Auf der Via Jutlandica (Ochsenweg)

Die folgenden Informationen werden sich bei meinen Hinweisen zum dänischen Heerweg/Ochsenweg in Teilen wiederholen oder durch zusätzliche Anmerkungen ergänzt. Kein Wunder, macht doch solch ein Weg nicht vor politischen Grenzen halt, zumal die Grenze zwischen Deutschland und Dänemark im Lauf der Geschichte nach Norden verschoben wurde.

 

Der älteste Landweg, der im Norden Europas einst von Königen, Reisenden, Wikingern, Ochsentreibern, Soldaten, Handwerksburschen und auch Bettlern genutzt wurde, heißt Ochsenweg, und dieser alte Handels- und Reiseweg war einst die wichtigste Verkehrsverbindung zwischen Dänemark und Deutschland.

 

Der Jahrtausende alte Weg entstand am Rand der Eiszeitgletscher. Zahlreiche Steinzeitgräber weisen auf eine frühe Besiedlung in diesen Gebieten hin. Im Jahre 974 berichten Geschichtsschreiber von einem Heerweg, auf Dänisch Hærvejen, der von Norddänemark bis nach Schleswig führte. In den folgenden Jahrhunderten ist dieser Weg immer wieder eine Hauptverbindung für Eroberer und Kriegsheere gewesen. In erster Linie war er aber Handels- und Herdenweg, auf dem Kaufleute und Händler in die Städte des Südens zogen und umgekehrt. So bekam er auch den Namen Ochsenweg. Einerseits fuhren die ersten Händler mit Ochsenwagen und andererseits wurden auf diesem Weg von Jütland bis vor die Tore Hamburgs, nach Wedel, Ochsenherden getrieben. Seit dem Mittelalter sind Millionen von Tiere auf diesem Weg in die Ballungszentren des Südens gekommen. Im Jahre 1651-52 wurden 15.860 Ochsen „verzollt“!

 

Bereits in der Bronzezeit wurde der alte Handelsweg für das Metallhandwerk genutzt, wichtige Rohstoffe wie Kupfer und Zinn wurden über diesen Weg aus Mittel- und Süddeutschland gen Norden transportiert.

 

Dieser und ähnliche Wege wurden im Laufe der Zeit gut „ausgebaut“. Es gab Markierungen, so genannte Prellsteine, die die Straße begrenzten und sie gleichzeitig kennzeichneten. Moore und Niederungen wurden umgangen. In Entfernungen von einem Tagesmarsch entstanden Herbergen und Ausspannhöfe. An wichtigen Wegekreuzungen und Furten entstanden Ortschaften.

 

Diese Merkmale treffen auch für die Via Jutlandica zu. Der Ochsenweg war - von Dänemark kommend - schon immer auch ein Pilgerweg. Ob die heutigen Wege tatsächlich mit dem historischen identisch sind, sei dahin gestellt. Die vielen Klöster, Ur-Kirchen und Krankenhäuser deuten auf einen Pilgerweg hin, sie waren vor allem für Pilger eine sichere Bleibe und manchmal auch Rettung.  Der Ochsenweg galt als Zubringer-„Straß“ auf die Via Francigena oder den Jakobsweg, um zu den großen Pilgerstätten des Abendlandes nach Rom oder Santiago di Compostela zu gelangen. Um 1150 gab es erste Wegbeschreibungen für Pilger von Island, Norwegen und Schweden, später sogar von Grönland aus. Alle diese Wege führten durch Jütland in Dänemark und dem heutigen Schleswig-Holstein.

 

Der Pilgerweg Via Jutlandica und der Ochsenweg verlaufen nicht immer auf gleichen Pfaden, geographisch aber im gleichen Gebiet. In jüngster Zeit sind die Wege neu markiert worden. Noch heute kann man den Ochsenweg teilweise auf Originalwegen gehen.

 

Bald hinter Harsefeld komme ich nach Stade. Die Wegeforschung zum mittelalterlichen Wegenetz hat ermittelt, dass Stade, die Stadt an der Schwinge, im frühen und hohen Mittelalter ein bedeutendes Verkehrszentrum im Nordwesten Deutschlands darstellte. Weitere mittelalterliche Dokumente lassen begründet annehmen, dass Stade auch ein wichtiges Pilgerzentrum für die Jakobspilger aus dem Norden war, die in Itzehoe das Schiff bestiegen, die Stör hinabfuhren, die Niederelbe überquerten und die Schwinge bis Stade hinauffuhren. Andere Pilger sind über die Trichtermündung der Elbe bis Stade mit dem Schiff gekommen. Erst mit dem Versanden der Schwinge verlor Stade sein Gewicht als Hafenstadt.

