinischen Wort „peccare“ ab, was „sündigen“ bedeutet. Und mit dieser Namensdeutung würde die zentrale Funktion des Weges als Pilgerroute nach Rom bzw. Santiago de Compostela auch nochmals ganz klar deutlich. Mindestens seit  850 sind Pilger auf ihm unterwegs, ein Jahr, in welchem er erstmals urkundlich belegt wird. Er war aber ebenso Teil der alten Rheinischen Heerstraße, der der Forschung sehr gut bekannt ist. Auch die immer größer werdenden Warenströme zwischen den Hansestädten und Köln nahmen den Pickerweg und das an ihm sich ansiedelnde dichte Herbergs- und Poststationennetz dankbar an, so dass im heutigen Schatten der vielbefahrenen A1 schon damals von einer Art Autobahn ausgegangen werden kann, die bestens belegt ist.

 

Zusammen mit einem Teilabschnitt der Via Baltica begehe ich nun bis Wildeshausen gleichzeitig auch den Pickerweg.

 

Die Norddeutsche Tiefebene zwischen Osnabrück und Bremen ist ein flaches, feuchtes, landwirtschaftlich genutztes Grüngebiet, dessen Weiden und Äcker von wenigen Waldungen durchbrochen werden und in dem eine Vielzahl von Dörfern und kleinen Ansiedlungen verstreut liegt. Deutlich durchbricht dabei der rote Backstein der teils prächtigen Gehöfte das Grün und die Kirchtürme sind von weitem zu sehen.

 

Hinter Osnabrück überquere ich das Wiehengebirge und den Mittellandkanal und finde mich bald darauf in der Dümmeniederung wieder, einst ein riesiges zusammenhängendes Moorgebiet, dessen Durchquerung außer im trockensten Sommer sehr gefährlich sein konnte. Das Bistum Osnabrück legte hier eigens einen Damm für die Reisenden an. Durch Abtorfung und landwirtschaftliche Nutzung ist von der Gefahr nichts geblieben, aber das Moor ist durchaus noch zu erkennen.

 

Hinter den Dammer Bergen, einer eiszeitlichen Moränenlandschaft, wird es wieder feucht links und rechts des Weges, das Poggenmoor breitet sich neben mir aus. Doch hinter Vechta wird es deutlich trockener, auf dem Geestrücken der Wildeshausener Geest verläuft der Weg weiter, dem größten zusammenhängenden Waldgebiet Nordwestdeutschlands. Die Syker Geest schließt sich an. Geest bezeichnet dabei eine Landschaftsform in Norddeutschland, den Niederlanden und Dänemark, die durch Sandablagerungen während der Eiszeiten entstanden ist. Da die Geest einen Höhenzug darstellt, ist sie das Gegenteil der Marsch und wird auch Geestrücken oder Sandrücken genannt.

 

Vom Geestrücken geht es nun leicht abfallend ins Urstromtal der Weser hinab, auf deren Deich ich bald Bremen erreiche. Zwei Tageswanderungen hinter der alten Hansestadt ist für mich bei Harsefeld der Weg auf der Via Baltica beendet, die nun weiter über Hamburg und Lübeck, durch Mecklenburg-Vorpommern bis nach Usedom an die polnische Grenze führt. Ich schwenke ein auf den nördlichste Jakobsweg Deutschlands, die Via Jutlandica.