 

Auf dem Deich der Süderelbe komme ich hinter Drochtersen nach Wischhafen, von wo mich eine Fähre über die Elbe hinüber nach Glückstadt bringt. Der dänische König Christian IV. ließ 1615 die Stadt als Festungsstadt erbauen. Sie sollte der aufstrebenden Hafenstadt Hamburg den Rang ablaufen. Leider hatte sie schlechte Voraussetzungen dafür, die geringe Wassertiefe und eine vorgelagerte Insel machten diesem Vorhaben ein Ende.

 

Weiter geht es auf einem Deich in Richtung Itzehoe, aber nicht auf dem der Elbe, sondern auf dem der von Norden zufließenden Stör. Rechts und links ziehen sich die weiten Elbmarschen dahin. Bei Itzehoe überquere ich die Stör, lasse die Marsch hinter mir und begebe mich wieder in eine Geestlandschaft hinein.

 

Über gut ausgebaute Feld- und Wirtschaftswege geht es aus Hohenlockstedt hinaus nach Jahrstedt. Die Fluren, die ich durchwandere, und die Bachbrücken, die ich überquere, tragen martialische Namen: Moltke, Bismarck oder Pionier. Sie erinnern an die frühere, lang andauernde Nutzung als Militärübungsgebiet. An diese Nutzung erinnern heute allerdings nur noch die Namen, denn der letzte Standort der Bundeswehr wurde im Jahr 2004 geschlossen.

 

Hünengräber und andere Spuren deuten auf den nächsten Kilometern darauf hin, dass die Vorläufer der heutigen Dörfer schon vor Jahrtausenden bestanden. Schleswig-Holstein verfügt über eine Siedlungsgeschichte bis zurück in die Steinzeit. Auf diese reiche Geschichte werde ich gleich vielfach stoßen, denn die Strecke führt nun entlang und durch eine ganze Reihe von Orten, deren Anfänge in prähistorischer Zeit zu suchen sind, wie berufene Stellen durch mannigfache Funde bestätigen können.

 

Unmittelbar vor dem Stadtzentrum von Rendsburg tut sich dann die Erde vor mir auf: Europas längste Rolltreppe trägt mich mehr als 20 Meter tief hinab unter den Nord-Ostsee-Kanal, die knapp hundert Kilometer lange und mehr als 110 Jahre alte, meist befahrene künstliche Wasserstraße der Welt. Mit der Eider bei Rendsburg passiere ich die ehemalige nördlichste Grenze des “Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation” mit dem Königreich Dänemark.

 

Die vielen Flüsschen auf dem folgenden Wegabschnitt bereiten mir heutzutage auf meiner Wanderung wenig Probleme, stellten in alter Zeit für Händler, Viehtreiber und Pilger jedoch durchaus ernsthafte Hindernisse dar. Von den im Sommer staubigen und im Winter schlammigen, nahezu unpassierbaren Pfaden kann man sich auf einem original erhaltenen Stück des historischen Ochsenweges Richtung Kropp ein gutes Bild machen. Kropp ist wortgeschichtlich verwandt mit Kropf und bezieht sich wohl auf die Anhöhe, auf der der Ort im Mittelalter als dänische Siedlung erbaut wurde.

 

Bald hinter Kropp komme ich nach Haithabu,  eine ehemals bedeutende Wikingersiedlung und ein wichtiger Handelsplatz. Die Wallanlagen der Siedlung sind immer noch gut erkennbar, und innerhalb dieses Walles befindet sich eine der wichtigsten Fundstätten aus der Wikingerzeit. Jenseits der Schlei sehe ich nun schon Schleswig liegen, die älteste Stadt im Ostseeraum, vor mehr als tausend Jahren gegründet.

 

Dann die letzten drei Wandertage auf deutschem Boden. Nur noch kleine Ortschaften: Idstedt, Sieverstedt, Oeversee, an Teichen und Seen entlang, Handewitt, Harrislee, Niehuus – dann die Grenze.